Dieter Hildebrandt : "Ich würde gerne ganz auf die Nationalhymnen verzichten"

Dieter Hildebrandt findet gut, dass die DFB-Fußballer die Hymne nicht mitsingen. Im Interview erklärt er zudem, warum er lieber englischen Fußball schaut als Bundesliga.
Der Kabarettist und Fußballliebhaber Dieter Hildebrandt © Markus Scholz/picture alliance/dpa

ZEIT ONLINE:  Herr Hildebrandt , wir möchten heute über Fußball reden. Wie viel schauen Sie denn so?

Dieter Hildebrandt: Sehr viel. Wenn ich überhaupt mal fernsehe, dann meistens Fußball. Ich habe natürlich auch Sky , obwohl ich ein schlechtes Gewissen habe, fürs Fernsehen zahlen zu müssen. Das ist die freie Marktwirtschaft. Die sind eben so frei, mir mein Geld abzunehmen. Aber ich will das sehen. Ich will vor allem englischen Fußball sehen.

ZEIT ONLINE: Warum englischen Fußball?

Hildebrandt: Weil man da das schöne Gefühl hat, die beste Liga der Welt zu sehen. Manchmal denke ich, ich bekomme nur Ausschnitte geliefert, weil es einfach nicht sein kann, dass es dort nie langweilig ist. Die Spiele haben mehr Dampf, es ist mehr los, es wird nicht so viel Schach gespielt, es wird nicht hinten rum gespielt. Da ist mehr Dramatik. Dafür schalte ich gerne auch mal die Bundesliga-Konferenz am Samstag weg.

ZEIT ONLINE: Was fehlt der Bundesliga?

Hildebrandt: Es fehlt ihr an Mannschaften wie Dortmund . Es gibt zu wenig Borussia Dortmunds. Selbst die Bayern langweilen mich über weite Strecken. Ich habe immer das Gefühl, die kalkulieren, alles ist vorher besprochen.

ZEIT ONLINE: Gehen Sie ab und zu noch ins Stadion?

Hildebrandt: Natürlich, aber nur wenn Sechzig spielt.

ZEIT ONLINE: Sie sind Sympathisant des TSV 1860 München . Das war in den vergangenen Jahrzehnten eher Fluch als Segen.

Hildebrandt: Als sie im Grünwalder Stadion spielten, bin ich noch zu jedem Spiel gegangen. Wenn man jemanden kannte, der in einem der Häuser nebendran wohnte, konnte man sich dort auf den Fensterrahmen lehnen und dem Spiel zusehen. Die Zeit mit Sechzig damals in der Bundesliga war spannend. Der 1966er Meister-Mannschaft trauere ich immer noch nach. Der Merkel-Mannschaft mit Radenkovic und Konietzka, eine Zaubermannschaft.

ZEIT ONLINE: Das ist eine Weile her. Jetzt müssen Sie raus in die Allianz-Arena, die immer sehr leer wirkt, wenn Sechzig spielt. Jetzt kam vor Kurzem auch noch ein Scheich aus Jordanien , hat Geld mitgebracht und wollte den Präsidenten rausekeln.

Hildebrandt: Das machen doch alle. Ob es ein Russe ist, der viel Geld hat, oder ein Scheich, ist mir völlig Wurst.

ZEIT ONLINE: Für wen würden Sie 40 Millionen Euro ausgeben wie jüngst der FC Bayern für Javi Martínez ?

Hildebrandt: Für gar keinen. Der spielt wahrscheinlich dreimal von Anfang an und dann sitzt er auf der Bank. Bayern hat es ja immer geschafft, gute Spieler so lange nicht spielen zu lassen, bis sie dann für billigeres Geld an andere Vereine verkauft werden mussten. Ich finde es im Übrigen auch sehr unkollegial. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Star wie Ribéry beim Training nicht mal austestet, was einer so auf den Knochen aushält, der 20 Millionen mehr gekostet hat, als er selbst.

