Fangewalt"Ultras und Polizei sind gewaltbereiter geworden"

Die Politik von DFB und DFL hat zu einer Jetzt-erst-Recht-Mentalität bei den Ultras geführt, sagt der Kriminologe Thomas Feltes. Er warnt vor einer Eskalation der Gewalt. von Jan Mohnhaupt

Fans des 1. FC Nürnberg während des Spiels gegen Borussia Dortmund

Fans des 1. FC Nürnberg während des Spiels gegen Borussia Dortmund  |  © Alex Grimm/Bongarts/Getty Images

Frage: Herr Feltes, Sie waren im wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Fußball-Liga ( DFL ). Nach Ihrer Kritik am Deutschen Fußball-Bund ( DFB ) und der DFL im Sommer wurden Sie ausgeschlossen. Warum?

Thomas Feltes: Dazu möchte ich mich nicht äußern.

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Frage: Sie haben den DFB mit einem Taubenzüchterverein verglichen.

Feltes: Das tut mir im Nachhinein auch sehr leid. Für die Taubenzüchter. Ich meinte, dass die Gerichtsbarkeit des DFB nicht so professionell aufgestellt ist, wie es die gestiegenen Anforderungen der letzten Jahre in meinen Augen erfordern. Das kann bei kleineren Problemen funktionieren. Wenn es aber um Spiele wie in Düsseldorf geht, wo die Dinge vollkommen aus dem Ruder gelaufen sind, wo plötzlich Millionen Euro Kosten im Raume stehen, da muss eine vernünftige und vor allem unabhängige Tatsachenaufklärung gemacht werden. Dazu braucht es kompetente Sachverständige oder eine Ermittlungsbehörde. Immerhin ist der Ligaverband nun ja auch im Gespräch mit dem DFB mit Blick auf die Sportgerichtsbarkeit.

Thomas Feltes
Thomas Feltes

Thomas Feltes, 61, ist Kriminologe und lehrt an der Ruhr-Universität Bochum. Bis diesen Monat saß der Gewaltexperte im Beirat der DFL.

Frage: Was kritisieren Sie an DFB und DFL genau?

Feltes: Die Kommunikation mit den Fanvertretern ist nicht auf Augenhöhe. Vor allem der DFB müsste über seinen Schatten springen, ohne Versprechungen zu machen, aber sagen: Wir haben uns nicht geschickt verhalten, wir wollen noch einmal mit Fanvertretern diskutieren.

Frage: In dieser Saison hat es noch keine großen Fan-Krawalle gegeben, auch nicht beim Spiel Hertha gegen Dresden am Mittwoch. Zurzeit ist es doch ruhig?

Feltes: Das sehe ich nicht so. 30 Festnahmen im Vorfeld dieses Spiels sind nicht wenig. Dass es bisher ruhig war, ist nur eine Momentaufnahme. Wir sollten ein paar Spieltage abwarten.

Frage: Vor einem Jahr sagten Sie, die Debatte über steigende Gewalt von Fußballfans sei übertrieben.

Feltes: Dieses Interview war vor dem Abbruch der Gespräche zwischen DFB, DFL und Fanvertretern über den Umgang mit Pyrotechnik im Januar 2012. Das war ein vehementer Einschnitt und hat zu einer Jetzt-erst-Recht-Mentalität bei vielen Ultra-Gruppierungen geführt, nach dem Motto: Jetzt zeigen wir, was wir können. Darauf reagiert die Polizei. Beide Seiten sind gewaltbereiter geworden.

Frage: DFL und DFB loben aber, dass mehr Familien ins Stadion kommen.

Feltes: Auf Seiten der Fans sehe ich tatsächlich eine zunehmende Polarisierung. Zwischen den friedlichen Fans, die vermehrt Kinder mit ins Stadion bringen. Und den gewaltbereiten Fans, die das Spiel nicht mehr als Spiel sehen, sondern nur noch als Gelegenheit, um am Wochenende "Spaß" zu haben – worunter einige Prügeleien und Auseinandersetzungen verstehen. Wir haben mittlerweile sogar rivalisierende Ultras innerhalb der Vereine. Bisher musste die Polizei nur die Gästefans zum Stadion bringen, jetzt muss sie auch noch Gruppierungen innerhalb der Gast-Ultras trennen.

