Armstrong-AffäreDoping, das sind die anderen

Die Enthüllungen um Lance Armstrong betreffen auch den deutschen Sport. Doch Politik und Justiz fehlt der Wille, das Problem zu bekämpfen, kommentiert O. Fritsch. von 

Lance Armstrong und Jan Ullrich bei der Siegerehrung der Tour de France 2005

Lance Armstrong und Jan Ullrich bei der Siegerehrung der Tour de France 2005  |  © Javier Soriano/AFP/Getty Images

Die Enthüllungen um Lance Armstrong fördern eine gute und eine schlechte Nachricht zutage. Die schlechte: Teile des kommerziellen Hochleistungssports tragen Züge von organisierter Kriminalität. Die gute: Mit harten Ermittlungen kommt man dagegen an. Vorbildlich hat der Chef der amerikanischen Anti-Doping-Agentur Usada , Travis Tygart, Aufklärung im Sinne des Sports geleistet. Dass Deutschlands Dopingjäger daraus ihre Lehren ziehen, darf jedoch bezweifelt werden.

Wer soll das überhaupt sein, Deutschlands Dopingjäger? Es gibt natürlich auch hierzulande eine Anti-Doping-Agentur, die Nada . Doch sie ist unterfinanziert und fällt mehr durch permanente Wechsel an der Spitze auf als durch eine kluge Strategie. Sie hinterlässt einen zahnlosen Eindruck .

Anzeige

Deutsche Politiker scheinen eher zu denken: Doping, das sind die anderen. So finden in Deutschland Initiativen für ein schärferes Anti-Doping-Gesetz keine Mehrheit. Stattdessen betreibt zum Beispiel die SPD mit ihrem Antrag, Sport als Staatsziel im Grundgesetz zu verankern, reine Symbolpolitik. Der Sportausschuss des Bundestags schloss auf Drängen seiner schwarz-gelben Mitglieder der Öffentlichkeit die Türen und hält den Schlaf der Gerechten. Und Innenminister Hans-Peter Friedrich will die Mittel der Nada für das Jahr 2013 um eine Million Euro kürzen .

Der Justiz fehlt ebenso der Biss. Vor Kurzem hat die Staatsanwaltschaft Freiburg ein Verfahren gegen schwer belastete Mediziner der Universität Freiburg eingestellt, etwa den früheren Telekom-Teamarzt Lothar Heinrich . Vor vier Jahren ließ die Staatsanwaltschaft Bonn den Olympiasieger und Doper Jan Ullrich mit einer Spende für wohltätige Zwecke davonkommen.

Der deutsche Sport muss nur das Armstrong-Dossier lesen, um zu erfahren, dass auch er betroffen ist. Die Telekom , ein teilstaatliches Unternehmen, hat das schmutzige Spiel des Texaners lange Jahre mitgespielt. Da gäbe es noch einiges aufzuklären, da müssten noch einige Zeugen befragt werden. Eine der Lehren, die zu ziehen wären.

Es gibt noch ein Beispiel fernab des Radsports, das beleuchtet werden müsste, wollten deutsche Dopingjäger ihrem Auftrag gerecht werden: Am Olympiastützpunkt Erfurt operierte der Arzt Andreas Franke mehrere Jahre mit zweifelhaften bis verbotenen Methoden . Doch die Staatsanwaltschaft Erfurt ließ die Anklage gegen ihn fallen.

