Olympia-SponsoringHöher, schneller, breiter

Neben dem Olympiastadion steht die weltgrößte McDonald's-Bude. Dieser Widerspruch stört niemanden, allenfalls einen empfindlichen Magen. von 

Die große McDonalds-Filiale im Olympischen Park

Die größte McDonald's-Filiale der Welt steht im Olympischen Park.  |  © Christian Spiller

Vor den riesigen Holzklotz haben sie eine Wiese gepflanzt. Mit Blümchen und Gräsern. Würde man sich das güldene M und die fettige Luft wegdenken, könnte man aus einem günstigen Blickwinkel annehmen, der durchgestylte Kasten sei ein fesches Öko-Kaufhaus. Oder die Zentrale des netten WWF. In Wahrheit ist er der größte Fressladen auf Erden.

Nur ein paar Harting'sche Diskuswürfe vom Olympiastadion entfernt steht das größte McDonald's-Restaurant der Welt. Wobei bei dem Wörtchen Restaurant jedem Küchenchef, der etwas auf sich hält, vor Schreck die Kochmütze in die Kalbsjus fällt. Bis zu 14.000 Heißhungrige können hier pro Tag versorgt werden. 2.000 von ihnen finden gleichzeitig Platz.

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Etwa 500 professionelle Burgerflipper sind im Einsatz, handverlesen, als Belohnung für ihre gute Burgerflipperei in den anderen Filialen des Königreichs. Das Unternehmen rechnet in den 29 olympischen und paralympischen Tagen mit 1,75 Millionen verkauften Mahlzeiten in diesem und den drei anderen Restaurants auf dem Olympia-Gelände.

Schon das Absperrband vor der Riesenfrittenbude, das man nur von Flughäfen kennt und die drängenden Menschenmassen in handliche Portionen einteilt, lässt Schlimmes erahnen. Vier Kehren gilt es zu überwinden, bis einem Zutritt in die heiligen Junkfood-Hallen gewährt wird. Innen: ein Andrang wie in einer Bahnhofshalle. Hinter jeder der zwanzig Kassen stauen sich etwa dreißig Meter Menschen. Dreißig Meter! Wer hier wirklich kurz vor dem Hungertod reinstolpert – und warum sonst sollte man hier sein? – wird es wohl nicht schaffen.

Christian Spiller
Christian Spiller

Christian Spiller ist Redakteur im Ressort Sport bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Dass die Burgerbraterei die größte Sportveranstaltung der Welt sponsert, ist wahrscheinlich der dickste Widerspruch in der Geschichte der Werbung. Selbst im Athletendorf gibt es Fast Food. Usain Bolts Mär, seinen Legendenstatus auf Basis einer Chicken-Nugget-Diät begründet zu haben, glaubt ihm sowieso keiner. Und dass man mit einem Big Mac im Bauch eher absäuft als Weltrekord schwimmt oder beim Judo doch lieber verdauungsfördernd auf der Matte liegen bleibt, ist bekannt. Dennoch hauen sich Tausende Menschen täglich dort den Wanst voll, kurz nachdem sie Athleten zugejubelt haben, aus deren Körpern die Askese spricht.

Es geht dann doch flott mit der Bestellung, was an den vier Express Order Lanes liegt. Dort darf sich nur einreihen, wer sich von den McDonald's-Bediensteten nicht in die Tiefen der hausinternen Speisekarten einführen lassen will und auf existenzielle Fragen wie "Ketchup oder Mayo?" oder "Hier essen oder mitnehmen?" flott antworten kann.

Dem Express-Order-Lane-Kunden kommt Mitarbeiterin A entgegengelaufen, die die Bestellung in ein kleines Technik-Gadget tippt. Mitarbeiter B ein paar Meter weiter kassiert. Vorne am Futtertrog händigt einem Mitarbeiter C die Bestellung aus, wobei auch Mitarbeiter D und E erwähnt werden müssen, die die Kalorien auf dem Tablett sorgfältig arrangieren. Nicht vergessen sollte man die Mitarbeiter F bis X, deren hektische Wuselei im Hintergrund einen ganz nervös macht und die das Essen, nun ja, warmmachen.

