Lance Armstrong : Die verdammt gute Nachricht vom gedopten Helden

Lance Armstrong fuhr übermenschlich Rad und wollte US-Politiker werden. Dass der Held nun Antiheld wird, kann für den Radsport ein Segen sein, kommentiert S. Dobbert.
Lance Armstrong während der Tour de France 2002 © Gero Breloer, DPA

Lance Armstrong sah in sich mal den nächsten Gouverneur von Texas . Das ist nicht ewig her. Er meinte das ernst. Und viele Amerikaner unterstützten ihn, weil er für sie ein Held ist. Nun ist der Heldendarsteller gefallen. Armstrong werden seine Tour-de-France-Siege aberkannt werden. Weil er gedopt hat. Und weil er jahrelang gelogen hat. Eine verdammt gute Nachricht ist das .

In der Zeit, in der der Radsport seine Glaubwürdigkeit verlor, fuhr Lance Armstrong vorneweg. Die Tour de France gewann er von 1999 bis 2005 in Serie. "Übermenschlich", fiel vielen Beobachtern dazu ein. So sah das aus. So war das auch.

Wie die meisten Fahrer dopte sich auch der beste von ihnen. Vielleicht war es auch andersherum: Eben weil der beste aller Radfahrer dopte, machten es auch fast alle anderen, und jüngere Nachwuchsfahrer machten es ihm nach.

Steffen Dobbert

Steffen Dobbert ist Redakteur bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

"Im Leben eines Mannes kommt irgendwann ein Punkt, an dem er sagt: Genug ist genug." Mit diesen Worten beginnt Armstrongs Stellungnahme zu seiner Niederlage im Dopingstreit. Natürlich ist das keine Einsicht. Das Ende der Verteidigung durch Armstrongs Anwälte kommt viele Jahre zu spät. Aber besser spät als nie. Wenn Lance Armstrong als Ikone seines Sports eine Vorbildfunktion erfüllte, ist es ein Segen, dass er nun – wenn auch indirekt – seine Dopingschuld eingesteht.

Wenn man Armstrong und seinen Sport vergleicht, dann geht es dem Radsport in diesen Jahren so, wie es Armstrong vor seinen jahrelangen Tour-Siegen ging. Er ist am Ende. Der Radsport hat seine Glaubwürdigkeit und damit seine Bedeutung bei vielen Fans und Sponsoren verloren. Wie der Krebs den Ausnahmeathleten einst befallen hatte, haben die gedopten Fahrer das Ansehen des Sports zerfressen.

Armstrong besiegte einst auf wundersame Weise seine Krebskrankheit und schrieb ein Buch darüber, eines der meistbeachteten US-Bücher der vergangenen Jahre. Vermutlich konnte er dann nicht anders. Er musste wohl dopen, um der beste Radfahrer der Welt zu werden. Er tat das bewusst, er wollte den Erfolg, er klammerte sich bis jetzt ans Leugnen und Image-Retten. Nun ist sein Fall ein sehr tiefer.

Ein Held, der gedopt zum Helden wurde, ist ein Antiheld. Früher oder später fällt das auf. Das sollte der Weltradsportverband aus dem Fall Armstrong lernen, wenn er eine Zukunft haben will. Denn bislang hat er zur Überführung Armstrongs wenig beigetragen. Das Vorbild in dieser Geschichte ist nur der US-Antidopingverband.

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Kommentare

53 Kommentare Seite 1 von 8 Kommentieren

Bei allem Respekt,

so richtig fair ist das nicht. Ja, Armstrong hat gedopt, genau wie wahrscheinlich die Meisten, die die Plätze hinter ihm belegt haben.

Aber die Kritik, dass der Radsport spezifisch scheinheilig sei, ist wiederum selbst scheinheilig.

Wir sind eine Gesellschaft, die (zum Genuss, zum Vergessen oder aus Langeweile) von illegalen Drogen wie Heroin bis hin zum Alkohol, der legalen Volksdroge Nr. 1, massiv gefährliche Substanzen zu sich nimmt.

Die Folgen, sowohl volkswirtschaftlich als auch bei dem Einzelnen, sind verheerend. Jedes Jahr sterben wegen allein wegen des Alkohols mehrere Tausend Menschen in Deutschland, vermutlich mehrere Millionen weltweit.

Das macht das Doping im Radsport (oder anderen Ausdauersportarten) nicht besser.

