Fett wie ein Turnschuh / Fett wie ein Turnschuh : Wir sind die fettesten Menschen aus L.A. in einem Resort

Täglich acht Stunden trainieren und nicht mehr als 1.500 Kalorien verzehren: Unser Kolumnist Tuvia Tenenbom besucht ein Diätcamp, beißt sich durch und lässt sich filmen.
Tuvia Tenenbom im "Biggest Loser"-Resort

Kennen Sie die TV-Show The Biggest Loser ? Die Sendung, in der Übergewichtige durch die Hölle gehen, um Gewicht zu verlieren? Nun: Ich bin gerade im Biggest Loser Resort in Los Angeles . Das hier ist kein Fernsehen; es ist Realität.

Ich bekomme ein fünfseitiges Dokument und den Befehl: "Hier unterschreiben!" Ich lese eine Zehntelseite und kriege sofort Kopfschmerzen. Ich unterschreibe.

Der nächste Befehl: "Treppe hoch!" Ich gehe nach oben. "Auf die Waage!" Ich stelle mich auf die Waage. "Sie wiegen 126,77 Kilogramm." Wenn man bedenkt, wie viele Billionen Kilo unser Planet wiegt, ist das fast nichts.

Tuvia Tenenbom

ist Autor, Essayist und Dramatiker. Er ist Artistic Director des Jewish Theater in New York und Autor des Buches Allein unter Deutschen: Eine Entdeckungsreise. Für ZEIT ONLINE schreibt er seit Dezember 2011 die Fitnesskolumne "Fett wie ein Turnschuh". Im November erscheint sein neues Buch Allein unter Juden: Eine Entdeckungsreise durch Israel.

"Abendessen gibts unten", sagt man mir. Ich gehe nach unten und lese noch ein paar Zeilen des Dokuments. Ich stelle fest, dass ich gerade zugesichert habe, keinesfalls zu klagen – auch wenn das Ergebnis meines Aufenthalts hier möglicherweise "Arbeitsunfähigkeit, Tod und/oder Beschädigung oder Verlust von Eigentum" sein wird. Mir gefällt die Reihenfolge: Eigentumsverlust ist offensichtlich schlimmer als der Tod.

Tod!

Ich sehe mich um. Dieses sogenannte Resort sieht anders aus als alle Resorts, die ich jemals gesehen habe. Im Grunde sieht es aus wie eine Kaserne, eine Art Armeestützpunkt.

Tod? Wollen sie mich nach Gaza verfrachten?

Ehe ich mir auch nur den kleinsten Bissen in den Mund stecken kann, sagt man mir, dass ich zur orangenen Gruppe gehöre. Nicht gelb, nicht blau, nicht rot. Ich gehöre jetzt zum orangenen Stamm.

Ich setze mich und will essen. Hanan, die aus Saudi-Arabien kommt und Hijab trägt, sitzt neben mir in der Mensa. Ich versuche, eine Unterhaltung anzufangen: Wann schwappt der arabische Frühling nach Saudi-Arabien? "Das hängt alles von Israel ab. Wann und wo entscheidet Israel."

Mich überkommt ein riesiges Verlangen nach Kaffee – zur Beruhigung. "Wir schenken nichts Koffeinhaltiges aus", sagt mir eine Dame in der Küche. Das kommt mir seltsam vor, denn ich habe immer gedacht, dass Koffein beim Abnehmen hilft.

"Willkommen bei The Biggest Loser", unterbricht eine Lautsprecherstimme meine Gedanken. "Sie werden acht Stunden am Tag trainieren und nur 1.500 Kalorien täglich zu sich nehmen."

Das hier ist nicht das Biggest Loser Resort, stelle ich fest – das hier ist ein Alptraum.

Mir gegenüber sitzen der 170-Kilo-Mann Jim und der viel dünnere Sergio: Er wiegt nur 163 Kilo. Keren daneben sieht eher nach 180 Kilo aus.

Nicht alle sind fett. Lavinia aus Hamburg zum Beispiel: Sie sei hier, sagt sie, um ihr Durchhaltevermögen zu stärken. Hanan, die auch nicht richtig fett ist, obwohl sie selbst sich dafür hält, ist sich plötzlich nicht mehr sicher, ob sie mit mir sprechen sollte, weil "alle Journalisten Juden sind."

Ich gehe auf mein Zimmer und koche mir einen ordentlichen türkischen Kaffee. Richtig, ich habe türkischen Kaffee ins Resort geschmuggelt. Ich trinke fünf Tassen und schlafe wie ein Baby.

