Arne Friedrich"Ich weiß nicht, ob ein Fußballer wertvoller ist als ein Herzchirurg"

Im Kolumnengespräch sagt Arne Friedrich, dass die Kommerzialisierung des Fußballs noch nicht ausgereizt ist und am Ende immer der Zuschauer über die Gehälter entscheidet. von 

Arne Friedrich

Arne Friedrich  |  © Jochen Lübke/picture alliance/dpa

ZEIT ONLINE: Herr Friedrich , was nervt sie am meisten an der Bundesliga – außer schlechter Fußball?

Arne Friedrich: Am meisten nerven mich rassistische Äußerungen und Randale. Fußball ist ein Familiensport. Die Stadionbesucher zahlen Eintritt. Wenn sie wegen ein paar Krawallmachern belästigt werden, haut das nicht hin. Das Spiel Hertha gegen Düsseldorf wurde sicher nicht wegen Randalierern unterbrochen. Aber auch so ein Platzsturm muss nicht sein. Doch im Ganzen ist es schon schwer, überhaupt etwas Negatives an der Bundesliga zu finden. Sie ist zu Recht sehr erfolgreich.

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ZEIT ONLINE: Die Bundesliga ist gerade in ihre 50. Saison gestartet. Welche Veränderung wünschen Sie sich fürs nächste halbe Jahrhundert?

Friedrich: Da bin ich relativ konservativ eingestellt. Die Torkamera und andere Veränderungen , die diskutiert werden, müssen nicht sein. Natürlich gibt es Leute, die durch Fehlentscheidungen benachteiligt werden. Wenn es um so viel Geld geht, kann ich deren Veränderungswunsch verstehen. Aber strittige Entscheidungen und die Diskussionen darum – das macht den Reiz des Fußballs aus. Wenn ich etwas ändern müsste, dann würde ich das passive Abseits noch mal überdenken.

Alles außer Fußball

Alles außer Fußball ist die Kolumne von René Adler, Thomas Hitzlsperger und Arne Friedrich. Einmal im Monat geben wir während der Bundesliga-Saison einem das Wort. Sie sollen und wollen nicht das Tagesgeschäft kommentieren, klassische Fußballerkolumnen gibt es genug. Alles außer Fußball ist der Versuch, Fußballer Fußball als gesellschaftliches Phänomen betrachten zu lassen. Hier finden Sie alle Gespräche.

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ZEIT ONLINE: Haben Sie jemals in Hertha-Bettwäsche geschlafen?

Friedrich: Sehr gute Frage, aber: Nein, wenn man Profi wird, hört das Fandasein auf, dann schläft man nicht in Vereinsbettwäsche.

ZEIT ONLINE: Das gilt aber nicht für alle Profis?

Friedrich: Der einzige, von dem ich das Gegenteil gehört habe, ist Kevin Großkreutz. Ich habe gelesen, er schläft tatsächlich in BVB-Bettwäsche. Als ich Kind war, hatte ich auch einige Dortmund-Trikots, da habe ich auch mal in BVB-Bettwäsche geschlafen. Später als Spieler war das kein Thema mehr. Als Profi hat man eine andere Bindung zum Verein.

ZEIT ONLINE: Für einige Fans geht die Bindung über das Leben hinaus, sie lassen sich etwa auf dem HSV-Friedhof beerdigen .

Friedrich:Auf Schalke soll das inzwischen auch möglich sein. Wenn es den Leuten gefällt, sollen sie es machen. Für mich ginge das zu weit. Ich spiele leidenschaftlich Fußball, aber mein Lebensinhalt ist das nicht. Selbst wenn ich hundert Jahre bei einem Verein gespielt hätte, würde ich mich nicht auf dem Klub-Friedhof beerdigen lassen.

ZEIT ONLINE:Ist die Bundesliga eine Art Religion oder ein Kulturgut?

Friedrich: Mit dem Begriff Religion tue ich mich im Zusammenhang mit Fußball schwer. Natürlich ist Fußball weltweit – außer vielleicht in Nordamerika – die Sportart Nummer eins. Doch ein Religionsersatz ist der Sport nicht. Hier in Chicago sind die Menschen ja noch sportverrückter, wenn man die Zuschauerzahlen aller Ligen misst. Doch das Ganze erscheint manchmal eher als Geldmaschine denn als Glaubensersatz.

Leserkommentare
    • Isi 1st
    • 04. September 2012 12:57 Uhr
    1. [...]

    Wir hätten uns sehr darüber gefreut, hätten Sie den ersten Kommentar dazu genutzt, eine konstruktive Debatte zu starten. Danke, die Redaktion/se

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    • Isi 1st
    • 04. September 2012 14:27 Uhr

    Entfernt. Bitte diskutieren Sie das konkrete Artikelthema. Danke, die Redaktion/mk

  1. Das macht die Politik. Würde der Fußball wirklich davon abhängig sein was die Menschen bereit wären für ihn zu bezahlen, dann würden die Spieler nur noch einen Bruchteil des Gehaltes bekommen. Der Fußball ist für Sky jedenfalls ein Minusgeschäft. Und darüber wie der Staat die GEZ-Gelder verteilt, haben wir kein Mitspracherecht.

