Rafael van der Vaart merkt so langsam, auf was er sich eingelassen hat. © Dennis Grombkowski/Bongarts/Getty Images

Wenn das Leben ein kitschiger Film wäre, würde Rafael van der Vaart diesen Freistoß jetzt ins Tor schießen. Er kann nämlich sehr gut Freistöße schießen, außerdem läuft die 88. Minute, sein HSV liegt in Frankfurt 2:3 zurück. Es wäre der Schlusspunkt eines reichlich turbulenten Spiels und der erste Punkt für die Hamburger. Die Frankfurter Fans pfeifen, was die Lungen hergeben. Die HSV-Fans, nur ein paar Meter vom Ort des Freistoßes entfernt, halten die Luft an. Van der Vaart läuft an – und muss erkennen, dass Fußball meistens ziemlich unkitschig ist.

Der Ball kommt nicht einmal aufs Tor, prallt an der Frankfurter Freistoßmauer ab. Van der Vaart reklamiert beim Schiedsrichter hektisch ein angebliches Handspiel des Gegners, um der Szene etwas Aufregung hinterherzuschicken und rauft sich die Haare. Kurz darauf wird das Spiel abgepfiffen. Hamburg verliert auch sein drittes Bundesliga-Spiel , trotz Rafael van der Vaart. Beim Messias dauert's noch.

Vielleicht ist es besser so, für den HSV, für van der Vaart und die Hansestadt. Wahrscheinlich wären alle komplett übergeschnappt, hätte van der Vaart wirklich in seinem ersten Spiel getroffen. Wahrscheinlich hätten sie das Hafenbecken orange eingefärbt oder auf dem Fischmarkt nur noch Gouda verkauft. Schon vor dem ersten Spiel war der van-der-Vaart-Hype in Hamburg schlicht surreal.

Vor dem HSV-Fanshop standen sich in der vergangenen Woche die Menschen die Beine in den Bauch, sie wollten das Trikot mit der Rückennummer 23. Testspiele in Fußballhochburgen wie Schwarzenbek oder Niendorf waren ausverkauft. In einer Zeitung stritten sich sechs Vereine, Damian, den sechsjährigen Sohn van der Vaarts, in ihre Jugendabteilung aufzunehmen.

Die Bild -Zeitung begleitete dessen Frau Sylvie, eine Fernsehprominente, durch deren neues, altes Wohnviertel Hamburg-Eppendorf und druckte Sylvie-Sätze wie: "Ich vergleiche Eppendorf mit einer Tasse Cappuccino. Heiß, anregend und immer wieder lecker. Das freundliche Miteinander der Leute hier macht mich glücklich, umgibt mich wie ein warmes Schaumbad." Und: "Mit meinen beiden Männern an der Alster spazieren gehen und in Eppendorf einen leckeren Apfelkuchen verspeisen – dann fühle ich mich, als wäre ich im Paradies.“

Die Not ist groß in Hamburg

Nach dem Spiel in Frankfurt drängen sich die Journalisten um Sylvies Ehemann. Der Holländer flüstert fast, ist kaum zu verstehen. Schaumbäder und Paradiese sind in den Katakomben des Frankfurter Stadions, wo es noch nach feuchtem Rasen riecht, weit weg. Er sagt, dass der HSV noch einen langen Weg zu gehen habe, dass die Mannschaft Vertrauen brauche. Die Journalisten, die ihn noch von seiner ersten Zeit in Hamburg (2005-2008) kennen, rätseln, warum der Holländer so leise spricht. So war er doch früher nicht.

Wahrscheinlich merkt van der Vaart erst nach dem Abpfiff, auf was er sich eingelassen hat. Es ist nicht mehr der Verein, den er 2008 verließ. Es gab damals viel Aufregung, weil er seinen Wechsel nach Valencia erzwingen wollte, indem er sich mit dem Trikot des neuen Vereins ablichten ließ und sogar eine Verletzung vorgetäuscht haben soll. Die Hamburger haben ihn dennoch wieder in die Arme geschlossen und glauben ihm, wenn er von der Herzensangelegenheit Hamburg redet. Die Not ist groß.