Tops und Flops OlympiaWenn Frauen Frauen boxen und Bolt Phrasen drischt

Über Politiker, Gleichberechtigung im Kampfsport, großmäulige Sieger, das englische Wetter – unsere Olympia-Reporter bringen die fünf Tops und Flops aus London mit. von  und

Der einzige neue Sport bei diesen Spielen hat die Zuschauer und Experten überzeugt: Frauenboxen.

Der einzige neue Sport bei diesen Spielen hat die Zuschauer und Experten überzeugt: Frauenboxen.  |  © Jack Guez/AFP/GettyImages

Die Top 5

1. Frauenboxen Man muss es ja nicht mögen, wenn Frauen Frauen boxen. Aber der einzige neue Sport bei diesen Spielen bot alles, was zu Olympia gehört: ergreifende Geschichten von Erniedrigten und Gequälten, die sich freikämpfen. Fesselnde Duelle ohne das großmäulige Getue der Preisboxer. Selbst die Kollateralschäden in den Gesichtern hielten sich in Grenzen. So wurde der offizielle Zuschauerlärmrekord dieser Spiele auch in der Boxarena aufgestellt, beim Viertelfinale der Britin Natasha Jonas gegen die spätere Olympiasiegerin Katie Taylor aus Irland : 113,7 Dezibel.

2. Die Gummistiefel der Tschechen Als sie damit bei der Eröffnungsfeier reinmarschiert kamen, war das ein guter Witz. Allerdings misstrauten sie dem britischen Wetter offenbar wirklich und trugen die blau glitzernden Dinger aus der offiziellen Teamgarderobe auch zu Siegerehrungen bei 25 Grad im Schatten. Jetzt können die Tschechen zu Hause erzählen, dass man in England sogar dann feuchte Füße bekommt, wenn es nicht regnet.

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3. Boris Johnson Die Erwartungen an Londons Slapstick-Bürgermeister waren hoch. Boris Johnson hat sie übertroffen. In einer Zeitungskolumne schrieb er, die "halbnackten Frauen" beim Beachvolleyball sähen aus wie "glänzende nasse Fischotter", an einem anderen Tag strandete er an einem Seil in der Luft baumelnd, tollpatschig mit zwei Union-Jack-Fläggchen wedelnd. Was anderen den Sexismusvowurf eingebrockt hätte oder zumindest Spott, stärkte nur Johnsons Ruf als Polit-Clown. Schamlos nutzte er Olympia für sich und seine Späße und hat sich damit laut Umfragen zum beliebtesten Konservativen des Landes gemacht, weit vor dem Premierminister David Cameron . Was das über das Gastgeberland aussagt, gilt es noch herauszufinden.

4. Ezekiel Kemboi Vergesst Bolt! Der Kenianer liefert eine mindestens genauso gute Show. Als der Weltpresse alle seine Erfolge seit Jugendtagen (der 30-Jährige war schon in Athen Olympiasieger) aufgezählt wurden, geschah das im Stil einer Stand-up-Comedy. Er rasierte sich die Haare auf dem Schädel in Medaillenform. Beendete sein Rennen über 3.000 Meter Hindernis nicht innen auf Bahn 1, sondern lief etliche Extra-Meter, um ganz außen auf der 9 ins Ziel zu kommen. Gewonnen hat er trotzdem. Anschließend erklärte der selbsternannte Mini-Bolt, er habe nur schon mal für seine spätere Marathonkarriere trainieren wollen.

5. Musik Gemeint sind hier nicht die Big Shots wie George Michael oder The Who, die bei der Schlussfeier noch einmal Britanniens Weltherrschaft im Reich des Pop demonstrieren sollten. Wir haben uns verliebt in die Kleinkünstler, die sich an diversen Ecken im Olympic Park auf improvisierten Mini-Bühnen aufs Coolste die Seele aus dem Leib sangen. Sollte das britische Sportwunder nach diesen Heimspielen zu Ende gehen – der Nachwuchs in der Disziplin Singing/Songwriting wird immer Weltklasse sein. 

