NationalmannschaftJoachim Löw, ein Opfer des Zufalls

Ein 4:4 ist keine Krise. In einer Zeit der Hochrechnungen und Zielvereinbarungen bleibt Fußball unvorhersehbar. Auch Löw kann den Zufall nicht eliminieren. Von S. Dobbert von 

Glücklos: Joachim Löw im Spiel gegen Schweden

Glücklos: Joachim Löw im Spiel gegen Schweden  |  © Kay Nietfeld, DPA

Im letzten Pflichtspiel des Jahres hat die Nationalelf gegen Schweden gezaubert, brilliert, imponiert, fasziniert – die erste Stunde lang. Irre. Dann hat das Team es vergeigt, enttäuscht und alles vermasselt. Irre. Ein Fußballspiel wie ein Ikea-Schrank : Erst sah's so leicht aus, und am Ende passte gar nichts mehr. Alter Schwede! Was war da los?

Fußballer sprechen nach solchen Begegnungen oft von komischen Dingen. "Wir haben keinen Fuß mehr auf den Boden bekommen." "Da war der Wurm drin." "Wir konnten den Schalter nicht umlegen!" "Da steckt man nicht drin!" "Es war wie verhext!" Manchmal heißt es auch: "Das ist Fußball!" Oder dieser Typ, einer, der mehr versteht, hätte sich eingemischt: Der Fußballgott sei Schuld.

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In gewisser Weise stimmt die göttliche Erklärung. Wer den Zufall meint, kann ihn auch allmächtiges Schicksal oder Wurm nennen. Das 4:4 der deutschen Elf war ein Paradebeispiel fürs Zufällige, Glückliche im Fußball, besonders in der letzten halben Stunde des Spiels. In dieser Zeit wandelten die Schweden den Rückstand in ein Remis. Vier Mal schossen sie in 33 Minuten aufs Tor, vier Mal erzielten sie ein Tor. Einmal hatte der deutsche Torwart einen Blackout, einmal übersah der Schiedsrichter ein Foul. Wenn man lange Flanken aus dem Halbfeld nicht zählt, war genau eines der vier Tore herausgespielt. Kroos traf dagegen den Pfosten, und die Deutschen hatten Pech.

Diese Schlussfolgerung klingt zu einfach, um wahr zu sein. Ist sie aber. Fußball ist zum Teil ein Glücksspiel. Oft gewinnt die bessere Mannschaft, manchmal nicht.

Den Unterschied zwischen glücklichem und gekonntem Spiel hat die Schweden-Partie offenbart. In den ersten 60 Minuten zeigten die Deutschen ihre Fähigkeiten, kombinierten den Ball ins Tor, danach schossen die Schweden glücklich den Ausgleich. Die Ironie des Ganzen: Im Spiel gegen Irland vor vier Tagen war das Glück noch auf der deutschen Seite, fast jeder Schuss war ein Treffer, die Jubelei danach groß. Das ist Fußball. Kein Trainer, kein Team kann den Zufall eliminieren. Gerade deshalb fasziniert das Spiel Milliarden Menschen weltweit. Trotz Mentalcoaches, Taktikvideos, Ernährungsplänen: In einer Zeit der Kostenvoranschläge, Hochrechnungen, Analysen, Zielvereinbarungen bleibt der Fußball unvorhersehbar.

Steffen Dobbert
Steffen Dobbert

Steffen Dobbert ist Redakteur bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Diesen Aspekt des hochprofessionalisierten Spiels vergessen viele Experten gerne. Wer das Zufällige zugibt, kann es nicht mehr selbst erklären. Natürlich wäre eine solche Einsicht für einen wie Oliver Kahn , den Titan unter den TV-Fußballexperten, eine Bankrotterklärung. Und Menschen wie Kahn, Besser- und Alleswisser, gibt es viele. Deshalb geht es jetzt wieder los.

An allen Stammtischecken wird nun fachgesimpelt und durchdiskutiert. Kann Joachim Löw noch Bundestrainer? Fehlt dem deutschen Team der Führungsspieler?

"Die Krise ist da in der deutschen Auswahl", schreibt die SZ wenige Stunden nachdem die Nationalelf die vielleicht spielerisch anspruchsvollsten 60 Minuten der vergangenen Jahre gezeigt hat und ungeschlagen die WM-Qualifikationsgruppe anführt.

Die Krise ist also da. Aha. Dann wird sie auch ihre Kreise ziehen. Der Manager, Oliver Bierhoff , hat schon mal öffentlichkeitswirksam etwas angekündigt . Die Wurstfabrikanten , Ex-Trainer oder Ex-Tennisspieler kommentieren das sicher bald, öffentlichkeitswirksam. Denn so eine Pseudo-Debatte hat ja einen Sinn. In vier Wochen gibt es noch ein Länderspiel. Holland gegen Deutschland. Ein Freundschaftsspiel. Nein. Nach dem "historischen Drama ums deutsche Team" ( Express ) und dem nun folgenden Rumkritisiere wird das allerletzte Spiel des Jahres viel mehr sein müssen. Joachim Löw wird womöglich Hilfe von ganz oben brauchen. Aha. Das wird irre. Das ist Fußball.

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Leserkommentare
    • Pequod
    • 17. Oktober 2012 14:59 Uhr

    Damit dürfte das Wunder von Bern endgültig durch das
    Wunder von Berlin abgelöst worden sein!

    • RSCB
    • 17. Oktober 2012 15:04 Uhr

    Für das, was da gestern passiert ist, gibt es wohl keine treffendere Metapher!

