Contra RadsportDas Ende einer Sportart

Armstrong gibt dem Ende des Radsports nur ein Gesicht. Abgewickelt wird die Sportart von Medien und Sponsoren. Das ist richtig so, kommentiert Steffen Dobbert. von 

Ein Zahnrad eines Fahrrades

Ein Zahnrad eines Fahrrades  |  © chhmz / photocase.com

Es gab mal ein Tour-de-France-Jahr, das als Start für eine bessere, saubere Zukunft des Radsports stehen sollte. Zuvor war einer der größten Dopingskandale der Radsportgeschichte aufgeflogen, der Slogan lautete: "Tour der Erneuerung". Das war 1999, als Lance Armstrong seinen ersten von sieben Tour-Titeln feierte.

Dreizehn Jahre später wissen wir auch offiziell: Armstrong war ein gedopter Held, ein Betrüger, der sogar andere zum Dopen gedrängt hat. In den zahlreichen Doping-Schlagzeilen der vergangenen Jahre ist diese nur eine weitere. Wer den Radsport eh schon abgeschrieben hat – und das sind die meisten Zuschauer –, sieht sich durch Armstrongs Bestrafung bestätigt. Er wird sich vom Radsport abwenden und der Tour de France entziehen, was sie am meisten braucht: Aufmerksamkeit.

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Denen, die selbst im Herbst 2012 noch an den Profi-Radsport glaubten, den Optimisten, die eine Veränderung und eine "Tour der Erneuerung" immer noch für möglich hielten, gibt Armstrong den Rest.

Steffen Dobbert
Steffen Dobbert

Steffen Dobbert ist Redakteur bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

So schlimm ist das nicht. Radfahren bleibt etwas Wunderbares, für jeden, der selbst in die Pedale tritt. Aber Radfahren als Spektakel mit Cyborg-ähnlichen Männern, deren Oberschenkel groß wie anderer Leute Bäuche sind, hat sich erledigt. Die Tour de France fährt vor ihrem hundertsten Jubiläumsjahr in die Bedeutungslosigkeit.

Armstrong gibt dem Ende lediglich ein Gesicht, er hat in dieser Entwicklung nur eine symbolische Rolle. Abgewickelt wird der Radsport von denen, die ihn erschufen: Medien und Sponsoren.

Viele TV-Sender, Online- oder Printmedien berichten kaum noch und hypen den Radsport längst nicht mehr. Erstens weil die Redakteure nicht selbst Teil des dopingverseuchten Systems sein wollen. Zweitens weil die Leser keine Lust mehr auf heldenhafte Porträts oder Dopingschlagzeilen haben.

Bleiben die Sponsoren, die bisherigen Geldgeber des großen Tamtams. Der älteste Teamsponsor, das niederländische Kreditinstitut Rabobank, hat gerade seinen Rückzug erklärt. Seit 1996 sponserte die Bank ihr Team mit bis zu 15 Millionen Euro pro Jahr. Jetzt ist Schluss.

Offenbar haben die Marketingexperten befunden, dass sich mit dem Profiradsport keine gewinnbringende PR mehr machen lässt. Die Bank begründete ihren Rückzug jedoch mit etwas anderem, mit dem entscheidenden Problem: Der Radsport wird sich in Zukunft nicht bessern.

Lesen Sie hier die Gegenmeinung von Christian Spiller: "Pro: Es lebe der Radsport!"

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Leserkommentare
  1. als ein Fausto Coppi unterwegs war..

    So eine tolle Sportart ruiniert durch eine Krankhafte Gier!

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    • Infamia
    • 22. Oktober 2012 18:31 Uhr

    Woher wollen Sie wissen, dass Fausto Coppi ungedopt unterwegs war? Nur, weil es damals vielleicht keine chemischen Keulen waren wie heute, gab es auch damals schon leistungssteigernde Mittel. Nur, dass damals nicht oder kaum kontrolliert wurde. Aber klar, früher war alles besser...

