Jürgen Klopp"Mein Lebensglück ist nicht vom Erfolg abhängig"

Er hätte bezahlt, um kicken zu dürfen, Motivationsbücher kenne er nicht, das Leben sehe er auch ohne Meistertitel als Geschenk – Jürgen Klopp im Tagesspiegel-Interview. von Lorenz Maroldt und Norbert Thomma

Jürgen Klopp beim DFB-Pokalspiel im August

Jürgen Klopp beim DFB-Pokalspiel im August  |  © Getty Images / Christof Koepsel

Frage: Herr Klopp, Ihr Image ist sensationell positiv. Kürzlich hat der Focus gemeldet, Sie hätten Franz Beckenbauer als deutsche Werbe-Ikone abgelöst und Ihren Wert auf 1,5 Millionen Euro jährlich geschätzt. Haben Sie sich an Ihre Popularität gewöhnt?

Jürgen Klopp: Nein, darüber staune ich nach wie vor. Und ich habe tatsächlich einige gute Werbepartner. Aber nicht mit allen, die da aufgezählt waren, hab ich noch was zu tun. Metylan ist vorbei …

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Frage: … das war dieser etwas peinliche Werbespot für Tapetenkleister.

Klopp: Ja, ja. Ich war jung und brauchte das Geld, mehr ist da nicht zu sagen. War keine so gute Idee, es ist halt passiert.

Frage: Als Sie vor sieben Jahren noch ein eher unbekannter Trainer in Mainz waren, sagten Sie: "Wenn Sie mich mal mit schlechter Werbung im Fernsehen sehen, dann wissen Sie: Jetzt hat er’s geschafft. Da rauscht die Kohle nur so rein."

Klopp: Das Letztere war dann leider nicht der Fall. Davon hat sich nur der erste Teil meiner Aussage realisiert. Ich sage Ihnen aber ganz ehrlich, es war nie mein Ziel, diese öffentliche Person zu werden, die ich geworden bin. Ich wollte nie erfolgreich werden, um dann von allen Menschen erkannt zu werden. Ich wollte als Trainer in die Bundesliga, das schon. Und dann kam die Weltmeisterschaft 2006 und das ZDF, mit den Auswirkungen habe ich nie gerechnet.

Frage: So naiv, Herr Klopp, sind Sie nicht! Sie traten als Experte wochenlang vor Millionen Zuschauern auf und ganz Deutschland war bei dieser WM im Delirium.

Klopp: Hätte ich das vorher wissen müssen? Ich hatte nie solche Expertenrunden geguckt, es hat mich nicht die Bohne interessiert. Ich habe Fußball im Fernsehen angeschaut, einschalten, ausschalten. Als das ZDF damals angerufen hat, war meine Frage original: Kriege ich dafür Freikarten? Die haben ja gesagt und meine Antwort war: Gut, machen wir. Dann gab es im Schnitt knapp 30 Millionen Zuschauer, und auf diese Veränderung unseres Lebens waren wir nicht eingestellt. Wenn meine Frau mit dem Gartenschlauch die Blumen gegossen hat, guckten schon ein paar Nasen über den Zaun. So schnell so bekannt, wem passiert denn das?

Frage: Das hat sich noch deutlich gesteigert. Als gerade klar wurde, dass Borussia Dortmund für die angeschlagene Automarke Opel wirbt, sagte ein Moderator im Radio: "Jetzt hoffen die Opel-Arbeiter auf Jürgen Klopp und seine Mannschaft." Sie sollen Arbeitsplätze retten. Sie werden gehandelt wie ein Erlöser!

Klopp: Ich kann ja nichts für die Erwartungen von Schwachköpfen. Ich fahre Auto, seit ich achtzehn bin, und ich habe oft gedacht: Der Mensch, der das Design für Opel-Autos macht, will dem Unternehmen schaden. Und dann sitze ich in so einem Wagen und denke, das gibt’s doch gar nicht. Überragend!

Frage: Was sonst können Sie jetzt sagen?

Klopp: Nein, wirklich, die bauen echt geile Autos. Da sollte es doch möglich sein, auch das Image zu ändern.

Frage: Und Sie lassen ab sofort Ihren Porsche stehen, ernsthaft?

Klopp: Das ist doch klar.

Frage: Eine hübsche Anekdote aus früher Zeit: Ihren ersten Werbevertrag haben Sie sich regelrecht erbettelt, und Sie bekamen nicht einmal Geld dafür.