  1. So ein Spiel hat einen Erfahrungswert, der von keiner Rhetorik erschaffen werden kann. Die Mannschaft erlebte, was vorher nicht mal auf dem Papier möglich gewesen wäre. Die Qualifikation ist dabei alles andere als in Gefahr. Häme, Spott und Schuld werden die Mannschaft noch bewusster arbeiten lassen. Dass so ein Spiel während der EM Qualifikation zumindest das Finale gegen Spanien im letzten Sommer bedeutet hätte, ist eine Hypothese die jenseits der Beweisbarkeit liegt. Aber zumindest einer Überlegung wert.

    • W4YN3
    • 17. Oktober 2012 15:17 Uhr

    Ein Trainer, der bereits zur Halbzeit mit 2 Auswechslungen ins Spiel eingreift ist in meinen Augen besser als einer, der nur einmal im ganzen Spiel wechselt (Poldi kam so spät, das zählt nicht). Eine Auswechslung bringt immer was, sie nicht zu nutzen ist Blödsinn.

    Ich möchte außerdem anmerken, dass bereits zur 25. Minute sich Pausenmentalität bei den Deutschen breitgemacht hatte. Da gab es einige Szenen in der Defensive, bei denen mit etwas Glück/Pech ein Tor gefallen wäre, wenn ein Schwede in der Nähe gewesen wäre. Also 60min Dominanz habe ich nicht gesehen.

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    • Filosov
    • 17. Oktober 2012 15:57 Uhr

    Stimme vollkommen zu: Wenn so schnell ein 2:4 fällt, dann muss gewechselt werden, damit die Spieler von außen ein Signal bekommen, dass es so nicht weitergeht. Außerdem muss dann halt mal etwas rustikaler reingehen. Haben wir mehr als 3 Fouls im ganzen Spiel begangen? Dafür die Gelben Karten wegen Zeitspiels - so lächerlich wie verdient...
    Dieser Schweinstieger-Freistoß in der 91. war echt der Höhepunkt - 25m vor dem gegnerischen Tor zum eigenen Torwart zurückspielen! Mehr die Hose voll haben kann man wohl nicht.

  2. gerade weil ich heute verdutzt angeschaut wurde, mit meiner Meinung, das war doch Zufall. Pech für die einen, Glück für die anderen. Das sowas nur alle paar jubel Jahre passiert hat einen Grund. Der liegt nicht in der Momentaufnahme des (deutschen) Fußballs. Nein, im Zufall.

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    • Moika
    • 17. Oktober 2012 16:55 Uhr

    Ich weiß ja nicht welches Spiel Sie gesehen haben, aber unsere Scheinüberlegenheit in der ersten Hälfte war doch wohl ausschließlich in der Passivität der Schweden begründet.

    Als die dann in der zweiten Hälfte ernst machten, kam die alte Krankheit in der deutschen Mannschaft sofort wieder zum Vorschein: Eine Abwehr, die den Namen nicht einmal ansatzweise verdient. Mit den geistigen Aussetzern unseres Dream-Keepers war dann ein klasse Vorsprung vertan. Und das alles vor heimischem Publikum.

    Aber was soll's, jetzt wissen die Spieler wenigstens, wo sie leistungsmäßig hin gehören - Löw hoffentlich auch. Und es wird schwerer für die Mannschaft werden, denn nach diesem Spiel werden die Konkurrenten kam noch Respekt vor dieser Elf haben.

    und wann nicht? Alle Spieler, die ich beim Torschuss gesehen habe, haben nicht ziellos durch die Gegend geballert, sondern schon versucht, das Runde in das Eckige zu kriegen. Vermutlich sogar in voller böser Absicht um den Gegner zu besiegen!

  3. Schön zählt nicht, es zählt das Ergebnis.
    Zufall heißt es ja auch nie, wenn wir gewinnen.
    Da nützt auch das ganze Löw'sche Gerede zuvor und danach nichts.

  4. Na, der Spruch sollte sich aber für die Weltmeisterschaft qualifiziert haben.
    Für die WM im schönreden...

    Sorry Herr Dobbert, aber das war nicht Zufall, das war wie immer:
    solange der Gegner nix auf die Reihe kriegt können die Jungs superschönen Fußball spielen. Aber sobald es nicht mehr läuft, sehe ich keine Mannschaft sondern einen verunsicherten Hühnerhaufen auf dem Platz.

  5. Zu Beginn Siebzigerjahre führte der FC Bayern einmal in Kaiserslautern mit 4:1, um dann noch mit 4:7 unterzugehen. Mit dabei damals auf Bayernseite: Ein heutiger Wurstfabrikant, eine spätere Lichtgestalt, ein krausköpfiger Allesbesserwisser, ein valentinesker Torwart und ein kleines dickes Müller.
    Ja, solche Spiele gab es immer schon und wird es immer wieder mal geben. Das ist gut so. Das ist Fußball. Das sind Begegnungen, die eine völlig irrationale Eigendynamik entwickeln und auf die kein Trainer mehr Einfluss nehmen kann. Das trifft sowohl auf Löw zu, wie auch auf den Übungsleiter der Schweden. Letzterer hatte nach dem 0:4 garantiert nicht mehr die Absicht, ein Unentschieden herauszuholen.
    Solche Spiele passieren eben, auch wenn die Wahrscheinlichkeit gering ist. Das macht die Faszination Fußball aus. Ab und an bringt dieses simple Spiel die Gesetze der Wahrscheinlichkeit durcheinander. Diesmal traf es die Deutschen. 1954 die Ungarn. 1978 wurden die Österreicher schier narrisch. Was wird 2014 sein?

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