Hockey-HerrenOlympiasieger, nicht des Geldes wegen

Das deutsche Hockeyteam gewinnt olympisches Gold, schon wieder. Seine Ungezwungenheit ist sein Erfolgsgeheimnis, weil es von seinem Sport nicht leben muss. von 

Oskar Deecke nach dem Olympiasieg

Oskar Deecke nach dem Olympiasieg  |  © L. Neal/AFP/GettyImages

Oskar Deecke hat alles vorher gewusst. "Gegen Holland verliert man nicht zweimal hintereinander", hat er am Tag vor dem Finale gesagt, nicht großsprecherisch, nur hinreichend selbstbewusst. 1:3 hatte das deutsche Team die olympische Vorrundenbegegnung gegen Oranje verloren. Ein hart umkämpftes 2:1 nach regulärer Spielzeit sagte der Spieler nun voraus.

Nach dem Spiel grinst Deecke. Seine Lippe ist blutig, ein Zahn wackelt, "hätte ich mal besser mit Mundschutz gespielt", sagt er. Aber egal, jetzt ist er Olympiasieger, nach einem 2:1 nach regulären 70 Minuten in einem hart umkämpften Spiel. Einen Ball hat er ungebremst ins Gesicht bekommen, 2 Minuten und 40 Sekunden vor dem Abpfiff. Als wär nichts gewesen, lief er weiter, in so einem Spiel spürt man keinen Schmerz. "Und die Lippe wird heute Abend taub gesoffen", sagt Deecke noch.

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Der Tag, an dem die deutsche Mannschaft das Gold von Peking verteidigt, ist eigentlich gelaufen wie jeder Tag vor einem ganz normalen Länderspiel. Schon am Abend vorher hängt der Tagesablauf für den Finaltag an den Zimmertüren im olympischen Dorf und wird jedem Spieler auch noch einmal per E-Mail zugeschickt. Nach dem Mittagessen die Match-Besprechung inklusive Videoanalyse des Gegners: Wie steht er defensiv, was macht er offensiv, wie schießt er die Ecken? Schon beim überraschenden Sieg im Halbfinale gegen Australien hat das Trainerteam mit kleinen taktischen Varianten der derzeit besten Hockeymannschaft der Welt den Zahn gezogen.

Christof Siemes
Christof Siemes

Christof Siemes ist seit 1993 Redakteur bei der ZEIT und Mitglied der Deutschen Akademie für Fußballkultur. Er berichtet für DIE ZEIT und ZEIT ONLINE von den Olympischen Spielen in London.

Für einen Laien seien diese Veränderungen kaum zu erkennen, sagt Deecke, "aber der Trainer hat da einfach einen sehr, sehr, sehr guten Job gemacht". Und weil man, anders als bei einer WM, aus einem olympischen Finale in jedem Fall eine Silbermedaille mit nach Hause nimmt, gibt es an diesem Tag eigentlich nichts mehr zu verlieren.

Ganz offenbar hat der Bundestrainer Markus Weise seinen Job wieder sehr, sehr gut gemacht. Von Anfang an ist das Spiel ausgeglichen, es wird kein Durchmarsch für die Niederländer wie noch beim furiosen 9:2 in ihrem Halbfinale gegen Großbritannien . Sie sind sogar nervös: Als die Niederländer wieder einmal nicht an Max Weinhold vorbeikommen, gibt ihr Kapitän Floris Evers dem deutschen Torwart sogar eine kleine Kopfnuss, ungestraft. Ausgleichende Gerechtigkeit erfahren die Deutschen quasi im Gegenzug: Im Fallen erzielt Jan Philipp Rabente nach einem schönem Solo die Führung, da sind es nur noch 2 Minuten bis zur Pause.