    Lieber Steffen Dobbert,

    streichen Sie überall da, wo Sie Radsport geschrieben haben dieses Wort und ersetzen Sie es durch Sport allgemein. Dann bin ich ganz bei Ihnen. Ansonsten kann ich nur sagen, wie naiv muss man sein um zu glauben, dass Tennis, Fußball, Handball, Basketball (you name it) sauber sind. Da wird weniger kontrolliert als im heutigen Radsport. Und daher behaupte ich, der Radsport war schon lange nicht mehr so sauber wie heute. Vielleicht sauberer als so manch andere Sportart. Oder klingelt bei Bayern München morgens um 4.00 Uhr ein Kontrolleur von der Wada und nimmt eine Dopingprobe?

    wird es nicht die einzige bleiben!

    waren die wenigsten mit reiner Muskelkraft unterwegs...

    Glücklicherweise hatten die Herren Kontrolleure damals noch keine allzu ausgefeilten labore zur Verfügung...

    ---

    Auch wenn ich jetzt Ihre Gefühle verletze - aber bilden Sie sich bitte nicht ein, damals wären das alles ehrliche Sportsfreunde gewesen.
    Seit es Wettkämpfe gibt, gibt es Wettkämpfer, die dem Sieg etwas "nachhelfen" möchten...
    Und so lange es Wettkämpfe gibt, wird es Wettkämpfer geben, die - Sie wissen schon...

    Traurig, aber - das Leben ist nun mal kein Ponyhof!

  2. Nur eine Geschäftsidee unter vielen.

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    • birba
    • 22. Oktober 2012 23:23 Uhr

    muss das sein? muss es wirklich wieder generalisiert werden und muessen wir einen weiteren anti-usa beitrag schreiben?
    warum nicht einfach "way of sports"? klingt nicht so reisserisch, ja, ich weiss..

  3. Mal ganz erlich, abgesehen von ein paar Stammtischgesprächen hat die Geschichte doch keine Auswirkungen auf Radsportler. Was kümmert es mich, wenn ich einen pass hochfahre ob Armstrong gedopt hat? Auch wenn ich Amateurrennen fahre ist mir das doch herzlich egal. Beim Kicken auf dem Sportplatz kümmert sich doch auch keiner um die Nationalmanschaft.

    Eine Leserempfehlung
    • reineke
    • 22. Oktober 2012 18:21 Uhr

    auf eine tolle Sportart
    vielleicht auch ab und zu die Leute in den Focus rücken,die eine Tour de France mit legalen Mitteln überstehen
    das ist Leistung genug,auch wenn man über 3000 Km 40 Minuten verloren hat

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    ... daß Leute, welche während der Grande Boucle auf prall gefüllte Epo-Ampullen wie Lance Pharmstrong nur 40 Minuten verlieren, substanziell weniger gedopt seien?

  4. das so eine tortur ohne hilfsmittel funktionieren kann, der glaubt entweder an den weihnachtsmann oder nimmt selber auch... ,-)))

    im motorsport ist tuning angesagt, der rest der sportwelt soll und MUSS überwiegend ohne hilfsmitel auskommen!

    => der radsport wird m.E. jahre brauchen, bevor er wieder die notwendige akzeptanz finden wird; strafe muss sein.

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    ... man die Tour nicht ohne Doping fahren kann, hat einfach keine Ahnung, sorry. Klar ist das möglich, nur eben nicht ganz so schnell.

    Nebenbei: Doping macht aus einer Lusche auch keinen Topsportler, sondern aus einem Topsportler einen noch etwas besseren / leistungsfähigeren.

    • mores
    • 25. Oktober 2012 15:18 Uhr

    Genauso ist es seit der Professionalisierung des Sports, der konsequenterweise das Doping folgte. Die "Tour de France" ist NICHT "stärker als Doping", sie IST und bleibt komplettes Doping!

