Am Ende durften natürlich wieder alle mit aufs Foto: 26 verschwitzte und abgekämpfte Zehnkämpfer versammelten sich auf der Bahn im Londoner Olympiastadion und strahlten in die Kamera – wenn sie dazu noch in der Lage waren. Kurz zuvor hatten sie mit dem ungeliebten 1.500-Meter-Lauf ihren Wettkampf abgeschlossen.

1.500 Meter, in denen man noch einmal richtig knautschen muss, wie es im Sportlerjargon heißt. Nach zehn Disziplinen gewann der Amerikaner Ashton Eaton die Goldmedaille vor seinem Landsmann Trey Hardee und dem Kubaner Leonel Suárez.

Knautschen, kämpfen, zetern und sich dabei immer wieder selbst motivieren, pushen, die Schmerzen in den Gliedern überwinden und die persönliche Bestleistung steigern. Der Zehnkampf ist eine brutale Disziplin, das sagt schon der Name: Dekathlon heißt er auf Griechisch, wobei sich áthlon grob mit "Heldentat" übersetzen lässt. Zehn Heldentaten also: Viermal Laufen (100, 400, 1.500 Meter und 110 Meter Hürden), dreimal Werfen (Kugelstoßen, Diskus, Speer) und dreimal Springen (Weitsprung, Hochsprung, Stabhochsprung) gehören zum Programm. Bei den Frauen sind es sieben Disziplinen.

Seit genau hundert Jahren ist der Zehnkampf in dieser Form olympisch. Am 15. Juli 1912 gewann der Amerikaner Jim Thorpe bei den Spielen von Stockholm . Schwedens König Carl Gustav V. krönte ihn als den "größten Athleten der Welt". Seitdem gilt der Zehnkampf als die Königsdisziplin der Leichtathletik, zumindest auf dem Papier. In der Realität des Leichtathletik-Zirkus spielt der Zehnkampf gegenwärtig nur noch eine untergeordnete Rolle.

Im Schatten Usain Bolts

In London wurde das erneut deutlich. Während die zweite Gruppe der Zehnkämpfer noch beim Speerwerfen war, fieberte das Publikum bereits dem 200-Meter-Finale mit Usain Bolt entgegen. Bolt, der Superstar, der Weltrekordler, die Ulknudel der Spiele . Als der Jamaikaner wenig später seine zweite Goldmedaille erlief, ertönten "Usain! Usain!"-Rufe von den Rängen. "Ich bin eine Legende, der beste Athlet der Welt", sagte Bolt anschließend in die Kameras. Damit hatte der Wunderläufer den Zehnkämpfern ihren Titel geklaut.

Die entthronten Könige warteten zu diesem Zeitpunkt brav in den Katakomben des Olympiastadions. Als sie gegen 22:30 Uhr schließlich zum 1.500-Meter-Lauf antraten, waren die ersten Zuschauer schon wieder zu Hause. Die große Bolt-Show war vorbei. "Eaton! Eaton!"-Rufe nach dem Zieleinlauf? Fehlanzeige.

Sportler am Rande des Geschehens

Der Zehnkampf hat es schwer dieser Tage. Vorbei sind die Zeiten, in denen Athleten wie Bob Mathias oder Bruce Jenner zu amerikanischen Nationalhelden wurden. Vorbei sind die Duelle des Briten Daley Thompson gegen den deutschen Rekordhalter Jürgen Hingsen in den Achtzigern. Damals, als der Zehnkampf noch politisch aufgeladen war und Ost wie West den König der Athleten stellen wollten.

Heute müssen sich Zehnkämpfer mit weniger Aufmerksamkeit begnügen. Wohl nur wenige Zuschauer kannten vor Olympia den Namen Ashton Eaton, obwohl der Amerikaner erst im Juni mit 9.039 Punkten den elf Jahre alten Weltrekord von Roman Šebrle knackte. Hierzulande wurde Pascal Behrenbruch eher dadurch bekannt, weil er ausgerechnet an dem Abend Europameister wurde , als die DFB-Elf gegen Italien aus der EM ausschied. "Wenigstens ein Europameister", hieß es spöttisch. Sein Wettkampf wurde nirgends übertragen.

Die Könige der Athleten sind Sportler am Rande des Geschehens. Während die Leichtathletik-Elite auf den Meetings der "Diamond League" in Städten wie Rom, New York und Lausanne auf Rekordjagd geht, trifft sie sich die verschworene Gemeinde der Zehnkämpfer an wenig schillernden Orten. Im tschechischen Kladno etwa, in Ratingen oder der Mehrkampfhochburg Götzis zwischen Feldkirch und Bregenz. Im Rampenlicht stehen sie meist nur bei Weltmeisterschaften oder den Olympischen Spielen. Kein Wunder, dass viele Athleten den Mehrkampf nur als Zwischenstation sehen. Bestes Beispiel: Die extrovertierte Schwedin Carolina Klüft , eine der besten Siebenkämpferinnen der vergangenen Jahre. Sie hat sich mittlerweile dem Weitsprung verschrieben.