Leserkommentare
  1. Wirklich ein unterhaltsamer Artikel. Danke!
    Mein Top-Erlebnis gegen Ende der Spiele war wieder das Mountainbike-Fahren. Viel abwechslungsreicher als Leichtathletikrennen - und in viel schönerer Umgebung.
    Gefloppt sind für mich wieder mal die Kommentatoren. Ich habe bei allen Leichtathletik- sowie Ruder-Endläufen (inkl. Kajak und Co.) den Ton abgeschaltelt. Es war einfach zu schrecklich!

    Eine Leserempfehlung
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    • Lacocca
    • 13. August 2012 13:39 Uhr

    "Und den Hype um Bolt und sein Geprahle habe ich zwar mitgekriegt, aber jetzt kann ich ihn einordnen."
    Bolt hat kaum gezielt geprahlt und bei ihm muss ich zugeben dass der Hype gerechtfertigt war.

    "Gefloppt sind für mich wieder mal die Kommentatoren. Ich habe bei allen Leichtathletik- sowie Ruder-Endläufen (inkl. Kajak und Co.) den Ton abgeschaltelt. Es war einfach zu schrecklich!"
    Für Leichtathletik empfehle ich sehr auf Eurosport umzuschalten, das Duo Sigi Heinrich und Dirk Thiele sind nicht grundlos legändär. Sie machen Leichtathletik nicht nur sehr spannend und sondern kennen sich wirklich bestens aus und bringen dies gut verständlich rüber. z.B. wieso Bolt "prahlt"

    Und zu einer Legende gehört nicht unbedingt Demut. Wie kommt man auf die Idee?

    Ich habe es genauso gemacht. Keiner der Moderatoren hat begriffen, was unter "olympischem Geist" zu verstehen ist. Im übelsten Sinne reine Nationalstaaterei mit Blick auf den Medaillenspiegel. Wirklich traurig.

  2. "Kann man in Zukunft Medaillen und Blumen nicht von ein paar unschuldigen Kindern überreichen lassen?"

    Passend dazu: wie tolpatschig gestern der Funktionär bei der Marathon-Siegerehrung den Blumenstraus ergriff - aber wer sonst nur nach Geldbündeln grabscht...

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  3. Ich habe keine einzige Minute Olympiade im TV geguckt und bin doch jetzt bestens informiert über alles Wissenswerte.

    Die Tschechen in Gummistiefeln hätte ich wahrscheinlich sowieso verpasst, jetzt kann ich sie gezielt googeln.

    Und den Hype um Bolt und sein Geprahle habe ich zwar mitgekriegt, aber jetzt kann ich ihn einordnen.

    Ach ja, und nun weiß ich auch, daß die über die Schiedsrichterentscheidung weinende Frau Shin wohl keine Ausnahme war.

    Und daß die Sponsorendiktatur immer erschreckendere Ausmaße annimmt.

    Viel Zeit gespart. Danke nochmals.

    k.

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    Schade dass Sie speziell U. Bolt nicht im TV gesehen haben, dann würden Sie bestimmt feststellen, das vereinzelte abfällige Presseberichte über Bolt die dazugehörenden Bilder und Filme einfach nicht hergeben.
    Das wird wohl jeder Zuschauer feststellen, der noch zum Staunen und zur Anerkennung der Leistungen anderer fähig ist.

    Bolt wirkt alles andere als arrogant oder größenwahnsinnig. Seine ansteckend ungezwungene, humorige, selbstironische Art ist ein Lichtblick und beweist, dass auch Höchstleistungen möglich sind ohne ständig grimmig dreinzuschauen.
    Er ist schnellster Mann der Welt, wie soll er denn jetzt auftreten, damit alle zufrieden sind, etwa mit gesenktem Haupt und buckelndem Rücken ?

    Außergewöhnliche Sportler oder Künstler scheinen am Ego mancher Journalisten zu knabbern, sie wollen dann der Welt mitteilen, dass der eine zwar schnell rennen oder schnelle Gitarresolos spielen, sie aber gut darüber schreiben können und dabei den totalen Überblick haben. Manche wollen dann den Machern sogar deren Tun erklären, obwohl die doch am besten bescheid wissen müssten.

