Fans des 1. FC Nürnberg während des Spiels gegen Borussia Dortmund © Alex Grimm/Bongarts/Getty Images

Frage: Herr Feltes, Sie waren im wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Fußball-Liga ( DFL ). Nach Ihrer Kritik am Deutschen Fußball-Bund ( DFB ) und der DFL im Sommer wurden Sie ausgeschlossen. Warum?

Thomas Feltes: Dazu möchte ich mich nicht äußern.

Frage: Sie haben den DFB mit einem Taubenzüchterverein verglichen.

Feltes: Das tut mir im Nachhinein auch sehr leid. Für die Taubenzüchter. Ich meinte, dass die Gerichtsbarkeit des DFB nicht so professionell aufgestellt ist, wie es die gestiegenen Anforderungen der letzten Jahre in meinen Augen erfordern. Das kann bei kleineren Problemen funktionieren. Wenn es aber um Spiele wie in Düsseldorf geht, wo die Dinge vollkommen aus dem Ruder gelaufen sind, wo plötzlich Millionen Euro Kosten im Raume stehen, da muss eine vernünftige und vor allem unabhängige Tatsachenaufklärung gemacht werden. Dazu braucht es kompetente Sachverständige oder eine Ermittlungsbehörde. Immerhin ist der Ligaverband nun ja auch im Gespräch mit dem DFB mit Blick auf die Sportgerichtsbarkeit.

Frage: Was kritisieren Sie an DFB und DFL genau?

Feltes: Die Kommunikation mit den Fanvertretern ist nicht auf Augenhöhe. Vor allem der DFB müsste über seinen Schatten springen, ohne Versprechungen zu machen, aber sagen: Wir haben uns nicht geschickt verhalten, wir wollen noch einmal mit Fanvertretern diskutieren.

Frage: In dieser Saison hat es noch keine großen Fan-Krawalle gegeben, auch nicht beim Spiel Hertha gegen Dresden am Mittwoch. Zurzeit ist es doch ruhig?

Feltes: Das sehe ich nicht so. 30 Festnahmen im Vorfeld dieses Spiels sind nicht wenig. Dass es bisher ruhig war, ist nur eine Momentaufnahme. Wir sollten ein paar Spieltage abwarten.

Frage: Vor einem Jahr sagten Sie, die Debatte über steigende Gewalt von Fußballfans sei übertrieben.

Feltes: Dieses Interview war vor dem Abbruch der Gespräche zwischen DFB, DFL und Fanvertretern über den Umgang mit Pyrotechnik im Januar 2012. Das war ein vehementer Einschnitt und hat zu einer Jetzt-erst-Recht-Mentalität bei vielen Ultra-Gruppierungen geführt, nach dem Motto: Jetzt zeigen wir, was wir können. Darauf reagiert die Polizei. Beide Seiten sind gewaltbereiter geworden.

Frage: DFL und DFB loben aber, dass mehr Familien ins Stadion kommen.

Feltes: Auf Seiten der Fans sehe ich tatsächlich eine zunehmende Polarisierung. Zwischen den friedlichen Fans, die vermehrt Kinder mit ins Stadion bringen. Und den gewaltbereiten Fans, die das Spiel nicht mehr als Spiel sehen, sondern nur noch als Gelegenheit, um am Wochenende "Spaß" zu haben – worunter einige Prügeleien und Auseinandersetzungen verstehen. Wir haben mittlerweile sogar rivalisierende Ultras innerhalb der Vereine. Bisher musste die Polizei nur die Gästefans zum Stadion bringen, jetzt muss sie auch noch Gruppierungen innerhalb der Gast-Ultras trennen.

Frage: Einige Polizeiexperten vergleichen die Einsatzhundertschaften und Ultras: Beide sind spätadoleszent, männlich dominiert, erlebnisorientiert. Können Sie das bestätigen?

Feltes: Viele Polizeibeamte haben sich etwas anderes vorgestellt unter ihrem Job, als sie in den Polizeidienst gegangen sind. Dann werden sie je nach Bundesland unterschiedlich lange in den Einsatzhundertschaften verheizt. Das bringt Unmut und Frust mit sich. Hinzu kommt ein gewisser, von uns in Studien nachgewiesener "Jagdinstinkt", wenn etwa Ultras Straftaten begangen haben. Die will man dann erwischen, auch unter Einsatz von Pfefferspray und Schlagstöcken, um die staatliche, aber auch die persönliche Autorität wieder herzustellen.

Frage: Was heißt das für die Fanbeauftragten, die zwischen beiden vermitteln?

Feltes: Sie sind die ärmsten Schweine, weil sie zwischen den Fronten aufgerieben werden. Jeder von mir Ende 2011 befragte Fanbeauftragte war schon mal Opfer von Gewalt geworden. Und in 70 bis 75 Prozent der Fälle war es Polizeigewalt. Sie fühlen sich überfordert. Sie vermissen die Unterstützung durch DFB, DFL und die eigenen Vereine. Viele haben psychische Probleme, und einige haben bereits das Handtuch geschmissen. Es müssten mehr Fanbeauftragte eingesetzt werden und wir brauchen Fanhäuser, ähnlich den früheren Jugendfreizeithäusern, weil das Stadion im Grunde zum Jugendzentrum geworden ist.