Bundesliga"Schwul? Na soll’n sie doch!"

Die Volksparkjunxx sind der einzige Fanclub des Hamburger SV für Schwule. Ein Stadionbesuch mit fünf Toren, vielen Umarmungen und sehr viel Bier von 

Jens und Thorsten von den Volksparkjunxx

Jens und Thorsten von den Volksparkjunxx  |  © Steffen Dobbert

Wer mit der S-Bahn am Fußballstadion des Hamburger SV ankommt, spürt viel menschliche Nähe. Eine Stunde vor dem Anpfiff gegen Borussia Dortmund drückt die Enge einen gegen Bierbäuche, bierversiffte Lederjacken und Stoppelbärtige, die "Heeijaa B-V-B, Heeijaa B-V-B, Heeijaa B-V-B" rufen.

Als Antwort auf die einmarschierenden Dortmunder reißen drei HSV-Fans ihre Münder auf. Sie brüllen über den ganzen Bahnhof "Schwuuler B-V-B, Schwuuler B-V-B, Schwuuler B-V-B". Danach laufen alle zusammen zum Stadion.

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Es ist erst knapp zwei Wochen her, dass der erste schwule Bundesligaspieler ein Interview gab, in dem er seine Angst vor einem offenen Leben ausdrückte. Angela Merkel, Uli Hoeneß und viele Weitere reagierten auf das anonyme Interview. In der anschließenden Debatte geht es nun auch um die Frage , wie homophob Fans, Funktionäre und Fußballer im Herbst 2012 noch sind. Eine eindeutige Antwort gibt es nicht , aber bei einem Stadionbesuch gemeinsam mit Sören, Thorsten, Jens und ihren Fußballfreunden kann man sich ihr nähern. Sie sind Mitglieder der Volksparkjunxx , dem einzigen Fanclub des HSV für Schwule und Lesben.

Auswärtsspiele schauen die Volksparkjunxx gemeinsam in einer Hamburger Kneipe, einmal im Monat sitzen sie zusammen am Stammtisch, und vor jedem Heimspiel treffen sie sich – wie jetzt – an einem Bierstand vor dem Stadion. "Sonst laufe ich ja auch nicht mit rosafarbenem Püschel durch die Gegend, wir wollen nicht unbedingt auffallen," sagt Thorsten, einer der Gründer des Fanclubs, und begründet, weshalb ihr Fanclubschal schlicht gestaltet ist.

Schwule Hurensöhne

Die "Schwuuler B-V-B"-Rufe haben Thorsten und die anderen nicht gehört. Aber man könne sich das gut vorstellen. Schwul sei inzwischen eine Beleidigung, die manche ohne homophoben Hintergedanken nutzen, sagt Thorsten, der sich ein neues Bier geholt hat und nun mit der Menschenmasse Richtung Fankurve läuft.

Jens sagt, er habe vor einer Weile neben einem HSV-Fan gestanden, der "blöde Schwuchtel" aufs Feld rief. "Such Dir mal 'n anderes Schimpfwort", habe er geantwortet. Das, sagt Jens, hätte er sich vor zehn Jahren im HSV-Stadion nicht getraut.

In der Nordkurve singen die Fans gerade "Laadiedadiedaadidoo B-V-B-Huurensööhne", als der Stürmer Son nach zwei Spielminuten und einer Flanke von van der Vaart das 1:0 gegen den Deutschen Meister köpft. Die Volksparkjunxx feiern und werden mit dem Bier der anderen geduscht. Fallrückzieher, Hackentrick, Grätschen, direkte Pässe und die Führung – in der ersten Halbzeit begeistert der HSV seine Fans.

Vor dem Seitenwechsel eine willkürliche Umfrage zwischen Leuten, die vor dem Bierstand stehen. Was meinen Sie, könnte sich ein HSV-Spieler problemlos outen? Antwort eins: "Ja, is' mir egal." Zwei: "Lass mich in Ruhe!" Drei: "Das sollte der nicht alleine machen, die Medienmeute würde ihn fertig machen." Vier: "Na, logisch, halt ne Schwuppe mehr." Fünf: "Schwul? Na soll'n sie doch!"

In der zweiten Halbzeit schafft der HSV es, sein bestes Spiel seit Monaten oder vielleicht Jahren mit 3:2 zu gewinnen . Beim 2:1 fliegen vor Freude wieder volle Bierbecher durch die Luft. Beim 3:1 umarmen sich die Volksparkjunxx. Beim Abpfiff hüpfen sie, umklammern sich, drücken sich aneinander und werden wieder vom Bier überschüttet. Selten war die Stimmung besser als heute.

