Sportförderung"Im deutschen Sport herrscht Planwirtschaft"

Zwölf Jahre lang arbeitete Arne Güllich für den DOSB. Jetzt erklärt er, warum das Sportfördersystem verschwenderisch und kein Wille zur Veränderung vorhanden ist. von 

Der Diskuswerfer Robert Harting, Goldmedaillengewinner von London

Der Diskuswerfer Robert Harting, Goldmedaillengewinner von London  |  © Johannes Eisele/Getty Images

ZEIT ONLINE:  Herr Güllich, nach dem durchwachsenen Abschneiden der deutschen Olympiamannschaft in London steht das deutsche Sportfördersystem im Fokus. Es soll sich etwas ändern. Aber will der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) das eigentlich?

Arne Güllich: An deren Stelle würde ich sagen: Wieso überhaupt? Wir sind doch erfolgreich gewesen in London, wir verstehen die Kritik gar nicht. Was wollen die Leute von uns? Es gäbe aber genügend Gründe für eine tiefe, offene Diskussion. Der Leistungssport geht in hohem Maße verschwenderisch mit Ressourcen um.

Anzeige

ZEIT ONLINE: Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Güllich: Vor wenigen Jahren haben wir allein im Nachwuchsleistungssport über 100 Gremien gezählt, in denen der DOSB selbst beteiligt gewesen ist. Allein die kosten den DOSB nur an Reiseaufwand etwa 1,2 Millionen Euro in einem Zehnjahreszyklus. Die Verschwendung sieht man auch an vielen Förderstrukturen, die viel Geld kosten, deren Wirksamkeit aber mindestens zweifelhaft ist. Und man sieht es im Ost-West-Vergleich: Im Osten werden üppige Förderstrukturen nach wie vor aufrechterhalten, obwohl die Ineffizienz ökonomisch bekannt ist. Wenn man die Ressourcen besser einsetzen würde, könnte das zu noch höheren Erfolgen führen.

Arne Güllich
Arne Güllich

Arne Güllich war von 1996 bis 2008 im DOSB tätig, zuletzt als Ressortleiter in der Leistungssportförderung. Vom DOSB wechselte Güllich als Professor an die TU Kaiserslautern, dort leitet er das Fachgebiet Sportwissenschaft. Er forscht seit Jahren zu den Themen Nachwuchsleistungssport und Effizienz der deutschen Sportförderung.

ZEIT ONLINE: Warum ändert sich nichts?

Güllich: Weil gar kein Wunsch nach Veränderungen vorhanden ist. Ich stelle mir das vor wie ein Fernsehsofa, auf dem ich seit 30 Jahren meine Mulde eingesessen habe. Wenn ich jetzt zur Seite gerückt werde, dann fühle ich mich unbehaglich. So geht es dem Sportsystem und seinen Strukturen. So geht es vor allem seinen Akteuren, die in diese Strukturen hereingewachsen sind, die diese Strukturen für sich gestaltet haben und die sich darin wohlfühlen. Veränderungen würden zunächst mal Verunsicherung verursachen.

ZEIT ONLINE: Aber sie können auch Erfolge bringen.

Güllich: Ja. Der Deutsche Leichtathletik-Verband hat in den vergangenen Jahren seine Strukturen umgestaltet: Dezentralisierung, Pluralismus, Stärkung der Vereine, Individualisierung. Das entsprach nicht den Konzepten des DOSB, es lief ihm teilweise sogar entgegen, aber er konnte es nicht verhindern. Die Umstellung hat sich als sehr erfolgreich erwiesen, mit acht Medaillen in London. Insofern ist es eine spannende Frage, wie weit denn die Macht des DOSB bei seinen Mitgliedern eigentlich reicht.

ZEIT ONLINE: Was ist von den Gesprächsangeboten an die Verbände zu halten, die in den vergangenen Wochen von der DOSB-Spitze kamen. Sind das ernst gemeinte Angebote?

Güllich: Das ist schwer zu sagen. Ich traue der Führung des DOSB durchaus Gesprächsbereitschaft zu. Ob man offen ist, auch alternative Lösungsmöglichkeiten im Fördersystem auszuleuchten, ist aufgrund der Erfahrungen aus den vergangenen Jahrzehnten eher zu bezweifeln. Ich denke, die Offenheit wird soweit gehen, wie sie nicht an Grundstrukturen der derzeitigen Förderung und dem Anspruch rüttelt, Führungsmacht im Leistungssport zu sein.

ZEIT ONLINE: Was muss passieren, damit ein Verband wie der Tischtennis-Bund mit Forderungen an die Öffentlichkeit geht.

Güllich: Das ist doch völlig normal, dass ein Verband Konzepte entwickelt, wie er seine Sportart im Breiten- und Spitzensport am besten entwickelt. Die Mitgliedsverbände des DOSB sind autonome, eingetragene Vereine, denen kein Dritter etwas zu sagen hat. Die machen ihren Leistungssport so, wie es für ihre Sportart am besten ist. Ich finde das überhaupt nicht außergewöhnlich. Eigentlich ist es außergewöhnlich, dass viele Verbände das nicht tun.



ZEIT ONLINE: Warum tun viele Verbände das nicht?

Güllich: Das ist eine interessante Frage. Die Verbände dulden Beschlüsse des DOSB, soweit es sie in ihrer Arbeit nicht einschränkt und weil sie sich Vergünstigungen des DOSB erwarten, wenn der sich bei der Förderung des Innenministeriums für den jeweiligen Verband stark macht. Erst wenn diese Rechnung nicht mehr aufgeht, geht ein Verband an die Öffentlichkeit. Wenn er also so stark eingeengt wird, dass er seine Sportart nicht mehr ordentlich entwickeln kann. Die Verbände befürchten Einschränkungen in der Förderung, wenn sie Konflikte öffentlich machen. Denn der DOSB ist der Pförtner für die staatliche Förderung.

Leserkommentare
    • zappp
    • 02. Oktober 2012 17:33 Uhr

    Und die Funkionäre legen mehr Dienstreisekilometer zurück, als die Sportler Trainingskilometer.

    Mir ist nicht wohl dabei, das junge Leistungssportler während ihrer besten Jahre Ausbildung und Berufseinstieg vernachlässigen, vielleicht noch ihre Gesundheit ruinieren für ein zeitlich befristetes Taschengeld als Vollzeitsportler zu Ehren Deutschlands (oder eines privaten Sponsors). Soll man Polizist oder (Zeit-) Soldat werden, bloss weil man am Anfang seines Berufslebens ein paar Jahre für Sport freigestellt wird?

    Eine Leserempfehlung

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Leistungssport | Eliteschule | London
Service