36,62. Das ist die wissenschaftlich nachgewiesene Zahl. Für zwei Tage, die ich in Berlin verbracht und leckere Buletten genossen habe, muss ich 36,62 Wochen im Fitnessstudio verbringen. Und weil ich länger in Berlin war als nur zwei Tage, bin ich jetzt dazu verdammt, mein Leben lang im Fitnessstudio zu bleiben, ohne jemals wieder irgendetwas Schönes machen zu dürfen.

Zum Glück fängt mich eine Journalistin der Huffington Post ab, ehe ich auf alle Ewigkeit hinter den Türen des Fitnessstudios verschwinde. Sie rettet mich vor lebenslänglichem Freiheitsentzug: Fahr ins Viva Mayr nach Österreich , sagt sie und erklärt mir, dass das Viva der strengste Entgiftungsort der Welt sei, wenn ich da eine Woche überlebe, ist mein Bauch von allen Verunreinigungen befreit – inklusive der Buletten.

Ich habe noch nie vom Viva Mayr gehört, also bitte ich meinen guten Freund Google , mir davon zu erzählen. Und Google sagt, dass das Ganze Hannes Androsch gehört, einem ehemaligen österreichischen Finanzminister und Vizekanzler des unvergesslichen Bruno Kreisky . Ich liebe Politiker, die auf Entgiftung stehen, und fliege schneller als ein Adler zum Viva Mayr.

Als ich dort ankomme und mir die Leute ansehe, verliebe ich mich sofort in diesen Ort. Da ist ein Mann aus Katar , der tausend Firmen und mindestens eine Frau besitzt; daneben sitzen Geschäftsleute aus London , Deutschland und Kanada , und am Nachbartisch plaudern ein paar schöne Frauen fröhlich miteinander. Obwohl die meisten Leute hier scheinbar reicher sind als Gott, ernähren sie sich von weniger als 1.000 Kalorien am Tag. Der Anblick ist unvergesslich: Der Katarer zum Beispiel, ein Mann mit genug Geld um den Mond zu kaufen, wenn er das wollte, der sich locker eine ganze Kuh zum Mittagessen leisten könnte, schlürft stattdessen lieber ungesüßten Kräutertee.

Ich wünschte, Hannes würde mir dieses Wunder erklären, aber er ist nicht vor Ort, sondern in Wien . Vor Ort ist Dr. Stossier, der leitende Viva-Arzt. Er trägt einen Bart, wie ihn Jassir Arafat hatte, also stelle ich ihm die Frage, die ich Jassir immer stellen wollte: Warum tust du das?

"Ich will den Menschen helfen", sagt er.

Das gefällt mir. Ich habe nie davon geträumt, mein Leben den armen Menschen in Katar zu widmen, aber ich erkenne an, wenn jemand spiritueller ist als ich.

Wie üblich ersetzt Spiritualität die Nahrung. Und am nächsten Tag, nachdem ich mich an einem Mahl gelabt habe, das für eine durchschnittliche Ameise gereicht hätte, lässt man mir ein Fußbad ein. Ich stelle meine Füße in einen Behälter mit klarer Flüssigkeit, und nach wenigen Minuten färbt sich die Flüssigkeit braun – als würde Durchfall aus meinen Füßen fließen. Das seien die Verunreinigungen meines Körpers, erfahre ich, und ich glaube, sie meinen die Buletten.

Ungeachtet des hässlichen Anblicks, den mein Bulettengelage nach sich zieht, kommt mir eine brillante Idee: Ich könnte zurück nach New York fliegen und ein Fußbad-Fitnessstudio eröffnen. Ich hätte bestimmt gleich am ersten Tag eine Million Anmeldungen und wäre reicher als jeder Katarer.

"Sie müssen Ihr Essen vierzig, fünfzig Mal kauen", unterbricht Dr. Stossier meine Gedanken. Das ist der Kern des Mayr-Systems: Wenn man fünfzig Mal kaut, verliert man nicht nur an Gewicht, sondern wird auch von Krankheiten wie Typ-2-Diabetes, Geschwüren oder Arthritis geheilt.

Mit anderen Worten: Fußbäder sind bloß zur Schau, das Wesentliche ist das Kauen.

Fünfzig Mal!

So oft zu kauen wird eine gewaltige Menge Energie verbrauchen, rechne ich mir aus, und beschließe einen heißen Milchkaffee zu trinken, der mich dabei unterstützt. Doch traurigerweise ist Milch im Viva nicht erlaubt, und Koffein gilt als Ketzerei. Ich muss mir meinen Milchkaffee woanders suchen – aber wo?