Leserkommentare
    • Nibbla
    • 23. September 2012 10:41 Uhr

    und dann kann richtiger Müll bei rauskommen.
    [...]

    Entfernt. Bitte beachten Sie, dass wir auf diese Seite nicht verlinken möchten. Danke, die Redaktion/ls

  1. 2. Medien

    "Das sollte der nicht alleine machen, die Medienmeute würde ihn fertig machen."

    ... Fans hin oder her, das halte ich auch für das entscheidende Problem. Täglich hunderte Anfragen, Interviews, Stories, Titelbilder usw usf. weil es für die Medien DAS Thema wäre.
    Aber mal ehrlich, die meisten die ich kenne ist das relativ egal.

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    ist Privatsache und sollte es auch bleiben. Die Spieler sollten aufgrund ihres Könnens beurteilt werden. Die Neugier der Massen ist in manchen Fällen ungesund. Und ein englischer Profi hat sich mal "geoutet". Er ist anschließend seines Lebens nicht mehr froh geworden.

  2. Keinem Fan geht es um die Sexualität eines Spielers, sondern um dessen Auftreten aufm Platz. Bin ich ein echter Kerl oder eine Mimose? Anhand diverser Schauspieler auf dem Rasen kann man sehen und feststellen, dass das die Hassfiguren sind. Wenn aber ein Maik Franz sich als schwul outen würde und trotzdem noch wie ein Dampfhammer die gegnerischen Spieler umhaut, dann bekommt der garantiert nicht einen Schmähgesang. Und die paar einzelnen Idioten gibt es im Stadion genauso wie ausserhalb des Stadions.

    Wer sich aber als Kämpfer erweist und standhaft ist, der wird nicht als Schwuchtel bezeichnet.

    Dass man von den gegnerischen Fans dann als diese bezeichnet wird kann ich mir zwar vorstellen, aber da geht es nicht um die Homosexualität, sondern um die Beleidigung des gegnerischen Spielers. Das wird dann eben anstatt "Wichser" gesagt. Das sollte einem Profi aber nix ausmachen.

  3. 4. What?

    Warum treten die einem Fanclub bei und kennen Tolgay Arslan nicht?
    Ansonsten langweilt diese Diskussion sowas von! Es wäre absolut kein Problem sollte sich ein schwuler Spieler outen. Außer er gefällt der Presse nicht!

  4. ist berüchtigt wegen eines Teils seiner Fans.
    Der FC St. Pauli ist auch nicht viel besser, aber immerhin schritt die Polizei ein, als die HSV Chaoten die Paulianer bereits am Bahnhof Altona auf sie warteten, um ihnen mal so richtig einen auf die Fr....zu geben.

    Es ist ein Klischee, aber politisch würde ich den HSV rechts einordneten, den FC St.Pauli links.
    In meinem Stadtviertel wehen die Totenkopf-Fahnen, wenn der Kiezverein spielt.

    In Eppendorf wird Silvi van der Vaart verehrt wie eine Königin. Einmal mit ihr fotographiiert zu werden und vielleicht auch noch mit ihrem Gatten, ach wäre das schön.

    Leider wurde unser Polizeikommissar beim Spiel gegen den 1.FC. Köln verletzt, sodaß nur ein Unentschieden rauskam.

    Und was das Thema Schwule angeht, der ehemalige Präsident Conny Littmann ist schwul. Ich mag ihn zwar persönlich nicht, weil er damit gern hausieren geht aber immerhin...

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    • gooder
    • 23. September 2012 15:26 Uhr

    Ich habe schon bierselige St. Pauli-Fans erleben dürfen, die alles andere als politisch links einzuordnen waren.

    "Es ist ein Klischee, aber politisch würde ich den HSV rechts einordneten, den FC St.Pauli links.
    In meinem Stadtviertel wehen die Totenkopf-Fahnen, wenn der Kiezverein spielt."