Rebecca ist mit ihren drei Söhnen gekommen. Diego, 3, Rory, 5, und Zachary, 7, haben den Union Jack auf den Wangen und Ketchup in den Mundwinkeln. Auf Kinder, so die Kritiker, hat es der Fast-Food-Riese besonders abgesehen. Gelockt wird mit Happy Meals, in dessen Tüten auch Wenlock steckt, das olympische Maskottchen, mit dem nur die offiziellen Sponsoren werben dürfen. Diego, Rory und Zachary finden Wenlock cool.

Trotzdem scheint Rebecca, das fettige Problem im Griff zu haben. "Wir gehen sonst eigentlich nicht zu McDonald's", sagt Rebecca, höchstens einmal im Jahr. "Weil es dick macht", sagt Rory. "Sehen Sie!", sagt Rebecca. "Hier ist alles gut organisiert und man weiß, was man bekommt." Natürlich sei die Kombination Olympia und McDonald's ein Widerspruch. Aber am Ende hätte man es als Konsument doch selbst in der Hand, inwieweit man sich darauf einlässt. Hier im Olympic Park sei es zudem eine Frage der Alternativen.

Tatsächlich sind über das gesamte Olympiagelände zwar viele verschiedene Imbissstände verteilt, die den Anspruch haben, Essen aus der ganzen Welt verkaufen. Doch weder das Chili con carne, noch die Pizza, noch die als Sausage daherkommende Bratwurst haben mit ihren Brüdern aus Mexiko , Italien oder Deutschland etwas gemein. 

Und dass man angesichts typisch englischer Gerichte wie Fish and Chips , Cottage Pies und den unvermeidlichen queraufgeschnitten Sandwiches mit ihren kruden Belägen lieber zu McDonald's läuft, darf niemanden überraschen. Zudem steht man oft noch länger an, und die Preise sind selbst für Londoner Verhältnisse horrend.

Leserkommentare
  1. Genauso wie bei Werder Bremen? Bei Werder würde das Wappen von "Die Zeit" ja auch passen.

    Ja leider ist es nicht "Subway" (Mein persönlicher Fast-Food Liebling)der Sponsor aber was will man machen? Schon bei der WM 2006 wurde Budweiser kritisiert keine lokalen Biermarken in die Stadien gelassen zu haben.

    Geld bestimmt halt was verkauft wird.

  2. Ich musste ... Ich schwöre, das ist die Wahrheit! ... 10 Sekunden überlegen, wo denn zwischen "Olympia" und "McDonalds" nun der "Widerspruch" liegen soll. Nach erst nach längerem Abklopfen der Begriffe habe ich verstanden, was der Autor meint. Ach ja, "Olympia", das war ja früher mal angeblich nicht "Kapitalismus", sondern was mit "gesund" und "Amateuren" und so ...

    Ich glaube, das assoziative Netz in einem Kopf ist einfach näher an der Wirklichkeit als das des Autors ... und deshalb kann ich mich jetzt auch nicht wirklich aufregen.

    • spacko
    • 11. August 2012 20:53 Uhr

    Kleine Erbsenzählerei am Rande: Chili Con Carne stammt genausowenig aus Mexiko wie der Döner aus der Türkei - mit dem Unterschied, dass "Chili Con Carne" bis heute in Mexiko unbekannt ist.
    Und der Europarekord: "70.000 Briten sollen jährlich durch ungesunde Ernährung früher sterben" scheint angesichts der mit Deutschland fast identischen Lebenserwartung (trotz des britischen Gesundheitssystems!) zumindest dubios.

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    • KaHe
    • 12. August 2012 5:24 Uhr

    Aha, na dann klären Sie uns doch auf, woher der Döner stammen soll, wenn niicht aus Anatolien!?!

    http://de.wikipedia.org/w...
    Ist ne Berliner Erfindung...
    Und der Erfinder kommt von der Schwarzmeerküste, also nicht aus Anatolien.

