Schachspieler Bobby FischerEin cholerisches Genie, von den USA gefeiert und verfolgt

In der Hochphase des Kalten Kriegs besiegte Bobby Fischer im Match des Jahrhunderts den Russen Boris Spasski. Später erließen die USA Haftbefehl gegen ihr Schach-Genie. von Christoph Dach

Bobby Fischer vor seinem dritten WM-Match gegen Boris Spassky im Jahr 1972

Bobby Fischer vor seinem dritten WM-Match gegen Boris Spassky im Jahr 1972  |  © Express Newspapers/Getty Images

An diesen Zeichen hat die Zeit genagt. Unter der schweren Glasplatte, die den Abschluss eines kolossalen Holztisches bildet, sind nur noch bedingt jene Unterschriften erkennbar, die zwei Männer hier 1972 hinterlassen haben. Die kyrillischen Konturen auf der einen und die römischen auf der anderen Seite, sie stammen aus einer anderen Welt, einer anderen Zeit. So schwarz-weiß wie fast alles, was sie umgibt. Das Brett im Zentrum. Einzig zwei Stühle geben dem Raum einen Hauch von Leben.

Auf diesen Stühlen haben sie also für zwei Monate gesessen, die besten Schachspieler des 20. Jahrhunderts. Auf dem einen: Boris Spasski aus Russland , 35, amtierender Weltmeister. Auf dem anderen: Der US-Amerikaner Bobby Fischer , 29, Herausforderer und Exzentriker vor dem Herrn, ein "cholerisches Genie", wie ihn die New York Times einst charakterisierte. Hier, auf einer Vulkaninsel mitten im Nordatlantik, die bis zu diesem Zeitpunkt sporthistorisch noch nicht in Erscheinung getreten war.

Anzeige

Die Bedeutung, die das Duell erlangt hat, ist der Hauptgrund dafür, dass in Reykjavik 40 Jahre später keine Nachrichtensendung ohne einen Beitrag zum "Match of the Century" auskommt. Der Blätterwald der isländischen Hauptstadt überschlägt sich regelrecht, in Touristen-Magazinen gibt es zum 40. Jahrestag der legendären Schach-WM ganzseitige Anzeigen und Artikel. Die Dauerausstellung, die für gewöhnlich im Kulturhaus Reykjaviks untergebracht ist, hat einen Platz im Nationalmuseum gefunden, zwischen historischen Holzkeilen und Modellen von Wikinger-Schiffen.

Bobby Fischer war mal wieder nicht da. Die offizielle WM-Eröffnungsfeier am 1. Juli 1972 im Nationaltheater schwänzte er einfach, das Duell des Jahrhunderts drohte in letzter Sekunde zu platzen. Erst der zusätzliche Scheck eines Londoner Bankmillionärs und die Bitte Henry Kissingers stimmten Fischer um. " Amerika wünscht sich, dass Sie hinfahren und den Russen besiegen", gab ihm der spätere US-Außenminister mit auf den Weg. In der Hochphase des Kalten Kriegs war das Duell zwischen dem russischen und dem amerikanischen Großmeister nicht nur ein Schachspiel, es war ein Duell der Systeme, Klassenkampf mit Schwarz und Weiß.

Entsprechend groß fiel der Empfang am Flughafen in Reykjavik aus. Als Fischer am 3. Juli endlich landete, wartete die Weltöffentlichkeit auf den Mann, der mit 15 Jahren zum jüngsten Großmeister aller Zeiten ernannt worden war. Fischer sollte die, nun ja, Erwartungshaltung an seine Person erfüllen, aus sportlicher Sicht sowieso. Für Schlagzeilen sorgte er aber nicht zuletzt mit seinen Tiraden, seinen politischen, zutiefst antisemitischen Statements, seiner konspirativen, an Schizophrenie grenzenden Art. Schnell wurde deutlich, dass dieser Mann anders tickt als sein Gegenüber.

Während Spasski in Reykjavik auf öffentlichen Plätzen Tennis spielte, schottete sich Fischer in der teuersten Suite seines Hotels ab, er verlangte eine Limousine mit Diplomatenkennzeichen und Polizei-Geleitschutz zur Spielstätte. In der Ausstellungshalle, die unweit des isländischen Nationalstadions und des größten Schwimmbads in Reykjavik liegt, gingen die Tiraden weiter.
"Bobby Fischer hat sich über alles und jeden beschwert", erinnert sich der Journalist Valur Gunnarson, der das Match seinerzeit live verfolgte. "Einmal wollte er, dass alle Kinder aus dem Parkett verschwinden, dabei herrschte absolute Stille", sagt Gunnarson. Ein anderes Mal verlangte Fischer, den Tisch abzusägen. Die Liste nahm kein Ende: Licht zu hell, Licht zu dunkel, Spielbrett zu dreckig.

Leserkommentare
  1. Keiner der heutigen Schachgrößen, Kasparow eingeschlossen, fasziniert (noch immer!) die Schachwelt so sehr wie das Schachphänomen Bobby Fischer!

    Eine Leserempfehlung
    • rgorn
    • 14. März 2013 21:57 Uhr

    Diese Bildunterschrift ist Kaese: Fischer hat ueberhaupt nur ein Mal um die Weltmeisterschaft gespielt -- eben '72 in Reykjavik.

    (Den Rest spar ich mir.)

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service