Frage: Einige Polizeiexperten vergleichen die Einsatzhundertschaften und Ultras: Beide sind spätadoleszent, männlich dominiert, erlebnisorientiert. Können Sie das bestätigen?

Feltes: Viele Polizeibeamte haben sich etwas anderes vorgestellt unter ihrem Job, als sie in den Polizeidienst gegangen sind. Dann werden sie je nach Bundesland unterschiedlich lange in den Einsatzhundertschaften verheizt. Das bringt Unmut und Frust mit sich. Hinzu kommt ein gewisser, von uns in Studien nachgewiesener "Jagdinstinkt", wenn etwa Ultras Straftaten begangen haben. Die will man dann erwischen, auch unter Einsatz von Pfefferspray und Schlagstöcken, um die staatliche, aber auch die persönliche Autorität wieder herzustellen.

Frage: Was heißt das für die Fanbeauftragten, die zwischen beiden vermitteln?

Feltes: Sie sind die ärmsten Schweine, weil sie zwischen den Fronten aufgerieben werden. Jeder von mir Ende 2011 befragte Fanbeauftragte war schon mal Opfer von Gewalt geworden. Und in 70 bis 75 Prozent der Fälle war es Polizeigewalt. Sie fühlen sich überfordert. Sie vermissen die Unterstützung durch DFB, DFL und die eigenen Vereine. Viele haben psychische Probleme, und einige haben bereits das Handtuch geschmissen. Es müssten mehr Fanbeauftragte eingesetzt werden und wir brauchen Fanhäuser, ähnlich den früheren Jugendfreizeithäusern, weil das Stadion im Grunde zum Jugendzentrum geworden ist.

Leserkommentare
  1. Dieser Kommentar zeigt, dass der Mann von Deeskalation keine Ahnung hat. Sein Ausschluss ist in meinen Augen gerechtfertigt, weil er nicht in der Lage ist das worum es den Fans gehen muss wirklich zu überblicken.

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    • monz
    • 29. September 2012 0:14 Uhr

    dann seien Sie so gut und erklären uns, worum es den Fans wirklich gehen muss. Mitt Vorwürfen ohne Argumente kann man schlecht argumentieren ;)

  2. Naja solange keine unbeteiligten gefährdet werden und die Polizisten gut genug geschützt und ausgerüstet sind würde ich sagen: Jetzt erst recht und ab dafür!

    Menschen die nur Gewalt als Ausdrucksform kennen ist scheinbar anders nicht beizukommen. Einen Versuch wäre es aufjedenfall wert. Außerdem ist es doch genau das was die Ultras wollen, eine Schlägerei und Krawall.
    Nur haben sie dabei auch daran gedeacht unterliegen zu können?
    Vielleicht wird das eine amüsante Überraschung für einige Ultras. Dafür würd ich mir sogar Sky-Sport abbonieren!

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    an: PaulKemp
    - Haben Sie sich schon einmal eingehender mit der Ultraszene beschäftigt? Man wird dem Problem nicht gerecht, wenn man diese Gruppierungen einfach als blutrünstige Schlägertrupps abstempelt, die zu jeden Spiel fahren, bloß um Gewalt auszuüben.

