Armstrong-Dossier : Eine Milieustudie des kranken Radsports

Die Dokumente der Usada könnten strafrechtliche Folgen für Lance Armstrong haben. Sie zeigen auch: Der gesamte Straßenradsport ist bis heute durch Doping korrumpiert.
Lance Armstrong etablierte ein strenges Betrugssystem. © Bryn Lennon/Getty Images Sport

Die Dokumente, die die amerikanische Anti-Doping-Agentur Usada gestern Abend veröffentlicht hat, sind in der Geschichte des Kampfs gegen Doping einmalig. Die Zusammenfassung von rund zweihundert Seiten liest sich spannend wie ein Roman. Ergänzt wird sie durch Hunderte von Primärquellen : Telefongespräche, Videos, E-Mail-Protokolle, Banküberweisungen, Laborproben sowie Eidesstattlichen Aussagen von sechsundzwanzig Zeugen, darunter fünfzehn Fahrern. Diese Milieustudie verdeutlicht, wie krank und kriminell der Radsport ist.

Auch wenn es noch Tage dauern wird, bis alle Details ausgewertet sein werden, steht bereits jetzt die endgültige Erkenntnis fest: Lance Armstrong hat über etwa ein Jahrzehnt hinweg systematisch und im Verbund gedopt. Das war den meisten Menschen zwar schon lange vorher klar, auch gab es entgegen seinen Beteuerungen schon vereinzelte Belege. Mit dieser Dokumentation jedoch sind alle Zweifel getilgt und Armstrong der Falschaussage überführt. Wer immer noch nicht wahrhaben möchte, dass der Rekordsieger der Tour de France betrogen hat, wird es nie tun.

Doch im Fokus steht nicht Armstrong alleine. Die Puzzleteile der Usada liefern ein sehr genaues Bild vom "professionellsten Dopingsystem, das der Sport je gesehen hat", wie es der Usada-Chef Travis T. Tygart beschreibt. Beispiel David Zabriskie: Der US-Profi schildert seine persönliche Entwicklung. Zunächst sei er sauber gefahren, sagt er. Mit dem Doping habe es angefangen, als die Teamleitung ihm "Erholungsspritzen" verabreichte – ohne ihm zu verraten, was sie enthielten.


Nach nur einem Jahr im Armstrong-Team US-Postal sang Zabriskie seinen Kollegen im Bus Lieder über EPO (Erythropoetin) vor: "EPO in meinen Venen – in letzter Zeit scheinen sich die Dinge verändert zu haben – bewegen uns lustig, aber ich weiß nicht warum – Tschuldigung sage ich, während ich den Typen überhole." Die Anwesenheit des Sportlichen Leiters Johan Bruyneel störte ihn dabei nicht. Zabriskie berichtet vom Druck, den Bruyneel später auf ihn ausgeübt haben soll, EPO zu nehmen. Fragen nach dem gesundheitlichen Risiko soll Bruyneel mit "Jeder macht das" beantwortet haben.

Nachahmer in Deutschland

Die Dokumente zeigen auch den Einfluss Armstrongs auf die Konkurrenz. Der Texaner setzte mit seinem Streben nach Perfektion nicht nur auf der Strecke Maßstäbe, sondern auch beim Betrügen. Er war ein Early Adopter des Dopings. Andere Teams beteiligten sich dann am ständigen Wettbewerb, neue Dopingmethoden zu entwickeln.

Am vorigen Freitag sagte der längst geständige Doper Jörg Jaksche vor der Usada aus. Er berichtet von seinem ehemaligen Arbeitgeber T-Mobile , der im Jahr 2001 den Amerikaner Kevin Livingston von US-Postal abwarb. Aus Jaksches Aussagen geht hervor: Die Deutschen versprachen sich von dem Transfer Einblicke in Armstrongs Doping-System. Von Livingston wusste der Telekom-Rennstall, gemäß Jaksche, schon im Jahr 2000, dass Armstrong mit Blut-Transfusionen gearbeitet hatte. Diese Methode der Manipulation wurde später in Freiburg erfolgreich nachgeahmt.

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Kommentare

40 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

Nicht im gesamten Radsport wird gedopt!!

"Der gesamte Radsport ist bis heute durch Doping korrumpiert."

Ich würde mich freuen, wenn Sie nicht so verallgemeinern, sondern sich differenzierter äußern würden. Weder wird im gesamten Radsport gedopt, noch besteht der Radsport nur aus Rennradfahrern.

Ich habe seit Jahren von keinem Vorfall in Downhill, 4X, Cross Country, Trial, sprich allgemein im Mountainbikesport gehört.