Oscar Pistorius : Schnellster Mann auf keinen Beinen

Oscar Pistorius hat es mit Prothesen zu Olympia geschafft. Für die einen belegt es, dass für Behinderte alles möglich ist. Andere beklagen einen Vorsprung durch Technik.
Oscar Pistorius, der Blade Runner © Alexander Hassenstein/Getty Images Sport

Oscar Pistorius kommt in Sportschuhen, in die Haare hat er sich eine Sonnenbrille mit blauen Bügeln geschoben. Erst als er später wieder geht und dabei ein paar Stufen herunter muss, verraten seine steifen Schritte, dass etwas anders ist. Über dieses Anderssein hat Pistorius davor eine knappe Stunde lang gesprochen, das Anderssein, das ihm so normal vorkommt. Und das ihn doch so einzigartig macht unter den 10.500 Athleten bei diesen Olympischen Spielen in London .

Als erster Athlet auf zwei Beinprothesen wird er bei Olympia starten. An diesem Samstag findet im Stratford Stadium sein Vorlauf über 400 Meter statt. In der Staffel könnte Pistorius am nächsten Freitag sogar eine Medaille gewinnen, so wie er im vergangenen Jahr auch im Vorlauf zur südafrikanischen 4x400-Meter-Staffel gehörte, die am Ende Silber erreichte.

Pistorius ist ein Grenzläufer geworden, er überwindet Barrieren, er ist der prominenteste Vertreter des Ziels, dass sich auch mit Behinderung alles erreichen lässt. Sogar das, was nur die besten Nicht-Behinderten schaffen. Und welche Bühne wäre für die Erfüllung dieses Traums besser geeignet als die Olympischen Spiele mit ihrem Anspruch, die ganze Welt zusammenzuführen? Doch das ist nur eine Seite.

Seine Mutter sagte: "Oscar, zieh deine Prothesen an!"

Der Moderator heißt den 25 Jahre alten Südafrikaner schon einmal herzlich willkommen bei Olympia. "Danke, ich freue mich, dass ich hier sein kann", antwortet Pistorius noch ein bisschen schüchtern. Vor ihm sitzen mehrere Hundert Journalisten aus der ganzen Welt und Pistorius weiß, dass gleich wieder Fragen kommen werden nach seinen Vorteilen, die er durch seine Karbonprothesen hat.

Die Journalisten mögen ihn, an ihm lässt sich eine der größten Geschichten dieser Spiele erzählen. "Blade Runner" wird er auch genannt. "Ich habe mir den Titel nicht ausgesucht, aber ich kann damit leben." Er ist zum Star geworden, und die letzte Frage wird eine Russin stellen. Sie habe gehört, dass Pistorius mit einem russischen Supermodel zusammen sei. Pistorius verneint. Aber es wird genügend Menschen geben, die über seinen Start nicht glücklich sind. Oscar Pistorius bringt nämlich eine unangenehme Frage mit: Die Frage, wie viel Unterschiede der Sport eigentlich verträgt.

Gegen Pistorius persönlich hat niemand etwas. Wie denn auch? Der Südafrikaner hat ein breites, offenes Lächeln, er antwortet mit ruhiger, leiser Stimme auf jede Frage. Er kann seine Geschichte einfach und sympathisch erzählen. "Ich bin in Johannesburg geboren ohne Fibulas, also den Knochen zwischen dem Knie und dem Fußgelenk. Mir wurden dann meine Unterschenkel amputiert. Morgens hat meine Mutter zu meinen Geschwistern gesagt: "Zieht Eure Schuhe an! Und zu mir: Oscar, zieh deine Prothesen an!" Er habe eine glückliche Kindheit gehabt.

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Kommentare

24 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

@schwarze Drachenrose

Kein Nachteil ist eine Sache. Aber wenn die Behinderung ihnen einen Vorteil verschafft wird es eben problematisch. Er wird sich nie den Knöchel verstauchen. Wird nie mitten im Rennen von Wadenkrämpfen geplagt werden. Und damit sind die Voraussetzungen für ihn eben ganz andere. Auch andere medizinische Maßnahmen, die die Leistung beeinflussen können, werden nur da genehmigt, wo sie den Wettbewerb nicht verzerren.

