Nationalmannschaft : Kahn wütet, wie Kahn noch nie über Löw wütete

Joachim Löw ist nach dem Argentinien-Spiel geschwächt. Es geht ums Grundsätzliche. Und sein Ex-Spieler Oliver Kahn nutzt den Moment für scharfe Kritik. Von O. Fritsch
Jogi Löw während des Freundschaftsspiels gegen Argentinien © PATRIK STOLLARZ/AFP/GettyImages

Nach dem Spiel ging Oliver Kahn in den Katakomben des Frankfurter Stadions auf und ab, er fühlte sich unbeobachtet und schimpfte in sein Handy: "Wenn sie in der Qualifikation gegen Dingsbumshausen gewinnen, heißt es wieder: Alles gut! Ich kann's nicht mehr hören!" Wer am anderen Ende der Leitung war, ist nicht überliefert. Unzweifelhaft hingegen, wer gemeint war: die deutsche Elf und ihr Trainer.

Auch vor laufender Kamera ging Kahn, wenn auch etwas diplomatischer, mit ihnen ins Gericht: "Der Bundestrainer muss sich mal Gedanken machen. Es ist ja alles schön und gut mit Spielphilosophie und Offensive, aber der Gegner hat zu viele Torchancen." So wütend wie über die 1:3-Niederlage gegen Argentinien hatte man den einst temperamentvollen Tormann als Fernsehexperten noch nicht erlebt.

Der angespannte Joachim Löw gab seinem Ex-Spieler immerhin "bedingt" Recht. Oliver Bierhoff hingegen erinnerte Kahn süffisant an dessen Fehler im WM-Finale 2002.

Der Ton um die Nationalmannschaft ist rauer geworden. Deshalb konnte aus einem sportlich nahezu bedeutungslosen Testspiel zehn Tage vor dem Saisonstart der Bundesliga ein solcher Konflikt ausbrechen. Dabei ging es nicht nur um das Heute. Argentinien war ein Stimmungstest über den Tag hinaus, und wenn dieses Spiel als Maßstab gelten darf, wird sich Löw bis zur nächsten WM in seiner wohl letzten Bundestrainerphase mehr Gegenwind ausgesetzt sehen als früher. Auch eine reibungslose Qualifikation zur WM 2014 in Brasilien würde ihn nicht davor bewahren. Wie vielen Kahn aus dem Herzen sprach, ist nicht klar. Alleine ist er mit seiner Skepsis nicht.

Der wichtigste Grund für die Kritik ist das Halbfinale der EM. Im Spiel gegen Italien hatte Löw nicht nur eine Niederlage erfahren. Durch eine übermütige, papierne Aufstellung irritierte er selbst Wohlwollende. Löw wollte sich über das Spiel und seine Gesetze erheben, er setzte Spieler in Bestform auf die Bank, ließ stattdessen andere ran, die bis dahin nicht überzeugt hatten. Seine Entscheidungen vor dem Italien-Spiel sollen sogar in der Teamleitung umstritten gewesen sein, Bierhoff deutete dies in einem Interview kurz nach dem Turnier an.

Danach mussten Löw und seine Mannschaft einiges hören und lesen. Manchen Spielern wurde vorgeworfen, das war der boulevardesk-folkloristische Teil der Debatte, die Hymne nicht zu singen . Spielern und Trainern wurde, das war der ernstere Teil, die Siegermentalität abgesprochen. Es war ein Liebesentzug, der bis heute anhält. Löw verteidigte sich am Montag dieser Woche nach fünfwöchiger Abwesenheit mit einer ungewöhnlich engagierten, langen Rede.

Zudem setzte der DFB vor einer Woche aus undurchsichtigen Gründen den Pressesprecher Harald Stenger ab. Stenger, der gegen Argentinien seinen Abschied gab, war der sportlichen Führung acht Jahre lang ein loyaler Mitarbeiter, das betonte Löw auf der Pressekonferenz, als er Stenger umarmte. Diesen stillosen Rauswurf werteten viele als Indiz dafür, dass Löw nach der EM im Verband geschwächt dasteht. Vor zwei Jahren hatten er und Bierhoff noch um Stenger gekämpft.