    Somit sind so manche über reine Referate weit hinausgehende zu sehr subjektiv gefärbte Sportkommentare, Buch- oder Musikkritiken überflüssig, dienen nicht selten nur der Profilierung der Schreiber, wobei an bereits geschehenen Ereignissen, die schon für sich sprechen, sowieso nichts mehr geändert werden kann. Auch nicht durch Psychofernanalyse, Charakterstudien oder Schlechtreden der Protagonisten.

  4. Eigentlich habe ich nicht viel zu kritisieren an den Organisation, aber eine Kleinigkeit wäre da noch. Es mag des Britens Eigenart sein sich schön artig in eine Schlange zu stellen.
    Anderen macht das vielleicht nicht so viel Spaß. Am Eton Lake gab es 4 Bewirtungszonen a 3 Stände für so ca 20.000 Besucher. Bier gab es an Stand 1, was zu Essen an Stand 2 und den Kaffee and Stand 3. Wenn man also für sich ein Bier und ein Brötchen holen wollte und für die Freundin einen Kaffee, so musste man insgesamt so ca eine Stunde anstehen.

    Berichten von Besuchern anderer Wettbewerbe untermauern diese Erfahrung.

    Was die "Britisierung" der Presse angeht: 2006 war das bei uns in Deutschland doch nicht großartig anders, besonders in der Boulevardpresse und dass die BBC nicht so trocken wie die hiesige ARD ist, sollte man eigentlich wissen. Team GB war unvorhersehbar stark und hat eben Gefühle ausgelöst. Lasst denen doch ihren Spaß.

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  5. Dieser Artikel, vor allem Nr. 2 der Flops, spricht mir aus der Seele. Ich habe es ebenfalls als sehr nervig und hochmütig empfunden, dass Bolt in jedem Interview davon sprach, nun eine Legende zu sein. Irgendwie unsympathisch!

  6. nach einem Sieg lässt mich vermuten, dass diese gedopt waren. So führt sich doch niemand als Sieger auf (z.B. Harting.)

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    Also jemand der sich vier Jahre auf einen Wettkampf vorbereitet und sich dann total über den Sieg freut und ausgelassen jubelt, ist nach Ihrer Meinung automatisch gedopt?

    Wahnsinns Logik!

    • 15thMD
    • 13. August 2012 16:09 Uhr

    Was würden Sie denn tun? Oder sollte das ein WItz sein? Sehr schlechter HUmor.

    • Lacocca
    • 13. August 2012 13:39 Uhr

    "Und den Hype um Bolt und sein Geprahle habe ich zwar mitgekriegt, aber jetzt kann ich ihn einordnen."
    Bolt hat kaum gezielt geprahlt und bei ihm muss ich zugeben dass der Hype gerechtfertigt war.

    "Gefloppt sind für mich wieder mal die Kommentatoren. Ich habe bei allen Leichtathletik- sowie Ruder-Endläufen (inkl. Kajak und Co.) den Ton abgeschaltelt. Es war einfach zu schrecklich!"
    Für Leichtathletik empfehle ich sehr auf Eurosport umzuschalten, das Duo Sigi Heinrich und Dirk Thiele sind nicht grundlos legändär. Sie machen Leichtathletik nicht nur sehr spannend und sondern kennen sich wirklich bestens aus und bringen dies gut verständlich rüber. z.B. wieso Bolt "prahlt"

    Und zu einer Legende gehört nicht unbedingt Demut. Wie kommt man auf die Idee?

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Top und Flop"
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    • TDU
    • 13. August 2012 13:50 Uhr

    Vielleicht ein gewisser Respekt vor dem Gegner in der Erkenntnis, dass die körperliche Beschaffenheit, die es erlaubt, Siege mit einer gewissen Leichtigkeit zu erringen, auch ein wenig Glückssache ist.

    • TDU
    • 13. August 2012 13:50 Uhr

    Vielleicht ein gewisser Respekt vor dem Gegner in der Erkenntnis, dass die körperliche Beschaffenheit, die es erlaubt, Siege mit einer gewissen Leichtigkeit zu erringen, auch ein wenig Glückssache ist.

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    Antwort auf "Kommentatoren und Bolt"
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    • awaler
    • 13. August 2012 14:39 Uhr

    sich nicht erwischen zu lassen.

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