ZEIT ONLINE: Aber Hand aufs Herz, als Blauer, wie oft haben Sie sich für Ihren Verein einen Uli Hoeneß gewünscht?

Hildebrandt: Immer. Ich halte ihn für einen sehr interessanten Charakter. Ich schätze viel an ihm und manches kann ich nicht ausstehen. Er hat ein sehr soziales Gemüt, er ist für Kollegen und andere Menschen da. Sein Verstand funktioniert hervorragend. Aber er spielt sich praktisch als Ministerpräsident in Reserve auf. Wenn der Ministerpräsident hier Unsinn machen würde, würde Hoeneß sagen: Wenn ihr wollt, komme ich sofort, ich regiere dieses Land spielend, mit links. Wobei er bei links schon zögern würde.

ZEIT ONLINE: Wie würde Bayern aussehen, wenn es von Hoeneß regiert würde?

Hildebrandt: Grauenhaft.

ZEIT ONLINE: In der vergangenen Woche hat Hoeneß wieder gegen Borussia Dortmund ausgeteilt . Hat er Angst?

Hildebrandt: Ach, das ist ein Spiel. Das ist wie bei den Boxern früher, die auch ein paar Sprüche rausgehauen haben, damit die Leute zum Kampf kommen. Und der Klopp macht das Spiel mit. Da gibt es keinen Zorn oder keine Angst, das ist alles nur Medienarbeit.

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Kommentare

82 Kommentare Seite 1 von 13 Kommentieren

"Wenn der Ministerpräsident hier Unsinn machen würde"

Vollste Zustimmung.

Politisch wie auch sportlich ein unbeflecktes Blatt. Ich würde als Gegenpol gerne Mal Volker Pispers Meinung hören. Den schätze ich auch als Kabbaretisten viel höher ein.

Nur in einem Punkt muss ich Herrn Hildebrandt zustimmen:

Wenn er wirklich auf keine Atmosphäre in den Stadien steht, ist er beim englischen Fussball genau an der richtigen Stelle angekommen.

Bis auf wenige Ausnahmen ist dort so wenig los, dass selbst englische Fans das Stadionerlebnis (Unwort 2012?) mit schlechter als schlecht beschreiben.

Zur Hymne: "Zudem ist die Musik langweilig."

Mir läuft sogar vor dem Fernseher ein wohliger Schauer den Rücken herunter, wenn 50.000 Fans bei "blüh im Glanze..." angekommen sind. Ich finde viele Hymnen schön und unsere vor den Spielen der DFB-Elf zu singen macht mir sehr viel Spass. Vielleicht hat her Hildebrandt keine Freunde oder ihm mangelt es an positiven Erfahrungen des Gemeinschaftsgefühles?

als fußball fan zum zweiten...

beim weiterlesen des interviews: "Wir haben damals geschrien, wenn ein Spieler einen Sololauf hinlegte oder kurz vor dem Tor stand. Aber wir haben nicht dauernd vor uns hingebrüllt. Mein Gott, was für ein Schwachsinn"...ach so, und wie ist die stadionatmosphäre in den englischen /britischen stadien??
dieses interview sollte man nicht wirklich ernst nehmen

javi martinez...

...natürlich hat javi martinez noch nicht viele spiele von anfang an gemacht, und das liegt natürlich in der logik, dass der spieler erst kurz vor der wechselfrist (ende august) zur mannschaft gestossen ist..(ähnlihcher fall arjen robben 2009) und husthust....wir können gerne eine wette machen, wie oft martinez in zukunft spielen wird...
trotzdem danke für ihre antwort

Pub statt Stadion!

