GewichthebenSteiner schreit kurz und kehlig

Gewichtheben ist ein verrückter Sport. Matthias Steiner hat ihn in Deutschland verständlich gemacht. Jetzt ist er vom Gewicht fast erschlagen worden. Von Christof Siemes von 

Matthias Steiner of Germany competes in the Weightlifting Men's +105kg during the London 2012 Olympic Games Weightlifting competition, London, Britain, 07 August 2012. Photo: Friso Gentsch dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++

Seien wir ehrlich: In der Zeit vor Matthias Steiner war Gewichtheben in der Klasse über 105 Kilogramm was für Freaks. Typen, die aussehen wie aus Medizinbällen zusammengenäht und mit irgendwas aufgepumpt, stampften schweren Schritts auf eine Bühne, nachdem sie zuvor noch an irgendeinem Rachenputzer geschnüffelt hatten. Dann wuchteten sie unter Stöhnen und Schnaufen das Gewicht eines Pferds in die Luft, verbeugten sich und verschwanden hinter einem Vorhang, wo alte, kleine, ebenfalls dicke Männer sie liebevoll in den Arm nahmen. Wer so etwas für einen richtigen Sport hielt, dachte auch, die Dame ohne Unterleib auf dem Jahrmarkt sei echt.

Dann kam der Pfundskerl aus Österreich und lehrte uns, dass die stärksten Männer der Welt Herz haben, viel Herz. Die Geschichte, wie er nach dem Olympiasieg vor vier Jahren ein Foto seiner tödlich verunglückten Frau in die Kameras der Welt hielt, ist tausendundeinmal erzählt worden. Plötzlich war der Sport interessant, man lernte etwas über das Innenleben der Fleischberge, über Trainingsfron und darüber, wie spannend die Wettkämpfe in Wahrheit sind. Denn es geht nicht nur um dicke Arme, sondern auch um Kopfrechnen und Nerven wie beim Pokerspiel: Was mache ich, wenn Konkurrent X das Gewicht Y stößt, ich aber einen Versuch weniger habe und noch Z Konkurrenten hinter mir dran sind?

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Es ist ein ständiges Hin und Her auf der Anzeigetafel, ein digitales Ballett aus Zahlen in gelb (noch nicht versucht), weiß (ist jetzt dran), blau (ist als nächstes dran), grün (geschafft) und rot (nicht geschafft). Ständig wechselt die Reihenfolge, in der gehoben wird; scheitert der Konkurrent an einem Gewicht oder schafft es wider Erwarten doch, muss umkalkuliert oder vor dem nächsten Versuch zunächst geblufft werden. Ein Kilo mehr, und man kann eventuell zwei Minuten länger Luft holen, weil dann zuerst der Gegner ran muss. Zugleich weiß jeder Heber ziemlich gut, wo seine Schmerzgrenze liegt, es bringt nichts, den Konkurrenten auf Biegen und Brechen übertrumpfen zu wollen. Also tanzen die Schwergewichte auf einem schmalen Grat und jonglieren bei zentnerschweren Lasten mit ein oder zwei Kilos.

London 2012

Vom 27. Juli bis zum 12. August 2012 richtet London die größte Sportveranstaltung der Welt aus. Bei den Sommerspielen der 30. Olympiade wird es in 26 Sportarten 302 Entscheidungen geben. Insgesamt werden mehr als 10.000 Sportler aus mehr als 200 Ländern in England erwartet. Außerdem werden ungefähr 30.000 Journalisten aus aller Welt aus London von den Spielen berichten. Insgesamt stehen 6,6 Millionen Tickets zum Verkauf.

Olympia auf ZEIT ONLINE

In unserem Ticker verpassen Sie keinen olympischen Wettkampf, keine Medaille und keinen Termin der Sommerspiele in London. Den an jedem Olympiatag spannendsten Wettkampf stellen wir in der Serie "Mein Olympia" vor. Alle Interviews, Reportagen und Essays der Redaktion finden Sie auf der Olympia-Seite. Die englische Hauptstadt London ist nach 1908 und 1948 die erste Metropole, die zum dritten Mal Gastgeber der Spiele ist. Für ZEIT ONLINE berichten Christian Spiller und Christof Siemes aus London. Im Blog der Sportredaktion lesen Sie die Erfahrungen der Olympiareporter.

