London 2012Zehn Kämpfer müsst ihr sein

Der Mehrkampf gilt als Königsdisziplin und führt doch ein Schattendasein im Leichtathletik-Zirkus. Daran dürfte Olympia wenig ändern – trotz neuer Helden.

Gruppenbild: Die Zehnkämpfer nach dem Ende des Olympia-Wettkampfs

Gruppenbild: Die Zehnkämpfer nach dem Ende des Olympia-Wettkampfs

Am Ende durften natürlich wieder alle mit aufs Foto: 26 verschwitzte und abgekämpfte Zehnkämpfer versammelten sich auf der Bahn im Londoner Olympiastadion und strahlten in die Kamera – wenn sie dazu noch in der Lage waren. Kurz zuvor hatten sie mit dem ungeliebten 1.500-Meter-Lauf ihren Wettkampf abgeschlossen.

1.500 Meter, in denen man noch einmal richtig knautschen muss, wie es im Sportlerjargon heißt. Nach zehn Disziplinen gewann der Amerikaner Ashton Eaton die Goldmedaille vor seinem Landsmann Trey Hardee und dem Kubaner Leonel Suárez.

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Knautschen, kämpfen, zetern und sich dabei immer wieder selbst motivieren, pushen, die Schmerzen in den Gliedern überwinden und die persönliche Bestleistung steigern. Der Zehnkampf ist eine brutale Disziplin, das sagt schon der Name: Dekathlon heißt er auf Griechisch, wobei sich áthlon grob mit "Heldentat" übersetzen lässt. Zehn Heldentaten also: Viermal Laufen (100, 400, 1.500 Meter und 110 Meter Hürden), dreimal Werfen (Kugelstoßen, Diskus, Speer) und dreimal Springen (Weitsprung, Hochsprung, Stabhochsprung) gehören zum Programm. Bei den Frauen sind es sieben Disziplinen.

Seit genau hundert Jahren ist der Zehnkampf in dieser Form olympisch. Am 15. Juli 1912 gewann der Amerikaner Jim Thorpe bei den Spielen von Stockholm. Schwedens König Carl Gustav V. krönte ihn als den "größten Athleten der Welt". Seitdem gilt der Zehnkampf als die Königsdisziplin der Leichtathletik, zumindest auf dem Papier. In der Realität des Leichtathletik-Zirkus spielt der Zehnkampf gegenwärtig nur noch eine untergeordnete Rolle.

Im Schatten Usain Bolts

In London wurde das erneut deutlich. Während die zweite Gruppe der Zehnkämpfer noch beim Speerwerfen war, fieberte das Publikum bereits dem 200-Meter-Finale mit Usain Bolt entgegen. Bolt, der Superstar, der Weltrekordler, die Ulknudel der Spiele. Als der Jamaikaner wenig später seine zweite Goldmedaille erlief, ertönten "Usain! Usain!"-Rufe von den Rängen. "Ich bin eine Legende, der beste Athlet der Welt", sagte Bolt anschließend in die Kameras. Damit hatte der Wunderläufer den Zehnkämpfern ihren Titel geklaut.

Die entthronten Könige warteten zu diesem Zeitpunkt brav in den Katakomben des Olympiastadions. Als sie gegen 22:30 Uhr schließlich zum 1.500-Meter-Lauf antraten, waren die ersten Zuschauer schon wieder zu Hause. Die große Bolt-Show war vorbei. "Eaton! Eaton!"-Rufe nach dem Zieleinlauf? Fehlanzeige.

Sportler am Rande des Geschehens

Der Zehnkampf hat es schwer dieser Tage. Vorbei sind die Zeiten, in denen Athleten wie Bob Mathias oder Bruce Jenner zu amerikanischen Nationalhelden wurden. Vorbei sind die Duelle des Briten Daley Thompson gegen den deutschen Rekordhalter Jürgen Hingsen in den Achtzigern. Damals, als der Zehnkampf noch politisch aufgeladen war und Ost wie West den König der Athleten stellen wollten.

Heute müssen sich Zehnkämpfer mit weniger Aufmerksamkeit begnügen. Wohl nur wenige Zuschauer kannten vor Olympia den Namen Ashton Eaton, obwohl der Amerikaner erst im Juni mit 9.039 Punkten den elf Jahre alten Weltrekord von Roman Šebrle knackte. Hierzulande wurde Pascal Behrenbruch eher dadurch bekannt, weil er ausgerechnet an dem Abend Europameister wurde, als die DFB-Elf gegen Italien aus der EM ausschied. "Wenigstens ein Europameister", hieß es spöttisch. Sein Wettkampf wurde nirgends übertragen.

