Paralympics: Wenn der Blinde den Sehenden durchschleppt
Joseph Kibunja wird niemals eine Medaille bekommen. Er ist das Augenpaar, das den blinden Marathonmann Henry Wanyoike durchs Leben leitet.
© Louisa Gouliamaki dpa

Henry Wanyoike und Joseph Kibunja bei den Paralympics 2004 in Athen
Vorsichtig fasst Joseph den Unterarm von Henry. Sein Griff sagt: Hier geht es zu unserem Appartement. Ein leichter Druck nur, mehr ist nicht nötig, um Henry ins Zimmer zu lenken. Der Flachbildschirm ist dicht an die Wand geschoben. Henry soll sich nicht an ihm stoßen. Henry hört gern Fernsehen.
Henry Wanyoike aus Kenia ist blind, er ist Marathonläufer, und seine Augen heißen Joseph Kibunja. Sie haben ihn gerade in ein einfach eingerichtetes Zimmer im Hostel-Stil geführt, in denen die schlafen, die draußen Großes vollbringen wollen. Es ist die Herberge der paralympischen Athleten, die vom heutigen Mittwoch an in London um Medaillen kämpfen.
Im Schlafzimmer der beiden Kenianer stehen zwei Einzelbetten, liegt Wäsche herum, und im Moment läuft das Radio, ein Sender aus ihrer Heimat, den sie über Internet empfangen, erklärt Joseph.
Er erklärt überhaupt sehr viel. Joseph erzählt Henry, dass der Wandschrank direkt vor ihm tiefblau ist und die Couchgarnitur hellblau leuchtet "wie das Meer in Kenia". Henry weiß, wie das Meer in Kenia aussieht. Er, der aus dem 6.000-Einwohner-Dorf Kikuju nordwestlich von Nairobi stammt, hat es früher selbst gesehen. Das war vor dem 1. Mai 1995, dem Tag, an dem er plötzlich sein Augenlicht verlor. "Da war ich 21 Jahre alt, ich hatte einen Schlaganfall, und ich dachte, jetzt ist alles vorbei."
Aber es war nicht vorbei. Man kann sagen, dass es überhaupt erst begann. In Sydney 2000 und in Athen 2004 hat Wanyoike drei Goldmedaillen über 5.000 und 10.000 Meter gewonnen, in Peking wurde er Dritter. Jetzt lehnt sich der 38-jährige Läufer ins Polster zurück, er trägt Sonnenbrille, und er sagt. "Ich versuche mich zu erinnern, wie der Himmel aussah, um mir die Farbe vorzustellen."
Seit elf Jahren sieht er mit den Augen von Joseph Kibunja, weicht der hagere Mann, der ihn um einen halben Kopf überragt, nicht von seiner Seite, lenkt ihn hierhin, steuert ihn nach dort, gibt ihrer beider Leben die Kurven, die es braucht, um die Richtung beizubehalten. Denn es gibt ein Ziel, da wollen beide hin. Auch wenn nur einer von ihnen an diesem Ziel dafür gefeiert werden wird, nur einem von ihnen bei einem Triumph die Medaille umgehängt wird. Und das wird Henry sein.
Henry gibt das Tempo vor, mit dem sie das Ziel erreichen. Joseph ist der Mann in seinem Schatten.
"6 Uhr, Morgentraining", steht mit Edding am Schwarzen Brett im Flur. Joseph liest es Henry vor.
"Wanyoike!", ruft Ruth Chomo, was wie Wanjeuke klingt, und klopft an die offene Zimmertür mit der Nummer 40. Sie ist Trainerin der Kurzstreckenläufer, die wohnen nebenan, den Flur hinunter. Für die 4.200 Athleten der Paralympics und ihre Begleiter ist dies hier eine eigene aufregende Welt auf Zeit, in der sie die Flaggen ihrer Heimatländer an die Brüstungen der Balkone gebunden haben. "Als wir in London gelandet und im Dorf angekommen sind, habe ich die besondere Begeisterung der Menschen gefühlt. Die sind high", sagt Henry. Auf ihn als mehrfachen Goldmedaillengewinner richtet sich besonders viel Aufmerksamkeit.
Als er Joseph Kibunja 2001 fragte, ob er mit ihm laufen wolle, da hat er ihn gelockt. "Ich habe ihm gesagt, dann könne er vielleicht einmal im Leben in ein Flugzeug steigen", sagt Henry. Joseph nickt und sagt, "wer kommt schon in Kenia in ein Flugzeug".
Kibunja war damals Schreiner. Er kannte Henry seit der Kindheit, sie hatten zusammen gespielt. Die Erblindung drohte aus Henry einen Ausgestoßenen zu machen, nutzlos für die Gemeinschaft. Doch sein Lauftalent bewahrte ihn davor.
Berühmt wurde Henry Wanyoike, als er 2000 in Sydney mit seinem vormaligen Begleitläufer Paralympicsgeschichte schrieb. Es gibt einen kurzen Filmausschnitt von diesem Moment. Er zeigt, wie Wanyoike seinen Guide, der strauchelt und torkelt und vor Erschöpfung nicht mehr weiter kann, die letzten Meter durchs Stadion zieht. Aber er, der Blinde, ist unbändig. Weil der Sehende hinterherhinkt, schreien die Zehntausenden im Stadion den Läufer zum Sieg. Geradeaus! Linksherum!
