Paralympics"Wer weiß, was ich mit beiden Beinen erreicht hätte?"

Heinrich Popow ist der bekannteste deutsche Paralympics-Sprinter. Im Interview erklärt er, warum er sein Bein nicht zurück will und Orthopädietechniker die Sieger machen. von Gunnar Hassel

Der paralympische Sprinter Heinrich Popow

Der paralympische Sprinter Heinrich Popow  |  © Kai-Uwe Wärner/picture allaince/dpa

Frage: Herr Popow, dreimal Bronze in Athen, einmal Silber in Peking – Gold in London wäre eine willkommene Steigerung.

Heinrich Popow: Unbedingt. 3,2,1 – meins! Das ist mein Motto! Ich habe mich im Laufe der Jahre entwickelt, bin älter und entspannter geworden und weiß meine mentale Stärke besser einzusetzen. Wenn man jünger ist, lässt man sich eher auf die Spielchen mit den großen Jungs ein – und im Nu hat man den Wettbewerb schon vorher verloren. Das passiert mir in diesem Jahr auf keinen Fall. Körperlich sind wir alle fit, entscheidend ist der Kopf. Und in diesem Punkt bin ich mit mir sehr zufrieden.

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Frage: Bei den Weltmeisterschaften 2011 konnten Sie einen Doppelsieg im Weitsprung und über 100 Meter feiern...

Popow: Jetzt geht es nur um die 100 Meter. Leider wurden im Weitsprung die Unter- und Oberschenkelamputierten zusammengelegt. Für mich ist das ein großes Ärgernis, denn hier wurde viel taktiert. Die Bewertung der Leistungen in den letzten Jahren basierte nicht auf möglichen, sondern auf tatsächlich gesprungenen Weiten. Und während wir Oberschenkelamputierten immer alles gegeben haben, blieben viele Unterschenkelamputierte weit unter ihren Möglichkeiten. Um zu gewinnen, müsste ich eine Weite im Bereich der Nichtbehinderten springen. Das ist unmöglich.

Frage: Müsste diese Zusammenlegung Ihrer Meinung nach rückgängig gemacht werden?

Popow: Ich weiß nicht, in welche Richtung unser Weltverband IPC geht. Aber ich halte es nicht für sinnvoll, Wettbewerbe zusammenzulegen, nur weil es zu wenig Teilnehmer in den Einzelevents der jeweiligen Kategorien gibt. Das Zusammenlegen ist nichts Halbes und nichts Ganzes. Man macht sich nur lächerlich und zerstört so die Motivation der Sportler. Es ist ein schwieriges Thema, bei dem ich nicht in der Haut der Funktionäre stecken möchte. Meiner Meinung nach sollten die Punktsysteme aber auf möglichen und nicht auf tatsächlichen Leistungen beruhen. In unserem Fall werden die einen dafür bestraft, dass sie Top-Leistungen gebracht haben, während die anderen davon profitieren, weit unter ihren Möglichkeiten geblieben zu sein.

Frage: Wie steht es generell um die Wettbewerbsfairness bei den Paralympics? Schließlich haben nicht alle Sportler aus allen Ländern die technischen Möglichkeiten wie Sie hier in Deutschland.

Popow: Wo will man da ansetzen? Bei den Nichtbehinderten gibt es ja auch große Füße und kleine Füße. Klar ist: Die Passteile für Prothesen stehen allen Teilnehmern zur Verfügung. Die Länder, die vorne mitlaufen, sind diejenigen, in denen es den Beruf des Orthopädietechnikers gibt. Dieses Know-how bringt Länder wie Deutschland, USA, Großbritannien oder Australien voran. Es geht also um die optimale Zusammenstellung der für alle verfügbaren Teile. Wenn ich manche Konkurrenten sehe, wird mir selbst unwohl. Die laufen zwar mit denselben Einzelteilen, aber der Aufbau einiger Prothesen ist geradezu fatal. Damit würde ich besser rückwärts als vorwärts laufen. Die Konkurrenz aus Ländern mit weniger Know-how scheitert schon daran, dass die Aufbaurichtlinien der Prothesen nicht eingehalten werden.

