Britische Handballerinnen : Exoten im eigenen Land

Obwohl ihre zusammengewürfelten Teams bisher nur verloren haben, entdecken die Briten die Liebe zum Handball. Doch die Zukunft ist fraglich. Von C. Spiller, London
Die Handballerin Lyn Byl in Aktion © Javier Soriano/AFP/Getty Images

Es ist noch keine Sekunde gespielt, sie sind gerade aufs Feld gelaufen, da schießen Lyn Byl und ihren Mitspielerinnen die Tränen in die Augen. Rings herum johlen 6.500 Fans in der schuhkartongroßen Handballhalle namens "Copper Box". Die meisten Zuschauer haben noch nie in ihrem Leben ein Handballspiel gesehen, viele haben Tickets zugelost bekommen, obwohl sie lieber zur Leichtathletik oder zum Basketball gegangen wären. Aber alle sind neugierig, weil auch sie von der Geschichte dieser Frauen gehört haben. Deshalb krakeelen sie so sehr, dass die ganze Halle mitzuschwingen scheint.

Wer Lyn Byn auf diesen Moment vor dem ersten Gruppenspiel gegen Montenegro anspricht, hört eine Rede, wie man sie aus Filmen kennt, in denen es ein sportlicher Nobody ganz nach oben schafft: "Wir haben so lange hart dafür gearbeitet. Wir mussten zeigen, dass wir uns hier nicht blamieren. Wir mussten hart kämpfen. Manche Spielerinnen haben von extrem wenig Geld gelebt. Wir haben alle so viel aufgegeben, dass wir hier dabei sein konnten. Wir haben so lange drauf gewartet, deshalb war das extrem emotional für alle", sagt sie. Nur ist dies kein Film, sondern echt.

Die Geschichte von Lyn Byl und ihren Kolleginnen ist eine der bemerkenswertesten Geschichten dieser Olympischen Spiele. Weil sie fernab spielt von den großen Sportstars mit den Werbeverträgen und Bodyguards. Die Geschichte der britischen Handballerinnen hat mit Liebe zum Sport zu tun, mit Leidensfähigkeit und Hingabe und mit dem ewigen Motto vom Dabeisein.

Sie begann an dem Tag, an dem London den Zuschlag für die Olympischen Spiele bekam. Als die Londoner im Juli 2005 fertig gejubelt hatten, stellten sie bei einer Sportinventur fest, dass sie ein Problem hatten. Als Gastgeber waren sie automatisch für alle Mannschaftssportarten qualifiziert, aber was zum Teufel war dieses Handball nochmal?

Die Briten lieben Fußball, Rugby, auch für Cricket und Darts können sie sich begeistern. Mädchen spielen einen Sport namens Netball , den biederen Basketball-Cousin, der in Deutschland im Schulsport als Korbball praktiziert wird. Aber Handball? Darunter verstanden die Engländer bisher einen Regelverstoß beim Fußball. Trotzdem brauchte man eine anständige Handballnationalmannschaft, um sich nicht zu blamieren.

Der Verband ließ sich etwas einfallen. Per Internetanzeige suchte er sportliche Frauen, Kriterien: 180 Zentimeter Körpergröße, Jugendlichkeit und Erfahrung mit Ballsport. Es folgte ein aufwendiges Casting, bei dem Kathryn Fudge übrigblieb, eine Basketballerin, oder Louise Jukes, eine Nachwuchs-Hockeynationalspielerin, eine Rugbyspielerin hatte es auch geschafft. Und Jane Mayes, die zwar mehr als 100 Kilogramm wog, aber immerhin Erfahrung im Handballtor hatte. Weltweit fand der Verband Spielerinnen mit britischen Wurzeln. Etwa Britt Goodwin, die in Norwegen aufwuchs und dort die Big-Brother-Show gewann. Oder Yvonne Leuthold, geborene Schweizerin, Marie Gerbron und Ewa Palies aus Frankreich, Sarah Hargreaves aus Dänemark .

Und Lyn Byl, 32 Jahre alt, geboren in Wuppertal , britische Mutter, Hunderte Bundesligaspiele für Bayer Leverkusen, fünf Einsätze für Deutschland. Doch das ist lange her und weil der Handballweltverband es erlaubt, die Nationalelf zu wechseln, wenn man drei Jahre nicht für seinen Verband angetreten ist, darf Lyn Byl nun das Team GB-Trikot tragen.

Dafür hat sie ihren Job gekündigt, ist nach London gezogen, gleich neben die Trainingshalle und lebt von ihren Ersparnissen. Manchmal half sie noch in einem Kosmetik-Geschäft aus. Alles nur, um sich als Exoten im eigenen Land belächeln zu lassen, in einem Land mit knapp 62 Millionen Einwohnern wohlgemerkt. "Die haben immer gefragt: Habt ihr ein Netz? Spielt ihr auf Sand?", sagt Lyn Byl.

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