Oscar PistoriusSchnellster Mann auf keinen Beinen

Oscar Pistorius hat es mit Prothesen zu Olympia geschafft. Für die einen belegt es, dass für Behinderte alles möglich ist. Andere beklagen einen Vorsprung durch Technik. von Friedhard Teuffel

Oscar Pistorius, der Blade Runner

Oscar Pistorius, der Blade Runner  |  © Alexander Hassenstein/Getty Images Sport

Oscar Pistorius kommt in Sportschuhen, in die Haare hat er sich eine Sonnenbrille mit blauen Bügeln geschoben. Erst als er später wieder geht und dabei ein paar Stufen herunter muss, verraten seine steifen Schritte, dass etwas anders ist. Über dieses Anderssein hat Pistorius davor eine knappe Stunde lang gesprochen, das Anderssein, das ihm so normal vorkommt. Und das ihn doch so einzigartig macht unter den 10.500 Athleten bei diesen Olympischen Spielen in London .

Als erster Athlet auf zwei Beinprothesen wird er bei Olympia starten. An diesem Samstag findet im Stratford Stadium sein Vorlauf über 400 Meter statt. In der Staffel könnte Pistorius am nächsten Freitag sogar eine Medaille gewinnen, so wie er im vergangenen Jahr auch im Vorlauf zur südafrikanischen 4x400-Meter-Staffel gehörte, die am Ende Silber erreichte.

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Pistorius ist ein Grenzläufer geworden, er überwindet Barrieren, er ist der prominenteste Vertreter des Ziels, dass sich auch mit Behinderung alles erreichen lässt. Sogar das, was nur die besten Nicht-Behinderten schaffen. Und welche Bühne wäre für die Erfüllung dieses Traums besser geeignet als die Olympischen Spiele mit ihrem Anspruch, die ganze Welt zusammenzuführen? Doch das ist nur eine Seite.

London 2012

Vom 27. Juli bis zum 12. August 2012 richtet London die größte Sportveranstaltung der Welt aus. Bei den Sommerspielen der 30. Olympiade wird es in 26 Sportarten 302 Entscheidungen geben. Insgesamt werden mehr als 10.000 Sportler aus mehr als 200 Ländern in England erwartet. Außerdem werden ungefähr 30.000 Journalisten aus aller Welt aus London von den Spielen berichten. Insgesamt stehen 6,6 Millionen Tickets zum Verkauf.

Olympia auf ZEIT ONLINE

In unserem Ticker verpassen Sie keinen olympischen Wettkampf, keine Medaille und keinen Termin der Sommerspiele in London. Den an jedem Olympiatag spannendsten Wettkampf stellen wir in der Serie "Mein Olympia" vor. Alle Interviews, Reportagen und Essays der Redaktion finden Sie auf der Olympia-Seite. Die englische Hauptstadt London ist nach 1908 und 1948 die erste Metropole, die zum dritten Mal Gastgeber der Spiele ist. Für ZEIT ONLINE berichten Christian Spiller und Christof Siemes aus London. Im Blog der Sportredaktion lesen Sie die Erfahrungen der Olympiareporter.

Seine Mutter sagte: "Oscar, zieh deine Prothesen an!"

Der Moderator heißt den 25 Jahre alten Südafrikaner schon einmal herzlich willkommen bei Olympia. "Danke, ich freue mich, dass ich hier sein kann", antwortet Pistorius noch ein bisschen schüchtern. Vor ihm sitzen mehrere Hundert Journalisten aus der ganzen Welt und Pistorius weiß, dass gleich wieder Fragen kommen werden nach seinen Vorteilen, die er durch seine Karbonprothesen hat.

Die Journalisten mögen ihn, an ihm lässt sich eine der größten Geschichten dieser Spiele erzählen. "Blade Runner" wird er auch genannt. "Ich habe mir den Titel nicht ausgesucht, aber ich kann damit leben." Er ist zum Star geworden, und die letzte Frage wird eine Russin stellen. Sie habe gehört, dass Pistorius mit einem russischen Supermodel zusammen sei. Pistorius verneint. Aber es wird genügend Menschen geben, die über seinen Start nicht glücklich sind. Oscar Pistorius bringt nämlich eine unangenehme Frage mit: Die Frage, wie viel Unterschiede der Sport eigentlich verträgt.

Gegen Pistorius persönlich hat niemand etwas. Wie denn auch? Der Südafrikaner hat ein breites, offenes Lächeln, er antwortet mit ruhiger, leiser Stimme auf jede Frage. Er kann seine Geschichte einfach und sympathisch erzählen. "Ich bin in Johannesburg geboren ohne Fibulas, also den Knochen zwischen dem Knie und dem Fußgelenk. Mir wurden dann meine Unterschenkel amputiert. Morgens hat meine Mutter zu meinen Geschwistern gesagt: "Zieht Eure Schuhe an! Und zu mir: Oscar, zieh deine Prothesen an!" Er habe eine glückliche Kindheit gehabt.

Leserkommentare
  1. Ich habe schon nicht verstanden, warum Bogenschützen im Rollstuhl, die früher ganz normal zu den Spielen angetreten sind, in die Paralympics verwiesen worden sind.

    Warum sollte man behinderte Sportler, deren Behinderung sie bei ihrem Sport nicht benachteiligt, nicht starten lassen?!?