    • Infamia
    • 22. Oktober 2012 18:31 Uhr

    Woher wollen Sie wissen, dass Fausto Coppi ungedopt unterwegs war? Nur, weil es damals vielleicht keine chemischen Keulen waren wie heute, gab es auch damals schon leistungssteigernde Mittel. Nur, dass damals nicht oder kaum kontrolliert wurde. Aber klar, früher war alles besser...

    Lieber Steffen Dobbert,

    streichen Sie überall da, wo Sie Radsport geschrieben haben dieses Wort und ersetzen Sie es durch Sport allgemein. Dann bin ich ganz bei Ihnen. Ansonsten kann ich nur sagen, wie naiv muss man sein um zu glauben, dass Tennis, Fußball, Handball, Basketball (you name it) sauber sind. Da wird weniger kontrolliert als im heutigen Radsport. Und daher behaupte ich, der Radsport war schon lange nicht mehr so sauber wie heute. Vielleicht sauberer als so manch andere Sportart. Oder klingelt bei Bayern München morgens um 4.00 Uhr ein Kontrolleur von der Wada und nimmt eine Dopingprobe?

    Antwort auf "Wie schön war das"
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    das Wort SPORT mit krankhafte Gesellschaft auszutauschen, dann passt das wieder.

    Nicht wahr?

    • vino87
    • 22. Oktober 2012 20:09 Uhr

    Das scheint mir aber eine sehr düstere Ansicht von Ihnen. Außerdem ohne jegliche Grundlage.
    Ich glaube nicht, dass in Mannschaftssportarten viel gedopt wird. Eine übermäßige Ausdauer oder Kraft ist bei Radfahren viel mehr gefordert als bspw. bei Ballsport. Da kommt es zum größten Teil auf die Technik/das Talent an, ob man gut oder nicht so gut ist. Radfahren kann fast jeder der eine halbwegs passende Statur hat. Mit viel Doping dann auch besser und schneller.

    .. da haben sie aber schön die Argumentation der Ballsportarten übernommen, allen voran des DFB's. Weder die Funktionäre, egal in welchen Sportarten, noch die Politiker haben ein Interesse daran, dass tatsächlich etwas entdeckt wird. Deshalb die jahrzehntelangen Pseudo-Dopingkontrollen. Es ist zu viel Geld und Macht im Spiel ! Grundsätzlich wäre es mir egal, wer sich und seinem Körper mit verbotenen Substanzen vergiftet. Auch, ob er damit Erster oder Letzter wird. Was mir nicht egal ist, sind die Steuermilliarden die aus Prestigegründen, Medaillenspiegel und WM-Trophäen lassen grüßen, in diesem Bereich versenkt werden. Die bräuchten wir an den Schulen und Universitäten sehr viel dringender !

  5. Dass dieser Radsport noch eine Zukunft hat, mag man tatsächlich nicht mehr glauben. Zumal es seit Jahrzehnten so ist, das die Unschuldsbeteuerer von heute die ertappten Dopingsünder von morgen sind. Bleibt zu hoffen, dass es bei André Greipel oder Tony Martin nicht so ist. Allein: Es fehlt der Glaube

    Korrektur am Rande: Die Unterschenkel gerade der Rundfahrtspezialisten, von denen der Autor ja spricht, sind nicht dick wie anderer leute Bäuche. Sie sind sehr dünn wie zum Beispiel die der Schleck-Brüder oder auch die des Lance Armstrong. Mit dicken Unterschenkeln ließe sich keine Tour gewinnen. Selbst wenn diese Unterschenkel gedopt wären bis zum geht nicht mehr.

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    Redaktion

    Danke Infamia, ich meinte die Oberschenkel und habe aus Unter nun Ober gemacht.

    nett, dass Sie das auf Oberschenkel geändert haben. Das stimmt aber immer noch nicht.