Deutschland fehlt ein Tygart, ein schlauer und hartnäckiger Ermittler, der alle Möglichkeiten ausschöpft, auch die Zusammenarbeit mit Interpol beispielsweise. Vor allem fehlt Deutschland die Geisteshaltung, das größte Problem des modernen Sports auch als sein Problem zu erkennen – und der Wille, es zu bekämpfen.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Man sollte sich jetzt doch davor hüten, die Mafiastrukturen des Radsports auf den gesamten Sport zu übertragen. Was nicht heißt, dass dieses Problem nicht auch in anderen Disziplinen besteht. Doch denke man gerade einmal 45 Jahre zurück: Damals wurd Rudi Altig "die radelnde Apotheke" genannt. Und dies war nicht abwertend gemeint. Es schwang sogar so etwas wie Anerkennung mit. Der Erfolg im Sport ließ schon immer gern die Mittel vergessen.
    Heute heißt es, Politik und Justiz fehle bei der Dopingbekämpfung der Wille. Die Beispiele beweisen es tatsächlich. Dies liegt aber auch daran, dass die Öffentlichkeit lieber durch Betrug errungene Erfolge sieht als gar keine. (Siehe Radweltmeister Altig.)
    Und die Olympischen Spiele dieses Jahres lösten nicht zuletzt bei den Sportverbänden und bei Innenminister Friedrich kaum kaschierte Unzufriedenheit aus, weil die Medaillenausbeute der deutschen Sportler die Erwartungen nicht erfüllte. Wie aber können deutsche Sportler die Erwartungen - im Wettstreit mit China etwa - erfüllen? Durch eine verschärfte Antidopingpolitik sicher nicht. Eher im Gegenteil. Da beißt sich die Katze in den Schwanz.
    Entweder die Öffentlichkeit nimmt endlich Abstand von der bisweilen peinlichen, nationalfanatischen Fixierung auf Medaillenspiegel, oder das Dopinggeschwür wuchert weiter.

    • TDU
    • 12. Oktober 2012 16:17 Uhr

    Klar. Wie immer. Deutschland ist genauso schlimm, wenn nicht überhaupt das Schlimmste. Ohne die Gesprächigkeit der Kollegen wäre gegen Armstrong gar nichts gelaufen.

    Jan Ullrich wurde schon gesperrt und Jaksche, Zabel und andere haben gestanden, weil sie überführt wurden. Ich bezweifle, aber dass die letzteren in Armstrongs Netzwerk waren. Viel zu kleine Fische. Man schaue sich vielleicht in Rennställen anderer Länder um. Aber moralisch parlieren ist leichter als recherchieren.

    Was kriminell ist und was nicht entscheidet übrigens der Staatsanwalt nach möglichem Tatbestand. Betrug bestraft nicht die Lüge an sich.

    Spanien hat vollständig zugemacht und Fuentes Wunderapotheke geschützt. Die hatten einfach keine Gesetze. Haben sie jetzt welche?

    Die zweierlei Maß Messerei, die es natürlich auch in Deutschland gibt, wird nicht besser, wenn man sie Deutschen vorwirft, aber andere ständig unberücksichtigt lässt.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • TDU
    • 12. Oktober 2012 16:26 Uhr

    Man frage mal, wer Macht hat im Radsport. Deutschland hat so wenig, dass es nicht mal einen ehrlichen deustchen Sportler unterstützen könnte, wenn der ohne Mittel versuchen würde, Erfolg zu haben. Da haben die Moralisten und Selbstgerechten in Medien kräftig dran mitgearbeitet.

    ... werden wieder mal zu Unrecht verdächtigt ? Die, die sie Moralisten nennen, sind Leute, die nicht ständig betrogen werden möchten ! Weder im Privat-, noch im Berufsleben und schon gleich gar nicht in der Freizeit.
    Nur weil ich es satt habe, den Betrügern, Lügnern und anderen Abzockern, so wie sie, auch noch Cleverness zu bescheinigen oder ihr Tun gar als vorbildlich zu bezeichnen, weil sie sich damit Geld, Macht oder Einfluss erschleichen und sichern, sehe ich mich noch lange nicht als Moralist. Im Gegenteil, da Leute wie sie, lieber TDU, so gut wie keine Argumente für dieses Tun finden, bleiben nur persönliche Angriffe, Beleidigungen und natürlich Hinweise auf Verfolgung ! Das was sie gerne Freiheit nennen, ist nichts anderes als pure Egozentrik. Um zum Profi-Radsport zurückzukommen. Interessiert den eigentlich noch jemand? Die Tour de France wird doch nur noch benötigt um zwischen Karneval und Oktoberfest den Boulevardsportjournalismus und die Eventmaschinerie in Gang zu halten. Und würden die Medien die Olympischen Spiele nicht immer wieder so hochschreiben, würde kein Mensch die Fernsehübertragungen mehr gucken.