    Für eine barrierefreien Gesellschaft muss erst einmal die Barrieren in den Köpfen beseitigen.

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    Kein Nachteil ist eine Sache. Aber wenn die Behinderung ihnen einen Vorteil verschafft wird es eben problematisch. Er wird sich nie den Knöchel verstauchen. Wird nie mitten im Rennen von Wadenkrämpfen geplagt werden. Und damit sind die Voraussetzungen für ihn eben ganz andere. Auch andere medizinische Maßnahmen, die die Leistung beeinflussen können, werden nur da genehmigt, wo sie den Wettbewerb nicht verzerren.

  2. das die Teilnehmer mit tunnlichst gleichen Startvoraussetzungen an den Start gehen. Wie man Muskeln/Knochen versus Karbontechnik in einem Wettbewerb vergleichen will, ist für mich nicht nachvollziehbar.

    Das er unbedingt bei den Spielen dabei sein möchte, kann ich nachvollziehen. Fair gegenüber den anderen Teilnehmer ist es allerdings nicht (auch wenn der Artikel versucht den vorhandenen Wettbewerbsvorteil zu negieren).

    6 Leserempfehlungen
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    • Hainuo
    • 04. August 2012 22:05 Uhr

    Und Sie können beweisen, dass es sich um einen Vorteil handelt?

    Wenn es stimmt, dass die Prothesen seit 1996 im Einsatz sind, wo bleibt dann die Schar "behinderter Bevorzugter", die den gesunden Athleten davonrennen? Pistorius scheint ein Ausnahmetalent zu sein und ist dennoch einige Sekunden unter der Zeit von Michael Johnson, ich sehe kein großes Problem.

    Ich finde es geschmacklos bei dieser Diskussion von einem Vorteil zu reden, wenn erstens dieser nicht klar nachgewiesen werden kann und zweitens über einen Menschen geredet wird, der keine Unterschenkel hat. Ich frag mich, was wichtiger ist. Ein wenig Menschlichkeit oder Borniertheit und Prinzipientreue. Ätzend.

  3. Der Sport kann sich nicht dem Umstand verschliessen, dass es Menschen wie Pistorius gibt. In letzter Konsequenz muss man sich zwischen dem Wert der Homogenität (und damit der Vergleichbarkeit) der Teilnehmer und dem Wert der Partizipation von Behinderten entscheiden. Ich halte letzteres für wichtiger.

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    • Ewok
    • 04. August 2012 17:43 Uhr

    Ob er jetzt einen Wettbewerbsvorteil hat oder nicht kann ich nicht sagen, ich finde es aber auf jeden Fall bewundernswert dass er tatsächlich antritt nachdem er jahrelang davon geträumt hat. Im Geiste hat er meiner Meinung nach definitiv die richtigen Voraussetzungen für Olympia.

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  4. Wenn er ein völlig gleichberechtigter Teilnehmer am Wettkampf ist, dann kann er auch gewinnen und das auch mit Weltrekord. Man muss sich nur mal überlegen was passieren würde wenn er allen davon läuft und den Weltrekord pulverisiert. Bei jedem anderen würde man jubeln, eventuell auch über Doping spekulieren. Bei Pistorius würde man das als Beweis sehen, dass er einen Vorteil hat und er wäre raus.

    Für mich ist er nicht gleichberechtigt und wenn er schneller wäre dürfte er nicht mehr mitmachen.

  5. Kein Nachteil ist eine Sache. Aber wenn die Behinderung ihnen einen Vorteil verschafft wird es eben problematisch. Er wird sich nie den Knöchel verstauchen. Wird nie mitten im Rennen von Wadenkrämpfen geplagt werden. Und damit sind die Voraussetzungen für ihn eben ganz andere. Auch andere medizinische Maßnahmen, die die Leistung beeinflussen können, werden nur da genehmigt, wo sie den Wettbewerb nicht verzerren.

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    Antwort auf "......."
    • Peip
    • 04. August 2012 18:34 Uhr
    7. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Spekulationen und Unterstellungen. Danke, die Redaktion/mk

    • bernd64
    • 04. August 2012 18:48 Uhr

    In vielen Sportarten ist das Wettkampfgerät von entscheidender Bedeutung. Wer mit dem üblichen Fahrrad gegen Radsprinter antritt hat schon verloren, das Boot beim Rudern spielt eine Rolle. Deshalb gibt es auch Vorgaben wie die Dinge aussehen dürfen und was unzulässig ist.
    So begrüssenswert die Teilnahme behinderter Menschen am Sport ist, so muss eben doch auch hier der Gleichheitsgrundsatz geprüft werden. Beine wie ein Mensch hat er leider nicht mehr und die Technik kann ihm durchaus einen Vorsprung verschaffen.
    Ein Sportler mit Sportschuhen und Sprungfedern würde schlisslich auch disqualifiziert (wobei nicht einmal weiss, ob Sprungfedern überhaupt Sinn machen).
    Trotzdem ist Oscar Pistorius ein Vorbild für behinderte Menschen, er zeigt was mit Willen, Ausdauer und moderner Technik möglich ist.

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  • Schlagworte Michael Johnson | Oscar | Clemens Prokop | Prothese | Olympia | USA
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