Erschienen im Magazin SPORTSFREUND

Erschienen im Magazin SPORTSFREUND  |  © SPORTSFREUND

Frage: Sind diese Wettbewerbsvorteile für Länder wie Deutschland einfach hinzunehmen?

Popow: Vielleicht sollte das IPC irgendwann die Produkte besser zertifizieren oder klassifizieren. Dabei würden dann nur bestimmte Produkte freigegeben, mit denen die Athleten trainieren und im Wettkampf starten müssten. Für die Spikes unter Laufschuhen gelten schließlich auch genaue Richtlinien.

Frage: Wie wichtig sind die großen Sprintduelle für die Paralympics, sei es in Ihrer Kategorie oder in der Kategorie der Unterschenkelamputierten, in der der Südafrikaner Oscar Pistorius im Mittelpunkt steht.

Popow: Der Name Oscar Pistorius ist wichtig für uns Behindertensportler. Er macht seine eigene Show aus den Auftritten und findet so starken Anklang in den Medien. Oscar hat einfach eine Ur-Power in sich. Der kriegt dich auch ohne Prothese, wenn er will. Aber man sollte nicht außer Acht lassen, dass es viele weitere beeindruckende Leistungen im Behindertensport gibt. Der Pistorius-Hype bringt eine Riesenwelle in unseren Sport. Ich hoffe aber, dass die Journalisten und Zuschauer ihre Blicke auch nach links und rechts richten. Da gibt es Rollstuhlathleten, die den Diskus aus dem Sitzen fast auf 60 Meter werfen, oder einbeinige Oberschenkelamputierte, die fast zwei Meter hochspringen, ohne Prothesen oder sonstige Hilfsmittel.

Frage: Dennoch stehen die Sprintduelle im Mittelpunkt des medialen Interesses. Worin liegen die Vorteile dieser Disziplin?

Popow: Dieser Reiz im Block ist entscheidend. Entweder hast du vier Jahre Training innerhalb von 0,1 Sekunden kaputtgemacht, oder du fährst den Lohn für vier Jahre Arbeit innerhalb dieser 0,1 Sekunden ein. Im Behindertensport ist es ja sogar noch krasser, weil wir eben nicht das große mediale Interesse haben. Wir sind in den vier Jahren zwischen den Paralympics quasi verschwunden. Ein Nichtbehinderter hat dann beim Grand-Prix-Finale wieder seine Chance, in der Diamond League oder Golden League. Der Druck ist nicht ganz so riesig wie bei uns.

Leserkommentare
  1. 1. Klasse

    Sehr Gut!

  2. Die Paralympics, und auch die im Artikel angesprochene Sikussion über Leistungsklassen, erinnern mich derzeit an ein grundsätzliches Problem, dass ich mit der Fairness im Sport habe: Menschen sind nun einmal grundsätzlich anatomisch sehr verschieden, ob mit oder ohne Behinderung, und die gültigen Regeln der absoluten Bewertung geben nur denen eine Chance, die von vornherein günstige Vorraussetzungen haben. Ein Schlüsselerlebnis in dieser Hinsicht war für mich der Klassenkamerad, der mit seinen ungefähr 1,55 m "nur" 4,50 m weit springen konnte - bei seiner Körpergröße, finde ich, eine tolle Leistung, aber er bekam trotzdem eine fünf oder sechs dafür. Warum gibt es nicht grundsätzlich Wettbewerbe für Dicke und Dünne, Große und Kleine wie in den Kampfsportarten? Zugegeben, Hundertmeterlauf in der Klasse 1,60m/120 kg würde den Teilnehmern auch Humor abverlangen. Aber vor allem könnte jeder mit ein wenig Anstrengung etwas erreichen und würde nicht aus Frustration nach der Schule nie wieder Sport treiben wie so viele.

    Eine Leserempfehlung
  3. 3. Spitze

    Die Leistung von Popow ist wirklich überragend. Ich wünsche ihm das Allerbeste.

  4. Ich denke wenn er beide Beine hätte, wär er nicht so schnelle gewessen. Der reguläre Spitzensport ist schon etwas anderes...

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