Rudolf Scharping"Die Doper sollen aus den Ergebnislisten gestrichen werden"

Rudolf Scharping fordert ein "Symbol für ein verseuchtes Jahrzehnt" des Radsports. Der Präsident des Radfahrerbundes über Doping und Konsequenzen aus der Causa Armstrong. von Nicolas Diekmann

Frage: Herr Scharping, bereits vor Ihrer Zeit als Präsident des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) waren Sie radsportbegeistert, sind beim Team Telekom bei der Tour de France im Mannschaftswagen mitgefahren. Nun hat die US-Anti-Doping-Agentur Usada umfassende Beweise vorgelegt, die Lance Armstrong des Dopings überführen. Wie betrachten Sie die damalige Zeit heute?

Rudolf Scharping: Sehr ernüchtert, spätestens seit 2006 mit der Aufdeckung von Doping beim damaligen Team T-Mobile. An meiner Begeisterung für den Radsport hat sich nichts geändert.

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Frage:Hat Sie der Usada-Bericht überrascht?

Scharping: Für mich persönlich war er die Bestätigung eines Verdachts. Die Seiten enthalten allerdings eine Dichte von Ergebnissen bezogen auf ein erkennbar intelligentes und gleichermaßen skrupelloses System – das habe ich mir nicht vorstellen können.

Frage:Warum ist es in Deutschland nicht möglich, eine ähnlich umfangreiche Dokumentation zu erstellen, wie sie die Usada über viele Jahre angefertigt und nun vorgelegt hat?

Scharping: Das Zusammenwirken staatlicher Ermittlungsbehörden und der Sportgerichtsbarkeit ist in Deutschland verbesserungsfähig und auch verbesserungsbedürftig.

Frage:Wo würden Sie konkret ansetzen?

Rudolf Scharping

Rudolf Scharping, 64, ist seit 2005 Präsident beim Bund Deutscher Radfahrer (BDR). Zuvor war er unter anderem Bundesverteidigungsminister und Kanzlerkandidat der SPD.

Scharping: Die Usada hat Möglichkeiten, die unsere Nationale Anti-Doping Agentur leider nicht hat – oder nur eingeschränkt. Beispielsweise sind die Fragen, wen ich vorlade, wie ich Zeugen zum Reden bringen kann und wie ich mit Ermittlungsergebnissen von staatlichen Behörden umgehe, in Deutschland unklarer geregelt. Das ist in den USA etwas besser organisiert und in den Verantwortlichkeiten definiert. Und: Die Usada kann eine Kronzeugenregelung anbieten, die Nada leider nicht.

Frage:Die bayerische Justizministerin Beate Merk hat sich jüngst genau dafür ausgesprochen. Ehemalige Teamkollegen von Armstrong haben gegen ihn ausgesagt und dafür eine verkürzte Sperre erhalten. Ist das ein Schritt in Ihrem Sinne?

Scharping: Ich stehe hier den Standpunkten von Frau Merk näher als manch einer in Politik oder Sport. So konnte die Usada doch überhaupt erst diese Enthüllungen vorantreiben. Sie sagten zu den Zeugen: Sag uns die Wahrheit, dann fällt es uns leichter die Vergangenheit aufzuklären und zu verstehen. Im Gegenzug ist dafür die Strafe begrenzt.

Frage:Die Usada fordert nun eine Wahrheitskommission. Die soll nicht nur helfen, verdächtige Sportler zu überführen, sondern auch auf Funktionärsebene nach Unregelmäßigkeiten in der Vergangenheit schauen. Unterstützen Sie die Idee?

Scharping: Ja. Und auch der Weltradsportverband UCI muss ein Interesse daran haben, dass durch neutrale Dritte all das geklärt wird, was derzeit an Verdächtigungen im Raum steht hinsichtlich der Vertuschung von Dopingproben durch Offizielle der UCI.

Frage:Wie ist das Verhältnis des Bundes Deutscher Radfahrer zur UCI?

Scharping: Offen und kritisch. Ich halte nur nichts davon, regelmäßig Konflikte zu personalisieren.

Frage:Was erwarten Sie von der UCI in den folgenden Wochen?

Scharping: Entscheidend ist, wie sie mit den Verfehlungen Armstrongs umgeht. Der sportliche Wert der Siege Armstrongs ist jetzt praktisch gleich Null. Das ist das Entscheidende. Ich bin dafür, dass alle, die nachgewiesen gedopt haben, ersatzlos aus den Ergebnislisten gestrichen werden. Damit die Lücken sichtbar werden – als Symbol für ein verseuchtes Jahrzehnt. Und ich nehme an, das wird sich durchsetzen. Die UCI wird auch prüfen müssen, ob einige Vorgänge bereits verjährt sind. Aber das ist sekundär angesichts des faktischen Verlusts jedes sportlichen Ansehens und Wertes bei Armstrong.

Leserkommentare
  1. werden die Dopingsünder damit argumentieren:

    Was willst, dopen eh alle!