Hallo Her Spiller,

ich weiß nicht welche Bedingungen Sie in einem englischen Stadion meinen. Die Ultrakultur wurde hier durch die Preise beseitigt. Jetzt kann man vielleicht zur Ultrakultur, insbesondere zu den Auswüchsen, stehen wie man will, aber die Ultras hatten in England schon Tradition und man muss dies nicht immer mit Gewalt etc. gleichsetzen.
Vor ein paar Tagen kam auf ARTE, glaube ich, ein Bericht, da sagten ganze Fangruppen und Fans (keine Ultras!!), dass sich das Ambiente mit den Preisen erledigt hat, es eben kein Einsteigen in Gesänge mehr gibt.

Der "normale" bürgerliche Fan, oder Familienvater, leistet sich keine Karte, sondern ein Bier im Pub. Die Fans wurden in die Pubs verdrängt. Was dann Pay-TV wieder freut...
Sie mögen, Verzeihung, einer "altmodischen" Stimmung nachhängen, ich bezweifle aber, dass dies die "altmodische Stimmung" der engl. Fussballseele ist.

Ich bin froh, dass wir keine englischen Fussball-Verhältnisse haben und unsere Liga auch vergleichbar ist, denn wer kann in England oder Spanien denn die Top-Vereine schlagen, die mit "optimiertem" Geld aus russ. oder sonstigen Geldern unerreichbar sind? (von Sportjournalisten, gern Öff-Rechtl., aber immer bejubelt werden?)
Und sicher, Probleme gibt es auch hier, aber von Korruption, Mafia und Verschuldung wie in Italien (und England) sind wir weit entfernt.

Und statt schnellem Spiel haben wir Taktik, dass ist für unerfahrene schwer zu erkennen... ;-) Es lebe der deutsche Fussball!

Ihr Kommentar ist ja nicht....

schlecht, nur hat er etwas oberkluges, alleswissendes. Das macht ihn für mich nicht so schön les.- und verstehbar. Scheint aber Ihren nikename geschuldet. Dies verzeiht einiges. Übrigens besteht die Bundesliga nicht nur aus Bayern München und BVB, da hat es auch noch einige andere interessante Vereine, die mindestens die gleiche, wenn nicht sogar eine ältere Tradition im Fußball haben. Das nur so nebenbei. Wogegen sollten die Bayern auch sonst spielen, wenn nicht immer gegen den BVB?

Sag mir wo die Stimmung ist..

Ach, in einem solchem Forum schreibt doch nun jeder seine Meinung, die Motivation geht von Aufklärung bis Triebabfuhr..
Von einem, eventuell beliebig gewählten, nickname nun auf Persönlichkeit zu schließen ist sicher etwas überzogen, finden Sie nicht? Zudem müsste dann jeder Student ein Besserwisser sein, oder Sie unterstellen der Bevölkerungsgruppe kein Fußball-Wissen, was mithin auch Unsinn sein dürfte.. Hier geht es um Meinungen infolge einer ZEIT-Fußball-Kolumne, die ähnlich wie der abtötest, bloß keine Fußball-Kolumne sein darf, das ist der komische Stil der ZEIT, der einem als Abonnenten nerven kann.

Ferner habe ich mich ja nun gerade nicht auf BVB und FCB beschränkt, ich betonte ja die gesamte Struktur der Liga und die Chancen von Vereinen, ganz im Gegensatz zu England und Spanien, auch wenn der FCB ne Marke ist, aber europäisch ist er, wie andere dt. Clubs, eher chancenlos, dafür sehen die Finanzen wohl (so genau weiß es ja keiner) besser aus als bei den europ. Topclubs. Ich habe lieber eine schöne Bundesliga, anstatt Titelholer in europäischen Wettbewerben mit "Stars". Und Stehplätze und Bier haben wir auch!! ;-)

Ich erlaube mir aber, mit meinem Wissen und Kontakt zu engl. Fans, ein Kommentar, insbesondere bei Meinungsführern wie Hildebrandt, den ich als Kabarettist verehre. Ansonsten: Fahrt mal auswärts!

Zu England lesenswert:

http://www.tageswoche.ch/...