Frage: Herr Scharping, bereits vor Ihrer Zeit als Präsident des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) waren Sie radsportbegeistert, sind beim Team Telekom bei der Tour de France im Mannschaftswagen mitgefahren. Nun hat die US-Anti-Doping-Agentur Usada umfassende Beweise vorgelegt, die Lance Armstrong des Dopings überführen. Wie betrachten Sie die damalige Zeit heute?

Rudolf Scharping: Sehr ernüchtert, spätestens seit 2006 mit der Aufdeckung von Doping beim damaligen Team T-Mobile. An meiner Begeisterung für den Radsport hat sich nichts geändert.

Frage:Hat Sie der Usada-Bericht überrascht?

Scharping: Für mich persönlich war er die Bestätigung eines Verdachts. Die Seiten enthalten allerdings eine Dichte von Ergebnissen bezogen auf ein erkennbar intelligentes und gleichermaßen skrupelloses System – das habe ich mir nicht vorstellen können.

Frage:Warum ist es in Deutschland nicht möglich, eine ähnlich umfangreiche Dokumentation zu erstellen, wie sie die Usada über viele Jahre angefertigt und nun vorgelegt hat?

Scharping: Das Zusammenwirken staatlicher Ermittlungsbehörden und der Sportgerichtsbarkeit ist in Deutschland verbesserungsfähig und auch verbesserungsbedürftig.

Frage:Wo würden Sie konkret ansetzen?

Scharping: Die Usada hat Möglichkeiten, die unsere Nationale Anti-Doping Agentur leider nicht hat – oder nur eingeschränkt. Beispielsweise sind die Fragen, wen ich vorlade, wie ich Zeugen zum Reden bringen kann und wie ich mit Ermittlungsergebnissen von staatlichen Behörden umgehe, in Deutschland unklarer geregelt. Das ist in den USA etwas besser organisiert und in den Verantwortlichkeiten definiert. Und: Die Usada kann eine Kronzeugenregelung anbieten, die Nada leider nicht.

Frage:Die bayerische Justizministerin Beate Merk hat sich jüngst genau dafür ausgesprochen. Ehemalige Teamkollegen von Armstrong haben gegen ihn ausgesagt und dafür eine verkürzte Sperre erhalten. Ist das ein Schritt in Ihrem Sinne?

Scharping: Ich stehe hier den Standpunkten von Frau Merk näher als manch einer in Politik oder Sport. So konnte die Usada doch überhaupt erst diese Enthüllungen vorantreiben. Sie sagten zu den Zeugen: Sag uns die Wahrheit, dann fällt es uns leichter die Vergangenheit aufzuklären und zu verstehen. Im Gegenzug ist dafür die Strafe begrenzt.

Frage:Die Usada fordert nun eine Wahrheitskommission. Die soll nicht nur helfen, verdächtige Sportler zu überführen, sondern auch auf Funktionärsebene nach Unregelmäßigkeiten in der Vergangenheit schauen. Unterstützen Sie die Idee?

Scharping: Ja. Und auch der Weltradsportverband UCI muss ein Interesse daran haben, dass durch neutrale Dritte all das geklärt wird, was derzeit an Verdächtigungen im Raum steht hinsichtlich der Vertuschung von Dopingproben durch Offizielle der UCI.

Frage:Wie ist das Verhältnis des Bundes Deutscher Radfahrer zur UCI?

Scharping: Offen und kritisch. Ich halte nur nichts davon, regelmäßig Konflikte zu personalisieren.

Frage:Was erwarten Sie von der UCI in den folgenden Wochen?

Scharping: Entscheidend ist, wie sie mit den Verfehlungen Armstrongs umgeht. Der sportliche Wert der Siege Armstrongs ist jetzt praktisch gleich Null. Das ist das Entscheidende. Ich bin dafür, dass alle, die nachgewiesen gedopt haben, ersatzlos aus den Ergebnislisten gestrichen werden. Damit die Lücken sichtbar werden – als Symbol für ein verseuchtes Jahrzehnt. Und ich nehme an, das wird sich durchsetzen. Die UCI wird auch prüfen müssen, ob einige Vorgänge bereits verjährt sind. Aber das ist sekundär angesichts des faktischen Verlusts jedes sportlichen Ansehens und Wertes bei Armstrong.