Mein Olympia"Die Beine sind beim Kugelstoßen entscheidend"

Heute starten die Kugelstoßer. Frank Lehmann trainiert die Medaillen-Hoffnung David Storl. Er erklärt die Physik des Kugelstoßens und sagt, warum Doping nervt. von 

David Storl, Europameister im Kugelstoßen, während eines Wettkampfes im Jahr 2011

David Storl, Europameister im Kugelstoßen, während eines Wettkampfes im Jahr 2011  |  © ADRIAN DENNIS/AFP/Getty Images

ZEIT ONLINE:  Herr Lehmann, Sie beschäftigen sich wissenschaftlich mit Kugelstoßen, mit dem heute die olympischen Leichtathletikwettbewerbe beginnen. Wieso?

Frank Lehmann: Die Kombination aus Kraft und Schnelligkeit. Das ist das Schwierige an dieser Sportart. Man kann einerseits über sehr viel Kraft weit stoßen, andererseits über sehr viel Schnelligkeit. Die Frage ist, ob man an Körpermasse zulegt, um mehr Maximalkraft zu haben oder über Schnelligkeit geht, was eher nicht von außen sichtbar ist.

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ZEITONLINE:  Wie sieht ein mustergültiger Stoß aus?

Lehmann: Das ist eigentlich ganz einfach. Es gilt, eine sehr hohe Angleitgeschwindigkeit durch Abbremsen des Stemmbeines auf den Oberkörper und den Stoßarm und letztlich auf die Kugel zu übertragen. Dabei muss der Athlet im Rumpf und im Schultergürtel Spannung aufbauen. Bei einem Abflugwinkel von 40 Grad, einer Abfluggeschwindigkeit von etwa 14 Metern pro Sekunde und einer Abstoßhöhe von 2,20 Metern wird man etwa 22 Meter stoßen.

Dr. Frank Lehmann

Dr. Frank Lehmann arbeitet am Institut für Angewandte Trainingswissenschaften in Leipzig. Er trainiert unter anderem Kugelstoß-Europameister David Storl.

ZEITONLINE:  Das kann man so berechnen?

Lehmann: Ja, es gibt eine sogenannte Wurfparabel. Mit der kann man die Stoßweite auf den Zentimeter genau berechnen. Beim Diskus- und beim Speerwerfen müssen noch ein paar Windbedingungen berücksichtigt werden. Aufgrund der Beschaffenheit der Kugel spielt das beim Stoßen keine Rolle.

ZEITONLINE:  Lassen Sie uns die drei Parameter mal durchgehen: Bei der Abstoßhöhe kann man ja eigentlich nicht viel drehen, oder?

Lehmann: Nein, die ist durch die Armlänge und Körpergröße vorgeben. Je größer der Athlet, desto besser. Deswegen gibt es kaum moderne Kugelstoßer, die kleiner sind als zwei Meter.

ZEITONLINE:  Der Winkel ist, wie sie sagten, idealerweise 40 Grad. Bei David Storl, der deutschen Gold-Hoffnung, ist der ein bisschen größer.

Lehmann: Bisher galt ein optimaler Abflugwinkel von 35 bis 37 Grad. Nach der Wurfparabel ist der rechnerisch optimale Winkel aber etwa 43 Grad. Allerdings ist es etwas anstrengender, in einem solch steileren Winkel zu stoßen. Das aber geht wiederum auf Kosten der Abfluggeschwindigkeit, was das Ganze etwas verkompliziert. Die Frage ist also, wie man bei gleicher Abstoßgeschwindigkeit steiler stoßen kann. Das haben wir mit David Storl in den vergangenen Jahren geübt. Weil die Arme ausgelastet sind, haben wir uns um die Beine gekümmert. Das Mehr an Arbeit kommt bei ihm aus den Beinen. Das kann nur er. Weil man dafür unwahrscheinlich schnelle Beine braucht.

ZEITONLINE:  Die Beine sind beim Kugelstoßen entscheidend?

Lehmann: Die Beine sind beim Kugelstoßen sehr entscheidend. Eigentlich beginnt der Stoß aus den Beinen heraus.

ZEITONLINE:  Viele Kugelstoßer sind ja eher massig, David Storl nicht so. Gibt es eine Entwicklung zu flinkeren, schnelleren Stoßern?

Lehmann: Ja, David Storl hat die Gesetze des Kugelstoßens ein wenig außer Kraft gesetzt. Bisher ging es vor allem um Kraft. Um die aufzubauen, brauchte man Zeit. Deswegen dauerte es fünf bis sechs Jahre, bis man es vom Junioren- in den Weltklasse-Männerbereich geschafft hat. David hat das in kürzester Zeit geschafft, vorwiegend über seine Schnelligkeit. Er ist gerade dabei, Maximalkraft nachzuholen. Die Schwierigkeit ist, stärker zu werden, ohne Schnelligkeit einzubüßen.

ZEITONLINE:  Bei den massigen Stoßern, sind das alles Muskeln, die da mitschwingen?


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