London 2012Von wegen weiblichste Spiele aller Zeiten!

Das IOC feiert sich, Medien stimmen ein. Dabei wird die neue Weiblichkeit bei Olympia mehr an der Präsenz als am Niveau der Sportlerinnen festgemacht. Von Manfred Sing

Die 800-Meter-Läuferin Sarah Attar in ihrem erfolglosen Vorlauf

Die 800-Meter-Läuferin Sarah Attar in ihrem erfolglosen Vorlauf

Habiba Ghribi gewann am Dienstag als erste Sportlerin Tunesiens eine Medaille bei Olympischen Spielen. Beim 3.000-Meter-Hindernislauf unterbot sie ihre eigene Bestzeit um 3 Sekunden. Die Silbermedaille widmete die 28-Jährige "dem tunesischen Volk, den tunesischen Frauen und dem ganzen arabischen Volk".

Doch nicht erfolgreiche Sportlerinnen wie Ghribi stehen für einen arabischen Aufbruch in London. "Das Symbol dieser Spiele" (F.A.Z.) sind zwei Kopftuch tragende saudische Sportlerinnen, die keinen Erfolg hatten.

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Die Judoka Wojdan Shahrkhani verlor ihren Kampf nach 82 Sekunden und sorgte dennoch für mehr Medienandrang als mancher Olympiasieg. Die 800-Meter-Läuferin Sarah Attar wurde Letzte ihres Vorlaufs (2:44:95 Minuten). Aber sie sagte, sie wolle "ein paar große Schritte für die Frauen" tun, "damit sie mehr Sport treiben können".

Diese verzerrte Optik ist auf die Regie des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) zurückzuführen. Die beiden Frauen stehen im Rampenlicht, seit IOC-Chef Jacques Rogge bei der Eröffnung "die weiblichsten Spiele" aller Zeiten ausrief und behauptete, dass man einen großen Schritt Richtung Geschlechtergleichheit gegangen sei.

Rogge begründete dies damit, dass Frauen jetzt an allen Sportarten teilnähmen, dass aus allen 204 Olympia-Ländern erstmals mindestens eine Sportlerin angereist sei und dass drei Länder – die beiden arabischen Staaten Katar und Saudi-Arabien sowie das islamische Sultanat Brunei – erstmals Frauen entsandt hätten, konkret: sieben an der Zahl.

Was das alles mit Emanzipation, Spitzensport oder Islam zu tun hat? Wenig bis gar nichts. Der Slogan von den "weiblichsten Spielen" gibt indirekt ein wenig vorteilhaftes Frauenbild preis.

Über Jahrzehnte hinweg waren Frauen von vielen olympischen Sportarten ausgeschlossen. 1896 befand der Initiator der Olympischen Spiele, Pierre de Coubertin, der Einschluss von Frauen wäre "unpraktisch, uninteressant, unästhetisch und inkorrekt" gewesen. 1900 durften sie erstmals in fünf Sportarten antreten, seit 1912 schwimmen und seit 1928 in einigen Leichtathletik-Disziplinen mitmachen. Selbst der 3.000-Meter-Hindernislauf, in dem Ghribi jetzt brillierte, stand für Frauen erst zum zweiten Mal auf dem olympischen Programm.

Dass sich der Frauenanteil seit den Londoner Spielen 1908 von dreizehn auf über vierzig Prozent erhöht hat, ist Ausdruck eines gesellschaftlichen Wandels, dem sich die Sportverbände nicht verschließen konnten. Selbst das IOC kam bis 1981 ohne Frauen aus. Heute finden sich drei Frauen im insgesamt fünfzehn Angehörige zählenden Exekutivkomitee; Vizepräsidentin ist die Marokkanerin Nawal Al Moutawakel, die 1984 die erste arabische, afrikanische und muslimische Olympiasiegerin (400-Meter-Hürden) war.