    Die aller meisten Ultras haben mit Gewalt doch überhaupt nichts zu tun. Sie kommen in die Stadien um ihre Mannschaft mit Gesang, Choreos und anderen Aktionen zu unterstützen. Sie verbringen ihre Freizeit damit, riesige Banner zu malen, etc.
    Erst durch die Ultras wird ein ordentlicher Support möglich. Keine andere Fangruppe kann eine vergleichbare Stimmung erzeugen. Besuchen sie doch mal die Stadien von Leverkusen, Hoffenheim oder Wolfsburg;)

    Und was Pyrotechnik angeht: Das verlockende ist, dass Feuerwerkskörper verboten sind. Der Akt des Hereinschmuggelns und der Triumph beim Abbrennen. Eine Prohibition steigert nur die Versuchung und es hat sich gezeigt: Es lässt sich schlicht nicht verhindern, dass Fans Pyrotechnik mit ins Stadion bekommen. Also ist eine teilweise Legalisierung der einzige Weg, zumindest einigermaßen Kontrolle über die "Zündler" zu bekommen.

    Ein letzter Satz noch zu Herrn Kemp: Jemand der sich Sky holen würde, einzig und allein , weil dort bewaffnete, "gut geschützte" Polizisten zu sehen sind, die wehrlose Jugendliche zusammenschlagen, muss schon ein gestörtes Verhältnis zur Gewalt haben. Und für Fußball kann er sich auch nicht wirklich interessieren.

    Gruß MG

  3. 3. Wow...

    Das liest sich ja schrecklich was der gute Mann dort von sich gibt.

    Der Artikel im Spiegel vor 2 Tagen, hat dort ein etwas anders Licht auf das inhaltlich gleiche Thema geworfen:

    http://www.spiegel.de/spo...

  4. Warum lässt man sich als Fanbeauftragter das Leben so schwer machen? Oder auch als Ultra. Ich werds nie verstehen. Ich gucke auch gerne Fußball, auch gerne im Stadion und Fanblock, aber es ist und bleibt halt nur Sport. Unterhaltung.

    Für manche ist es eine Art Ersatzreligion. Und irgendwie immer nur für die, deren Leben nicht erfüllt ist. Statt sich irgendwie weiterzubilden, das Abi nachzumachen oder sonst wie sinnvoll die Zeit zu verbringen, investiert man Jahre seines Lebens in einen Verein, für den man nur eine Nummer ist - wenn überhaupt. Werd ich nie kapieren.

    • Ingo.
    • 28. September 2012 21:02 Uhr

    Schlimm, was in so wenigen Kommentaren und dem Artikel an sich für schwachsinnige Dinge von sich gegeben werden.

    1. Hat Herr Feltes von Herrn Wendt gelernt? Scheint zumindest so, denn auch der redet ja gern von Toten und findet sich damit oftmals in der BILD - und leider mittlerweile auch in der ZEIT - wieder.
    2. Alle seriösen Untersuchungen widerlegen, dass die Gewalt angestiegen ist. Das muss auch Herr Feltes wissen. Wenn jedoch das Abbrennen von Wunderkerzen wegen Lebensgefahr verboten ist und eine Schlagzeile wert ist und dann der unwissende und unkritische Bürger nicht reflektiert, kann schon der Eindruck entstehen, die Gewalt würde deeskalieren.
    3. Mich wundert es, dass sich Herr Feltes zwar gerade aktuell im ZEIT Dossier zu Polizeigewalt äußert, diese aber hier nicht ausdrücklich erwähnt. Damit zusammenhängend kann man dem "PaulKemp" fast nur wünschen, mal mittendrin zu sein, wenn die Polizeigewalt bei einem Fussballspiel eskaliert, dann würde er wissen, dass es Unrecht ist, wenn unbescholtene Bürger mit Pfefferspray zugesprüht werden etc. Wenn man sich thematisch überhaupt nicht auskennt, sollte man sich mit solchen Kommentaren zurückhalten.
    4. Das gleich gilt für Kommentar 4: Man merkt leider - ich meine das nicht böse - dass sie überhaupt keine Ahnung von dem Thema haben. Allein der Versuch, Fussballleidenschaft mit dem Bildungsgrad in Verbindung zu bringen, ist nichts anderes als Murks, auch dazu gibt es unzählige Studien.

