Paralympics : Die Paralympics sind ungerecht – na und?

Zu lange Prothesen. Behinderungen, die nicht vergleichbar sind. Die paralympischen Spiele sind sportlich ungerecht. Doch darum geht es nicht, kommentiert C. Spiller.
Oscar Pistorius, nur Vize-Olympiasieger über 200 Meter © Scott Heavey/Getty Images

Dass einer schneller laufen kann als Oscar Pistorius, der paralympische Posterboy, war nicht geplant. Etwas ungläubig musste der Südafrikaner mit ansehen, wie der Brasilianer Alan Oliveira auf der Zielgeraden des 200-Meter-Finales an ihm vorbeiflog. Pistorius hatte noch nie einen solchen Endlauf verloren. Wegen ihm waren 80.000 Zuschauer ins Stadion gekommen. Wie war das möglich?

Pistorius wusste es sofort. Er hatte kaum abgestoppt, da lief er zu den Fernsehsendern und sagte, dass alles sei kein Wunder, der Brasilianer habe zu lange Prothesen benutzt . Andere Läufer äußerten sich ähnlich. Darüber wird sicherlich noch gestritten werden. Vorerst aber gilt: Das Internationale Paralympische Komitee (IPC) hat klare Regeln, die Prothesen des Brasilianers wurden abgesegnet. Und Pistorius muss sich fragen lassen, warum er nicht einfach so schnell gelaufen ist wie in seinem Vorlauf, als er einen neuen Weltrekord aufstellte. Mit den 21,30 Sekunden wäre er Olympiasieger geworden.

Dennoch hat der Behindertensport nun ein Problem, das an den Grundfesten des Sports rüttelt: Es geht um gleiche Voraussetzungen, um Gerechtigkeit. Dabei wird gerne übersehen, dass Sport nie gerecht ist. Die Sportwissenschaft ist sich ziemlich sicher, dass wir auf einen europäischen Sprint-Olympiasieger lange warten können, ebenso auf einen 10.000-Meter-Gewinner, der nicht in Afrika aufgewachsen ist. Paralympischer Sport ist am allerwenigsten gerecht. Weil sich viel zu viele Sportler mit viel zu vielen Handicaps untereinander zu messen versuchen.

Allein das 200-Meter-Finale der Männer wird in London in mehr als einem Dutzend sogenannter Schadensklassen ausgetragen. Es laufen die Blinden, es laufen die Sehbehinderten. Die Cerebralparetiker laufen je nach Ausprägung der Einschränkung in fünf verschiedenen Klassen, und es laufen die einseitig Oberschenkelamputierten, die beidseitig Unterschenkelamputierten, die Armamputierten. Die Rollstuhlfahrer gibt es auch noch. Am Ende werden 13 Paralympiker Gold tragen.

Trotzdem bleiben Ungerechtigkeiten. Der deutsche Sprinter und Weitspringer Heinrich Popow bemängelte schon vor dem Turnier , es sei nicht fair, dass er als Oberschenkelamputierter gegen Unterschenkelamputierte springen muss. Um die Leistungen vergleichbar zu machen, werden sie zwar mit einem komplizierten Quotienten verrechnet. Doch am Ende müssen manchmal selbst Fachleute kapitulieren.

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Kommentare

29 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Die Paralympics sind überflüssig!

Der finanzielle Aufwand für diese Feigenblattveranstaltung der Nationen steht in keinem Verhältnis zur Realtität. Wo wird denn tatsächlich Integration gelebt? In den Schulen? In 80% der Schulen wird hier eine Ausgrenzung praktiziert, die auch mit dem Zeigefinger nicht aufgehoben werden kann. Es ist daher schlicht falsch, das ganze staatliche Geld in Versehrtensport zu verbrennen. Die Versehrten können auch mit privaten Mitteln sich und ihren Sport finanzieren. Diese Förderung ist es, die einen ganzen Betreuerstab von Unversehrten füttert, der von der "Nadel" nicht mehr los kommt. Sicher gibt es im Bundesinnenministerium auch Gewinnziele für Medaillen - das ist doch einfach nur absurd.Mit Prothesen wird bald ein Sprinter den Weltrekord knacken - was dann......

Nicht überflüssig!!!

"Wo wird denn tatsächlich Integration gelebt? In den Schulen? In 80% der Schulen wird hier eine Ausgrenzung praktiziert"
-> Das Problem von Integration oder Inklusion ist größtenteils ein rein deutsches Problem. Ein so differenziertes Sonderschulsystem gibt es in keinem Land der Erde. Aber an der Inklusion wird ja gearbeitet. Die Paralympics sind meiner Meinung nach Separationsveranstaltungen (Para = Neben) und keine Integrationsveranstaltungen, da sie getrennt von den Olympischen Spielen stattfinden. Aber dadurch sind sie noch nicht überflüssig geworden. Das Schulsystem mit Behindertenleistungssport zu vergleichen ist nicht angebracht.
Man kann die Paralympics schon allein vom Aufwand her nicht parallel am selben Ort wie die Olympischen Spiele stattfinden lassen.

"Es ist daher schlicht falsch, das ganze staatliche Geld in Versehrtensport zu verbrennen."
-> Es ist nie falsch, Menschen zu fördern, die etwas sinnvolles tun. Vor allem, wenn sie es schwerer haben als andere. Hier wird nichts verbrannt. Bei der Finanzierung von Profifußball regt sich keiner über die Millionen auf. Wenn es aber um Behinderte geht, wird schnell gesagt: abschaffen, das lohnt sich eh nicht. Selbstfinanzierung von Behindertensportlern zu verlangen, finde ich geschmacklos. Dann könnte man auch verlangen, dass der "normale" Leistungssport ohne Fördermittel auskommen sollte.

Interessenkonflikt

Letztlich kann jeder Sportler, der nicht Weltbester ist (also praktisch alle), nur dann zufrieden sein, wenn er gemäß seiner eigenen, zu seiner Person passenden Maßstäbe eine ordentliche Leistung abgeliefert hat.

Beherzigten die meisten Sportler dies nicht, würden alle, die sich keine Hoffnungen auf das Siegertreppchen machen könnten, gleich zuhause bleiben.

(Und beherzigten mehr Sportlerinnen das, bräuchte es auch die anachronistische Geschlechterapartheid nicht mehr.)

Doch das Geld kommt letztlich von den Zuschauern, und die haben andere Interessen: Sie wollen spannende, knappe Wettkämpfe sehen hat, bei denen am Ende möglichst ihre Sympathieträger gewinnen.

Dieser Interessenkonflikt zwischen Sportlern und Zuschauern dürfte Ursache für den meisten Leistungsdruck, Mißgunst und in der Folge Betrug unter Sportlern sein, und für die Neigung der Sportveranstalter, immer feiner unterteilte Leistungskategorien einzuführen.