Schließlich lernte man dank Matthias Steiner auch etwas darüber, dass selbst so dicke Männer Gewichtsprobleme haben, freilich in die umgekehrte Richtung: Der aktuelle Weltrekordhalter wiegt 168,19 Kilogramm, und wenn Steiner einem wie ihm Paroli bieten will, reichen seine 149,98 Kilo nicht, das haben wir schon im Physikunterricht gelernt: F = m x a, Kraft ist gleich Masse mal Beschleunigung.

Und nun, bei den Olympischen Spielen von London , hat uns Matthias Steiner, noch etwas gelehrt: Dass Gewichtheben gefährlich ist.

Der Wettkampf in der Excel-Arena ist noch gar nicht richtig losgegangen, Steiner hat im ersten Versuch mühelos 192 Kilogramm im Reißen gestemmt. Ein vielversprechender Beginn, im Vorfeld war ja viel von Wehwehchen, von Trainingsrückstand die Rede gewesen. Für den zweiten Versuch lässt Steiner 196 Kilo auflegen, wie dicke Scheiben einer Eisenwurst stecken die fleischfarbenen Gewichte auf der Hantel. Wie gewöhnlich reißt Steiner sie in die Höhe, etwas hinter seinen Kopf, ein Balanceakt ist das immer. Diesmal aber überwältigt ihn die unglaublich Last, nicht einmal kontrolliert fallen lassen kann er sie, er wird unter ihr begraben. So muss es sich anfühlen, wenn man unter das Fallgitter einer mittelalterlichen Burg kommt. Oder von einem Trecker angefahren wird.

Steiner schreit kurz und kehlig, dann liegt er seltsam verdreht auf seinem Bauch und macht, von der Hantelstange eingeklemmt, gar nichts mehr. Hastig eilen Ärzte, Betreuer, seine Trainer auf die Bühne, Helfer rollen eine Sichtblende aus, wie bei einem schweren Autounfall, damit das Publikum nix zu gaffen hat. Hat das Gewicht ihm die Rippen zerquetscht? Die Hüfte zertrümmert? Der Hallensprecher versucht mit seiner sonoren Stimme das Publikum zu beruhigen: Er bekommt alle medizinische Hilfe, die er jetzt braucht.

Bange Sekunden gehen dahin, plötzlich reckt sich eine pralle Faust in die Höhe, die kennen wir doch – Steiners Pranke!

Leserkommentare
  1. bei youtube ein schnipselchen mit dem Behdad Salimikordasiabi angesehen.
    Was ist das den zum Henker für einer Bodenplatte auf der die da stehen?
    Der lässt 214 KG aus geschätzten 2,20 Metern fallen und die sacht nicht mal Piep.

    Gewichtheber hier die bescheid wissen?

  2. 10. Ohja...

    ...und Airbags für die Fußballer bitte! Es könnte sich ja jemand wehtun!

    Antwort auf "Unfallvermeidung"
  3. bzw. wenig Gedanken darüber gemacht, warum sich beim Gewichtheben die Gewichtsklassen nicht auf die Gewichte der Hanteln, sondern auf die Gewichte der Gewichtheber beziehen, und warum dann folglich die Gewichtheber bei höheren Klassen so viel Fett an sich tragen.

    Denn rein gefühlsmäßig stellt man sich ja den „stärksten Mann der Welt“ als einen der Sorte Schwarzenegger vor (romantisierte Vorstellung des starken Heldentypus).

    Aber durch ihren Frage „Wird etwa die Sportlermasse beschleunigt, um die Kraft fürs Heben zu erzeugen ?“ wurde es mir jetzt erst klar, ich glaube Sie haben Recht, das Hantelgewicht und das Gewicht der Hebers sind quasi in einer Hebel-Wechselbeziehung, das Hochreißen des Gewichtes bedarf einer entsprechenden Gegenmasse.

    Ein Schwarzenegger und Co. hätten wahrscheinlich die nötige Muskelkraft, aber ihnen fehlt die Masse als Ausgleich im Hebelsystem Heber/Gewicht, sie würden von der Hantel beim Beschleunigungsvorgang schlicht umgeworfen, hochgerissen oder sonst was.

    Aber Experten werde da bestimmt genaueres sagen können.