Klopp: Na ja, als Trainer von Mainz wollte keiner einen Vertrag mit mir abschließen, das Interesse der Ausrüster war unter Null. Da hab ich gedacht, dann möchte ich wenigstens die Klamotten anziehen, die mir am besten gefallen. Das war Nike, die Sachen fand ich cool. Also bin ich hin, sagte, Kohle will ich nicht. Alles gut. Genau so hat es angefangen.

Frage: Was Sie sind, verdanken Sie dem Fußball. Haben Sie den alleine entdeckt?

Klopp: Offenbar habe ich schon Fußball gespielt, ehe ich anfing, bewusst zu denken. Ich weiß das nur von Fotos. Die zeigen ein kleines Tor im Wohnzimmer, das vor der Vitrine stand. Erinnern kann ich mich dann, wie ich das Sofa benutzt habe, um fliegen zu üben und dabei den Ball zu fangen. Verschiedene farbige Couchgarnituren haben darunter gelitten.

Leserkommentare
    • urmeter
    • 23. August 2012 10:46 Uhr
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    man wird sehen was in den nächsten 2-3 Jahren mit Herrn Klopp, der mir persönlich sehr sympatisch ist, geschieht. Was er so in dem Interview sagt, sind für einen Fußballer Allgemeinplätze, nur das er sich so sehr in Filmanalysen versteigt und immer und immer wieder amschaut. Das hat was mit Akrebie, Vollkommenheit zu tun, so wie man es in den meisten Spiele des BVB, in den letzten Jahren gesehen hat. Das unterscheidet ihn sehr wahrscheinlich so positiv von anderen Trainern. Vor allem auch die Art und Weise wie er mit den Spielern umgeht. Man sieht und spürt, sie vertrauen ihm blind! Wie oben angesprochen, die kommende Championsliga-Saison wird zeigen wo es für Herrn Klopp und Mannschaft hingeht, ob er aus dem Spielermaterial noch mehr rauskitzeln kann oder schon an Grenzen gestoßen ist. Man wird sehen. Ich wünsche ihm dazu alles Gute und viel Erfolg!

    ... als er mit Mainz noch jährlich gegen den Abstieg gespielt hat.

  1. Ich mag den Herrn Klopp als Trainer-Typ. Trotz zwei erfolgreichen Saisons, immer noch bescheiden. Und er scheint jemand zu sein, der für seinen Sport lebt.
    Ich wünsche mir mehr von solchen Trainern.

  2. hat leicht kritisieren

  3. Ob Masche oder nicht, Klopps Art gefällt mir.
    Lieber ein Understatment mit breiter Brust.
    Als Sieggegröhle bevor nur eine Minute gespielt worden ist

  4. ...man nimmt ihm ab was er sagt.

  5. Wirklich ein toller Typ und sehr sympathisch. Er wirkt auf mich allerdings in letzter Zeit immer überdrehter und gehetzter. Wenn er sagt, es könne sich niemand vorstellen, wie ehrgeizig er sei, muss ich widersprechen: Ich kann es mir sogar sehr gut vorstellen.

    Ich weiß nicht, ob er diesen totalen geistigen und körperlichen Einsatz, dieses Wahnsinnsengagement in der Bundesligamühle noch lange durchhält. Ich wünsche es ihm, und letztlich bin ich so ziemlich der letzte, der das beurteilen kann. Er muss es schon selber wissen. Aber wenn ich einen perfiden Tipp auf den "nächsten Ralf Rangnick" in Sachen Gesundheit abgeben sollte, fiele meine Wahl auf ihn.

  6. man wird sehen was in den nächsten 2-3 Jahren mit Herrn Klopp, der mir persönlich sehr sympatisch ist, geschieht. Was er so in dem Interview sagt, sind für einen Fußballer Allgemeinplätze, nur das er sich so sehr in Filmanalysen versteigt und immer und immer wieder amschaut. Das hat was mit Akrebie, Vollkommenheit zu tun, so wie man es in den meisten Spiele des BVB, in den letzten Jahren gesehen hat. Das unterscheidet ihn sehr wahrscheinlich so positiv von anderen Trainern. Vor allem auch die Art und Weise wie er mit den Spielern umgeht. Man sieht und spürt, sie vertrauen ihm blind! Wie oben angesprochen, die kommende Championsliga-Saison wird zeigen wo es für Herrn Klopp und Mannschaft hingeht, ob er aus dem Spielermaterial noch mehr rauskitzeln kann oder schon an Grenzen gestoßen ist. Man wird sehen. Ich wünsche ihm dazu alles Gute und viel Erfolg!

  7. ... als er mit Mainz noch jährlich gegen den Abstieg gespielt hat.

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