Armstrong-DossierEine Milieustudie des kranken Radsports

Die Dokumente der Usada könnten strafrechtliche Folgen für Lance Armstrong haben. Sie zeigen auch: Der gesamte Straßenradsport ist bis heute durch Doping korrumpiert. von Jonathan Sachse

Lance Armstrong etablierte ein strenges Betrugssystem.

Lance Armstrong etablierte ein strenges Betrugssystem.  |  © Bryn Lennon/Getty Images Sport

Die Dokumente, die die amerikanische Anti-Doping-Agentur Usada gestern Abend veröffentlicht hat, sind in der Geschichte des Kampfs gegen Doping einmalig. Die Zusammenfassung von rund zweihundert Seiten liest sich spannend wie ein Roman. Ergänzt wird sie durch Hunderte von Primärquellen : Telefongespräche, Videos, E-Mail-Protokolle, Banküberweisungen, Laborproben sowie Eidesstattlichen Aussagen von sechsundzwanzig Zeugen, darunter fünfzehn Fahrern. Diese Milieustudie verdeutlicht, wie krank und kriminell der Radsport ist.

Auch wenn es noch Tage dauern wird, bis alle Details ausgewertet sein werden, steht bereits jetzt die endgültige Erkenntnis fest: Lance Armstrong hat über etwa ein Jahrzehnt hinweg systematisch und im Verbund gedopt. Das war den meisten Menschen zwar schon lange vorher klar, auch gab es entgegen seinen Beteuerungen schon vereinzelte Belege. Mit dieser Dokumentation jedoch sind alle Zweifel getilgt und Armstrong der Falschaussage überführt. Wer immer noch nicht wahrhaben möchte, dass der Rekordsieger der Tour de France betrogen hat, wird es nie tun.

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Doch im Fokus steht nicht Armstrong alleine. Die Puzzleteile der Usada liefern ein sehr genaues Bild vom "professionellsten Dopingsystem, das der Sport je gesehen hat", wie es der Usada-Chef Travis T. Tygart beschreibt. Beispiel David Zabriskie: Der US-Profi schildert seine persönliche Entwicklung. Zunächst sei er sauber gefahren, sagt er. Mit dem Doping habe es angefangen, als die Teamleitung ihm "Erholungsspritzen" verabreichte – ohne ihm zu verraten, was sie enthielten.


Nach nur einem Jahr im Armstrong-Team US-Postal sang Zabriskie seinen Kollegen im Bus Lieder über EPO (Erythropoetin) vor: "EPO in meinen Venen – in letzter Zeit scheinen sich die Dinge verändert zu haben – bewegen uns lustig, aber ich weiß nicht warum – Tschuldigung sage ich, während ich den Typen überhole." Die Anwesenheit des Sportlichen Leiters Johan Bruyneel störte ihn dabei nicht. Zabriskie berichtet vom Druck, den Bruyneel später auf ihn ausgeübt haben soll, EPO zu nehmen. Fragen nach dem gesundheitlichen Risiko soll Bruyneel mit "Jeder macht das" beantwortet haben.

Nachahmer in Deutschland

Die Dokumente zeigen auch den Einfluss Armstrongs auf die Konkurrenz. Der Texaner setzte mit seinem Streben nach Perfektion nicht nur auf der Strecke Maßstäbe, sondern auch beim Betrügen. Er war ein Early Adopter des Dopings. Andere Teams beteiligten sich dann am ständigen Wettbewerb, neue Dopingmethoden zu entwickeln.

Am vorigen Freitag sagte der längst geständige Doper Jörg Jaksche vor der Usada aus. Er berichtet von seinem ehemaligen Arbeitgeber T-Mobile , der im Jahr 2001 den Amerikaner Kevin Livingston von US-Postal abwarb. Aus Jaksches Aussagen geht hervor: Die Deutschen versprachen sich von dem Transfer Einblicke in Armstrongs Doping-System. Von Livingston wusste der Telekom-Rennstall, gemäß Jaksche, schon im Jahr 2000, dass Armstrong mit Blut-Transfusionen gearbeitet hatte. Diese Methode der Manipulation wurde später in Freiburg erfolgreich nachgeahmt.

Leserkommentare
  1. Fahrradsport einfach einstellen-die Sponsoren finden schnell Ersatz und die Sportler an der Spitze werden nicht mehr von Giften und ihren Taten gefressen.

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    Es kann doch nicht die Konsequenz sein, daß eine Sportart in der kontrolliert und enttarnt wird bzw. der Sumpf nach und nach trockengelegt wird, eingestellt wird. Da können Sie sich ja an 5 Fingern abzählen, wie ernst dann alle anderen Profisportarten den Anti-Dopingkampf nehmen werden.

    Wieso nehmen sie sich heraus zu bestimmen was andere machen wollen und dürfen?

    Und Sponsoren können doch ihre Gelder verteilen wie sie wollen, oder nicht?

