Balljungen: Die Gralshüter des Fußballs
Sie werden übersehen, doch Balljungen sind ein Machtfaktor im Fußball. Sie sind mental gefordert, rollen, werfen, garantieren Tempospiel – und tricksen auch mal.
© SERGEI SUPINSKY/AFP/Getty Images

Ein ukrainischer Balljunge
Jogi Löw schafft es, junge, aufstrebende Menschen ins Rampenlicht zu hieven. Unter seiner Ägide debütierten unter anderem Mario Götze und Mesut Özil. Sein größter Coup fand bei dieser Europameisterschaft statt. Er brachte ein völlig vergessenes Berufsbild in die Schlagzeilen: den Balljungen.
Die Balljungen sind eine vernachlässigte Spezies. Als Fernsehzuschauer sieht man meist nur, wie aus der Tiefe des Bildschirmrands ein Ball auf den Platz geflogen kommt. Zu Gesicht bekommen wir Zuschauer sie nur, wenn ihnen ein witziges Missgeschick passiert oder wenn Trainer wie Löw sie veralbern, wie bei der EM geschehen. Dabei hätten sie so viel mehr verdient: Sie sind die Gralshüter jenes schnellen Tempospiels, das von Trainern wie Experten oft als Fußballideal gepriesen wird.
- Jens Lehmanns Kampf
Jens Lehmann hatte während seiner aktiven Zeit die ein oder andere Fehde. Während eines Gastauftrittes mit dem VfB Stuttgart in Hannover legte er sich mit einem Balljungen an. Dieser brachte ihn in Wallung, indem er den Ball frecherweise über den Keeper warf. Nach dem Spiel regte sich Lehmann fürchterlich auf: "Ich muss jetzt nach Hause, meine Kinder erziehen, damit die sich korrekt verhalten." Am Ende folgte im Sportstudio die Versöhnung.
- Ein Balljungentor
In Brasilien kam es zu einem Eklat, als ein Balljunge ein Tor verschuldete. Nach einem Schuss neben den Kasten rollte er den Ball zurück ins Feld, er landete versehentlich im Netz. Die Schiedsrichterin war nicht ganz bei der Sache und entschied auf Tor, sie hatte verpasst, dass der Ball vorbeigegangen war. Sowohl die Schiedsrichterin als auch der Balljunge waren der Kritik und dem Spott der Öffentlichkeit ausgesetzt. Wobei Balljunge in diesem Fall der falsche Begriff ist, denn der "Junge" war über vierzig Jahre alt. Da Kinderarbeit in Brasilien verboten ist, müssen die Vereine auf ältere Herren zurückgreifen.
- Gewalt
Der Schweizer Profi Geoffrey Serey Die verursachte einen Skandal, als er einen Balljungen niederschlug. Er wurde für acht Spiele gesperrt. Überhaupt ist Balljunge ein gefährlicher Beruf, in Brasilien knockte Adriano einen Balljungen versehentlich aus. In Australien wurde ein Balljunge Opfer eines Schusses, der über das Tor ging. Und beim Hamburger SV brach sich vor einigen Jahren ein Balljunge den Arm, als ein Torhüter ihm einen Ball zu hart zuspielte.
Das kam so: Mitte der Neunziger nahm die Fifa besorgt zur Kenntnis, dass die effektive Spielzeit kontinuierlich abnahm. Messungen zeigten, die effektive Spielzeit lag bei der WM 1990 bei 56 Minuten. Der Rest ging durch Verletzungspausen und Ausbälle verloren.
Die Professionalisierung der Balljungen
Die Regelkommission ging dieses Problem mit einer neuen "Bestimmung zur Ausführung der Regel 2 (Ball)" an. Der DFB umschreibt es so: "Mindestens acht Balljungen sind gemäß der dazu erlassenen Bestimmungen der Fifa um das Spielfeld herum zu platzieren." Seitdem werfen, rollen und fangen die Balljungen in hochoffiziellem Auftrag. In den darauf folgenden Jahren stieg die effektive Spielzeit, bei der Europameisterschaft 2000 erreichte sie 68 Minuten.
Die Effekte sind auch für die Zuschauer nicht zu übersehen: Die Profis müssen nicht mehr hinter jedem Ball hinterherlaufen, auch das "Wegbolzen", das gezielte Schlagen des Balls möglichst weit ins Aus, gibt es nur noch in der Kreis-, nicht aber mehr in der Bundesliga. Die Balljungen garantieren, dass Teams bei Kontern den Spielfluss nicht verlieren, wenn der Ball ins Aus fliegt. Sogar Tore wurden bereits von aufmerksamen Balljungen eingeleitet.
