Serbien gegen MontenegroKrieg unter Wasserballern

Wohl keine Sportart ist so brutal wie Wasserball. Vor allem, wenn es zum Bruderduell Serbien gegen Montenegro kommt. Von Christian Spiller, London von 

Montenegros Boris Zloković hat Serbiens Nikola Rađen im Griff.

Montenegros Boris Zloković hat Serbiens Nikola Rađen im Griff.   |  © Laszlo Balogh/Reuters

Die Wasserballarena in London schaut von außen aus wie ein zu groß geratenes Waschbrett . Das muss man nicht schön finden, es passt aber ganz gut zu dem Sport, der in ihr ausgetragen wird. Weil jeder Wasserballspieler, der was auf sich hält, neben seiner Badekappe und Ohrenschützern auch ein Waschbrett dabei haben sollte. Es braucht starke Männer, der Sport ist hart. Sehr hart.

Draško Brguljan bestätigt das. Nach dem Spiel steht er da, immer noch im Badehöschen. Wäre der Mann aus Montenegro vor ein paar Tausend Jahren geboren, er hätte wohl sein Leben damit verbringen müssen, den Bildhauern Modell zu stehen. Dazu ist er freundlich, klopft einem auf die Schultern, wenn man eine Frage stellt, die ihm gefällt, bis er irgendwann fast beiläufig erzählt, dass er seinen Gegnern unter Wasser in die Weichteile greift. Was? "Ja, das ist normal, dieses Spiel ist ein Kampf", sagt Brguljan und schaut dabei so, als würde er zu Hause seinen Müll trennen.

Anzeige

Wasserball ist wohl der härteste Sport der Olympischen Spiele. Einige nennen es Rugby unter Wasser. Das werden die Wasserballer nicht gerne hören. Im Vergleich mit ihnen sind Rugbyspieler Memmen. Es gibt nur wenige Wasserballer, die ein Turnier ohne blaue Flecken oder Prellungen überstehen. Es wird getreten, geschlagen, gekratzt, gewürgt und gezerrt. Fast jeder hatte schon einmal die Nase gebrochen oder den Kiefer, ein paar ausgeschlagene Zähne und fiese Narben im Gesicht.

London 2012

Vom 27. Juli bis zum 12. August 2012 richtet London die größte Sportveranstaltung der Welt aus. Bei den Sommerspielen der 30. Olympiade wird es in 26 Sportarten 302 Entscheidungen geben. Insgesamt werden mehr als 10.000 Sportler aus mehr als 200 Ländern in England erwartet. Außerdem werden ungefähr 30.000 Journalisten aus aller Welt aus London von den Spielen berichten. Insgesamt stehen 6,6 Millionen Tickets zum Verkauf.

Olympia auf ZEIT ONLINE

In unserem Ticker verpassen Sie keinen olympischen Wettkampf, keine Medaille und keinen Termin der Sommerspiele in London. Den an jedem Olympiatag spannendsten Wettkampf stellen wir in der Serie "Mein Olympia" vor. Alle Interviews, Reportagen und Essays der Redaktion finden Sie auf der Olympia-Seite. Die englische Hauptstadt London ist nach 1908 und 1948 die erste Metropole, die zum dritten Mal Gastgeber der Spiele ist. Für ZEIT ONLINE berichten Christian Spiller und Christof Siemes aus London. Im Blog der Sportredaktion lesen Sie die Erfahrungen der Olympiareporter.

Ein amerikanischer Spieler hat noch immer den Gebissabdruck eines früheren Gegners auf der Schulter, es waren starke, gesunde Zähne. In den Niederlanden mussten sich sogar einmal zwei Schwestern wegen versuchten Totschlags verantworten . Sie sollen versucht haben, ihre Gegnerin zu ertränken – weil sie ein Tor erzielt hatte.

Und dann spielt auch noch Serbien gegen Montenegro. Die Auslosung wollte es so. Beim Tischtennis-Einzel spielte ein Nordkoreaner gegen einen Südkoreaner , das Ganze wird sich im Teamwettbewerb wiederholen. Beim Hockey der Männer trafen die Engländer auf Argentinien , es ging aber nicht um die Falklandinseln, sondern nur um Vorrunden-Punkte. Nach beiden Begegnungen hieß es stets: Das hier ist Sport, keine Politik.

Genau das sagt auch der Eierkneifer Draško Brguljan. "Das ist keine Politik." Doch so einfach ist das nicht. Politik steckt überall, auch im Sport. Und natürlich werden sich die Nordkoreaner über ihren Sieg gegen den politischen Rivalen ein wenig mehr gefreut haben, als hätten sie gegen Dänemark gespielt. Ebenso die Briten über ihren Hockeyerfolg.