So gewann Henry Wanyoike in 15 Minuten und 46 Sekunden sein erstes Gold über 5.000 Meter.
Nach dem Zieleinlauf brach der Guide zusammen, Wanyoike aber sprang überglücklich auf der Tartanbahn um den Erschöpften herum, soweit er das an der Leine konnte, die sie aneinanderband. Er brauchte einen stärkeren Läufer.
40 Zentimeter lang ist die Kordel, die sich in Schlaufen um Henrys und Josephs Handgelenke und durch ihre Finger windet. Schnell sind sie nur, wenn ihre Schritte synchron sind und sie sich wie ein vierbeiniges Wesen fortbewegen. "Ich lasse Henry durch meine Armbewegungen spüren, welche Schrittfolge wir machen", sagt Joseph Kibunja.
"Ich brauche immer die Tuchfühlung mit Joseph", sagt Henry.
Zwei Jahre brauchten sie, bis das Vertrauen beim Laufen gestimmt hat. "Bis wir uns richtig gefühlt haben", sagt Joseph – wie die Armhaare reiben, die Wärme des anderen, der Atem, die Schritte.






WAHNSINN, WAHNSINN, WAHNSINN!!!!!!! Möge sich die Welt ein Beispiel an den zwei nehmen!!! IRRE. DANKE!
cheers
wow, wirklich eine rührende Geschichte, die auch sehr schön geschrieben ist. Um ehrlich zu sein finde ich es zwar schade, dass die Leistungen "des Sehenden" wohl nur am Rande gewürdigt werden (z.B. war ich erstaunt über den Stiftungsnamen) aber wenn er darüber wirklich nicht enttäuscht ist, dann zeigt das unendlich viel menschliche Größe, die vermutlich extrem selten ist.
Schön auch der Rollenwechsel bei Dunkelheit. :)
Schöner Artikel.
Vielleicht gibt er dem einen oder anderen auch Lust, selber aktiv zu werden. Während sich die Rolle als Guide für blinde Marathonläufer sicher nicht jedermann anbietet, kann jeder, der Radfahren kann, auch mit Blinden Tandem fahren. Von Freizeit- bis Leistungssport ist aller möglich. In Hamburg z.B. bei http://www.tandemclub.de/....
Anders als beim Laufen braucht man fürs Training auch nicht so fit zu sein wie der sehbehinderte Partner. Ich habe als mittelmäßiger Sportler schon mit einem Paralympics-Sieger trainiert - der Antrieb kam hauptsächlich von hinten...
werden..
die Zeit macht sich zum Erfüllungsgehilfen eines gutmenschelnden Zeitgeistes
Ich dachte immer, die Latte der Niveaulosigkeiten kann man nicht mehr tiefer legen, aber es findet sich immer noch jemand, der das schafft.
Als ich diesen Artikel gelesen habe, wurde mir erneut bewusst, dass der Mensch wahrhaftig in der Lage ist, sich von allen Lebewesen in besonderer Art und Weise hervorzuheben. Bei Joseph K. positiv, in Ihrem Fall negativ.
Es ist schon bedauernswert, dass "Gutmensch" in diesem Land ein Schimpfwort ist, aber Ihr Kommentar - ich schließe mich dem Vorredner an - bricht wohl alle Rekorde.
Ist es etwa keine Tugend, sich trotz schwerer Behinderung anzustrengen, als daheim auf ein wundersames Happy End zu warten? Zeugt es denn nicht von Menschlichkeit, selbstlos jenes Vorhaben zu unterstützen?
Ich dachte immer, die Latte der Niveaulosigkeiten kann man nicht mehr tiefer legen, aber es findet sich immer noch jemand, der das schafft.
Als ich diesen Artikel gelesen habe, wurde mir erneut bewusst, dass der Mensch wahrhaftig in der Lage ist, sich von allen Lebewesen in besonderer Art und Weise hervorzuheben. Bei Joseph K. positiv, in Ihrem Fall negativ.
Es ist schon bedauernswert, dass "Gutmensch" in diesem Land ein Schimpfwort ist, aber Ihr Kommentar - ich schließe mich dem Vorredner an - bricht wohl alle Rekorde.
Ist es etwa keine Tugend, sich trotz schwerer Behinderung anzustrengen, als daheim auf ein wundersames Happy End zu warten? Zeugt es denn nicht von Menschlichkeit, selbstlos jenes Vorhaben zu unterstützen?
Ich dachte immer, die Latte der Niveaulosigkeiten kann man nicht mehr tiefer legen, aber es findet sich immer noch jemand, der das schafft.
Als ich diesen Artikel gelesen habe, wurde mir erneut bewusst, dass der Mensch wahrhaftig in der Lage ist, sich von allen Lebewesen in besonderer Art und Weise hervorzuheben. Bei Joseph K. positiv, in Ihrem Fall negativ.
Es ist schon bedauernswert, dass "Gutmensch" in diesem Land ein Schimpfwort ist, aber Ihr Kommentar - ich schließe mich dem Vorredner an - bricht wohl alle Rekorde.
Ist es etwa keine Tugend, sich trotz schwerer Behinderung anzustrengen, als daheim auf ein wundersames Happy End zu warten? Zeugt es denn nicht von Menschlichkeit, selbstlos jenes Vorhaben zu unterstützen?
Eine tolle Szene ich war zu Tränen gerührt.
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