London 2012

Vom 27. Juli bis zum 12. August 2012 richtet London die größte Sportveranstaltung der Welt aus. Bei den Sommerspielen der 30. Olympiade wird es in 26 Sportarten 302 Entscheidungen geben. Insgesamt werden mehr als 10.000 Sportler aus mehr als 200 Ländern in England erwartet. Außerdem werden ungefähr 30.000 Journalisten aus aller Welt aus London von den Spielen berichten. Insgesamt stehen 6,6 Millionen Tickets zum Verkauf.

Olympia auf ZEIT ONLINE

In unserem Ticker verpassen Sie keinen olympischen Wettkampf, keine Medaille und keinen Termin der Sommerspiele in London. Den an jedem Olympiatag spannendsten Wettkampf stellen wir in der Serie "Mein Olympia" vor. Alle Interviews, Reportagen und Essays der Redaktion finden Sie auf der Olympia-Seite. Die englische Hauptstadt London ist nach 1908 und 1948 die erste Metropole, die zum dritten Mal Gastgeber der Spiele ist. Für ZEIT ONLINE berichten Christian Spiller und Christof Siemes aus London. Im Blog der Sportredaktion lesen Sie die Erfahrungen der Olympiareporter.

Problematisch ist, dass die neue Weiblichkeit mehr an der Präsenz als am Niveau der Sportlerinnen festgemacht wird. Das IOC erteilte etliche Wildcards, damit Frauen als sportliche Botschafterinnen ihr Land repräsentieren können, ohne die sportlichen Qualifikationskriterien erfüllen zu müssen. Die internationale Presse begleitete dies mit unkritischer Begeisterung für die Außenseiter.

Die Wildcards erwecken den Eindruck, im Frauensport komme es mehr auf Quantität denn auf Qualität an, die wirklich "großen" Leistungen würden ohnehin von Männern wie Wiggins, Phelps und Bolt vollbracht. Hinzu kommt, dass arabische Sportlerinnen als Exotinnen dastehen, für die das Dabeisein (sprich: Ausscheiden in der ersten Runde) das höchste der Gefühle sei.

Dabei waren in den 800-Meter-Vorläufen in London fünf Araberinnen am Start, die auf internationalem Niveau liefen, also 40 Sekunden schneller als Sarah Attar. Im Judo gewannen auch schon eine Algerierin und eine Türkin die Bronzemedaille. Insgesamt gab es vier arabische (Marokko, Algerien, Syrien) und vier muslimische Olympiasiegerinnen (Indonesien, Türkei, Kasachstan).

Das IOC begründete die Weiblichkeit der Spiele mit drei islamischen Nachzügler-Staaten, nannte aber keine absolute Zahl von "Musliminnen". Dadurch bleibt unklar, welchen Erfolg das IOC jenseits der eigenen PR wirklich feiert. Vorsichtig geschätzt, dürften 280 Athletinnen islamischer Herkunft am Start sein. Das wären zehn Prozent aller muslimischen Teilnehmer, die ein Drittel des gesamten Teilnehmerfeldes ausmachen. Diese Frauenquote legt eher den Gedanken nahe, dass noch viel zu tun ist, als dass schon ein Meilenstein erreicht wäre, wie das IOC glauben machen will.

Leserkommentare
  1. Ein Titelbild einer Sportlerin mit Kopftuch? Diese Erfindung von Männern für Männer ausgeführt von Frauen.

    Es gab dieses Jahr Frauenboxen. Warum nicht ein Bild der Olympiasiegerin im Frauenboxen???

    Ich kann den Inhalt des Artikels auch nicht wirklich unterstreichen. Es waren sehr weibliche Spiele das halt die klassischen Männerdisziplinen (100 m Lauf, Dream Team, etc) im Rampenlicht stehen "so what"? Die Zeit (damit mein ich nicht die Zeitung) wird es zeigen.

    7 Leserempfehlungen
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    • Seyid
    • 11.08.2012 um 15:09 Uhr

    "Diese Erfindung von Männern für Männer ausgeführt von Frauen."

    Das ist ihr erster Gedanke?
    Machen sie sich frei von Vorurteilen, guter Freund.

    Und wieso das Titelbild?
    Weil es hier inhaltlich um muslmische Atheltinnen geht bzw. um Athletinnen, die aus muslimischen Ländern kommen?

