Depressionen : Mal nicht an Selbstmord denken, Zelt aufbauen

Depressionspatienten radeln Tausende Kilometer durchs Land. Sie wollen Aufmerksamkeit für ihre Krankheit. Doch ihre Radtour interessiert nicht alle. Von Steffen Dobbert
Teilnehmer der Mood-Tour beim Zelten

Welch eine Bühne für die größte deutsche Krankenkasse, nein, für die Gesundheitskasse. Der Chef der AOK Nordost steht vor seinem Mikro direkt vor dem Brandenburger Tor. Die Spätsommersonne leuchtet. Tausende begeisterte Zuhörer: Radfahrer, Spaziergänger, Journalisten, Touristen. Selbst Robert Enke schaut von einem der vielen Plakate. Alle sind gekommen. Alle hören zu. Alle reden über Depressionen. So war's geplant. Doch es kam irgendwie anders.

Am vergangenen Samstag waren etliche Straßen in Berlin gesperrt. Die Polizei hatte mit mehr als Tausend Radfahrern gerechnet, die die letzte Etappe der ersten Mood-Tour begleiten wollen. Sie sollten gemeinsam von Potsdam bis zum Brandenburger Tor fahren und demonstrieren. Mood-Tour, das ist so etwas wie die Tour de France der Depressiven, eine Radtour gegen Stigmatisierung. 4.500 Kilometer in 7 Etappen quer durch Deutschland, krönendes Ziel: Berlin. Aber tatsächlich waren nicht mehr als 70 Radfahrer mit dabei.

Sebastian Burger hatte im Januar 2007 die Idee zur Mood-Tour. Damals hatte er keinen Antrieb mehr. Er nennt das, was ihm die Lust nahm "Winter-Blues", will seine Erfahrung nicht mit einer lebensbedrohlichen Depressionskrankheit vergleichen. Burgers Professor empfahl dem Studenten Bewegung. Der nahm ein Zelt und wanderte los, am ersten Weihnachtsfeiertag, alleine immer die Weser entlang. Das tägliche Laufen, die winterfrische Nordseeluft verdrängten die Zweifel. Am 31. Dezember 2006, seinem 26. Geburtstag, habe er wie ein Penner ausgesehen, unrasiert mit Rucksack, sagt Burger. Aber jeder Schritt half den "Winter-Blues" zu verdrängen. Er war in Bewegung.

Mit türkisfarbenem Mood-Tour-Shirt, Abenteuerbart und orangener Radlerhose steht Burger nun vor dem Brandenburger Tor. Jede Etappe ist der Erfinder und Organisator mitgeradelt. Fast jeden der vergangenen 90 Tage saß er auf einem seiner Tandems. Den drei Dutzend Zuhörern erzählt er jetzt, wie es war, nach jedem Mood-Tour-Tag mit der Gruppe einen Ort zum Übernachten oder Zelten zu finden, dass er viel gelacht habe, und dass er von den depressionserfahrenen Mitfahrern viel über die Krankheit gelernt habe. Burger hält eine optimistische Rede, aber er ist enttäuscht.

Der Mood-Tour-Organisator Sebastian Burger und der ehemalige Profifußballer Andreas Biermann

Bei vielen Stiftungen, Verbänden, Krankenkassen hat Burger in den zwei Jahren vor dem Start für seine Tour geworben. Er hat von dem einen Ziel – der Herausforderung für die Teilnehmer – erzählt und vom anderen – Aufmerksamkeit für einen offeneren Umgang mit der Volkskrankheit – geschwärmt. Es war ein langes Hin- und Her. Am Ende beteiligten sich die Gesundheitskasse und die Robert-Enke-Stiftung als Hauptsponsoren, drei weitere Geldgeber und sieben Unterstützer mit insgesamt mehr als 50.000 Euro. Für ein bundesweites Dreimonatsevent ist das nicht viel. Doch Burger versprach den Sponsoren für ihren Einsatz "blühende Presselandschaften".

Vor Jahren war Burger einmal mit Tandems von Deutschland nach Singapur gefahren. Danach hatte er eine Tandem-Tour durch Südamerika für Blinde organisiert. Über beide Veranstaltungen hatten deutsche Medien berichtet. "Das waren Geschichten", sagt Burger. Er dachte, wenn die Depression so viele befällt, müsste ein Ereignis wie die Mood-Tour ebenso viele interessieren.