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    • gquell
    • 08. August 2012 10:39 Uhr

    Die hohen Gewichtsklassen haben auf Grund ihres Körpergewichtes absolut viel Fett im Körper. Man darf Gewichtheber nicht mit Bodybuilder verwechseln. Bodybuilder haben einen Körperfettanteil von unter 5%, damit man die einzelnen Muskelstränge genau sieht. Außerhalb der Wettkampfzeit sehen diese auch anders aus! Bei Arnold Schwarzenegger sollte man wissen, daß er einer der ersten Athleten war, die Dianabol - ein Steroid - eingenommen hatten.
    Bei einem Superschwergewicht im Gewichtheben braucht der Athlet sich keine Gedanken über sein Aussehen zu machen - das einzige, das zählt sind die Muskeln. Ich hatte in meiner aktiven Zeit im Kraftsport bei einem Wettkampfgewicht von 150kg ca. 120kg fettfreie Masse (gemessen im Olympiastützpunkt Hannover). Bei so einer Gewichtsklasse ist schon die Ernährung ein Problem, denn als Athlet benötigt man dann Unmengen an Nahrung, vor allem Eiweiß. Allein der Grundbedarf beträgt bei einem Körpergewicht von 150kg 3.600kcal, im Training kann das dann auf über 6.000kcal steigen!

    Die Plattformen sind in der Regel aus starken Holzbohlen, die das fallende Gewicht auf eine größere Fläche verteilen. Und, wenn das richtig gesehen habe, sind die Hantelscheiben auch noch mit Gummi ummantelt.

  4. ...und zusätzlich gilt: Steiner ist mit seinem geringeren Körpergewicht sogar im Vorteil: Heben beide das gleiche Gewicht, gewinnt der leichtere ;)

    2 Leserempfehlungen
  5. wird die Zeitung mit den vier Buchstaben den Lyrik-Preis verleihen.
    Ansonsten: Kenntnisse Physik – bedenklich.
    Einbeziehung internationaler Politik — hervorragend.

    Eine Leserempfehlung
    • Afa81
    • 08. August 2012 9:50 Uhr

    ...sagt ein Spruch.

    Gut, hier geht es um Stahl. Also, die maximale Belastung bei einer solchen Hantelstange würde ja auftreten, wenn man sie nur mittig hält, da dann das Biegemoment maximal ist. Die Sportler halten diese Stangen aber meist sehr weit außen. Aber man kann es ausrechnen:

    Biegemoment: Mbmax = F * s
    Gewichtskraft Gewichte: F = (m/2) * g
    Widerstandsmoment: W = (pi*d^3)/32
    ==> d = ((W*32)/pi)^(1/3) (Gl. 1.1)
    Biegespannung: Sigma_b_max = Mb_max/W
    ==> W = Mbmax/Sigma_b_max (Gl. 1.2)

    d = Durchmesser der Hantelstange (Ergebnis)
    s = Abstand vom Gewicht zu der Stelle, wo der Sportler die Stange greift.
    m = Masse des halben Gewichts

    Normaler Baustahl kann bis zu einer Spannung von 235 N/mm² belastet werden ==> Sigma_b_max = 235 N/mm^2

    Nehmen wir einfach den Worst Case an, dass der Sportler die Stange mit einer Hand in der Mitte hochhebt.

    m = 196 kg
    g = 9.805 N/kg
    s = 1000 mm (Annahme)

    Jetzt einfach Gl. 1.2 in Gl. 1.1 einsetzen und es ergibt sich der Durchmesser der nötig ist, dass die Stange lediglich eine pl. Verformung von 0.2% erfährt:

    D = ((Mb * 32)/(pi * Sigma_b_max))^(1/3)

    Werte einsetzen und es ergibt sich ein Durchmesser von:
    D = 34.66 mm

    So, das war Worst Case (Biegemoment 10 mal größer als normal). Außerdem geht der Durchmesser in der 3ten Potenz ein. Das bedeutet: Durchmesser verdoppelt - Widerstandsmoment verachtfacht.
    Solche Stangen habe ich auch dicker in Erinnerung, also 50 mm Durchmesser ==> 600 kg bei obriger Berechnung - das hält alle mal :-)

    8 Leserempfehlungen
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    Afa81 hat zu recht ausgerechnet, dass die Hantelstange aus Eisen/Stahl normalerweise locker den Belastungen standhält. Dennoch stellt sich die Frage, was passiert, wenn ein Materialfehler in der Stange ist. Dann besteht schon die Gefahr, dass sie plötzlich bricht, und dann können böse Verletzungen die Folge sein.