Am Spielfeldrand rumlümmeln, den großen Vorbildern nahe sein, ab und an einen Ball ins Feld werfen – allzu kompliziert klingt der Job zunächst nicht. Doch mit dem zunehmenden Kommerz im Fußball professionalisierten sich auch die Balljungen. "Früher war es so: Freunde kennen Freunde, und die stellen dann die Balljungen. Heute geht das nicht mehr", sagt Sven Ehlen, der beim Hamburger SV für die Balljungen verantwortlich ist.






Zitate aus dem Artikel: "Wenn die Heimmannschaft in der 88. Minute das 1:0 schießt, kommt es nicht so gut an, wenn sofort wieder ein Ball auf dem Feld liegt."
Friedhelm Funkel: "Als Balljunge einer Heimmannschaft, die führt, muss man das Spiel verzögern."
Das sind genau die Sachen, die mich total ankotzen im Fussball - dass es allgemein anerkannt, gewollt und akzeptiert ist, durch Unsportlichkeiten zum Erfolg zu kommen. Natürlich will ich auch sehen, wie eine Mannschaft sich aufreibt und kämpft, um zu gewinnen. Aber ich finde es mies, wenn gezielte Unsportlichkeiten wie taktische Fouls oder gezieltes Ballwegschießen zum Erfolg führen. Wenn dann auch noch die Öffentlichkeit solche Unsportlichkeiten lobt (ich erinnere an das WM Halbfinale 2002, als Michael Ballack durch seine Gelbe Karte für ein Taktisches Foul fürs Finale gesperrt war und von den Medien über den Grünen Klee gelobt wurde, dass er dieses Taktische Foul begangen hatte), dann widert mich das zutiefst an.
Man muss im Gegensatz dazu vergleichen, wie über andere Sportarten wie Radsport hergezogen wird, wenn dort versucht wird, mittels Unsportlichkeiten wie Doping zum Erfolg zu kommen. Hier werden wieder 2 völlig unterschiedliche Massstäbe angelegt. Unsportlichkeit beim Fussball gut, Unsportlichkeit beim Radsport schlecht.
Unsportlichkeiten sind immer falsch.
mfg henry
aber ich frage mich, ob Sie schonmal unter dem Druck standen, in einem sportlichen Wettkampf, bei dem es um etwas ging. Gerade beim Fußball stört mich eher dieses Gemecker, denn beide Teams haben 90Minuten Zeit für klare Verhältnisse zu sorgen. Dann brauch ich mich zum Schluss also nicht zu beschweren.
aber ich frage mich, ob Sie schonmal unter dem Druck standen, in einem sportlichen Wettkampf, bei dem es um etwas ging. Gerade beim Fußball stört mich eher dieses Gemecker, denn beide Teams haben 90Minuten Zeit für klare Verhältnisse zu sorgen. Dann brauch ich mich zum Schluss also nicht zu beschweren.
Zu groben Unsportlichkeiten kommt es leider immer noch in Spanien. Wer denkt nicht an Auswärtsspiele mit deutscher Beteiligung in Valencia oder Sevilla zurück? Da krümmen sich die Gegner minutenlang ob ihrer vermeintlichen Blessuren und plötzlich sind die Balljungen 10 Minuten vor Abpfiff bei eigener Führung verschwunden.
Gehört leider weiterhin zum Alltag und sollte dringend mal behoben werden.
Mir gefällt nicht, dass absichtliche Sperenzchen der Balljungen immer wieder vom Publikum und von der Presse gefeiert werden. Klar, als junger Bubi ist das sicherlich witzig, aber man darf keine Anreize schaffen, dass das Überhand nimmt. Ich sehe immer öfter im Stadion, dass sich die Balljungen wie "Mitspieler" verhalten - das geht einfach nicht.
Und eine gewisse Abstimmung und Ausbildung schadet wohl auch nicht. Negativbeispiel war die die letzte EM, bei der permanent zwei oder mehr Bälle auf den Platz geflogen kamen.
Mich würde mal die Entlohung interessieren. Die Jungs und Mädels werden geschult und sollen im Konzert von Millionarios mithalten. Wie sieht es da mit den Tantiemen aus?
aber ich frage mich, ob Sie schonmal unter dem Druck standen, in einem sportlichen Wettkampf, bei dem es um etwas ging. Gerade beim Fußball stört mich eher dieses Gemecker, denn beide Teams haben 90Minuten Zeit für klare Verhältnisse zu sorgen. Dann brauch ich mich zum Schluss also nicht zu beschweren.
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