Trendsportarten - Eindrücke von der 15. Deutschen Meisterschaft der Jugger in Berlin Am vergangenen Wochenende trafen sich in Berlin auf dem Tempelhofer Feld Jugger-Teams aus ganz Deutschland und dem Ausland.

Das Tempelhofer Feld in Berlin hat schon eine Menge durch. Es war mal ein Acker, später schickte der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. seine Truppen zum Exerzieren über selbigen. Es folgten eine Pferderennbahn, ein Fußballstadion, ein Abflugplatz für Gasballons und natürlich der Stadtflughafen. Aber selbst die Idee eines Architekten, einen 1.071 Meter hohen Berg in Berlins Mitte aufzuschütten , mutet gar nicht so abwegig an, im Vergleich zu dem, was sich an diesem sonnigen Septemberwochenende hier abspielt. Das ist anders, neu, seltsam: Jugger.

Männer und Frauen mit bemalten Gesichtern, Kopftüchern und zerschlissener Kleidung rennen krakeelend aufeinander zu, um sich gegenseitig mit ihren Apparaturen zu verhauen. Sie nennen es Sport. Einige der Vorrichtungen sehen aus wie übergroße Ohrenstäbchen. Es gibt Schutzschilder, Schlagstäbe und schwere Ketten mit an Morgensterne erinnernde Kugeln an den Enden. All das kennt der Sandalenfilmfreund von den Sonntagnachmittagen vor dem Fernseher.

Auch Lester Balz hätte einen guten Gladiatoren abgegeben. Er ist einer der Kettenmänner. Während des Spiels lässt er wie ein humanoider Hubschrauber eine mehr als drei Meter lange Kette über seinen Kopf kreisen. Wer im Weg steht, bekommt die Kugel vor den Latz. Das führt nur nicht zu Knochenbrüchen und Blutlachen, weil die Kette aus Plastik und die Kugel aus Schaumstoff ist. Auch die anderen Kampfutensilien sind dick gepolstert. "Das sieht alles hart aus, ist aber harmlos", sagt Lester Balz.

Vorbild dieses Sports ist ein australischer Film mit dem düsteren Rutger Hauer: The Blood of Heroes . Ein Trash-Streifen von 1989, in dem eine Gruppe zerlumpter Gestalten durch die staubig-apokalyptische Welt des 23. Jahrhunderts trottet und sich durch das in dem Film arg blutige und oft auch tödliche Jugger-Spiel den Zugriff auf Essen, Alkohol und Sex sichert.

Auch Lester Balz hat damals diesen Film gesehen. "Ich dachte: Hey, cooles Spiel. Man müsste es nur irgendwie spielen, ohne sich zu verletzen", sagt er. Mit seinen Freunden fing er an, in Heim- und Handarbeit gepolsterte Waffen zusammenzuflicken, aus Schaumstoff, Plastik und reichlich Gaffa-Tape. Wobei Balz beim Wort "Waffen" kurz zusammen zuckt. "Wir sagen Pompfe", sagt er. Weil es "pompf" macht, wenn die Spieler sich gegenseitig treffen. Ein Sport wie eine Comicsprechblase.

Mit den Pompfen in der Hand ging es los. Mit der Zeit kamen Regeln hinzu, irgendwann hatten sie dann ihren Sport zusammen. Und wer etwas länger hinschaut, erkennt in der vermeintlichen Keilerei unter großen Jungs den Sinn des Spiels. Es geht darum, einen hölzernen Gegenstand, im Film ein Hundeschädel, ans gegnerische Ende des Feldes zu befördern. Dafür gibt es einen Punkt. Das funktioniert eigentlich nur, wenn vorher die meisten Gegner niedergemäht wurden. Wer nach Ende der Spielzeit die meisten Punkte hat, gewinnt.