    Und ganz ehrlich, welcher Profi Sport ist wirklich sauber? IMHO keiner, aber auch gar keiner.

    • Untoter
    • 11. Oktober 2012 20:09 Uhr

    Bei allen Sportarten wird gedopt. Oder was glauben SIe, woher die Rekorde der letzten Jahre kommen? Nur, der Radsport wird sehr stark kontrolliert, zu Recht.
    Bei anderen Sportarten ist es nicht so stark.

  2. Eine Anmerkung noch: Die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender jubelten bis 2006 - wider besseres Wissen - die Tour de France zum Mega-Ereignis nach Fußball-WM und Olympia hoch. Erst als mit dem Tour-Ausschluss Jan Ullrichs offiziell wurde, was sowieso alle wussten, zogen sich auch die öffentlich-rechtlichen Jubelsender und -journalisten zurück. Doch damit nicht genug: Nun wurden sie plötzlich zu den schärfsten Kritikern und fielen über Jan Ullrich her, als hätte er sie persönlich betrogen.
    Leider ist es ja so: Es bedarf nicht einmal der Fachliteratur. Wer nur unter "Todesfälle im Radsport" Wikipedia anklickt, stößt auf einen kleinen Friedhof.
    Vielleicht setzt jetzt, da Armstrong = Pharmstrong vom Sockel gesürzt wurde, doch noch ein Umdenken ein. Sicher ist dies nicht, da nach seinem Rücktritt die Zahl der Ertappten ja nicht abnahm.
    Es wäre der schönsten Sportart der Welt zu wünschen, dass sie sich aus diesem Drogensumpf befreit.

    Eine Leserempfehlung
  3. 4. Warum?

    Es kann doch nicht die Konsequenz sein, daß eine Sportart in der kontrolliert und enttarnt wird bzw. der Sumpf nach und nach trockengelegt wird, eingestellt wird. Da können Sie sich ja an 5 Fingern abzählen, wie ernst dann alle anderen Profisportarten den Anti-Dopingkampf nehmen werden.

    Antwort auf "diesen, genau diesen"
    • Nebula
    • 11. Oktober 2012 20:48 Uhr

    "Der gesamte Radsport ist bis heute durch Doping korrumpiert."

    Ich würde mich freuen, wenn Sie nicht so verallgemeinern, sondern sich differenzierter äußern würden. Weder wird im gesamten Radsport gedopt, noch besteht der Radsport nur aus Rennradfahrern.

    Ich habe seit Jahren von keinem Vorfall in Downhill, 4X, Cross Country, Trial, sprich allgemein im Mountainbikesport gehört.

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    Bis auf CC stimmt die Aussage vermutlich. Aber gerade der CC-Bereich unterscheidet sich nicht mehr viel vom Rennrad-Gedope. Und was sich so mancher Red Bull Freerider neben etlichen Dosen des Gesöffs noch so reinpfeift, will ich auch nicht wissen. ;)

    ...der muss nur genauer hinhören!

    http://de.wikipedia.org/w... is Cross-Country Weltmeister gewesen - und natürlich gedopt!

    • Nebula
    • 12. Oktober 2012 19:56 Uhr

    Ich hab mir schon überlegt, ob ich CC in Klammern setzte :) Dennoch habe ich seit geraumer Zeit von keinem Dopingvorfall gehört.

    • Rychard
    • 11. Oktober 2012 20:50 Uhr

    ist nicht und macht nicht krank. Die professionelle Ver*****ung macht das und den Profisportler mehr als den Profizuschauer. Die Profitmacher werden schnell umsatteln. Radsport nach Feierabend ist und bleibt super !!

  4. Ich habe L.A. immmer sehr bewundert, obgleich klar war, dass die Leistung nicht "normal" sein konnte. Ich denke, dass 60 % aller Profifahrer nicht sauber fahren und letztendlich steht eine ganze Sportart in Frage. Aber es ist natürlich nicht nur der Radsport, in allen Leistungsportarten wird in den oberen Spitzen mit größter Wahrscheinlichkeit gemogelt. Wieviel Doping verträgt der Sport. Ich bin mir sicher, dass auch im Fussball nicht alles sauber ist, aber hier sind die Kontrollen sehr schwach. Aber die Schuld liegt nicht allein beim Sportler, es sind die Medien, die Zuschauer und die Show, welche immer größere Leistungen verlangen.

  5. Ich denke es war überfällig, dass LA "entarnt" wurde. Die Dreistheit als Saubermann dazustehen, war doch phänomenal. Da hat sich unser Jan Ulrich hat wie ein Bübchen verhalten. Klar, wenn man das Umfeld jetzt ein bisschen besser kennt.

    Die strafrechtliche Verfolgung über alle Instanzen sollte jetzt zu einem sauberen Schnitt in diesem Sport führen. Wir werden es erleben, ob die Funktionäre und Sponsoren hier den Schneid haben eine Zäsur anzupacken.

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