Bilanz London 2012 : Ein olympischer Feelgood-Moment in Campingatmosphäre

London war mit all seinen Provisorien und Dixieklos herzlich, selbstironisch und organisiert. Das Abschlusszeugnis hat nur wenige schlechte Noten.
Rio de Janeiros Bürgermeister (links) neben dem IOC-Präsidenten Jacques Rogge © G. Bouys/AFP/GettyImages

Am Ende des größten Sportfests auf diesem Planeten geht es immer zu wie in der Schule: Alle warten gespannt darauf, welche Note der Oberlehrer den Gastgebern in seiner Ansprache bei der Schlussfeier gibt. Seit bei dieser Gelegenheit immer verschwenderischer mit dem Begriff "best games ever" um sich geworfen wird, wäre alles darunter eine Beleidigung, und die haben die Londoner wirklich nicht verdient. Denn ihre erste große Leistung besteht darin, dass der vornehme belgische IOC-Präsident Jacques Rogge eine absolute Nebenfigur dieser Spiele geblieben ist.

Vor vier Jahren in Peking war Rogge noch täglich gefragt um seine Meinung zu Demonstranten, die auf Nimmerwiedersehen vom Platz des Himmlischen Friedens verschwanden. Oder zu einfachen Bürgern, die den Staatsspielen im Weg waren und einfach beiseite geräumt wurden. Diesmal musste nur ein Segelcoach aus dem Verkehr gezogen werden, wegen Trunkenheit am Steuer. Aber werfen wir einen genaueren Blick ins Abschlusszeugnis:

Englisch : Gut. Herzlich, freundlich, hilfsbereit, selbstironisch und entgegen ihren eigenen Erwartungen gut organisiert waren die Briten. Aber spätestens in der zweiten Woche stellten sie um auf den Nordkorea-Modus: Landauf, landab nur noch Fähnchenschwenken und Gejubel; das Tragen patriotischer Einheitskleidung wurde Pflicht, der Verkauf von Stella McCartneys britischer Teamkleidung stieg um 115 Prozent. Die Regale im Megastore vor dem Olympiastadion waren schon Tage vor Ende der Spiele so leer wie ein kommunistischer Supermarkt gegen Ende eines fehlgeschlagenen Fünf-Jahres-Plans. Auch die viel gerühmte britische Presse war gleichgeschaltet in ihrer Hymnendichtung auf die Athleten mit dem Union Jack, selbst Olympiasieger anderer Nationen kamen nur noch im Ergebnisteil vor. Es stimmt ja, dass eine erfolgreiche Heimmannschaft immer gut ist für die Atmosphäre. Aber als dann auch noch eines der britischen Dressurpferde zur Musik von Rule Britannia tanzte, wurde aus blinder Begeisterung fast schon Unhöflichkeit gegenüber den Gästen aus aller Welt.

Fotos vom Abschluss der Olympischen Spiele in London. Klicken Sie, um die Fotostrecke zu öffnen. © Jewel Samad/AFP/GettyImages

Aber vielleicht konnten sie nicht anders. Nachdem die Finanzkrise und auch die Aufstände (oder was immer es war) der Unterprivilegierten das Selbstverständnis der Gesellschaft schwer erschüttert hatten, musste ein selbstversöhnender Feelgood-Moment her. Mit der charmant-verschrobenen Eröffnungsfeier war ein guter Anfang gemacht. Und als dann, nach anfänglicher Flaute, bleiche Landeskinder und solche mit Wurzeln in der Ferne wie Mo Farrah und Jessica Ennis gemeinsam den Medaillenspiegel eroberten, begann die Sache zu fliegen, ein Sommermärchen auf englisch. Die Kultur der Gegensätze (oben - unten, eingeboren - zugewandert, islamisch oder nicht) ist für den olympischen Moment überwunden, allein dafür dürften sich die gewaltigen Investitionen gelohnt haben. Bleibt die Frage, was gewesen wäre, wenn sie nicht 29 Goldmedaillen gewonnen und Platz drei der Nationenwertung erstürmt hätten.

Deutsch : Ausreichend. Wenn du denkst, es geht nichts mehr, kommt irgendwo ein Kanu her. Die Paddler holten die deutsche Mannschaft wie eigentlich immer mit kräftigen Armzügen aus dem Tief und verliehen soviel Schub, dass am Ende sogar mehr Medaillen um deutsche Hälse hängen als in Peking. Nur in der Kategorie Gold fiel man zurück. Dennoch scheint eine Debatte um den deutschen Leistungssport unausweichlich. Die lange geheimgehaltenen, nun dem Innenminister mit juristischen Mitteln abgepressten Zielvereinbarungen seines Ministeriums mit dem DOSB zeigt, dass die Verantwortlichen in Sport und Politik gerne eine Medaillen-Supermacht wären, aber ihre Träume nicht wahrmachen können.