    Und zur Frage: Nein, Fußballer sind nicht wertvoller als Herzchirurgen. Übrigens ist ein Herzchirurg auch nicht wertvoller als ein Handwerker. Der Wert eines Menschen misst sich nicht an dessen kommerzielle Verwertbarkeit.

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    • MrWho
    • 04. September 2012 13:37 Uhr

    "Übrigens ist ein Herzchirurg auch nicht wertvoller als ein Handwerker. Der Wert eines Menschen misst sich nicht an dessen kommerzielle Verwertbarkeit."

    Nicht der Mensch an sich, seine Leistung für die Gesellschaft aber schon. Ob Handwerker, Putzfrau oder Einzelhandel, fast jeder kann diese Tätigkeiten hinreichend gut ausüben. Am Herzen operieren können nur die wenigsten. Daher deren "Wert" für die Gesellschaft.

    Fußball interessiert mich nicht, weshalb ein Fußballer meiner Meinung nach auch nicht mehr Gehalt verdient hat als ein Curling Spieler. Es ist und bleibt hochbezahlter Zeitvertreib ohne gesellschaftlichen Mehrwert jenseits von Unterhaltung derer, die es interessiert. Sehen die Fans wohl anders. Sollen sie dann aber auch selbst zahlen, nicht der Staat per GEZ oder Kommunen, die wie in Rostock private Vereine finanzieren.

    Die GEZ-Gelder würden nicht für Champions-League verprasst, wenn nicht bekannt wäre, wieviele potentielle Zuschauer das zieht.

    Ich denke schon, dass der Zuschauer entscheidet. Würde keiner die Spiele im Fernsehen schauen, Tickets fürs Stadion und Fanartikel kaufen, könnten die Clubs auch ihren Spielern keine Millionen zahlen.

    • Quadrat
    • 04. September 2012 15:43 Uhr

    "Und zur Frage: Nein, Fußballer sind nicht wertvoller als Herzchirurgen. Übrigens ist ein Herzchirurg auch nicht wertvoller als ein Handwerker. Der Wert eines Menschen misst sich nicht an dessen kommerzielle Verwertbarkeit"
    Ihre Weltsicht in allen Ehren, aber woher denken sie kommt der Begriff "Leistungsgesellschaft"? Demnach ist eine Putzfrau weniger wert als ein Handwerker, der selbst widerrum weniger Wert ist als ein Herzchirurg.
    Es sollte aber nicht so sein, ist es aber leider so

    Die Politik entscheidet doch nicht über die Kommerzialisierung eines Sports. Es sind die Zuschauer. Würde ab morgen keiner mehr Fußball sehen, keine Fanartikel mehr kaufen und keine Stadionkarten mehr erstehen, hätte sich das mit dem Fußball ganz schnell erledigt.
    Die Vereine zehren doch von dem Interesse und dem finanziellen Einsatz der Fans - nur so können sie Summen wie 40 Millionen Euro als Ablöse für einen einzigen Spieler aufbringen.
    Der Normalverdiener der sich jede Stadionkarte des Vereines XY kauft, Schals, Mützen und Bettwäsche in Vereinsfarben hat und Freitagabends in der Kneipe mit seinen Kollegen darüber wettert, die Fußballer würden zuviel verdienen, irrt sich. Interesse und Aufmerksamkeit sind Marktwerte und im Falle des Fußballs in großen Mengen gebündelt.

    selbstverständlich entscheidet der Zuschauer über den Grad der Kommerzialisierung entscheidend mit. Ohne Zuschauer gäbe es keine Einahmen durch Kartenverkäufe, es gäbe keine Einahmen durch den Verkauf von Fanartikel, für Unternehmen wäre der Fußball als Werbeträger uninteressant und die Medien würden nicht mehr so hohe Beträge für die Verwertungsrechte ausgeben.
    Ob Sky schwarze oder rote Zahlen schreibt, das weiss ich zwar nicht, aber ohne Fußball würde Sky gar nicht existieren. Ich kenne jedenfalls niemanden, der Sky ohne Bundesliga- und/oder Sportpaket abonniert hat.

    • Quadrat
    • 04. September 2012 13:17 Uhr

    "Ob ein Fußballer wertvoller als ein Arzt ist, der Herzen transplantiert, weiß ich nicht."
    Nein, ist er nicht

    • MrWho
    • 04. September 2012 13:37 Uhr

    "Übrigens ist ein Herzchirurg auch nicht wertvoller als ein Handwerker. Der Wert eines Menschen misst sich nicht an dessen kommerzielle Verwertbarkeit."