    Das Bild ist finde ich angemessen.

    • Seyid
    • 11.08.2012 um 15:09 Uhr

    "Diese Erfindung von Männern für Männer ausgeführt von Frauen."

    Das ist ihr erster Gedanke?
    Machen sie sich frei von Vorurteilen, guter Freund.

    Und wieso das Titelbild?
    Weil es hier inhaltlich um muslmische Atheltinnen geht bzw. um Athletinnen, die aus muslimischen Ländern kommen?

    Das Bild ist finde ich angemessen.

    • Seyid
    • 11.08.2012 um 15:09 Uhr

    "Diese Erfindung von Männern für Männer ausgeführt von Frauen."

    Das ist ihr erster Gedanke?
    Machen sie sich frei von Vorurteilen, guter Freund.

    Und wieso das Titelbild?
    Weil es hier inhaltlich um muslmische Atheltinnen geht bzw. um Athletinnen, die aus muslimischen Ländern kommen?

    Das Bild ist finde ich angemessen.

    Antwort auf "Warum??"
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    Sport auf Religion zu beziehen auf solche Absurditäten würde ich kaum kommen.

    Sport ist der Kampf Frau gegen Frau, Mann gegen Mann, Mixed vs. Mixed und Team gegen Team.

    Das dieser Artikel nicht auf europäische/asiatische und amerikanische (Nord+Süd) Sportlerinnen eingeht ist dann auch Absurd. Sind die Sportlerinnen dieser Kontinente jetzt zweitrangig?

    ..Sie finden es also "angemessen, dass diese Frau mit Kopftuch laufen "muß,will?"
    Wie finden Sie dann die Sportlerinnen ohne Kopftuch? Nicht angemessen? Es ist schon sehr anmaßend, dass Frauen ihre Haare auch beim Sport verdecken müssen, ich frage mich, Wozu???

    Sport auf Religion zu beziehen auf solche Absurditäten würde ich kaum kommen.

    Sport ist der Kampf Frau gegen Frau, Mann gegen Mann, Mixed vs. Mixed und Team gegen Team.

    Das dieser Artikel nicht auf europäische/asiatische und amerikanische (Nord+Süd) Sportlerinnen eingeht ist dann auch Absurd. Sind die Sportlerinnen dieser Kontinente jetzt zweitrangig?

    ..Sie finden es also "angemessen, dass diese Frau mit Kopftuch laufen "muß,will?"
    Wie finden Sie dann die Sportlerinnen ohne Kopftuch? Nicht angemessen? Es ist schon sehr anmaßend, dass Frauen ihre Haare auch beim Sport verdecken müssen, ich frage mich, Wozu???

  2. weswegen das IOC den schwarzen Peter zugeschoben bekommt. Ich kann mir beim allerbesten Willen nicht vorstellen, woher ihre Wahrnehmung rührt, die Spiele seien nicht "weiblich". Als ob die Frauenwettbewerbe nur Nebenschauplätze seien. Ich kann ihrem Text leider nicht ein einziges kohärentes Argument entnehmen.

    Zu den saudischen Sportlerinnen: mit der Nominierung dieser beiden "Athletinnen" (beides Töchter unerhört reicher Eltern, die als "Geschenk" in die Spiele eingekauft wurden) versuchte das saudische olympische Kommittee die "Quotierung" des IOC, dass nur Nationen teilnehmen dürfen, die auch Frauen entsenden, zu konterkarieren und der eigenen weiblichen Bevölkerung eins reinwürgen.

    Eine Leserempfehlung
  3. Sport auf Religion zu beziehen auf solche Absurditäten würde ich kaum kommen.

    Sport ist der Kampf Frau gegen Frau, Mann gegen Mann, Mixed vs. Mixed und Team gegen Team.

    Das dieser Artikel nicht auf europäische/asiatische und amerikanische (Nord+Süd) Sportlerinnen eingeht ist dann auch Absurd. Sind die Sportlerinnen dieser Kontinente jetzt zweitrangig?