Was geschieht in der Kabine? Nochmal taktisches Feintuning? "Nicht in so einem Spiel", sagt Deecke und betastet die Lippe, "da rennt jeder ohnehin, was er kann". Das Schwierige bei diesem größten Turnier der Welt ist ja nicht die viehische Rennerei auf dem blauen Kunstrasenplatz, sondern der ständige Wechsel von Anspannung und Erschöpfung zwischen den insgesamt sieben Spielen, die es braucht, Olympiasieger zu werden. Wann schmeißt man das Kopfkino an, um sich noch einmal wichtige Situationen vorzustellen, wann lässt man es besser aus? Eineinviertel Stunde vor dem Anpfiff sind sie ja schon in die Arena gekommen, Warmlaufen vor der orangen Wand, denn die niederländischen Fans sind eindeutig in der Überzahl. Und zu überhören sind sie auch nicht, ihre notorische Begleitblaskapelle Kleintje Pils tutet in Block 204 mit Pauken und Trompeten.

Deecke hat schon einiges gewonnen mit der Nationalmannschaft, er ist Welt- und Europameister, auch Champions Trophy-Sieger. "Aber Olympia ist viel größer als all das, es steckt eine enorme Geschichte dahinter seit den alten Griechen." Außerdem liegt ein gewaltiger Druck auf den Hockey-Herren: Ohnehin als nur eine von zwei deutschen Mannschaften in den Ballsportarten gestartet, sollen sie nach dem frühen Aus der Hockey-Damen wenigstens für ein Erfolgserlebnis sorgen. 

Leserkommentare
  1. Ich finde es unglaublich toll, dass die Mannschaft die Goldmeallie gewonnen hat. Im Gegensatz zu vielen anderen Sportlern ist es allerdings für die meisten Spieler kein Geldproblem, da in der Regel die Eltern nicht zu den Notleidenden in unserer Gesellschaft zählen. Gerade im Hockey gibt es auch heute noch ein gesellschaftliches Umfeld ähnlich dem der Burschenschaften.

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    aber um so erstaunlicher sind die Leistungen dennoch, denn in den Kreisen soll es ja viele unsportliche Typen geben.
    Aber in anderen Sportarten, wo ärmene gefördert werden, sollten die dann etwas zurückgeben, wenn ihnen bei Erfolg dann die Werbeprämien ins Haus regnen und die Hintern vergoldet werden. Prinzip wie beim Bafög.

    • drusus
    • 12. August 2012 9:34 Uhr
    2. Hockey

    Ich kann mich da nur anschließen. Hockey ist Sport für die Oberklasse. Deshalb stellt sich die Existenzsicherung gar nicht. Schon kleine Kinder werden zum Hockey gekarrt, um Teamgeist und Durchsetzungsfähigkeit zu entwickeln.
    Ich würde mir wünschen, dass möglichst viele Kinder und Jugendliche solche Bedingungen hätten. Dann hätten wir in diesem Land nicht nur mit nichtgewonnenen Medallien ein Problem weniger!

    Meinen Glückwunsch trotzdem. Es war ein großartiges Spiel.

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    aber Hockey ist mittlerweile kein Sport der Oberklasse mehr. In jeder mittelgrossen Stadt gibt es einen Hockeyverein und da einzutreten, sowie die Materialkosten sind für ein Großteil der Bürger durchaus erschwinglich. Da ist selbst der Kanusport teurer.

  2. aber Hockey ist mittlerweile kein Sport der Oberklasse mehr. In jeder mittelgrossen Stadt gibt es einen Hockeyverein und da einzutreten, sowie die Materialkosten sind für ein Großteil der Bürger durchaus erschwinglich. Da ist selbst der Kanusport teurer.

    4 Leserempfehlungen
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    Meine Schwester ist Briefträgerin und hat selbst zwei Pferde - und ihr Freund verdient ungefähr das gleiche. Überhaupt hab ich in den Ställen, in denen meine Schwester schon war, nie jemanden getroffen, der oberhalb der Mittelschicht anzusiedeln ist.

    Ich weiß nicht, woher diese urbane Legende kommt. 1930 mag das ja noch zugetroffen haben, aber heute doch nicht mehr.

    • vonDü
    • 12. August 2012 10:10 Uhr

    Es war schon vor Olympia kein Geheimnis, dass der Hockeyverband, was Training und Organisation angeht, besser aufgestellt ist, als andere Verbände. Erstaunlich genug, dass man in Deutschland in einer Randsportart, konstant konkurrenzfähige Mannschaften zu Turnieren schicken kann.