    "Chili Con Carne stammt genausowenig aus Mexiko wie der Döner aus der Türkei - mit dem Unterschied, dass "Chili Con Carne" bis heute in Mexiko unbekannt ist."

    Döner ist bei den wahren Türken auch unbekannt, es ist eher eine Deutsch-Türkische Interpretation..Kebab wäre wenn dann richtig.

    Genau so wie immer lesen und hören muss, dass bei Spaghetti Carbonara Sahne reingehört..das ist komplett falsch, never ever gehört Sahne rein. Das gleiche gilt für die Bolognese die es so auch gar nicht in Italien gibt, schon gar nicht mit Spaghetti als Pasta (100% falsch) und auch nicht in Bologna zu bestellen, man wüsste in der UNI-Stadt gar nicht was los ist. Bitte dann "Tortellini al Ragout" bestellen..das wäre richtig.

    Glauben Sie es mir einfach.. ;-)

    Gruß

  3. "dass man angesichts typisch englischer Gerichte wie Fish and Chips, Cottage Pies und den unvermeidlichen queraufgeschnitten Sandwiches mit ihren kruden Belägen lieber zu McDonald's läuft, darf niemanden überraschen"
    Haben Sie Fish and Chips und Cottage Pies probiert, bevor Sie sowas behaupten? Schlimmeres als das schnittfeste, gebratene Fett von McDonalds ist zwar sicher möglich, aber nicht so einfach.

  4. ein Unfug: wenn sie regelmäßig Sport treiben, können Sie tonnenweise McD essen, problemlos. "Ungesund" ist das Zeug nur für Couch Potatos.
    Und: Athlet und Askese gehen nicht gut zusammen.

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    da müsste der Sportler sich dann alle 2 Stunden vollfuttern... Länger hält das Sättigungsgefühl von dem Zeug nicht an. Abgesehen davon ist "können" nicht wirklich "müssen" oder "ratsam" Der Gehalt dieser Produkte ist sehr schlecht. Die Fette & Zusatzstoffe sind ausserdem eine Zumutung für den Körper.

    Dr. Fünke bringt´s mal wieder auf den Punkt.;-) Genau den gleichen Gedanken hatte ich auch. Sportler können sich die Kalorien reinhauen, sie verbrennen sie ja im gleichen Moment wieder. Ob einem das Zeug schmeckt oder nicht, ist ja bekanntlich mal wieder eine Frage des Geschmacks, über den man nun mal nicht streiten kann . . . Wer MD essen will, der soll´s tun, der Andere lässt es eben!

    • NDT
    • 11. August 2012 21:38 Uhr

    Ich mag das Essen bei MD auch nicht. Es schmeckt irgendwie alles gleich und zudem fühle ich mich schlecht, wenn ich dort gegessen habe. Dennoch muss man MD auch Erfolg zugestehen. Das ist wie mit der Bild-Zeitung - angeblich list sie keiner, aber trotzdem ist sie Deutschlands meist verkaufte Tageszeitung...
    Abgesehen davon finde ich dieses Bashing gegen MD nicht angebracht, immerhin bieten sie nur das an, was auch gegessen wird. Ohne Nachfrage nach diesen Produkten wären solche "Fast-Food Tempel" gar nicht möglich.

  5. ... und jetzt raten Sie mal, wo der seinen Kaffee trinken wollte?

    Wir sind nicht nur das Opfer unserer Gewohnheiten, sondern auch zu träge und zu ungewahrsam um etwas daran zu ändern.

    Ich sage wir, weil ich manchmal genauso doof bin, obwohl ich nicht zu SB und MD gehe, und auch keine Bild lese.

    Ganz nebenbei gesagt. Auch heute noch gibt es in Wien den besten Kaffee der Welt. Man muss dieses eine Kaffeehaus in einer kleinen Nebenstrasse der Fussgängerzone nur finden.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Coca-Cola | Jacques Rogge | Askese | Diego | Diskuswurf | England
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