Die Enthüllungen um Lance Armstrong fördern eine gute und eine schlechte Nachricht zutage. Die schlechte: Teile des kommerziellen Hochleistungssports tragen Züge von organisierter Kriminalität. Die gute: Mit harten Ermittlungen kommt man dagegen an. Vorbildlich hat der Chef der amerikanischen Anti-Doping-Agentur Usada , Travis Tygart, Aufklärung im Sinne des Sports geleistet. Dass Deutschlands Dopingjäger daraus ihre Lehren ziehen, darf jedoch bezweifelt werden.

Wer soll das überhaupt sein, Deutschlands Dopingjäger? Es gibt natürlich auch hierzulande eine Anti-Doping-Agentur, die Nada . Doch sie ist unterfinanziert und fällt mehr durch permanente Wechsel an der Spitze auf als durch eine kluge Strategie. Sie hinterlässt einen zahnlosen Eindruck .

Deutsche Politiker scheinen eher zu denken: Doping, das sind die anderen. So finden in Deutschland Initiativen für ein schärferes Anti-Doping-Gesetz keine Mehrheit. Stattdessen betreibt zum Beispiel die SPD mit ihrem Antrag, Sport als Staatsziel im Grundgesetz zu verankern, reine Symbolpolitik. Der Sportausschuss des Bundestags schloss auf Drängen seiner schwarz-gelben Mitglieder der Öffentlichkeit die Türen und hält den Schlaf der Gerechten. Und Innenminister Hans-Peter Friedrich will die Mittel der Nada für das Jahr 2013 um eine Million Euro kürzen .

Der Justiz fehlt ebenso der Biss. Vor Kurzem hat die Staatsanwaltschaft Freiburg ein Verfahren gegen schwer belastete Mediziner der Universität Freiburg eingestellt, etwa den früheren Telekom-Teamarzt Lothar Heinrich . Vor vier Jahren ließ die Staatsanwaltschaft Bonn den Olympiasieger und Doper Jan Ullrich mit einer Spende für wohltätige Zwecke davonkommen.

Der deutsche Sport muss nur das Armstrong-Dossier lesen, um zu erfahren, dass auch er betroffen ist. Die Telekom , ein teilstaatliches Unternehmen, hat das schmutzige Spiel des Texaners lange Jahre mitgespielt. Da gäbe es noch einiges aufzuklären, da müssten noch einige Zeugen befragt werden. Eine der Lehren, die zu ziehen wären.

Es gibt noch ein Beispiel fernab des Radsports, das beleuchtet werden müsste, wollten deutsche Dopingjäger ihrem Auftrag gerecht werden: Am Olympiastützpunkt Erfurt operierte der Arzt Andreas Franke mehrere Jahre mit zweifelhaften bis verbotenen Methoden . Doch die Staatsanwaltschaft Erfurt ließ die Anklage gegen ihn fallen.

Deutschland fehlt ein Tygart, ein schlauer und hartnäckiger Ermittler, der alle Möglichkeiten ausschöpft, auch die Zusammenarbeit mit Interpol beispielsweise. Vor allem fehlt Deutschland die Geisteshaltung, das größte Problem des modernen Sports auch als sein Problem zu erkennen – und der Wille, es zu bekämpfen.