    Antwort auf "Warum nicht?"
  4. ..Sie finden es also "angemessen, dass diese Frau mit Kopftuch laufen "muß,will?"
    Wie finden Sie dann die Sportlerinnen ohne Kopftuch? Nicht angemessen? Es ist schon sehr anmaßend, dass Frauen ihre Haare auch beim Sport verdecken müssen, ich frage mich, Wozu???

    8 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Warum nicht?"
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    • Seyid
    • 12.08.2012 um 20:08 Uhr

    Ich sagte ich finde das Bild zum Inhalt des Textes angemessen!
    Es war niemals die Rede, dass ich das Kopftuch angemessen finde.

    Desweiteren; ist ihre Unterstellung ich würde Frauen ohne Kopftuch unangemessen finde schlichtweg eine Lüge.

    Und ihre Frage wieso das Kopftuch.

    Sehen Sie... Sie verstehen nicht den Sinn des Kopftuches, sonst hätten Sie diese Frage nicht gestellt.

    Und sehen Sie... Ich finde es noch anmaßender mich hier zu attackieren, wo doch kein schlechtes Wort über meine Lippen kam.

    Wenn Sie wirklich daran interessiert sind, wozu all dies... Schreiben Sie mich per E-Mail an und ich werde Ihnen gern die Frage ausführlich beantworten.

    Gruß Seyid

    • Seyid
    • 12.08.2012 um 20:08 Uhr

    Ich sagte ich finde das Bild zum Inhalt des Textes angemessen!
    Es war niemals die Rede, dass ich das Kopftuch angemessen finde.

    Desweiteren; ist ihre Unterstellung ich würde Frauen ohne Kopftuch unangemessen finde schlichtweg eine Lüge.

    Und ihre Frage wieso das Kopftuch.

    Sehen Sie... Sie verstehen nicht den Sinn des Kopftuches, sonst hätten Sie diese Frage nicht gestellt.

    Und sehen Sie... Ich finde es noch anmaßender mich hier zu attackieren, wo doch kein schlechtes Wort über meine Lippen kam.

    Wenn Sie wirklich daran interessiert sind, wozu all dies... Schreiben Sie mich per E-Mail an und ich werde Ihnen gern die Frage ausführlich beantworten.

    Gruß Seyid

  5. So sieht also die "Weiblichkeit" der ZEIT aus.

    • kyon
    • 11.08.2012 um 17:47 Uhr

    Religiöse Signale gehören nicht zur sportlichen Betätigung, schon gar nicht zum internationalen Wettkampf.

    Als Zuschauer einer internationalen Veranstaltung kann man es nicht vermeiden, die Religiosität der Kopftuch tragenden Sportlerinnen mitzudenken. Deren Verhalten ist deshalb ich-bezogen und aufdringlich.

    3 Leserempfehlungen
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    ... natürlich müssten dann aber auch zahllose Läufer/innen auf dieser aufdringliche Kettchen mit dem Kreuz verzichten. Und die israelische Flagge müsste auch verpixelt werden. Nicht zu vergessen die ganzen Hymnen, die sich explizit auf Gott beziehen. Dann viel Spaß, das zu regulieren.

    ... natürlich müssten dann aber auch zahllose Läufer/innen auf dieser aufdringliche Kettchen mit dem Kreuz verzichten. Und die israelische Flagge müsste auch verpixelt werden. Nicht zu vergessen die ganzen Hymnen, die sich explizit auf Gott beziehen. Dann viel Spaß, das zu regulieren.

    • nfb
    • 11.08.2012 um 18:04 Uhr

    Wenn das manche so sehr stört das eine Sportlerin einen Kopftuch trägt, dann schauen Sie sich doch was anderes an.

    2 Leserempfehlungen
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    "Wenn das manche so sehr stört das eine Sportlerin einen Kopftuch trägt, dann schauen Sie sich doch was anderes an."

    gern, doch das wird immer schwieriger.

    "Wenn das manche so sehr stört das eine Sportlerin einen Kopftuch trägt, dann schauen Sie sich doch was anderes an."

    gern, doch das wird immer schwieriger.

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