Olympia-Fazit: "Diese Spiele haben dieses Land verändert" Christof Siemes und Christian Spiller - unsere Reporter in London - betrachten rückwirkend die Olympischen Spiele von London.

Entweder sind die Wunschvorstellungen absurd, oder bei deren Verwirklichung wird alles falsch gemacht. Die Sportausschussmitglieder des Bundestags sagten jedenfalls bei ihrem Klassenausflug nach London , so könne es nicht weitergehen. Und auch einzelne Sportverbände fordern eine offene Diskussion darüber, was für die Sportnation Deutschland realistische Ziele sind und wie viel dafür investiert werden muss, an Training, Geld, Strukturreform. Dazu gehört auch die Frage, ob sich München noch einmal um die Winterspiele bemühen soll. Aber das ist erst ein Fall fürs nächste Zeugnis.

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Kommentare

34 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Dazu kommt auch noch diese von Stadionmikrofonen

kommende wie von fern wirkende dumpfe Klangqualität.

Warum kann man nicht die Musik direkt von den Quellen nehmen, von den Tonträgern und wenn live gespielt dann direkt von den Sängern und Instrumenten und das dann den Fernsehzuschauern senden.
Es kann ja, um etwas Live-Atmosphäre herein zu bekommen die Stadionakustik und Publikumsgeräusche dezent dazu gemscht werden.

aussagekräftige Überschrift

Völlig richtig.
Olympia ist an mir als nicht an Sportberichterstattung interessiertem Menschen bis gestern vorbei gegangen aber bei der Abschlussshow bin ich hängen geblieben.
Natürlich war das etwas zu bunt und auch musikalisch vielfach nicht wirklich mein Ding aber insgesamt eine wunderbare & sehenswerte Show auf Weltniveau.

Und was macht die ARD? Man quatscht in biederer Runde zu dritt in wirklich jedem Musikbeitrag (ganz besonders gerne bei den Übergängen/Anfängen) einfach so rein und zerstört so jeden Charme einer Live-Show. Immer wieder.
Anstatt die Namen der jeweiligen Interpreten per Untertitel dezent einzublenden und der professionellen Show-Choreographie das Feld zu überlassen, muss man sich z.B. anhören wie Rolf Seelmann-Eggebert während des Monty Python-Auftritts irgendeinen banalen Blödsinn über Prinz Charles erzählt. Muss der Deutsche nach Auffassung der ARD also wirklich die ganze Zeit mit dümmlichen "Hintergrundinfos" belästigt/belehrt werden, anstatt sich einfach mal auf die Show einzulassen zu können? Tja, das passt leider zum sonstigen Entertainment-Konzept der ÖR.

Die Show war toll, die peinliche & vollkommen unnötige Moderation hat das leider so gut es ging sabotiert.

Deutsche Kritik

"Aber spätestens in der zweiten Woche stellten sie um auf den Nordkorea-Modus: Landauf, landab nur noch Fähnchenschwenken und Gejubel; das Tragen patriotischer Einheitskleidung wurde Pflicht,..."

Wenn ich richtig verstehe, die Briten wurden gezwungen, Fähnchen zu schwenken, zu jubeln, ... .

Oder hat sich ein deutscher Journalist wieder mal verrannt?

Also als John Lennons

'imagine ' gespielt wurde haette sich ein Film vom Britischen (Befreiungs) Einmarsch im Irak (wahlweise Falkland), gut gemacht und als George Michael dann im Anschluss 'Freedom' sang ein paar bewegte Bilder vom (Befreiungs) bombardement in Lybien.
Damit haette Grossbritanien den olympischen Gedanken des Friedens noch besser unterstreichen können!
Sonst waren die Spiele toll!

Rule Britannia

konnyengland, unser Reporter Christof Siemes hat an dieser Textstelle das offizielle Programm zitiert:
"Carl HESTER (GBR) Sarah BRIGHTMAN follows Iron and Heart of Courage by French director/singer/songwriter Yoann LEMOINE (aka Woodkid), which opens HESTER's programme. It concludes with the rousing Rule Britannia by The Royal Philharmonic Orchestra."
Und noch ein Hinweis: Während eines Projektes wie Olympia schleichen sich sicher auch Fehler in unsere Arbeit. Jetzt war es nicht so. Aber unabhängig davon können Sie sich Kraftausdrücke wie "Schwachsinn" gerne hier sparen.
Viele Grüße aus der Redaktion