    Viele Profiradler sind gewichts- und körperfettmäßig hart an der Magersucht, bis zu 4% Körperfett, normal sind um die 20%. Haben Sie schonmal aus der Nähe die Beinhaut von "Bergspezialisten" gesehen? Wie Pergament, darunter gleich die Adern...Geschmackssache, ob das noch gut aussieht. Idealerweise wiegt man da so knapp 50kg (Bergfloh).

    Kraftsportlerähnliche Oberschenkel findet man bei den Bahnsprintern. Selbst "Straßensprinter" sind oft schlanker als manch halbwegs trainierter Hobbyradler.

    Apropos Kraftsport. Dahin sollten die Dopingexperten mal schauen. Andere Sportarten - da darf man Ähnliches vermuten, siehe Skilanglauf, da wurde schonmal ein komplettes Nationalteam (Finnland) disqualifiziert...

    http://www.focus.de/politik/ausland/finnland-zu-frueh-gefreut_aid_189832...

    Was Armstrong angeht - wer hat den wirklich gedacht, dass er alles mit Traubenzuckertabletten gewonnen hat? Das gleiche gilt aber auch für die, die um Sekunden von ihm geschlagen wurden.

    Das ganze Sportsystem ist doch krank. Und nicht erst seit gestern.

    • dekopa
    • 22. Oktober 2012 18:38 Uhr

    Radsport ist so dopingverseucht, dass die Einnahme von leistungssteigernden Substanzen sogar bis weiter hinunter in den Junioren- und Amateurbereich geht. Weswegen ich nicht glaube, dass solche Skandale den harten Kern der Radsport-Fans wirklich noch abschrecken. Im Gegenteil, die Pässe auf den Bergen von Tour de France oder Giro D'Italia sind immer noch brechend voll mit Zuschauern, die Einschaltquoten bei Eurosport immer noch hoch und mit Sky finden sich sogar neue Großsponsoren. Ein großer Teil des Publikums hat sich mittlerweile an Doping gewöhnt, jubelt unbekannten Teenagern zu, die im olympischen Schwimmbecken von London plötzlich über sich hinauswachsen. Ist der ganze Dopingsumpf letztendlich nicht doch auch ein Spiegel dieser Leistungsgesellschaft, die ein Funktionieren um jeden Preis fordert? Wie viele Menschen sind im Alltag medikamentenabhängig? Deshalb denke ich nicht, dass das Totenglöcklein für den Radsport geschlagen hat. Für den gesamten Leistungssport gilt dasselbe. Das Publikum hat gelernt mit dem Doping ihrer Stars zu leben, ist vielleicht gegenüber dem Problem sogar schon ein wenig abgestumpft. Am Ende setzt sich dann doch der altbewährte Satz durch: The Show Must Go On.

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    ...mit der Ergänzung, dass die moralische Verurteilung von Doping durch Verbände und Publikum in anderen Ländern sicherlich weniger ausgeprägt ist im Vergleich zu Deutschland. So gilt Spanien als besonders gnädig gegenüber Doping-"Sündern". Und ein Tod des Radsports, an den ich nicht glaube, würde in Frankreich mit der Tour eine Art Nationalheiligtum betreffen. Und den durchschnittlichen tourbegeisterten Franzosen interessiert es herzlich wenig, ob ARD und ZDF prominent über die Tour berichten. Zumal der Boom des Radsportes stark einherging mit dem (überraschenden) Aufstieg Jan Ullrichs vom Wasserträger zum Ausnahmeradfahrer bei der Tour 1997 einherging. Der Tennissport hat nach Steffi Grafs und Boris Beckers Karriereende auch einen starken Popularitätsknick hinnehmen müssen.
    Am Ende mag der Stellenwert des Profiradsports in Deutschland auf den von Rugby (auch einstmals groß in D) zurückfallen. Dem Rest der Welt ist es herzlich egal.
    Und bizarre Oberschenkel gibt es auch in der Leichtathletik...

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Medien | Radsport | Bank | Redakteur | TV-Sender | Euro
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