    Die persönlichen Vermögensverhältnisse der Spieler sind daher sicher weniger entscheidend für den Erfolg, als die Arbeit des Trainingsteams und der Organisation des Verbandes.

    Das Hockeyteam hat eine tolle Vorstellung geboten, kann aber nicht darüber hinweg täuschen, dass der deutsche Mannschaftsport durch sein weitgehendes Fehlen in London, insgesamt ein trauriges Bild abgibt.

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    • Vidu
    • 12. August 2012 13:17 Uhr

    Solange man in Deutschland nur an seinem Männer(!)Fußball kleben bleibt und für die restlichen Sportarten abseits von Olympia nur ein müdes Lächeln übrig hat, wird sich an der Präsenz während der Sommerspiele nichts mehr ändern.

  3. Meine Schwester ist Briefträgerin und hat selbst zwei Pferde - und ihr Freund verdient ungefähr das gleiche. Überhaupt hab ich in den Ställen, in denen meine Schwester schon war, nie jemanden getroffen, der oberhalb der Mittelschicht anzusiedeln ist.

    Ich weiß nicht, woher diese urbane Legende kommt. 1930 mag das ja noch zugetroffen haben, aber heute doch nicht mehr.

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    und was die so bezahlen, wenn deren Pferd mal kränkelt, das ist schon beachtlich. Dazu dann noch die ganzen Futter- und Stallkosten. Als Student habe war ich billiger im Unterhalt als deren Pferde.

  4. und was die so bezahlen, wenn deren Pferd mal kränkelt, das ist schon beachtlich. Dazu dann noch die ganzen Futter- und Stallkosten. Als Student habe war ich billiger im Unterhalt als deren Pferde.

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  5. Oberklasse blablabla... Entweder man beherrscht seinen Sport oder nicht. Sport für die Oberklasse?

    Meine einfache These ist, der Trainer passt einfach zum Anspruch Weltklasse zu sein. Beispiel Handball: Ein ehemaliger Jugendtrainer trainiert die A Mannschaft. Warum? Nicht weil er der beste Trainer ist den man bekommen kann, sondern weil er halt ein Funktionärskind ist. Da bleibt halt vieles auf der Strecke, Motivation, Spielspass, die Aufstellung... Kaum auszudenken, was ein Alfred Gislason aus unserer Mannschaft herausgeholt hätte. Beim Hockey scheint das definitiv anders zu laufen. Daumen hoch!

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  6. Der Hockeysport bekommt sicherlich keine bessere Unterstützung als andere Verbände. Sie haben vielmehr aus ihren Mitteln das beste gemacht. Das Konzept der Nachwuchsförderung ist angepasst an die Mittel die zur Verfügung stehen, und es wurden kompetente und gut ausgebildete Leute an die richtigen Stellen gesetzt. Das viele Hockeyspieler aus "guten" Verhältnissen kommen mag sein, aber das hat nichts damit zu tun dass dieser Sport in irgendeiner Form teuer wäre. Zudem gibt es auch in jeder Stadt verschiedene Clubs und Vereine, von teuer bis günstig. Und wenn ein Spieler in einer kleinen Mannschaft herausragt, ist es kein Problem zu einem großen Club zu wechseln ohne dass das an den Finanzen scheitert. Außerdem sieht man ja auch, dass es nur wenige Nationalspieler gibt die nebenbei einen Beruf haben - denn um auf diesem Niveau zu spielen (und zu trainieren) und zu arbeiten, dafür braucht es schon einen sehr nachsichtigen Arbeitgeber.
    Zusammengefasst sind das alles Jungs, die den Ehrgeiz haben neben ihrem Studium noch Leistungssport zu betreiben und dafür alles tun. Das unter einen Hut zu bekommen und solch eine Leistung abzuliefern, verdient einfach nur Respekt.

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  • Schlagworte Olympiasieger | Australien | Gold | Griechenland | Großbritannien | Niederlande
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