    • TDU
    • 12. Oktober 2012 16:26 Uhr

    Man frage mal, wer Macht hat im Radsport. Deutschland hat so wenig, dass es nicht mal einen ehrlichen deustchen Sportler unterstützen könnte, wenn der ohne Mittel versuchen würde, Erfolg zu haben. Da haben die Moralisten und Selbstgerechten in Medien kräftig dran mitgearbeitet.

  2. Schon süß, die Naivität, die bei der Aufklärung der Doping-Affaire von Armstrong mitschwingt. Glaubt wirklich jemand, das sei heute im Radsport anders? Glaubt jemand, das sei in anderen Kraft-/Ausdauersportarten anders?

    Irgendjemand wir immer irgendwo die Chance haben zu dopen, und so lange dies der Fall ist, müssen auch alle anderen versuchen, nachzuziehen. Das ist systemimanent.

    Man sollte entweder so ehrlich sein und das Doping zulassen (und zar nach Lust und Laune, denn bei einer begrenzten Freigabe wird genauso der Anreiz bestehen, nicht frei gegebene Mittel zu verwenden). Oder man muss die Strafen so weit erhöhen, dass die drohenden Konsequenzen so stark vom Doping abschrecken, dass sich keiner mehr traut. Aber solche Strafen müssten vermutlich noch erfunden werden.

    Die einfachste Lösung: Spitzensport nicht mehr so ernst nehmen und weniger Geld in dieses System pumpen - das senkt die Anreize für Doping erheblich. Denn am Ende nutzt Leistungssport eh niemandem, das Geld wäre besser in Krankenpfleger und Kindergärten investiert als in Medaillenspiegel.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Spitzensport nicht mehr so ernst nehmen und weniger Geld in dieses System pumpen - das senkt die Anreize für Doping erheblich."
    Dann fehlt zwar das Geld für einen solchen Doping-Sumpf wie im Radsport, die Sportler werden sich trotzdem irgendwas einwerfen, wenn sie sich davon einen Vorteil versprechen.

    Ich konnte es kaum glauben, als ich vor einigen Jahren davon gehört habe (da ging es glaube ich um Marathonläufer), daß selbst Freizeitsportler Schmerzmittel nehmen. Und zwar, um trotz Schmerzen weiterhin zu laufen und nicht etwa, um nach Überlastung oder Verletzung besser nach Hause humpeln zu können.

  3. ... werden wieder mal zu Unrecht verdächtigt ? Die, die sie Moralisten nennen, sind Leute, die nicht ständig betrogen werden möchten ! Weder im Privat-, noch im Berufsleben und schon gleich gar nicht in der Freizeit.
    Nur weil ich es satt habe, den Betrügern, Lügnern und anderen Abzockern, so wie sie, auch noch Cleverness zu bescheinigen oder ihr Tun gar als vorbildlich zu bezeichnen, weil sie sich damit Geld, Macht oder Einfluss erschleichen und sichern, sehe ich mich noch lange nicht als Moralist. Im Gegenteil, da Leute wie sie, lieber TDU, so gut wie keine Argumente für dieses Tun finden, bleiben nur persönliche Angriffe, Beleidigungen und natürlich Hinweise auf Verfolgung ! Das was sie gerne Freiheit nennen, ist nichts anderes als pure Egozentrik. Um zum Profi-Radsport zurückzukommen. Interessiert den eigentlich noch jemand? Die Tour de France wird doch nur noch benötigt um zwischen Karneval und Oktoberfest den Boulevardsportjournalismus und die Eventmaschinerie in Gang zu halten. Und würden die Medien die Olympischen Spiele nicht immer wieder so hochschreiben, würde kein Mensch die Fernsehübertragungen mehr gucken.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • TDU
    • 15. Oktober 2012 9:36 Uhr