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Kommentare

208 Kommentare Seite 1 von 21 Kommentieren

Ach, der Oliver...

Mal ehrlich, warum kann der Olli denn nicht auf die große Bühne Fußball zurückkehren? Hat er mittlerweile den Trainerschein? Darf er Bundesliga trainieren? Wenn nein, schnell nachholen und machen, nicht nur schwätzen.

Sollte der Olli nicht die Nachfolge vom Uli machen? Komisch, ist auch nichts geworden.

Was ich sagen will? Dampfplauderer haben wir wahrlich genug, schade das aus dem Titanen auch nur ein weiterer geworden ist. Ein Ehemaliger, der anscheinend nur bei den Medien gefragt ist.

Schwer erträglicher Selbstdarsteller Kahn

Ich kann Alois nur zustimmen. Inzwischen sind seine Auftritte zusammen mit Kathrin Müller-Hohenstein (nein, ich sage nicht "liebevoll" KMH) kaum erträglich. Diese ölige, selbstgefällige Attitüde kann einem schon fast den Abend verderben. Welch ein Kontrast zu dem frischen und originellen Mehmet Scholl in der ARD. Man muss dessen Einschätzungen ja nicht etilen, aber fundiert sind sie und zudem mit einer gewissen Selbstironie vorgetragen. Unvorstellbar, dass ein Oliver Kahn sich um etwas anderes dreht als um seine (nicht vorhandene) Eloquenz.

Mal so ganz naiv dahergeplaudert

Wenn manche es nicht ertragen können, ein Spiel, gar ein wichtiges Spiel zu verlieren, sollten sie möglicherweise einfach keinen Fußball mehr gucken?

Es soll nämlich mal vorkommen, daß man im Sport verliert - habe ich so gerüchteweise gehört.

Also ab und zu die "Siegermentalität" zu Hause lassen und öfter mal üben, ein guter Verlierer zu sein, der erhobenen Hauptes vom Platz schratet um fröhlich feiern zu gehen. Das soll fairplay heißen - habe ich mir sagen lassen. Könnte aber auch ein Mythos sein... ;)

Simples betriebswirtschaftliches Kalkül

Nun ja - aber ein bisschen anständige Leistung sollt man dann doch schon abliefern, bevor man "hoch erhobenen" Hauptes den Platz verlassen kann. Einfach nur so herumalbern, Null-Bock Mentalität und Co reichen da nicht aus.

Aber ich kann die Spieler Diven schon verstehen. Verdienen Millionen in der Bundesliga. Peanuts in der NM. Aber wenn sie sich bei Letzerem eine Verletzung zuziehen ist der (auch finanzielle) Schaden erheblich. Ist so ein bisschen wie bei den Reitern in Olympia: man muss ja wirklich bescheuert sein, um für eine Goldmedallie im Werte von 25 Euro seine Superleistung abzuliefern - wenn man anderorts 6stellige Beträge erreiten kann.

Naja...

... dann ist doch eigentlich alles paletti, im Halbfinale auszuscheiden ist eine sehr gute Leistung - immerhin schafften es nur 4 Mannschaften von 16 dahin.

Ich fand die Leichenbittermienen nach dem Spiel einfach grauselig. Es war eine schöne EM mit tollen Mannschaften und spannenden Spielen. Ich hatte mich schon auf 'ne Party zum Finale gefreut, statt dessen zogen alle Gesichter wie 7-Tage-Regenwetter, weil die dt Mannschaft im Halbfinale ausgeschieden ist. Schlechte Verlierer!

Und Wochen später echauffiert sich nun noch die "Prominenz".

Alberner Kinderkram das...

Beckenbauer

Dieser Spruch stammt von Beckenbauer und dieser wurde mit einer großen Ansammlung aus Legionären Weltmeister.
Vollkommener Blödsinn das man Legionären nicht trauen kann. So etwas nennt sich Profifußball und nicht Nationalisten kick.
Wie sich jemand verhält kommt auf die Person an und nicht wo sie spielt. Khedira spielt bei Real und war der mit Abstand beste Spieler der Nati bei dieser Em.