Ein Hannover-Fan im Spiel gegen Dortmund © Odd Andersen/AFP/Getty Images

Auch in Hannover ist derzeit Oktoberfest. Auf dem Schützenplatz unweit des Maschsees gibt es ein traditionelles Riesenrad, eine Achterbahn im Rock'n'Roll-Stil, viele Sachen, die sich drehen und blinken, und Losbuden, an denen man Teddybären gewinnen kann, die größer sind als so mancher Nationalspieler. An diesem Sonntag aber standen die meisten Schausteller mit den Händen in den Hosentaschen herum oder lasen Zeitung. Woanders war mehr los.

Die großen Ahs und Ohs drangen von nebenan auf den Festplatz, von dort, wo das Stadion von Hannover 96 steht. Eine Fußballmannschaft, die schon seit einiger Zeit mehr Spektakel bietet als alle deutschen Jahrmärkte zusammen. Neben Borussia Dortmund ist die Mannschaft von Mirko Slomka derzeit das aufregendste Team der Liga.

Wettbewerbsübergreifend absolvierte Hannover 96 in dieser Spielzeit bislang sieben Heimspiele . Sie verloren keines. Die Zuschauer sahen 27 Tore, Rekord, davon 19 für ihre Mannschaft, auch Rekord. Epische Partien waren darunter, wie die gegen Werder Bremen , die Hannover durch einen Fallrückzieher von Szabolcs Huszti in der 93. Minute mit 3:2 gewann . Saisonübergreifend ist Hannover seit zweiundzwanzig Heimspielen ungeschlagen.

So ließen die Niedersachsen in der jüngsten Vergangenheit einen Großteil des Bundesliga-Establishments hinter sich. Die Fußballöffentlichkeit nahm das kaum, und wenn, dann eher skeptisch, zur Kenntnis: Irgendwann müssen sie ja einmal einbrechen, die Hannoveraner, hieß es die ganze Zeit. Doch sie gewannen einfach immer weiter.

Wer alle Bundesliga-Punkte von Beginn der Spielzeit 2010/11 bis jetzt addiert, erkennt, dass Hannover 96 mit 119 Punkten die viertbeste deutsche Mannschaft ist, übertrumpft nur von Dortmund (168), Bayern (159) und Leverkusen (133). Selbst der FC Schalke 04, der sich so gerne als dritte Kraft im Lande sieht, steht mit 118 Punkten hintenan. Knapp zwar, aber immerhin.

Dabei kam dem Konstrukteur des Erfolgs, Mirko Slomka, zupass, dass Hannoveraner immer und überall ein wenig belächelt werden. Die Stadt von Gerhard Schröder , Christian Wulff, den Scorpions und Lena Meyer-Landrut wird gern als Stadt ohne Eigenschaften veralbert. Der Satiriker Wiglaf Droste prägte den Satz: "Wenn es dir in Hannover gefällt, gefällt es dir überall". Im Schatten dieses Spotts konnten sich Slomka und sein Manager Jörg Schmadtke in den vergangenen Jahren klammheimlich eine formidable Mannschaft zusammen bauen.

Dabei war Slomka nach seinem Rauswurf bei Schalke 04 im August 2008 mehr als ein Jahr lang arbeitslos, ehe er in Hannover unterschrieb. Dort stand er anfangs ebenfalls in der Kritik und nach dem peinlichen Pokal-Aus in Elversberg unmittelbar vor seiner ersten kompletten Spielrunde gar kurz vor dem Rauswurf. Dann machte Slomka viel richtig, kaufte die richtigen Spieler und ersann ein richtiges System. Er machte so viel richtig, dass er sich mittlerweile gar für höhere Aufgaben empfiehlt.

Slomkas System genügt selbst höchsten fußballästhetischen Ansprüchen. Frühes Pressing, schnelles Umschalten, schneller Torabschluss, das sind die Prämissen. Die Zehn-Sekunden-Regel, die Slomka im Training praktiziert, und nach der zwischen Balleroberung und Torabschluss nicht mehr als zehn Sekunden vergehen sollten, ist in Taktikkreisen längst legendär.

So gab es vor dem Spitzenspiel gegen Dortmund Lob aus höchsten Fußballlehrermunde. "Wenn es uns nicht gegeben hätte, wäre Hannover die Mannschaft mit der besten Entwicklung der vergangenen Jahre gewesen", sagte der Meistertrainer Jürgen Klopp. Er lobte die klare Spielidee, die gute Mentalität, das Umschaltspiel. "Mir hat es richtig Spaß gemacht, ihnen zuzugucken", sagte er nach dem Europa-League-Spiel gegen UD Levante , das die Niedersachsen nach einem 0:1-Rückstand noch 2:1 gewannen, obwohl sie ab der 9. Minute in Unterzahl spielten.