Nationenhäuser in London"One Bratschwein, please!"

In London wollen die Länder der Welt auch abseits der Olympischen Spiele für sich werben. Einigen gelingt das, anderen nicht. von 

Jamaika-Fans in London

Jamaika-Fans in London  |  © Adam Jacobs/Getty Images

Es gibt Jerk Chicken, Hähnchenteile, die vor dem Braten mit teuflischen Gewürzen eingeschmirgelt werden. Nach so etwas leckt sich jeder Jamaikaner die Finger. Rund um den Essensstand bohren sich Ellenbogen in Rippen und Futterneid-Blicke ins Antlitz des Gegenübers. Vielleicht sind es die einzigen Quadratmeter Englands, in denen das eherne britische Gesetz des Schlangestehens außer Kraft gesetzt ist. Rund um die Hühnchen herrscht Anarchie.

Die Jamaikaner haben sich für die Olympischen Spiele eine Ecke der North Greenwich Arena gemietet. Dort wird in diesen Tagen eigentlich kunstgeturnt, eine gänzlich unjamaikanische Sportart, selbst Usain Bolt würde am Barren wohl keine gute Figur machen. Das stört aber niemanden. Es geht darum, zu zeigen, was man hat. Es gibt Palmen, Dominobretter, Ingwerbier und zwei Klappstühle vor einer Fototapete mit karibischer Strandidylle.

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Viele der großen Nationen sind wegen der Sommerspiele in London in die prächtigsten Gebäude der Stadt gezogen und repräsentieren, was die Steuergelder hergeben. Die Franzosen bewohnen ein prunkvolles Haus am Ufer der Themse , das einst den größten Fischmarkt der Stadt beherbergte, die Österreicher gewinnen im Sommer zwar kaum mehr Medaillen als St. Kitts and Nevis, blicken aber auf den Tower, die Brasilianer residieren im Somerset House, in dem einen nur die 10-Pfund-Caipirinhas vor einer Überdosis klassizistischer Pracht retten.

Neben dem Sport hat sich ein Wettkampf der anderen Art entwickelt. Es ist eine Art postpubertärer Vergleich, ein Hausvergleich, wenn man so will.

Man kann diese Häuser alle als Kitsch und Folklore abtun, als riesige Werbeveranstaltung. Wer aber genauer hinschaut, erkennt in solchen Repräsentanzen zumindest ein paar Spuren der Seele der Nationen. Man kann sich ausmalen, wie Olympische Spiele in diesen Ländern aussehen würden. Auf einige würde man sich freuen, bei anderen eher davonlaufen.

Gemütlich wäre es bei den Dänen. Sie haben sich im St. Katherine´s Dock niedergelassen, früher ein Hafen, heute ein Vergnügungsviertel. Vor einem der schönsten Pubs der Stadt stehen Hunderte Dänen und Gäste vor einer großen Leinwand, schauen Badminton und machen, was Dänen eben so machen: Sie essen Hot-Dogs, lesen Märchen von Hans-Christian Andersen , fahren mit einem Wikingerschiff durch die Gegend, und vorne am Eingang haben sie das Olympiastadion nachgebaut, in Legosteinen natürlich, nur etwas kleiner. Man würde sich nicht wundern, wenn sich jetzt noch die kleine Meerjungfrau aus der Themse erhebt und einen auf ein Carlsberg einlädt.

Auch ein Handballtor gibt es, gleich links am Eingang, mit kleinen Taschen in den Ecken, in die Kinder zielen sollen. Holgers Job ist es, den Kindern die Bälle zuzuwerfen. Er findet das hier alles sehr dänisch. "Nach der Eröffnung haben sie in einer Stunde 600 Hot-Dogs verkauft", sagt er während ein übergewichtiger Junge im Dänemark-Hemd wie durch ein Wunder in eine der Ecken trifft. Der Junge freut sich, dreht ab und beißt in das Würstchen, das er von seiner Mutter gereicht bekommt.

Etwas weniger volksnah geht es in paar Kilometer entfernt zu. Dort hat sich das Emirat Katar in den Savoy Place eingemietet. Ein Haus, dessen Stufen zum Portal mit so dicken Teppichen belegt sind, dass man sich kaum traut, hineinzugehen. Drinnen warten Hostessen, die den Namen des Besuchers in ihren Tabletcomputer tippen. Warum eigentlich? "Aus Sicherheitsgründen", sagen sie. Dann bekommt man einen Aufkleber auf die Brust gepappt. Warum eigentlich? "Aus Sicherheitsgründen."