Die Könige der Athleten sind Sportler am Rande des Geschehens. Während die Leichtathletik-Elite auf den Meetings der "Diamond League" in Städten wie Rom, New York und Lausanne auf Rekordjagd geht, trifft sie sich die verschworene Gemeinde der Zehnkämpfer an wenig schillernden Orten. Im tschechischen Kladno etwa, in Ratingen oder der Mehrkampfhochburg Götzis zwischen Feldkirch und Bregenz. Im Rampenlicht stehen sie meist nur bei Weltmeisterschaften oder den Olympischen Spielen. Kein Wunder, dass viele Athleten den Mehrkampf nur als Zwischenstation sehen. Bestes Beispiel: Die extrovertierte Schwedin Carolina Klüft, eine der besten Siebenkämpferinnen der vergangenen Jahre. Sie hat sich mittlerweile dem Weitsprung verschrieben.

Leserkommentare
  1. Sie schreiben auf der ersten Seite "Viermal Laufen (400, 800 und 1.500 Meter)" wo die 100m fehlen und 800m werden nicht beim Zehnkampf gelaufen, stattdessen laufen die Athleten 110m Hürden. Trotzdem leider wahr dass die Anerkennung liegen bleibt.

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    Freier Autor

    Oops, sie haben natürlich Recht. Da hatte ich wohl noch Rudishas Wunderlauf über die 800 Meter im Hinterkopf. Ist natürlich rasch verbessert worden, vielen Dank und Grüße!

    Freier Autor

    Oops, sie haben natürlich Recht. Da hatte ich wohl noch Rudishas Wunderlauf über die 800 Meter im Hinterkopf. Ist natürlich rasch verbessert worden, vielen Dank und Grüße!

  2. Freier Autor
    2. Autsch

    Oops, sie haben natürlich Recht. Da hatte ich wohl noch Rudishas Wunderlauf über die 800 Meter im Hinterkopf. Ist natürlich rasch verbessert worden, vielen Dank und Grüße!

    • Seyid
    • 11.08.2012 um 15:18 Uhr

    Bis gestern wusste ich nichts von diesem "Zehnkampf". Umso mehr wunderte ich mich dann, welche Rolle Bolt denn noch einnehmt, wenn es Athleten gibt, die gleich 10 Disziplinen ausführen.

    Für mich zumindest sind ab heute die 10-Kämpfer die eigentlichen Helden der Olympiade!

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  3. Deswegen kann ich auch nicht verstehen, das Pascal Behrenbruch medial ein erster Platz nach EM-Gewinn verwehrt wurde. Anscheinend zählt eine tolle Show wie die von Usain Bolt viel mehr, aber dazu ist nun mal nicht jeder geeignet. Für mich ist und bleibt der Zehnkampf die Königsdisziplin.

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  4. Insgesamt ein schöner Artikel, dem man im Tenor nur zustimmen kann: die Zehnkämpfer sind die Könige der Athleten.
    Allerdings muss man das meiner Ansicht nach nicht auf Kosten Dritter bzw. Usain Bolts herausstellen...
    Und zumindest für mich, der ich die "glorreichen 80er" nicht bewussst miterlebt habe, gehört es schon immer zum besonderen Charme der Disziplin, dass hier ganz der sportliche Wettkampf im Mittelpunkt steht.

  5. Leider kann ich meinenm Vorschreiber leider so nicht zu stimmen. In diesem namentlich leider nicht gekennzeichneten Artikel (?) werden Äpfel (Bolt) mit Birnen (Zehnkämpfer) verglichen.(S.1) Es fehlt Hintergrund. Die Zehnkämpfer haben schon immer brav warten müssen (Zeitplan) bis die anderen fertig waren auch zu Zeiten von Hingsen und Thmpson. In Stuttgart 1986 (EM) und 1993 (WM) z.B. war das Stadion trotz Deutscher Erfolge menschenleer als die Zenkämpfer zur den 1500 Metern auf die Runde gingen..Bolt ist weltweit die große Ausnahme und wird nun mit dem Zehnkampf verglichen, einfach lächerlich. Der Zehnkampf ist seit Frank Busemann im Deutschen TV völlig verschwunden. Damals wurde aus Ratingen noch live berichtet. Die Thematik ist weiß Gott komplexer denn die Förderung Deutscher Talente ist so miserabel, da würde ich mich auch erst einmal um Studium und Beruf kümmern. Und zu Klüft: Sie hat nach dem Wechsel zum Weitsprung noch nichts gerissen (WM 2011: Platz 5) oder habe ich da was verpasst? Und jetzt wieder die Diskussion eröffnen, das der 10 Kampf nicht medial darstellbarar ist. 100 Meter schnell laufen ist eben einfacher... Und wenn Zehnkampf so einfach wäre, hieße er Fußball oder?

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