    Der nächste Schritt sind dann Anstrengungen dahin, dass Doping aus dem Breitensport, sprich Amateurbereich auch verschwindet.

  2. "Die Doper sollen aus den Ergebnislisten gestrichen werden"

    Dann könnte man die Listen wohl genauso gut verbrennen. Oder sollen nur die Doper gestrichen werden, die man erwischt hat? Das scheint mir dann doch eine recht fragwürdige Moral.

    Ehrlicher wäre es, nur noch Pharmakonzerne als Sponsoren zuzulassen und - ähnlich wie bei Formel-1 Rennen - eine zusätzliche "Konstrukteurswertung" einzuführen. Wahrscheinlich wäre das für die Gesundheit der Sportler weniger gefährlich...

  3. Da freut sich doch der - sagen wir mal - 25ste der Tour de France des Jahres 2001, daß er nachträglich als Toursieger in die Liste eingetragen wird. Nur haben mittlerweile die Armstrongs mit ihren erschlichenen Siegen Sponsoren- und andere Gelder eingestrichen und verpraßt, haben Millionen gescheffelt und öffentliche Anerkennung genossen, etc.
    Was hat der 25ste von 2001 also davon, daß er jetzt als Toursieger geführt wird ? Und so ist das für jedes Jahr zu fragen.

    Das selbe gilt für die Olympia-Zweiten, die nachträglich zu Siegern (wegen Dopings bei den Goldmedaillen) erklärt worden sind. Die feierliche Zeremonie während der Olympischen Spiele blieb ihnen ebenso verwehrt wie die Kenntnisnahme und Anerkennung, und wie auch das damit verbundene Geld.

    Man sollte jeden erwischten Dopingsünder sofort und für alle Zeiten für alle Sportarten sperren (nicht daß Armstrong jetzt plötzlich im Marathonlauf die Goldmedaille holt) !

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    Ich finde es eine gute Idee, die Doper aus den Ergebnislisten zu streichen. Denn das ist schlichtweg die einzige Möglichkeit in dem Saustall aufzuräumen.
    Was Ihre Kritik mit dem 25. der TDF von 2001 betrifft, so kann ich nicht nachvollziehen, welchen Nachteil dieser haben soll, wenn er heute zum Sieger erklärt wird, gegenüber der Alternative, dass schlicht und einfach gar nichts passiert und die Doper somit mit ihrem Betrug durchkommen?
    Nein, es wäre sicher für diesen Fahrer eine große Ehre, denn er hat sich angestrengt, nicht betrogen und würde es deshalb verdienen, wenigstens nachträglich noch diese Ehre zu erhalten.
    Die Doper sofort auszuschließen ist sicher ein schöner Wunsch, leider ist es technisch nicht machbar, weil Dopingvorwürfe eindeutig nachgewiesen werden müssen und wie man an Armstrong sehen kann, dauert das seine Zeit.
    Wie man aber auch an Armstrong sehen kann, lohnt sich sich der Aufwand auch und Armstrong verliert durchaus auch sein Geld, das er ergaunert hat mit seinem Betrug.

  4. 4. [...]

    Entfernt. Kommentieren Sie den Inhalt des Artikels. Die Redaktion/mak

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    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/mak

  5. Super! Dann bleiben die Listen schneeweiss!

  6. Dann sollte man aber auch Schummelnde, lügende und Betrügende sowie schlecht arbeitende Politiker aus den Geschichtsbüchern streichen und natürlich sollte man Ihnen die Zahlungen die sie danach erhalten streichen und bereits bezahltes Geld zurück fordern.

    Schaumschläger die finanziell gedopt werden oder wurden sollten ebenfalls aus den Geschichtsbüchern verschwinden.

    Alles nur damit es auch wirklich gerecht zu und her geht.

    Oder, wie sieht man das?

  7. 7. [...]

    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/mak

    Antwort auf "[...]"
  8. Ich finde es eine gute Idee, die Doper aus den Ergebnislisten zu streichen. Denn das ist schlichtweg die einzige Möglichkeit in dem Saustall aufzuräumen.
    Was Ihre Kritik mit dem 25. der TDF von 2001 betrifft, so kann ich nicht nachvollziehen, welchen Nachteil dieser haben soll, wenn er heute zum Sieger erklärt wird, gegenüber der Alternative, dass schlicht und einfach gar nichts passiert und die Doper somit mit ihrem Betrug durchkommen?
    Nein, es wäre sicher für diesen Fahrer eine große Ehre, denn er hat sich angestrengt, nicht betrogen und würde es deshalb verdienen, wenigstens nachträglich noch diese Ehre zu erhalten.
    Die Doper sofort auszuschließen ist sicher ein schöner Wunsch, leider ist es technisch nicht machbar, weil Dopingvorwürfe eindeutig nachgewiesen werden müssen und wie man an Armstrong sehen kann, dauert das seine Zeit.
    Wie man aber auch an Armstrong sehen kann, lohnt sich sich der Aufwand auch und Armstrong verliert durchaus auch sein Geld, das er ergaunert hat mit seinem Betrug.

    Antwort auf "Na prima !"

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