Wettbewerbsvorteil?

Und Sie können beweisen, dass es sich um einen Vorteil handelt?

Wenn es stimmt, dass die Prothesen seit 1996 im Einsatz sind, wo bleibt dann die Schar "behinderter Bevorzugter", die den gesunden Athleten davonrennen? Pistorius scheint ein Ausnahmetalent zu sein und ist dennoch einige Sekunden unter der Zeit von Michael Johnson, ich sehe kein großes Problem.

Ich finde es geschmacklos bei dieser Diskussion von einem Vorteil zu reden, wenn erstens dieser nicht klar nachgewiesen werden kann und zweitens über einen Menschen geredet wird, der keine Unterschenkel hat. Ich frag mich, was wichtiger ist. Ein wenig Menschlichkeit oder Borniertheit und Prinzipientreue. Ätzend.

Sie müssen meine Meinung ja nicht teilen,

aber deswegen müssen Sie mich nicht gleich in eine schmuddelige Ecke stellen.

Und nein, ich kann das nicht beweisen. Den läuferischen Vorteil der Karbonfedern hat allerdings Biomechanik-Professor Gert-Peter Brüggemann von der Sporthochschule Köln in einem Gutachten herausgearbeitet.

Herr Pistorius hat eine höhere Schrittfrequenz als die besten Läufer der Welt und ist zudem der einzige, der im 2ten Abschnitt der Strecke eine schnellere Zeit hinlegt als im ersten. Sie mögen das als Indiz für sein Jahrtausendtalent ansehen - ich vermute dahinter die technischen Vorteile der Sprungfedern.

Es gibt die Paralympics für Behinderte - da wäre meines Erachtens der richtige Platz für Läufer mit Karbonfedern.
Oder sind die Paralympics Ihrer Meinung nach unmenschlich?

Entschuldigen Sie bitte...

Ich habe mich tatsächlich im Ton vergriffen, dafür möchte ich mich entschuldigen.

Zur Sache: Ich möchte gar nicht widersprechen, dass die läuferischen Merkmale unterschiedlich sind, aber man darf auch die Nachteile dieser Prothesen nicht vergessen. Im Großen und Ganzen scheinen die Zeiten der gesunden Läufer mit denen von Pistorius einigermaßen übereinzustimmen. Außer Pistorius hat allerdings kein anderer Läufer mit solchen Prothesen von sich Reden gemacht. Deshalb meine Vermutung, dass der auch äußerlich sehr athletisch anmutende Pistorius ein Ausnahmetalent ist.

Und zu den Paralympics: Es ist nicht schön wie es ist, aber es ist nun einmal so, dass die Leistungen der Paralympics nicht gewürdigt werden, egal wie erstaunlich sie sein mögen. Die Paralympics wurden ins Leben gerufen, um denen, die vom Leben benachteiligt sind, auch eine Plattform zu geben und sie nicht auszuschließen. Wenn nun aber einer dieser Sportler von seinen Leistungen nach oben ausreißt, dann sollte man die olympischen Spiele einfach Spiele sein lassen und diese Leistung ausreichend würdigen. Es schadet wirklich niemanden, Pistorius für diese Rennen zuzulassen. Im Gegenteil, dieser Mann dürfte mehr Vorbildfunktion haben, als all die gedopten Medaillensöldner verschiedener Großmächte.

Er ist schon allein deswegen ein Ausnahmetalent,

da es bei ihm schlicht nicht vorkommen kann, dass er wegen Problemen mit der Achillessehne, der Wadenmuskulatur oder der Kniebänder ausfällt. Was erklärt man einem Läufer, der verletzungsbedingt zwei Monate Trainingspause einlegen musste, wenn Pistorius locker an ihm vorbeijoggt?

Ich gönne ihm ja durchaus seine Erfolge, aber man muss auch anderen Athleten gegenüber fair sein.