Aber eine Gesellschaft, die selber derart abhängig ist, ist verlogen, wenn sie jetzt auf die Radsportler eindrischt - denn die kommen von Kindesbeinen an mit auf den Weg, dass Drogen was völlig Normales sind.

mfg henry

Rechtfertigung

Ihr Kommentar ist für mich Rechtfertigung. Es ist nicht die Gesellschaft als ganzes sondern es sind Teile der Gesellschaft, die ihr Verhalten rechtfertigen und die Ursachen dafür nicht bei sich sehen. Dieses kann ich nicht akzeptieren, da nach meinem Verständnis JEDER persönlich für sich die Verantwortung trägt. Wir haben die Freiheit und geniesen diese, wobei wir dazu neigen, die Verantwortung für unser Handeln, das ja auf der Freiheit beruht, anderswo sehen.

Es geht doch nicht nur um den Sport,

sondern auch um dessen Vermarktung.
Nur mal so als Beispiel die Formel 1: bis in die Achtziger Jahre hinein bildeten Kollisionen und Feuer eine tödliche Gefahr für die Fahrer, die jedes Rennen begleitete - Niki Lauda ist einer der wenigen Überlebenden eines solchen Rennunfalls. Die Frage ist doch ob denn RTL ein solches Rennen Sonntagnachmittag übertragen würde, wenn denn stets damit zu rechnen ist, es kann schon einmal vorkommen, dass 250 Liter Superbenzin in Flammen aufgehen? - Eher nicht, höchstens als Aufzeichnung am späten Abend und dann auch nur mit einem deutlichen Hinweis bezüglich des Jugendschutzes.
Der Brite Tom Simpson erlangte traurige Berühmtheit als erster (eindeutig erwiesener) Tote durch Doping während der Tour de France http://de.wikipedia.org/w... im Jahr 1967. Dank der Weiterentwicklung der Übertragungstechnik ist es heute möglich, jeden Abschnitt der Tour de France live im Fernsehen zu übertragen und für die Veranstalter ist das nicht nur finanziell äußerst wichtig. Es ist eindeutig nicht ungefährlich, wenn junge Männer mit 60 - 90 Km/H auf äußerst filigranen Rädern den Berg hinunter rasen. Dieses Risiko scheint aber beherrschbar.
Ganz anders würde es aussehen, wenn während des Rennens einer der Fahrer plötzlich vom Rad fällt und an Kreislaufkollaps / Herzversagen / Thrombose stirbt und dies dann noch Live im Fernsehen übertragen wird. Das ist es doch, was durch die Dopingkontrollen verhindert werden soll.

Anhang:

Falls es die Kernaussage des Artikels sein soll, dass Armstrong die (alleinige) Schuld am Doping im Radsport trifft, dann halte ich das für falsch.

Man kann mit Doping im Radsport sehr viel erreichen, weswegen der Anreiz, zu dopen, für einen Ausdauersportler immer hoch ist. Und es wurde vor und nach Armstrong gedopt - dass Doping daher an Armstrong festzumachen sei oder zu glauben, weil Armstrong jetzt die Siege aberkannt werden, würde sich irgendetwas ändern, halte ich für eine Fehlannahme. Es ist ein systematischer Fehler, und den kann man nur ändern, wenn man das System grundlegend ändert.

Dazu kommt, wie ich oben geschildert habe, dass die Einnahme von Drogen gesellschaftliche weithin akzeptiert und teilweise sogar erwartet wird (Sekt trinken zu bestimmten Anlässen z.B.), von daher ist nicht davon auszugehen, dass sich durch den Fall Armstrong irgendwas ändert.

Außerdem finde ich es unfair - Armstrong war unter den gedopten Fahrern der Beste, und wie Jan Ulrich schon sagte- wenn alle dopen, wird auch niemand betrogen. Diese Erkenntnis mag den Ein oder Anderen erschrecken - aber da kommt man nicht drum herum

mfg henry

Unteroptimale Versuche, der eigenen Schwäche zu entkommen

"Lance Armstrong fuhr übermenschlich Rad und wollte US-Politiker werden." (ZEITonline)

Seine Fans haben ihn überhöht gesehen, und er selbst sich wohl auch.

Schwach ist, wer Helden braucht, und schwach ist, wer Held sein möchte.

Eine tragische Symbiose von Schwachen!