    Wen genau würden sie rechts einordnen? Den HSV als Verein? Die Mannschaft? Die Fans?
    Wenn Sie Sich nur ein bisschen mit der Fanszene des HSV auseinandersetzen würden, wüssten Sie, dass die Ultragruppierungen Poptown und Chosen Few aktiv gegen Rassismus und Diskriminierung vorgehen. Vorkommnisse, wie zuletzt in Dortmund, sah man beim HSV seit fast 20 Jahren nicht mehr. Ich will nicht sagen, dass es unter den HSV-Fans auch rechte oder möchtegern-rechte Fans gibt. Eben, wie bei fast allen Fußballklubs. Aber sie müssen hier wieder alte Klischees bedienen, um möglichst für den FC St.Pauli ein Alleinstellungsmerkmal zu bewahren. Denn "anders" ist der Verein schon lange nicht mehr. Diese platten Aussagen "der HSV ist rechts" "St.Pauli ist links" strotzt nur vor Schwarzweiß-Malerei und festgefahrenem Gedankengut. Aus eigener Erfahrung fällt es gerade den St.Pauli Fans sehr schwer zu akzeptieren, dass es beim HSV eine aktive Fanszene gibt, die sich gegen den braunen Sumpf der 80er und 90er-Jahre einsetzt. Und zwar mit Erfolg.
    Übrigens: Das Banner "Fußballfans gegen Homophobie" hing im deutschen Profifußball zu erst bei welchem Verein? Richtig: beim HSV!

    • gooder
    • 23. September 2012 15:26 Uhr

    Ich habe schon bierselige St. Pauli-Fans erleben dürfen, die alles andere als politisch links einzuordnen waren.

    Antwort auf "Der HSV"
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    ab 1,5 Promille setzt der Verstand aus.

    Bei "rechts" oder "links" handelt es sich zwar um Klischees,
    aber in den Köpfen mamcher Hamburger und HSV-Fans sind die Paulaner die Proleten und der HSV ist der einzig wahre Verein.

    Was ich generell kritisiere ist etwas anderes.

    Der Fußball in der 1. und 2. Liga ist zu einer Frage des Geldes geworden. Was hat ein Import aus Südkorea denn mit Hamburg zu tun ? Das gilt auch für andere Vereine.

    Ich kanns nicht ändern, es sind Spiele mit Legionären.

    Ich bin auch deshalb ein FC St.Pauli-Fan, weil dort ein echter Hamburger Polizeikomissar mitspielt.

    Im übrigen sind die Probleme bei den Vereinen die Fans.
    Gewalt hat im Fußball nichts zu suchen und ich sehe nicht ein, wenn die Sicherheit dann durch ein Polizeiaufgebot, also aus Steuergeldern finanziert wird. Das sollen die Vereine selbst bezahlen. Geld scheint ja keine Rolle zu spielen beim Einkauf eines Martinez für angeblch 1,5 Mio. zum Beispiel.

  5. Ein sich outender schwuler Spieler, egal, ob beim HSV oder bei einem anderen Verein der Bundesliga, wäre m. E. weder "die Sensation" noch eine Revolution.
    Hamburg hatte mit Ole von Beust einen schwulen Ersten Bürgermeister, Berlin hat mit Klaus Wowereit noch immer einen solchen. Deutschland hat mit Guido Westerwelle einen zu seiner Homosexualität stehenden Außenminister. Es gibt jede Menge eine "alternative sexuelle Orientierung" lebende Promis in Kunst, Kultur und Medien.
    Na und?
    Macht sie das Faktum ihres Schwul- oder Lesbisch-Seins zu besseren oder schlechteren Menschen?
    Wenn ein sich outender Bundesliga-Profi am Wochenende danach in der Liga oder in Wochenmitte in der CL oder der EL wieder seine Tore schießt oder verhindert, wird das niemanden vom Hocker reißen (das Schwulsein, nicht die Tore!).
    Anders als in großen Teilen der CSU und der römisch-katholischen Kirche wird auf den Ligaplätzen der Nation der Mond nicht mehr mit der Stange weiter geschoben und das 21. Jahrhundert ist ausgebrochen.

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    • Hainuo
    • 23. September 2012 21:34 Uhr

    Schauen Sie sich doch mal in einer Fußballarena um. Es geht nicht darum, wer die Mehrheit stellt, sondern wer am lautesten brüllt. Da sind eine Menge Halbaffen, die jede Chance nutzen, die "Gladiatoren" zu demütigen. Also ich würde mich nicht outen.

    • lxththf
    • 23. September 2012 16:09 Uhr

    wird sich immer leider nur auf die Fans bezogen. Die eigentliche Angst vor einem Coming Out ist doch wohl eher in der Mannschaft zu suchen. Wenn die Fans einen Spieler beschimpfen, ok, dass ist schlimm und nicht zu tolerieren, aber damit müsste der Spieler 90Min in einer Woche umgehen. Mit den Kollegen arbeitet er Tag für Tag und wenn er dann isoliert würde, wäre das eine größere emotionale Belastung.

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  • Schlagworte Bundesliga | Angela Merkel | Fußball | Hamburger SV | Uli Hoeneß | Bier
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