BundesligaDie neuen Gastarbeiter der Liga

Lange Jahre gab es keine Spanier in der Bundesliga, nun kommen immer mehr. Weil die Klubs ihrer Heimat verschuldet sind, und Deutschland mittlerweile Rasenheizungen hat. von Dominik Bardow

Javi Martínez während seines Debüts für Bayern München gegen den VfB Stuttgart

Javi Martínez während seines Debüts für Bayern München gegen den VfB Stuttgart  |  © Lars Baron/Bongarts/Getty Images

Anfänge sind schwer. Speziell, wenn man aus dem Süden kommt und im Winter auf fast gefrorenem Platz in Rostock kickt. Jaime war 2002 der erste Spanier in der Bundesliga. Der Mittelfeldspieler wollte Pässe spielen, die er aus Spanien kannte. Herrliche Pässe, über dutzende Meter hinweg und dennoch präzise. Pässe, die das Spiel und das Herz öffnen können, Anspiele, die die Sonne aufgehen lassen, für die Xavi und Iniesta heute weltberühmt sind. Doch im deutschen Winter war weder Sonne noch Xavi noch Iniesta. Bei Jaimes Risikopässen hoppelte der Ball über den harten Platz wie ein Rugby-Ei.

" Ralf Rangnick sagte mir irgendwann, ich soll Jaime beibringen, dass er ein paar Spiele aussetzen muss", erinnert sich dessen Landsmann Ricardo Moar, damals Manager bei Hannover 96. Für den Trainer war der Spanier zwischen Januar und März schlicht nicht einsetzbar.

Anzeige

Es ist viel Zeit vergangen seitdem. Spielten Spanier bis vor zehn Jahren noch keine Rolle in Deutschland, gibt es in der Bundesliga nun sieben Spieler aus dem Land des Welt- und Europameisters. Zwar verließ Raúl Schalke, aber es kamen diesen Sommer fünf neue Spanier hinzu – aus keinem anderen Land gab es mehr neue Gastarbeiter. Den prominentesten verpflichtete Bayern München : Javier Martinez, für 40 Millionen Euro, Bundesliga-Rekord. Klar, Spanien hat eine Wirtschaftskrise, so etwas sorgt nicht nur im Fußball für Bewegung auf dem Arbeitsmarkt. Aber nach dieser Logik müssten auch massenweise Portugiesen, Iren, Italiener und noch mehr Griechen ihr Glück in der Bundesliga suchen. "Das Finanzielle spielt eine große Rolle, aber nicht die Hauptrolle", sagt Max Eberl, der als Sportdirektor in Mönchengladbach Álvaro Dominguez verpflichtete.

Die kleine Hispanisierung des deutschen Fußballs sagt etwas aus, über die Entwicklung der Bundesliga, wirtschaftlich und vor allem konzeptionell, über die Globalisierung des Sports. Und über Trends und Moden in der Milliardenbranche Transfermarkt, die manchmal nach eigenwilliger Logik funktioniert.

Davon weiß Ricardo Moar zu berichten. Der 58-Jährige ist Berater oder Scout, eine genaue Stellenbeschreibung gibt es nicht, für Udinese Calcio. Der italienische Erstligist hat über 50 Spieler aus aller Welt unter Vertrag und die meisten in alle Welt verliehen. Klubs wie der FC Granada, der FC Watford oder der FC Cadiz bauen Teams mit Udine-Leihspielern. Moar war auch Manager in Cadiz, "um Udines Interessen dort zu wahren".

Vor allem aber war Moar der bisher erste und einzige spanische Manager in der Bundesliga. Für Deportivo La Coruña scoutete er vor zehn Jahren Gegner Bayer Leverkusen , als er in einem Hotel mit Ralf Rangnick ins Gespräch kam. Als Kind hatte Moar elf Jahre in Lippstadt verbracht, er spricht bis heute fließend Deutsch. Rangnick schlug Moar vor, mit ihm in Hannover zu arbeiten. Der globale Fußball ist auch geprägt von Zufällen.

"Die Konzepte in beiden Ländern sind verschieden", sagt Moar. "Deutsche Trainer verpflichten Spieler, die zu ihrer Philosophie passen, Bulgaren, Polen, Serben." In Deutschland suche man den direkten Weg zum Tor, hier gebe es viele schnelle, athletische Spieler, aber denen fehle das, was die Spanier hätten: Passpräzision und Kombinationsfreude.

Doch in Hannover arbeitete er mit Rangnick und Mirko Slomka, zwei Trainern, die feinen Fußball schätzen. "Als Ralf sagte, er suche einen Spieler, der dem Offensivspiel Profil gibt, dachte ich sofort an Jaime", sagt Moar. "Dass er kein guter Verteidiger war und kein großer Läufer war nicht so wichtig." Jaime und seine Mitspieler Fernando und José Manuel, ebenfalls aus La Coruña, waren die ersten Spanier in der Bundesliga, wo es zuvor nur Halbspanier wie Francisco Copado oder Thomas Christiansen gab. Mit Jaime im Mittelfeld wurde der Aufsteiger für sein Offensivspiel gefeiert, auch wenn Hannover die drittmeisten Gegentore kassierte, was zeigt, dass Verteidigen und Laufen durchaus noch Tugenden sind.

Für die frühere körperliche Unterlegenheit hat Moar eine einfache Erklärung. "In Deutschland hatte ich als Kind richtigen Sportunterricht", erinnert er sich, "zurück in Spanien war es in der Diktatur wichtiger, Lieder für Franco zu singen."

Leserkommentare
  1. Ein interessanter Artikel.

    Nur am Rande: Dass Udinese Calcio viele Spieler nach Watford und Granada ausleiht, ist kein Zufall. Beide Vereine gehören der Familie Pozzo, die auch Eigentümerin von Udinese Calcio ist.

    Eine Leserempfehlung
  2. Der 1. FC Kaiserslautern verpflichtete vor wenigen Wochen ebenfalls einen spanischen Spieler. Immerhin sogar der ehemalige Kapitän der spanischen U21.

  3. Interessant. Noch vor wenigen Jahren wurden Personen aus anderen EU-Ländern eben als Miteuropäer begrüßt, die laut Maastricht sich zum Arbeiten in ein anderes Land niederlassen könnten. Das galt auch für Deutsche in der EU.
    Jetzt heissen sie wiedermal "Gastarbeiter", wahrscheinlich um dem deutschen Egoismus zu dienen un auf die anderen hinabschauen zu können.

    Eine Leserempfehlung

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Ralf Rangnick | Bundesliga | Fußball | FC Schalke 04 | Luca Toni | Spanien
Service