Ein Pressemann führt durch das Haus, will aber nicht zitiert werden, was für einen Pressemann unüblich ist. Er kennt die Vorurteile gegenüber dem neureichen Emirat. Er zeigt auf ein Modell des Fußball-WM-Finalstadions 2022, er zeigt auf eine Karte der Aspire Academy, der größten Sporttrainingsstätte der Welt. Er zeigt auf Bilder der großen Sportevents, die in den vergangenen Jahren in dem kleinen Land stattgefunden haben: die Asienspiele, das jährliche Tennis-Turnier, die Leichtathletik-Hallen-WM, 2015 kommt die Handball-WM. Katar pumpt derzeit so viel Geld in den internationalen Spitzensport wie kein anderes Land. Das sorgt für Befremden bei den alten Sportnationen. Jeder gibt Geld aus, wofür er Geld ausgeben will, meint der Pressemann. Und Sport sei doch einer der nobelsten Gründe.

Katar will auch die Olympischen Spiele. Für 2016 und 2020 sind die Bewerbungen gescheitert, aber sie werden es wieder probieren. Dafür ist auch das Haus da. Es soll überzeugen, es soll aber auch Ängste nehmen. Nur klappt das nicht. So einschüchternd, so steril, so glamourös das Ambiente, das kaum mehr als eine Handvoll Fans durch das Haus laufen und sich an Sätze erinnern, die früher die Klassenlehrerin bei den Museumsbesuchen gesagt hat: Bloß nichts anfassen, bloß nichts kaputt machen.

Ist das nicht genau die Gefahr, dass ein solcher Gigantismus den Sport langsam kaputt macht? Der Pressemann zuckt mit den Schultern. Ja, die Spiele in Katar würden bombastisch und glänzend werden. Aber jedes Land habe eben seine Art und Weise. Und er würde einem jetzt noch gerne die exquisite Dachterrasse zeigen.

Leserkommentare
    • Twipsy
    • 08. August 2012 16:32 Uhr

    ..war sicher nicht da, weil mit "s" geschrieben und lange tot. Da war aber sicherlich Hans-Peter Friedrich.

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    Redaktion

    Hallo Twipsy,

    vielen Dank fürs Aufpassen. Jetzt hat der Hans seinen Peter.

    Grüße aus London
    Christian Spiller

  1. Ja, mann, den Spruch muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: "Ihr habt Uhren, wir haben Zeit"!

  2. Redaktion
    3. Peter

    Hallo Twipsy,

    vielen Dank fürs Aufpassen. Jetzt hat der Hans seinen Peter.

    Grüße aus London
    Christian Spiller

    Antwort auf "Hans-Joachim Friedrich"
  3. kommt für den Jedermann sehr rustikal und etwas zu bayrisch daher: auch wir Norddeutsche waren da, um Schweinsbraten zu essen, für den es noch zu eine Übersetzung auf englisch gereicht hatte und Leberkäs - der den Nordländer wie den Ausländer vor Rätsel stellt: was ist das? keine Leber drin, kein Käse drin und trotzdem heisst er so?

    Aber auch hier hiess es "safety first": wenn man nicht Matthäus heisst, muss man sich ganz freundlich am Eingang von englischem Personal durchleuchten/suchen lassen.

    Herr Spiller, empfehlenswert auch Casa Italia, in dem die Anstecker vom vorherigen Jahr zu 150-Jahre ital. Einheit wiederverwertet werden und es außer viel Reklame eine gute Weinprobe gibt!

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    Redaktion

    Ich kann Sie beruhigen. Auch Lothar Matthäus mussste durch due Sicherheitsschleuse. Aber das hat ihn gar nicht gestört, konnte er noch ein wenig länger für die Fotografen posieren.

    Grüße aus London
    Christian Spiller

  4. Redaktion
    5. Lothar

    Ich kann Sie beruhigen. Auch Lothar Matthäus mussste durch due Sicherheitsschleuse. Aber das hat ihn gar nicht gestört, konnte er noch ein wenig länger für die Fotografen posieren.

    Grüße aus London
    Christian Spiller

    Antwort auf "Ja das Deutsche Haus"
  5. ein wunderbarer, amüsanter Artikel, vielen Dank dafür.
    Ich wünsche mir eine Fortsetzung mit weiteren Ländervertretungen.
    Und olympische Spiele in Dänemark kann ich nur unterstützen, das wäre mit Sicherheit sehr entspannt und gemütlich und ein Kontrapunkt zum Gigantismus.

  6. Die beste Lasagne meines Lebens habe ich gegessen in - London. Und die widerlichste Pizza, die ich je gegessen habe, gab es in Rom.

    Verrückte Welt.

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