Um 8:00 Uhr morgens breche ich zu meiner ersten Wanderung auf. Wir sind – ganz offensichtlich – die fettesten Menschen in ganz Los Angeles. Ein gut gekleideter Mann, der wie ein französischer Intellektueller aussieht, spricht mich an. Er zeigt auf einen Gipfel auf der anderen Seite des Valleys: "Wenn Sie dort hochklettern, wartet eine Belohnung auf Sie", sagt er. Warum? Was ist dort oben? " McDonald’s ", sagt er und lacht ein teuflisches Lachen.

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Kommentare

20 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Was es so alles gibt

Da geben Menschen unzählige Dollar aus, nur um ihrer Pfunde Herr zu werden. Immer stehen in der Bestsellerliste irgendwelche Diätratgeber. Und trotzdem nimmt der Zuwachs an Übergewichtigen in den Industrieländern immer weiter zu. Irgendwas kann da ja nicht stimmen.

Dabei kann es so leicht sein. Einfach jeden Tag ein bisschen weniger essen und auf Zwischenmahlzeiten und Süßkram verzichten und sich nur in Ausnahmesituationen damit belohnen.

Ansonsten jeden zweiten Tag vernünftig Sport machen und generell öfter das Auto stehen lassen und sich aufs Fahrrad schwingen. Ein Ritt zur Bank über lockere 3 Km verbrennt je nach Gewicht gern mal 70-100 kcal.

Nur mit Kontinuität reduziert man das Gewicht. Nicht mit Camps und nicht mit Diätratgebern.

Es ist gar nicht leicht, abzunehmen!

Wenn es tatsächlich so einfach wäre, abzunehmen mit nur ein bisschen Sport machen und weniger Süßigkeiten essen, dann wäre es tatsächlich kein Problem.

Bei den meisten Leuten ist es aber nicht so. Man gewöhnt sich nämlich über einen langen Zeitraum Essgewohnheiten an, die nicht im normalen Bereich sind. Also z.B. bei mir 25 Jahre. Mein Vater ist typischer Frustesser, und meine sehr schlanke Mutter schimpft ihn täglich dafür, seit ich denken kann. Seit meiner Kindheit habe ich beim Essen Schuldgefühle. Wie sich Hunger anfühlt, weiss ich schon längst nicht mehr. Erst jetzt, Ende 30, fange ich an zu lernen, wie es sich anfühlt, wenn man leichten oder normalen usw. Hunger hat. Irgendwann möchte ich essen, wenn ich hungrig bin, und aufhören, wenn ich satt bin.

Ich habe aber eine so lange Zeit meines Lebens gegessen, wenn ich frustriert war, gelangweilt, aufgeregt, usw., dass das Umlernen bis zu 10 Jahre dauert, so tief sitzt das fest. Ich schreibe mir alles auf, das mit Essen zu tun hat - wenn ich ans Essen denke, wenn ich Hunger habe, wenn ich merke, dass es doch nur Lust war, usw. - da merke ich erst mal, welche Situationen bei mir "jetzt Essen!" auslösen. Hat sehr selten mit Hunger zu tun. Die ganze Angelegenheit ist schon etwas komplizierter als "Iss doch mal ein bisschen weniger!".

Sich künstlich zu zwingen, weniger zu essen, und seinem Körper z.B. keinen Zucker oder Nudeln oder Butter zu erlauben, obwohl er danach verlangt, ist keine lebenslange Strategie.

Mit Übergewicht zum Traumjob

Die Überschrift würde mir besser gefallen.

Wenn ich lese, wie mache Menschen ihr täglich Brot verdienen, dann frage ich mich manchmal, was ich verbrochen hatte, als meine Eltern mich in eine Lehre schickten. Wer in der Jugend nicht genug lernt, der muss das restliche Leben seinen Buckel ganz schön krumm machen.

Herzlichen Glückwunsch an The Biggest Loser 5,5 kg ist schon eine Menge verlorenes Gewicht. Ach ja, noch eines: Muckibuden machen süchtig.

11 Pfund

in einer Wocher - ist das gesund?
Weniger wiegen ist sicherlich sinnvoll - Knochenbau und so, aber es gibt so schöne pummelige Menschen, besonders bei Frauen kann das so toll aussehen. Bitte, bitte nicht alle so dünn werden und die 'Edel'figur bekommen.

Ansonsten. Was'n für'n witziger Artikel. Vielen Dank. Konnte schon lange nicht mehr schmunzeln bei Zeit.

pound ungleich pfund

ich gehe mal davon aus das der autor 11 amerikansiche pounds abgenommen hat (4.9kg). er beschreibt, dass er 126,77 Kilogramm am anfang wog (knapp 278 americanische pounds). 11 pounds von gesamtgewicht sind 3.9% vom koerpergewicht. wenn ein mann von 1.83 meter und 75 kilo 3.9% abnimmt sind das 2.9 kg. Gesundheitsschaedlich ist das nicht, zumal gerade am anfang der meise verlust wasser ist.