Nach dem Spiel ging Oliver Kahn in den Katakomben des Frankfurter Stadions auf und ab, er fühlte sich unbeobachtet und schimpfte in sein Handy: "Wenn sie in der Qualifikation gegen Dingsbumshausen gewinnen, heißt es wieder: Alles gut! Ich kann's nicht mehr hören!" Wer am anderen Ende der Leitung war, ist nicht überliefert. Unzweifelhaft hingegen, wer gemeint war: die deutsche Elf und ihr Trainer.

Auch vor laufender Kamera ging Kahn, wenn auch etwas diplomatischer, mit ihnen ins Gericht: "Der Bundestrainer muss sich mal Gedanken machen. Es ist ja alles schön und gut mit Spielphilosophie und Offensive, aber der Gegner hat zu viele Torchancen." So wütend wie über die 1:3-Niederlage gegen Argentinien hatte man den einst temperamentvollen Tormann als Fernsehexperten noch nicht erlebt.

Der angespannte Joachim Löw gab seinem Ex-Spieler immerhin "bedingt" Recht. Oliver Bierhoff hingegen erinnerte Kahn süffisant an dessen Fehler im WM-Finale 2002.

Der Ton um die Nationalmannschaft ist rauer geworden. Deshalb konnte aus einem sportlich nahezu bedeutungslosen Testspiel zehn Tage vor dem Saisonstart der Bundesliga ein solcher Konflikt ausbrechen. Dabei ging es nicht nur um das Heute. Argentinien war ein Stimmungstest über den Tag hinaus, und wenn dieses Spiel als Maßstab gelten darf, wird sich Löw bis zur nächsten WM in seiner wohl letzten Bundestrainerphase mehr Gegenwind ausgesetzt sehen als früher. Auch eine reibungslose Qualifikation zur WM 2014 in Brasilien würde ihn nicht davor bewahren. Wie vielen Kahn aus dem Herzen sprach, ist nicht klar. Alleine ist er mit seiner Skepsis nicht.

Der wichtigste Grund für die Kritik ist das Halbfinale der EM. Im Spiel gegen Italien hatte Löw nicht nur eine Niederlage erfahren. Durch eine übermütige, papierne Aufstellung irritierte er selbst Wohlwollende. Löw wollte sich über das Spiel und seine Gesetze erheben, er setzte Spieler in Bestform auf die Bank, ließ stattdessen andere ran, die bis dahin nicht überzeugt hatten. Seine Entscheidungen vor dem Italien-Spiel sollen sogar in der Teamleitung umstritten gewesen sein, Bierhoff deutete dies in einem Interview kurz nach dem Turnier an.

Danach mussten Löw und seine Mannschaft einiges hören und lesen. Manchen Spielern wurde vorgeworfen, das war der boulevardesk-folkloristische Teil der Debatte, die Hymne nicht zu singen . Spielern und Trainern wurde, das war der ernstere Teil, die Siegermentalität abgesprochen. Es war ein Liebesentzug, der bis heute anhält. Löw verteidigte sich am Montag dieser Woche nach fünfwöchiger Abwesenheit mit einer ungewöhnlich engagierten, langen Rede.

Zudem setzte der DFB vor einer Woche aus undurchsichtigen Gründen den Pressesprecher Harald Stenger ab. Stenger, der gegen Argentinien seinen Abschied gab, war der sportlichen Führung acht Jahre lang ein loyaler Mitarbeiter, das betonte Löw auf der Pressekonferenz, als er Stenger umarmte. Diesen stillosen Rauswurf werteten viele als Indiz dafür, dass Löw nach der EM im Verband geschwächt dasteht. Vor zwei Jahren hatten er und Bierhoff noch um Stenger gekämpft.