    Nicht der Mensch an sich, seine Leistung für die Gesellschaft aber schon. Ob Handwerker, Putzfrau oder Einzelhandel, fast jeder kann diese Tätigkeiten hinreichend gut ausüben. Am Herzen operieren können nur die wenigsten. Daher deren "Wert" für die Gesellschaft.

    Fußball interessiert mich nicht, weshalb ein Fußballer meiner Meinung nach auch nicht mehr Gehalt verdient hat als ein Curling Spieler. Es ist und bleibt hochbezahlter Zeitvertreib ohne gesellschaftlichen Mehrwert jenseits von Unterhaltung derer, die es interessiert. Sehen die Fans wohl anders. Sollen sie dann aber auch selbst zahlen, nicht der Staat per GEZ oder Kommunen, die wie in Rostock private Vereine finanzieren.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    das Gehalt in D hat mit dem "Wert" für die Gesellschaft relativ wenig zu tun. Nach Ihrer Argumentation müssten z.B: Wissenschaftler - zumindest in manchen Disziplinen - ausgezeichnet verdienen, weil es ja so wenige gibt die das können (viel weniger als Herzchirurgen) und der Wert für die Gesellschaft enorm ist.

    Ärzte verdienen i.d.R. hervorragend, um die braucht man sich die wenigsten Sorgen zu machen. Deren Lobbyverband - der Marburger Bund - hat auch kein Problem damit angesichts zu geringer Honorarzuwächse (!!) wieder mit Streiks zu drohen obwohl es in den letzten Jahren Zuwächse in Milliardenhöhe gab.

    Kurzum: In der Marktwirtschaft ist die Frage was einer "verdient" ziemlich inhaltsleer - man kriegt einfach etwas, abhängig von Macht und Nachfrage. Insofern hab ich mit dem Fußballergehalt kein Problem - business as usual.

    Ich gehe selbst ab und zu ins Stadion.
    Wenn ich auf dem Weg ins Stadion manche Leute sehe und höre, dann bin ich heilfroh, dass man Profifußball hat, für den diese Leute leben können. Ich bin überzeugt, dass Fußball eine befriedende Wirkung hat. Eine bessere Alternative sehe ich nicht.
    Um es mal plakativ auszudrücken: Es ist besser bei Lok Leipzig treffen sich jede Woche 200 Nazi-Fans und schreien ihre angestaute Frustration raus, als das auch nur 5% von diesen Leuten regelmäßig durch die Straße ziehen und Unschuldige verprügeln.
    Ich finde es also ziemlich gut, dass man die Möglichkeit hat, mit wenig Aufwand (Geld), Millionen Menschen ein Ventil zu geben.

    Der Mehrwert liegt nur darin, Nachts auf die Straße gehen zu können.

  2. Und für die Zuschauer ist er Illusion. Nur weil der Einzelne verhältnismäßig wenig Geld zahlt und weil so viele dieser Illusion folgen, wird so viel Geld gemacht. Zahlen tun wir alle: jeder, der einen Fernseher hat, jeder der Steuern bezahlt (Polizeiaufgebot bei, vor und nach Spielen). Ich kann dieser grandieosen Volksverdummung (des bezahlten Fußballs) nichts abgewinnen.

  3. Das wäre tatsächlich schön, wenn der Zuschauer entscheidet.
    In GEZ-Land allerdings entscheidet der Zuschauer gar nichts, er muss ja nichtmal zuschauen und zahlt trotzdem.

    • Isi 1st
    • 04. September 2012 14:27 Uhr
    7. [...]

    Entfernt. Bitte diskutieren Sie das konkrete Artikelthema. Danke, die Redaktion/mk

    Antwort auf "[...]"
  4. "Ob ein Fußballer wertvoller als ein Arzt ist, der Herzen transplantiert, weiß ich nicht"

    Nein, ist er definitiv nicht. Spätestens wenn man einen Bypass braucht, wird man feststellen, dass manche Ärzte unbezahlbar und Fussballer eigentlich völlig nutzlos sind.

    Natürlich ist die Frage letztlich immer, was Menschen bereit sind, für eine Sache oder Dienstleistung zu bezahlen, aber da wir alle den grössten Teil unserer Lebenszeit mit Nichtigkeiten verbringen und dafür wahrscheinlich auch den grössten Teil unseres Geldes ausgeben, habe ich meine Zweifel, ob unsere diesbez. Überlegungen wirklich so rational sind, wie wir uns selbst gerne glauben machen möchten. Andererseits wäre das Leben ohne die genannten Nichtigkeiten wiederum äusserst langweilig.

    Für etwas derart ödes wie Fussball würde ich selbst zwar keinen Cent ausgeben, aber lt. meiner Kreditkartenabrechnung gibt es offenbar einige andere Kleinigkeiten, die mir lieb und teuer sind.....

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