    Andererseits: Ein Achs- oder Lenkerbruch beim Auto mit Tempo 130 auf der Autobahn in einer Kurve trägt ebenfalls das Risiko tödlicher Verletzungen. Und die Gewichte und Kräfte, die dort wirken, sind noch um ein Vielfaches höher.

    Jag

    • Massifi
    • 08. August 2012 10:26 Uhr

    Ich habe die Bewertung des Sportunterricht in meiner Schulzeit immer als ungerecht wahrgenommen. Als ich eine Klasse wiederholen musste und dann der Kleinste, aber zugleich Älteste der Klasse war, musste ich rechnerisch die größte Leistung erlangen, um eine gute Note herauszuholen. Es glückte mir nicht, da mein sportliches Interesse erst lange nach der Pubertät geweckt wurden. Mittlerweile spiele ich Fußball, fahre gerne Fahrrad, gehe mal Laufen oder schwimmen.

    Was mich während Olympia 2012 sehr irritiert, ist diese Gier auf Medaillien. Ich sah gestern einen Beitrag eines Vorstandes eines Sportverbandes (meine ich!), welcher die Umstrukturierung des Sportunterrichts fordert: Mehr Mittel, mehr Leistung, usw. Doch wohl nicht nach Chinas Vorbild(?!) ging mir durch den Kopf. Dass China innerhalb so kurzer Zeit solche Fortschritte macht, liegt doch vor allem auch am gesamten Leistungssystem dieses Landes. Doch dieses System ist doch alles andere als ein Vorbild für uns. Kinder werden zu Sportmaschinen getrimmt. Dies kann nicht richtig sein. Was ist mit den anderen Interessen und dem Leben der Kinder und Jugendlichen? Es geht verloren. Sie leben für den Sport und leiden für den Sport. Olympia fordert Profis, richtig. Aber das darf doch nicht auf Kosten der Menschen gehen! Bitte kein Kanonenfutter für Medaillien.

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    auch für eine Umstrukturierung des Sportunterrichts. Mehr Mittel sicherlich sowieso und mehr Leistung würde sich daraus ergeben, wenn die SportlehrerInnen besser Techniken vermitteln würden.
    Was im Sportunterricht bewertet wird: natürliche Veranlagung bei den einen, die nicht auch noch zu Kursen/in Vereine gehen
    und bei den anderen letztlich Trainingsvorteile.

    Wenn SchülerInnen gleich nach den Ferien erstmal in Ausdauerlauf bewertet werden - dann sehe ich erhebliche Umstrukturierungspotentiale schon darin.

    • ösi
    • 08. August 2012 10:32 Uhr

    klar, dass das Foto auf der Startseite meidenwirksam platziert wird.

    Vor Ort wurde in der Sekunde, wo der Athlet am Boden lag, eine Sichtschutz-Plane vor den Bereich gehalten (3 Ordner stellten sich mit der Plane an die Front des Podests auf der der Athelet lag), damit seine Würde gewahrt wird.

    Die Zeit hält davon offenbar wenig.

    2 Leserempfehlungen
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    • ösi
    • 08. August 2012 14:42 Uhr

    aber der Hinweis, dass der Artikel nachträglich geändert wurde, fehlt.

    Jetzt wundern sich die Leser der Kommentare, warum sich so viele Leser über das Foto beschweren.

    Oben beim Artikel steht als Uhrzeit 08:14
    Irgendwann später wurde der Artikel von der Redaktion geändert und das Aufmacherbild entfernt.

    Sogar in jedem x-beliebigen Kochrezepte-Forum wird IMMER getrackt, wann ein Beitrag editiert wurde. Genauso auf Wikipedia.

    Wenn Artikel auf der ZEIT nachträglich editiert werden, sollte zumindest die Uhrzeit des letzten Editierens nachvollziehbar sein.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Matthias Steiner | Ballett | Publikum | Südkorea | Österreich | London
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