    Ach nee. So ne Interpretaiton meines Schreibens und auch noch "keiner würde schauen" nach dem Motto Alle sind manipuliert und ehrlich sind immer die, die der gleichen Meinung sind.

  4. .
    Radsport ab sofort ohne Doping!

    Und demnächst auch ohne Fahrräder ...

    Biathlon ohne Doping!

    Demnächst auch ohne Schi, ohne Stöcke und ohne Gewehre ...

    Wer ernsthaft glaubt, werbegetriebenen, kommerzialisierten Spitzensport tatsächlich ernsthaft ehrlich drogenfrei zu bekommen, mit welchen Massnahmen auch immer, der glaubt bestimmt auch, der Storch brächte die Kinderchen und das Christkindl die Geschenke!

  5. "Doch Politik und Justiz fehlt der Wille, das Problem zu bekämpfen"

    Na ein Glück war die Presse so unglaublich mutig. Z.B. zu Olympia, wo man ja jegliche Berichterstattung vermied. Oder auch nicht.
    Dasselbe Olympia, welches UN-Waffenruhen oder eine verordnete Stille im Assange-Vorfall bewirkte, damit auch niemand die mediale Einstimmigkeit stört und dem Sporttreiben mitsamt Sponsoren die Ernte verdirbt.

    Oder nehmen wir Fußball, die heilige Kuh, die holt niemand vom Eis, denn schließlich "bringt Doping dort ja nichts".

    Nun zeigt man mit dem Finger auf andere, Politik und Justiz sind also schuld. Wie könnte es auch anders sein?

    Seltsam nur, dass man jedem Sport bisher genau zu dem verhalf, was ihn erst zum lukrativen Geschäftsfeld und damit zur Dopingspielwiese stempelt: viel, viel mediale Aufmerksamkeit und noch mehr Hype.

    Da rennen, radeln und schwimmen keine Sportler über den Bildschirm und über Titelseiten, sondern manchmal Millionäre, die gern Millionäre bleiben würde, zumal ihre Manager, Trainer und Ärzte ebenso motiviert an "den Sport" herangehen.

    Also, vierte Gewalt, was ist und war deine Rolle im Spiel um die Tour de France oder Olympia?
    Ich erinnere mich noch an die gespielte Empörung, als chinesische Schwimmer gut abschnitten und sofort jemand Doping! schrieb, während man die westliche Welt und deren Ergebnisse wohl schon geschluckt hatte und niemals in Frage stellte.

    Ein seltsamer Fokus und, seien wir ehrlich, für den Pressemann ist jeder Skandal ein guter.

  6. "Spitzensport nicht mehr so ernst nehmen und weniger Geld in dieses System pumpen - das senkt die Anreize für Doping erheblich."
    Dann fehlt zwar das Geld für einen solchen Doping-Sumpf wie im Radsport, die Sportler werden sich trotzdem irgendwas einwerfen, wenn sie sich davon einen Vorteil versprechen.

    Ich konnte es kaum glauben, als ich vor einigen Jahren davon gehört habe (da ging es glaube ich um Marathonläufer), daß selbst Freizeitsportler Schmerzmittel nehmen. Und zwar, um trotz Schmerzen weiterhin zu laufen und nicht etwa, um nach Überlastung oder Verletzung besser nach Hause humpeln zu können.

    Antwort auf "Naivität..."

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte SPD | Telekom | Interpol | Radsport | Aufklärung | Ermittlung
Service