Die britische Rollstuhl-Athletin Jade Jones © Julian Finney/Getty Images

Es ist nicht mehr hektisch auf dem Olympia-Gelände in London. Die Soldaten an den Einlässen sind verschwunden, die Polizeisirenen heulen kaum noch, die Reporter müssen sich nicht durchs Pressezentrum drängeln. Ein Kontrast zur Berichterstattung der britischen Medien, zu den Reden des Londoner Organisationskomitees: Die Paralympics, die am Mittwoch beginnen, sollen nämlich die besten, größten, buntesten Spiele ihrer Art werden. Mit 4.200 Athleten aus 165 Ländern, mit 503 Wettkämpfen in zwanzig Sportarten, mit 6.000 Journalisten und fast 2,5 Millionen Zuschauern. Die Briten stillen ihre Sehnsucht nach Superlativen, als ließe sich der olympische Rausch einfach verlängern.

Die Paralympics, die Weltspiele für Sportler mit Behinderung, tragen immer mehr Züge der olympischen Medaillenindustrie, zumindest in der Vermarktung. Sportlern und Funktionären kommt das gelegen, sie haben nun knapp zwei Wochen Zeit, ihre Botschaften unters Volk zu bringen: mehr Aufmerksamkeit, mehr Sponsoren, mehr Respekt. Die Behindertensportler ähneln da vielen olympischen Randsportarten. Sie wollen größer erscheinen, doch machen sich dadurch kleiner. Denn das, was die Paralympics ausmacht, ist die politische Kraft, die dieses Sportereignis entfaltet wie kaum ein anderes.

Im Geschrei nach Rekorden gehen zwei Fragen unter: Was nützen Medaillen für eine kleine Gruppe von Athleten, wenn behinderte Menschen anderswo systematisch ausgegrenzt und als Bedrohung empfunden werden? Und stehen 150 deutsche Paralympier in London für eine gelungene gesellschaftliche Integration?

Inklusion statt Integration

In Deutschland leben dreizehn Millionen Menschen mit Behinderung. 620.000 von ihnen gehören dem Deutschen Behindertensportverband (DBS) an, sie sind in 5.800 Vereinen aktiv. Der Anteil der behinderten Menschen, der durch Sport seine Beweglichkeit oder sein Selbstbewusstseins stärken will, ist wesentlich geringer als unter Nichtbehinderten. Die große Mehrheit traut sich Sport nicht zu. Weil es in ihrer Umgebung keine Unterstützung gibt, weil die baulichen Barrieren zu hoch sind, weil die Inszenierung des paralympischen Spitzensports die Wahrnehmung stärkt: Das schaffe ich sowieso nicht, also fange ich gar nicht erst an.

Geht es nach den Vereinten Nationen, müssten Sportler mit und ohne Behinderung in denselben Verbänden und Vereinen organisiert sein. Die UN fordern statt Integration mittlerweile Inklusion. Menschen mit Behinderung sollen die Chance auf volle Teilhabe bekommen. In Großbritannien oder Kanada geht dieses Konzept auf. Behinderte und nichtbehinderte Sportler werden dort von denselben Trainern in einem gemeinsamen Umfeld betreut, sie erhalten die gleiche Bezahlung und haben die gleichen Ansprüche auf Medizin, Psychologen, Berufsberatung.

In Deutschland, wo die UN-Behindertenrechtskonvention 2009 ratifiziert wurde, hat ein Paralympics-Sieger von der Stiftung Deutsche Sporthilfe bislang eine Prämie von 4.500 Euro erhalten, für Olympia-Gold ohne Handicap war die Auszahlung mehr als dreimal so hoch. Nach Kritik auch von Athleten wurden die Prämien erhöht, es gibt nun 7.500 Euro für einen Sieg. Doch die Ungleichheit bleibt tief in den Strukturen verankert.

Sporthallen und -plätze sind nicht barrierefrei, in den Ausbildungen von Trainern und Betreuern wird das Thema kaum diskutiert, Partnerschaften scheitern oft an der Bereitschaft der Sportfachverbände. Mit wenigen Ausnahmen: Die Rollstuhlfahrerin Manuela Schmermund darf sich in der Bundesliga mit Schützen ohne Behinderung messen. Die paralympischen Schwimmer Berlins, zu denen auch Daniela Schulte gehört, die Fahnenträgerin des deutschen Teams in London, trainieren am Olympiastützpunkt mit nichtbehinderten Athleten. Beim Rollstuhlbasketballclub Köln spielen auch Nichtbehinderte, um Klischees abzubauen.