Habiba Ghribi gewann am Dienstag als erste Sportlerin Tunesiens eine Medaille bei Olympischen Spielen. Beim 3.000-Meter-Hindernislauf unterbot sie ihre eigene Bestzeit um 3 Sekunden. Die Silbermedaille widmete die 28-Jährige "dem tunesischen Volk, den tunesischen Frauen und dem ganzen arabischen Volk".

Doch nicht erfolgreiche Sportlerinnen wie Ghribi stehen für einen arabischen Aufbruch in London. "Das Symbol dieser Spiele" (F.A.Z.) sind zwei Kopftuch tragende saudische Sportlerinnen, die keinen Erfolg hatten.

Die Judoka Wojdan Shahrkhani verlor ihren Kampf nach 82 Sekunden und sorgte dennoch für mehr Medienandrang als mancher Olympiasieg. Die 800-Meter-Läuferin Sarah Attar wurde Letzte ihres Vorlaufs (2:44:95 Minuten). Aber sie sagte, sie wolle "ein paar große Schritte für die Frauen" tun, "damit sie mehr Sport treiben können".

Diese verzerrte Optik ist auf die Regie des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) zurückzuführen. Die beiden Frauen stehen im Rampenlicht, seit IOC-Chef Jacques Rogge bei der Eröffnung "die weiblichsten Spiele" aller Zeiten ausrief und behauptete, dass man einen großen Schritt Richtung Geschlechtergleichheit gegangen sei.

Rogge begründete dies damit, dass Frauen jetzt an allen Sportarten teilnähmen, dass aus allen 204 Olympia-Ländern erstmals mindestens eine Sportlerin angereist sei und dass drei Länder – die beiden arabischen Staaten Katar und Saudi-Arabien sowie das islamische Sultanat Brunei – erstmals Frauen entsandt hätten, konkret: sieben an der Zahl.

Was das alles mit Emanzipation, Spitzensport oder Islam zu tun hat? Wenig bis gar nichts. Der Slogan von den "weiblichsten Spielen" gibt indirekt ein wenig vorteilhaftes Frauenbild preis.

Über Jahrzehnte hinweg waren Frauen von vielen olympischen Sportarten ausgeschlossen. 1896 befand der Initiator der Olympischen Spiele, Pierre de Coubertin, der Einschluss von Frauen wäre "unpraktisch, uninteressant, unästhetisch und inkorrekt" gewesen. 1900 durften sie erstmals in fünf Sportarten antreten, seit 1912 schwimmen und seit 1928 in einigen Leichtathletik-Disziplinen mitmachen. Selbst der 3.000-Meter-Hindernislauf, in dem Ghribi jetzt brillierte, stand für Frauen erst zum zweiten Mal auf dem olympischen Programm.

Dass sich der Frauenanteil seit den Londoner Spielen 1908 von dreizehn auf über vierzig Prozent erhöht hat, ist Ausdruck eines gesellschaftlichen Wandels, dem sich die Sportverbände nicht verschließen konnten. Selbst das IOC kam bis 1981 ohne Frauen aus. Heute finden sich drei Frauen im insgesamt fünfzehn Angehörige zählenden Exekutivkomitee; Vizepräsidentin ist die Marokkanerin Nawal Al Moutawakel, die 1984 die erste arabische, afrikanische und muslimische Olympiasiegerin (400-Meter-Hürden) war.

Problematisch ist, dass die neue Weiblichkeit mehr an der Präsenz als am Niveau der Sportlerinnen festgemacht wird. Das IOC erteilte etliche Wildcards, damit Frauen als sportliche Botschafterinnen ihr Land repräsentieren können, ohne die sportlichen Qualifikationskriterien erfüllen zu müssen. Die internationale Presse begleitete dies mit unkritischer Begeisterung für die Außenseiter.

Die Wildcards erwecken den Eindruck, im Frauensport komme es mehr auf Quantität denn auf Qualität an, die wirklich "großen" Leistungen würden ohnehin von Männern wie Wiggins, Phelps und Bolt vollbracht. Hinzu kommt, dass arabische Sportlerinnen als Exotinnen dastehen, für die das Dabeisein (sprich: Ausscheiden in der ersten Runde) das höchste der Gefühle sei.

Dabei waren in den 800-Meter-Vorläufen in London fünf Araberinnen am Start, die auf internationalem Niveau liefen, also 40 Sekunden schneller als Sarah Attar. Im Judo gewannen auch schon eine Algerierin und eine Türkin die Bronzemedaille. Insgesamt gab es vier arabische (Marokko, Algerien, Syrien) und vier muslimische Olympiasiegerinnen (Indonesien, Türkei, Kasachstan).

Das IOC begründete die Weiblichkeit der Spiele mit drei islamischen Nachzügler-Staaten, nannte aber keine absolute Zahl von "Musliminnen". Dadurch bleibt unklar, welchen Erfolg das IOC jenseits der eigenen PR wirklich feiert. Vorsichtig geschätzt, dürften 280 Athletinnen islamischer Herkunft am Start sein. Das wären zehn Prozent aller muslimischen Teilnehmer, die ein Drittel des gesamten Teilnehmerfeldes ausmachen. Diese Frauenquote legt eher den Gedanken nahe, dass noch viel zu tun ist, als dass schon ein Meilenstein erreicht wäre, wie das IOC glauben machen will.