Fett wie ein TurnschuhEr könnte den Mond kaufen und schlürft ungesüßten Kräutertee

Unser Fitness-Kolumnist T. Tenenbom ist zur Kur in Österreich und verwirrt: Obwohl die Leute scheinbar reicher sind als Gott, ernähren sie sich von 1.000 Kalorien am Tag. von Tuvia Tenenbom

Tuvia Tenenbom im Boot auf dem Weg zum Viva Mayr

Tuvia Tenenbom im Boot auf dem Weg zum Viva Mayr  |  © Isi Tenenbom

36,62. Das ist die wissenschaftlich nachgewiesene Zahl. Für zwei Tage, die ich in Berlin verbracht und leckere Buletten genossen habe, muss ich 36,62 Wochen im Fitnessstudio verbringen. Und weil ich länger in Berlin war als nur zwei Tage, bin ich jetzt dazu verdammt, mein Leben lang im Fitnessstudio zu bleiben, ohne jemals wieder irgendetwas Schönes machen zu dürfen.

Zum Glück fängt mich eine Journalistin der Huffington Post ab, ehe ich auf alle Ewigkeit hinter den Türen des Fitnessstudios verschwinde. Sie rettet mich vor lebenslänglichem Freiheitsentzug: Fahr ins Viva Mayr nach Österreich , sagt sie und erklärt mir, dass das Viva der strengste Entgiftungsort der Welt sei, wenn ich da eine Woche überlebe, ist mein Bauch von allen Verunreinigungen befreit – inklusive der Buletten.

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Ich habe noch nie vom Viva Mayr gehört, also bitte ich meinen guten Freund Google , mir davon zu erzählen. Und Google sagt, dass das Ganze Hannes Androsch gehört, einem ehemaligen österreichischen Finanzminister und Vizekanzler des unvergesslichen Bruno Kreisky . Ich liebe Politiker, die auf Entgiftung stehen, und fliege schneller als ein Adler zum Viva Mayr.

Tuvia Tenenbom
Tuvia Tenenbom

ist Autor, Essayist und Dramatiker. Er ist Artistic Director des Jewish Theater in New York und Autor des Buches Allein unter Deutschen: Eine Entdeckungsreise. Für ZEIT ONLINE schreibt er seit Dezember 2011 die Fitnesskolumne "Fett wie ein Turnschuh".

Als ich dort ankomme und mir die Leute ansehe, verliebe ich mich sofort in diesen Ort. Da ist ein Mann aus Katar , der tausend Firmen und mindestens eine Frau besitzt; daneben sitzen Geschäftsleute aus London , Deutschland und Kanada , und am Nachbartisch plaudern ein paar schöne Frauen fröhlich miteinander. Obwohl die meisten Leute hier scheinbar reicher sind als Gott, ernähren sie sich von weniger als 1.000 Kalorien am Tag. Der Anblick ist unvergesslich: Der Katarer zum Beispiel, ein Mann mit genug Geld um den Mond zu kaufen, wenn er das wollte, der sich locker eine ganze Kuh zum Mittagessen leisten könnte, schlürft stattdessen lieber ungesüßten Kräutertee.

Ich wünschte, Hannes würde mir dieses Wunder erklären, aber er ist nicht vor Ort, sondern in Wien . Vor Ort ist Dr. Stossier, der leitende Viva-Arzt. Er trägt einen Bart, wie ihn Jassir Arafat hatte, also stelle ich ihm die Frage, die ich Jassir immer stellen wollte: Warum tust du das?

"Ich will den Menschen helfen", sagt er.

Das gefällt mir. Ich habe nie davon geträumt, mein Leben den armen Menschen in Katar zu widmen, aber ich erkenne an, wenn jemand spiritueller ist als ich.

Wie üblich ersetzt Spiritualität die Nahrung. Und am nächsten Tag, nachdem ich mich an einem Mahl gelabt habe, das für eine durchschnittliche Ameise gereicht hätte, lässt man mir ein Fußbad ein. Ich stelle meine Füße in einen Behälter mit klarer Flüssigkeit, und nach wenigen Minuten färbt sich die Flüssigkeit braun – als würde Durchfall aus meinen Füßen fließen. Das seien die Verunreinigungen meines Körpers, erfahre ich, und ich glaube, sie meinen die Buletten.

Ungeachtet des hässlichen Anblicks, den mein Bulettengelage nach sich zieht, kommt mir eine brillante Idee: Ich könnte zurück nach New York fliegen und ein Fußbad-Fitnessstudio eröffnen. Ich hätte bestimmt gleich am ersten Tag eine Million Anmeldungen und wäre reicher als jeder Katarer.

"Sie müssen Ihr Essen vierzig, fünfzig Mal kauen", unterbricht Dr. Stossier meine Gedanken. Das ist der Kern des Mayr-Systems: Wenn man fünfzig Mal kaut, verliert man nicht nur an Gewicht, sondern wird auch von Krankheiten wie Typ-2-Diabetes, Geschwüren oder Arthritis geheilt.