Serbien und Montenegro waren zwar nie im Krieg miteinander. Aber es gab heftige Spannungen. Nach dem Zerfall Jugoslawiens bildeten beide Länder zunächst die "Bundesrepubik Jugoslawien", aus der später der Staat "Serbien und Montenegro" wurde, der unter diesem Namen auch 2004 bei den Olympischen Spielen in Athen startete. 2006 erklärte Montenegro nach einem Referendum seine Unabhängigkeit, weil sie sich von den Serben bevormundet fühlten.

Früher waren sie ein Team. Heute spielen Gocić, Udovičić und Filipović für Serbien, während Zloković, Gojković und Jokić für Montenegro schwimmen. "Seit unserer Teilung ist es jedes Mal eines der emotionalsten Spiele", sagt der Serbe Filip Filipović, die Augen ganz rot, vom vielen Chlor. "Bis gestern waren wir sozusagen im gleichen Boot und jetzt geht es darum, wer besser ist."

Leserkommentare
  1. bitte mehr Berichte über Wasserball ! Dieser Sport ist einfach klasse! Es ist ein super Teamsport, wo Ausdauer, Kraft, Koordination, Flinkheit und Einsteckvermögen gefragt sind!
    Einfach klasse und ein wenig brutal ;) und im Gegensatz zum Schwimmen absolviert man keine Therapie im Becken ;)

    3 Leserempfehlungen
  2. Toll geschrieben, sehr informativ ohne lehrend zu wirken.

    Herr Spiller, warum schreiben Sie nicht mal einen Artikel über die Pros und Contras der Aufnahme des MMA-Sports in das olympische Repertoire.
    Immerhin sind fast alle Bestandteile des MMA sowieso schon olympisch.

    Eine Leserempfehlung
  3. Warum werden in Artikeln über Wasserball immer nur alte Klischees vom harten Sport, Krieg im und unter Wasser, härter als Rugby etc. aufgewärmt? Warum wird es immer als Nationenkampf mit offenen Rechnungen aus der Vergangenheit dargestellt? Ist es für Journalisten nicht möglich, Wasserball als normalen Ballsport im Wasser darzustellen, bei dem es wie in anderen Sportspielen auch um Taktik, Kondition und spielerische Perfektion geht? Ich empfehle eine solide Recherche inkl. Regelkunde (Was gilt als Foulspiel?) Warum nicht auch mal einen Wasserballer fragen, was ihn an dem Sport fasziniert? Sollte man sich nicht mal bemühen, Klischees zu überprüfen?

    5 Leserempfehlungen
    • negve
    • 03. August 2012 12:34 Uhr

    Wasserball ist nicht nur eine grosse Sache, nein, neben Basketball ist sie - zumindest in Serbien - die Sportart überhaupt.

    Dieser Sport wird nicht nur hart geführt, er ist auch unglaublich anstrengend. Es soll jeder mal im Schwimmbad versuchen, sich nur dank der Beine bis zum Bauchnabel aus dem Wasser zu heben. Es wird viel Gelächter geben.

    Übersetzt wird es in Serbien übrigens Wasser-Polo genannt. Passt irgendwie auch.

    Eine Leserempfehlung
    • zorano
    • 03. August 2012 16:06 Uhr

    Der Artikel ist sehr treffend geschrieben. Danke! Wasserball ist super und es macht viel Spaß es zu schauen. Es ist permanent spannend und selten entschieden bevor das Ende abgepfiffen wird. Auch die, die das alte, gute Jugoslawien noch immer beweinen, finden es von der sportlichen Seite sehr gut, daß die Serben, Kroaten, Montenegriner und andere Bruderschaft einzeln auftreten. Wenn die „Eigenen“ nicht gewinnen, dann sind es wenigstens „die Brüder“. So sieht man erst, wie viel Potential das alte Jugo hatte, egal ob es Wasserball, Basketball, Handball oder irgendwelche andere „…..Ball“ geht.

    • Nopa
    • 03. August 2012 18:52 Uhr
    6. [...]

    Bitte beachten Sie Ihre Wortwahl. Danke, die Redaktion/mo.

  4. Wasserball ist nicht brutaler als Fussball ((ich spiele beides) oder Handball. Dafür sprechen auch die sehr viel weniger Verletzungen und die hohe Spielfrequenz, jeden Tag ein Spiel. Anstrengend ist es, besonders für Nichtschwimmer wie der Autor vermutlich einer ist.
    SRB - MNE ist auch kein "Krieg", sonst wuerden nicht Spieler hin und herwechseln. Jedenfalls niemals vergleichbar mit SU-HUN 56 oder SRB-CRO 2003, wobei das Spiel im Wasser sehr fair war, dafür auf der Tribuene, es war in Slowenien, eskalierte.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Montenegro | Falklandinseln | Hockey | Rugby | Serbien | Serbien und Montenegro
Service