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Kommentare

69 Kommentare Seite 1 von 10 Kommentieren

@Marilena

Einsehen, dass Sie vielleicht die Kranken sind und die Depressiven manchmal die Gesünderen. Wer ist es denn, wenn nicht die 'gesunden' Menschen, die anderen Menschen permanent das Gefühl, nicht richtig zu sein? Es sind in der Tat die 'richtig' Erzogenen, die Angepassten, die sich ihrer Angst vorm Anderssein, ob unbewusst aus der Erziehung heraus oder bewusst in Folge der Karriere und anderer Lebenswege, beugten.

?????

"Einsehen, dass Sie vielleicht die Kranken sind und die Depressiven manchmal die Gesünderen."

Mit Verlaub, so ein Unsinn habe ich zu diesem Thema lange nicht gelesen. Depressionen entstehen aus Angst und einer kranken Art zu denken. Nichts daran ist gesund.

"Wer ist es denn, wenn nicht die 'gesunden' Menschen, die anderen Menschen permanent das Gefühl, nicht richtig zu sein?" Andere kranke Menschen. Davon gibt es mehr, als man denkt.

Krank gesund

Der seelisch gesunde Mensch ist der produktive und nicht entfremdete Mensch, der liebend zur Welt in Beziehung tritt und seine Vernunft dazu benutzt, die Realität objektiv zu erfassen; es ist der Mensch, der sich selbst als eine einzigartige individuelle Größe erlebt und sich gleichzeitig mit seinen Mitmenschen eins fühlt, der sich keiner irrationalen Autorität unterwirft und freiwillig die rationale Autorität seines Gewissens und seiner Vernunft anerkennt, der sich sein ganzes Leben lang im Prozeß des Geborenwerdens befindet und der das Geschenk seines Lebens als die kostbarste Chance ansieht, die er besitzt.
Wenn man sich mit Depressionen und Langeweile beschäftigt, stößt man auf reiches Material, aus dem hervorgeht, daß das Gefühl, zur Wirkungslosigkeit verdammt zu sein - das heißt zu einer völligen vitalen Impotenz, von der die sexuelle Impotenz nur einen kleinen Teil darstellt -, eines der schmerzlichsten und vielleicht fast unerträglichen Erlebnisse ist und daß der Mensch fast alles versuchen wird, um es zu überwinden - von Arbeitswut über Drogen bis zu Grausamkeit und Mord.
(Erich Fromm)

@Olm...

Das heißt aber nicht, dass sie nicht krank sind. Die Depressiven sind das Symptom einer kranken Gesellschaft, wenn man so will - sie selbst sind aber nicht die Kranken. Darum weigere ich mich nach wie vor, Depression als Krankheit anzusehen, auch wenn sich viele Depressive selbst dagegen sperren würden. Nur sehen sie dann nicht, was ich eigentlich meine.

'Fertig aus' ist übrigens kein Argument.

Systemischer Ansatz/Theraie

Diese Aufteilung in Gesunde und Kranke trifft es nicht. Das Ganze ist ein System in dem die einzelnen Rollen aufeinander bezogen sind. Wie im richtigen Leben. Das bedeutet dass die Gesellschaft so wie sie ist ohne die so genannten Depressiven so wie sie jetzt existiert überhaupt gar nicht funktionieren würde. Wir produzieren diese automatisch als Bestandteil auch des Outputs den wir als gesund ansehen. Dasselbe gilt für andere seelische Erscheinungen, Burnout Syndrom zum Beispiel. Jede Heilung einer solchen Krankheit bedeutet nicht nur für den, nach der alten Sichtweise Betroffenen eine Verbesserung, sondern kommt dem ganzen System der ganzen Gesellschaft zu Gute.
http://de.wikipedia.org/w...

Ohne Titel

"Es ist nichts Gesundes daran, angpasst zu sein an eine kranke Gesellschaft."

Vor dem Hintergrund dieses Satzes bin ich oft versucht, Menschen die an unserer modernen "Gemeinschaft" verzweifeln und u.U. so sehr leiden, dass sie derüber nachdenken sich das Leben zu nehmen, für deutlich gesünder zu halten als Andere. Die merken anscheinend wenigstens noch, was um sie herum geschieht.

Kommentare wie ihrer sind übrigens ein schöner Beweis dafür, dass diese Erkrankung von Vielen nach wie vor nicht ernst genommen wird. Was man selbst nicht versteht und nie gefühlt hat, existiert auch nicht...

"Ich sage bewusst "Periphermenschen", "Mitmenschen" ist mir einfach zu familiär."