Mit anderen Worten: Fußbäder sind bloß zur Schau, das Wesentliche ist das Kauen.

Fünfzig Mal!

So oft zu kauen wird eine gewaltige Menge Energie verbrauchen, rechne ich mir aus, und beschließe einen heißen Milchkaffee zu trinken, der mich dabei unterstützt. Doch traurigerweise ist Milch im Viva nicht erlaubt, und Koffein gilt als Ketzerei. Ich muss mir meinen Milchkaffee woanders suchen – aber wo?

Leserkommentare
  1. und schon wieder ein Supertext von Herrn Tenenbom.
    Lieben Dank ich freue mich auf den nächsten.

  2. Als Neuleser Ihrer überzeugenden und inhaltsschweren Kolumne möchte ich Ihnen, Herr Tenenbom, einen Vorschlag unterbreiten, der Ihnen, naheliegend wie er ist, in diesem Forum vielleicht schon einmal begegnete. Ich finde es nämlich nicht gut, dass Sie sich in magenförmigen Ländern wie Österreich aufhalten müssen. Oder in Fitnessstudios am Wörthersee, wo Ihr Hinterteil mit dem von Elton John verglichen wird.
    Also: Wir hatten hier einen Außenminister, der zu Beginn seines politischen Weges ebenfalls fett wie ein Turnschuh daherkam. Am Ende seiner Minister-Laufbahn aber war er dünn wie ein Spike.
    Der Vorschlag: Werden Sie doch auch Außenminister. Für Sie käme aus Diätgründen ein dünnes Land wie Chile in Frage. Oder ein Leichtgewicht wie Andorra. Warum es nicht versuchen?
    Eine Frage hätten Sie dem Hannes in Wien noch stellen können: Wie kommt es, dass Österreicher einen Mann, der so tief gefallen ist wie Felix Baumgartner, als Helden verehren? Die Antwort können Sie ja noch nachreichen.

  3. Der Sinn dieser Kolumne erschließt sich mir nicht.

  4. Was heute in privaten noch mehr als den öffentlich rechtlichen als Witz oder Spaß verkauft wird, macht in seiner Vorhersehbarkeit und Plumpheit so depressiv, dass man sich neben Bernd das Brot aufs Sofa setzten und lieber die Rauhfasertapete anstarren möchte.

    Hier schreibt jemand auf den ersten Blick naiv, aber dann sehr gewitzt. - Endlich mal wirklich witzig.

    Im übrigens hervorragenden jüdischen Museum in Berlin war für mich eines der überraschendsten Aha-Erlebnisse der Buchladen. Lauter deutsche Literatur alles mit Tiefgang aber auch viel Witz. Erst nach einer weile wurde mir klar, dass dort fast ausschließlich jüdische Autoren verkauft werden. Wenn man die alle von der deutschen Literatur abzöge und nur noch garantiert arisches übrig wäre, wäre damit auch aller Witz mit Stumpf und Stiel getilgt.

    Bitte liebes Goethe-Institut, mach verstärkt Werbung in Israel und in Brooklin. Ich will ein bisschen häufiger etwas witziges auf Deutsch lesen. Danke liebe ZEIT, dass ich mich bis dahin mich Herrn Tenenbom über Wasser halten kann.

  5. weiter so - ich liebe Ihre Kolumne.

  6. Zitat:
    {Als sie sich wieder ein bisschen beruhigt haben, erzählen sie mir, dass sie einen österreichischen Minister beschützen, der das gesamte Restaurant für sich reserviert hat.}
    Zitat Ende.
    .
    Österreichische Minister (die meisten jedenfalls) müssen primär vor sich selber beschützt werden. In Kärnten verschärft sich dieser Umstand noch!
    .
    Und... Hannes Androsch ist ein Kaliber für sich.
    .
    Sehr schöne Kolumne!

  7. "Willkommen in Wellville".

    Und ich dachte, für solchen Nonsense wären sich die Leute heute zu schade. Ein Fußbad zum "Entgiften". Herr, wirf Hirn vom Himmel!

    1000ckal pro Tag - viel Spaß mit dem Jojoeffeft.

    Herr Tenenbom wird mir mit seiner bissigen Entlarvung des Fitness- und Wellnesswahns immer sympathischer. Wer wirklich abnehmen will, braucht mäßig, regelmäßig Sport und keine Gurus. Da kann man sich dann auch mal die eine oder andere Boulette und Milchkaffee leisten.

    • yellowT
    • 03. November 2012 9:23 Uhr

    Sorry, Sinn und Zweck des Artikels habe ich nicht verstanden.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • lxththf
    • 03. November 2012 17:44 Uhr

    Vielleicht einfach die Beschreibung unter seinem Bild lesen ;)

    • yellowT
    • 03. November 2012 17:53 Uhr

    Ich werde mir meinen Teil denken.

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