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    Unbescholtene Bürger die im Stadion Opfer von Polizeigewalt werden? Glaube ich nicht. Normale Fussballfans kommen mit der Polizeit nicht in Konflikt, sondern nur die die auf Konfrontation aus sind. Mir tut es jedenfalls um keinen Hooligan/Ultra/"Fan" leid, der von der Polizei einen übergebraten bekommt.
    Die Briten haben ihr Hooliganproblem weitestgehend im Griff. Vielleicht sollte man wie dort Stehplätze abschaffen und die Eintrittspreise soweit erhöhen, dass sich minderbemittelte Schläger den Eintritt nicht mehr leisten können und ihr Gewalt- und Frustpotenzial in andere Kanäle lenken.

  5. Unbescholtene Bürger die im Stadion Opfer von Polizeigewalt werden? Glaube ich nicht. Normale Fussballfans kommen mit der Polizeit nicht in Konflikt, sondern nur die die auf Konfrontation aus sind. Mir tut es jedenfalls um keinen Hooligan/Ultra/"Fan" leid, der von der Polizei einen übergebraten bekommt.
    Die Briten haben ihr Hooliganproblem weitestgehend im Griff. Vielleicht sollte man wie dort Stehplätze abschaffen und die Eintrittspreise soweit erhöhen, dass sich minderbemittelte Schläger den Eintritt nicht mehr leisten können und ihr Gewalt- und Frustpotenzial in andere Kanäle lenken.

    Antwort auf "Unwissenheit"
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    Wir gehen als Familie ins Stadion, Vater, Mutter und 11 jähriges Kind. Seit etwa 6 Jahren haben wir eine Dauerkarte und fahren auch gelegentlich auf Auswärtsfahrten. Seit ca. 2 Jahren beobachte ich zunehmende Gewalt auf Seiten einiger "Fans" aber auch bei der Polizei. Wenn irgendetwas vorfällt wird von Seiten der Polizei sofort Pfefferspray eingesetzt. Natürlich eigentlich gegen Gewalttäter. Liedtragende sind aber oft völlig Unbeteiligte weil diese weder wegrennen noch sich wehren. Wir hatten bisher Glück dass wenn etwas passierte wir weit genug entfernt waren. Ich musste auch schon zusehen wie Kinder aus Versehen mit Schlagstöcken verletzt wurden. Schuld sind natürlich die Chaoten die randalieren. Die Polizei sollte jedoch besser schulen um den Beamten eine bessere Differenzierung zu ermöglichen und nicht völlig Unbeteiligte zu gefährden die vielleicht einfach nur nicht aus einer Menschenmenge fliehen können. Eine Massenpanik in so einer Situation könnte ebenso Tote fordern wie diese vermaledeite Pyrotechnik...

    • praenki
    • 28. September 2012 23:00 Uhr

    Man kann es nicht oft genug sagen: Pyrotechnik ist kein stehplatzexklusives Problem. In Hannover z.B. ist Pyrotechnik bisher nahezu ausschließlich im Sitzplatz-Bereich Oberrang abgebrannt worden. Im Unterrang Nord, der ausnahmslos aus Stehplätzen besteht, bisher nicht. Und nun? Sitzplätze verbieten? Fans raus aus den Stadien?

    Zum britischen Hooliganproblem: Richtig ist, dass die Gewalt aus den Stadien verbannt wurde. Falsch ist, dass die britische Poilzei es deswegen im Griff hätte. Aber es gilt wohl die alte Weisheit: Aus den Augen, aus dem Sinn. Kleiner Tipp dazu: Über die EDL informieren und wundern.

    • monz
    • 29. September 2012 0:14 Uhr
    8. Bitte,

    dann seien Sie so gut und erklären uns, worum es den Fans wirklich gehen muss. Mitt Vorwürfen ohne Argumente kann man schlecht argumentieren ;)

    Antwort auf "Taubenzüchter"

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Bundesliga | DFB | Fußball | 1. FC Nürnberg | Borussia Dortmund | FC Schalke 04
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