Welch eine Bühne für die größte deutsche Krankenkasse, nein, für die Gesundheitskasse. Der Chef der AOK Nordost steht vor seinem Mikro direkt vor dem Brandenburger Tor. Die Spätsommersonne leuchtet. Tausende begeisterte Zuhörer: Radfahrer, Spaziergänger, Journalisten, Touristen. Selbst Robert Enke schaut von einem der vielen Plakate. Alle sind gekommen. Alle hören zu. Alle reden über Depressionen. So war's geplant. Doch es kam irgendwie anders.

Am vergangenen Samstag waren etliche Straßen in Berlin gesperrt. Die Polizei hatte mit mehr als Tausend Radfahrern gerechnet, die die letzte Etappe der ersten Mood-Tour begleiten wollen. Sie sollten gemeinsam von Potsdam bis zum Brandenburger Tor fahren und demonstrieren. Mood-Tour, das ist so etwas wie die Tour de France der Depressiven, eine Radtour gegen Stigmatisierung. 4.500 Kilometer in 7 Etappen quer durch Deutschland, krönendes Ziel: Berlin. Aber tatsächlich waren nicht mehr als 70 Radfahrer mit dabei.

Sebastian Burger hatte im Januar 2007 die Idee zur Mood-Tour. Damals hatte er keinen Antrieb mehr. Er nennt das, was ihm die Lust nahm "Winter-Blues", will seine Erfahrung nicht mit einer lebensbedrohlichen Depressionskrankheit vergleichen. Burgers Professor empfahl dem Studenten Bewegung. Der nahm ein Zelt und wanderte los, am ersten Weihnachtsfeiertag, alleine immer die Weser entlang. Das tägliche Laufen, die winterfrische Nordseeluft verdrängten die Zweifel. Am 31. Dezember 2006, seinem 26. Geburtstag, habe er wie ein Penner ausgesehen, unrasiert mit Rucksack, sagt Burger. Aber jeder Schritt half den "Winter-Blues" zu verdrängen. Er war in Bewegung.

Mit türkisfarbenem Mood-Tour-Shirt, Abenteuerbart und orangener Radlerhose steht Burger nun vor dem Brandenburger Tor. Jede Etappe ist der Erfinder und Organisator mitgeradelt. Fast jeden der vergangenen 90 Tage saß er auf einem seiner Tandems. Den drei Dutzend Zuhörern erzählt er jetzt, wie es war, nach jedem Mood-Tour-Tag mit der Gruppe einen Ort zum Übernachten oder Zelten zu finden, dass er viel gelacht habe, und dass er von den depressionserfahrenen Mitfahrern viel über die Krankheit gelernt habe. Burger hält eine optimistische Rede, aber er ist enttäuscht.

Bei vielen Stiftungen, Verbänden, Krankenkassen hat Burger in den zwei Jahren vor dem Start für seine Tour geworben. Er hat von dem einen Ziel – der Herausforderung für die Teilnehmer – erzählt und vom anderen – Aufmerksamkeit für einen offeneren Umgang mit der Volkskrankheit – geschwärmt. Es war ein langes Hin- und Her. Am Ende beteiligten sich die Gesundheitskasse und die Robert-Enke-Stiftung als Hauptsponsoren, drei weitere Geldgeber und sieben Unterstützer mit insgesamt mehr als 50.000 Euro. Für ein bundesweites Dreimonatsevent ist das nicht viel. Doch Burger versprach den Sponsoren für ihren Einsatz "blühende Presselandschaften".

Vor Jahren war Burger einmal mit Tandems von Deutschland nach Singapur gefahren. Danach hatte er eine Tandem-Tour durch Südamerika für Blinde organisiert. Über beide Veranstaltungen hatten deutsche Medien berichtet. "Das waren Geschichten", sagt Burger. Er dachte, wenn die Depression so viele befällt, müsste ein Ereignis wie die Mood-Tour ebenso viele interessieren.