Übergewicht : Brasilien soll mit Ronaldo abnehmen

Brasilien ist auf dem Weg, die USA als dickste Nation abzulösen. Der Ex-Weltfußballer Ronaldo will deshalb Vorbild von Millionen werden: In einer TV-Show nimmt er ab.
Ronaldo beim Freundschaftsspiel Schottland gegen Brasilien im März 2011 © Mike Hewitt/Getty Images

Der Dicke, o gordo , wurde Ronaldo schon zum Ende seiner Karriere gerufen. Nach seinen 400 Toren für den FC Barcelona , Real Madrid , den AC und Inter Mailand , nach drei Goldenen Bällen für den Weltfußballer des Jahres und nach den WM-Pokalen 1994 und 2002 ließ es Ronaldo zurück im heimischen Brasilien etwas gemütlicher angehen. Hinzu kam eine Schilddrüsenerkrankung, die den Spieler, der einst so schnell und trickreich war, dass er den Beinamen o fenômeno bekam, ebenso phänomenal aufschwemmte.

Eigentlich soll Ronaldo mithelfen, die WM 2014 rund zu machen, er sitzt im Aufsichtsrat des lokalen Organisationskomitees. Doch bei 118,4 Kilogramm, verteilt auf 1,84 Meter, 25,5 Prozent Fettanteil, 107 Zentimetern Bauchumfang und einem Cholesterinwert von 283 wird jeder Schritt auf einer Stadionbaustelle zur Qual. Mit einem errechneten Body-Mass-Index von 35 ist Ronaldo damit nicht übergewichtig , sondern adipös, fettleibig also.

Ronaldos Diagnose kennt ganz Brasilien, weil beim ärztlichen Check Millionen Zuschauer live dabei waren. In einer Fernseh-Sendung des TV-Unternehmens Globo soll das Dickerchen öffentlich abnehmen. Medida Certa (Das richtige Maß) heißt die Show. Drei Monate lang können die Brasilianer zusehen, wie ihr einstiger Vorzeigestürmer schwimmt, joggt, läuft, boxt und radelt. Im Blog zur Sendung kann der Fortschritt des Diätwilligen täglich kontrolliert werden. 18 Kilo will Ronaldo verlieren. Dabei beschönigt er nichts: "Die Waage – ein Trauma", sagte der 36-Jährige neulich, und: "Ich hasse Tomaten."

Dem Süßen verfallen

Sätze, die viele Brasilianer unterschreiben würden. Das Land hat nicht von ungefähr eines seiner berühmtesten Wahrzeichen Zuckerhut genannt. Die Brasilianer sind allem Süßen verfallen. Das landesübliche Kaffeegetränk, der Cafezinho , besteht zur Hälfte aus Zucker, der Verkauf süßer Brausen hat sich in den vergangenen Jahren vervielfacht, auf ohnehin süßes Obst wie Ananas oder Papayas wird gerne noch ein wenig Zucker gestreut. Gemüse ist verpönt.

2005 hatte bereits eine Studie des Statistischen Amtes IBGE gezeigt, dass 40 Prozent aller erwachsenen Brasilianer übergewichtig waren. Jeder Zehnte war fettleibig. Ein Aufschrei ging durch das Land. Die Bikinimädchen und waschbrettbäuchigen Volleyballer an Brasiliens Stränden, die Sehenswürdigkeiten des Landes also, seien in Gefahr. Es wurden gar Einbußen im Tourismus erwartet, nachdem die New York Times über die brasilianische "Fettsuchtepidemie" geschrieben hatte.

Lokale Kommentatoren konterten sofort, das angeblich vom Aussterben bedrohte Girl from Ipanema sei nie gertenschlank gewesen, sondern habe schon immer den "Körper einer Gitarre" gehabt. Der damalige Präsident Lula da Silva zweifelte gar die Zahlen der IBGE an. Nicht nur weil er sich selbst bei einem prüfenden Blick in den Präsidentenspiegel zumindest zur Gruppe der Übergewichtigen hätte zählen müssen, sondern weil diese Zahlen seinem größten Anliegen, dem Kampf gegen Hunger, förmlich zuwider liefen. Vor allem Kinder seien immer noch unterernährt und tauchten in der Statistik nicht auf, bemängelte der Präsident zurecht.

Hunger und Übergewicht schließen sich in Brasilien nicht aus

Es passt aber zu Brasilien, dem Land der Kontraste – arm und reich, schön und hässlich, rassistisch und tolerant –, dass sich auch Hunger und Übergewicht nicht ausschließen. Es sind vor allem die Armen, die sich falsch ernähren, weil Gemüse und vitaminreiche Nahrung in dem südamerikanischen Land verhältnismäßig teuer sind. Mittlerweile aber sterben mehr Menschen an den Folgen des Übergewichts als an Unterernährung.

In diesem Jahr wurden neue Zahlen veröffentlicht. Mittlerweile sind fast 49 Prozent der Brasilianer übergewichtig, 15,8 Prozent sind wie Ronaldo fettleibig. Damit haben es die Südamerikaner binnen kürzester Zeit fast auf deutsches Niveau geschafft (2009: 51 Prozent übergewichtig, 15 Prozent adipös). Der Gesundheitsminister warnt vor dem schlechten Vorbild USA . Experten schätzen , Brasilien könnte in zehn Jahren den Nordamerikanern ihren Platz als dickste Nation der Welt streitig machen, sofern der Trend anhält.

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Kommentare

8 Kommentare Kommentieren

Rassismus?

Mit Verlaub, Herr Spiller: In vielen Dingen möchte ich Ihnen durchaus zustimmen, aber den Brasilianern Rassismus vorwerfen? Im Gegensatz zu anderen Orten, die ich schon besucht habe, habe ich in Brasilien keine Stadt gesehen, in denen sich Minderheiten vom Rest abgeschottet haben. Mir sind auch keine Terrorzellen a la NSU bekannt. Und ja, auch wenn es vor einem halben Jahrhundert durchaus dort Menschen gab, die (vor allem im Süden Brasiliens) mit den Nationalsozialisten sympathisiert haben, so wurde das jedoch in keiner Weise zum Mainstream - weder offen noch latent. Aus diesen Gründen wäre ich Vorsichtig mit dem Vorwurf rassistischer Neigungen!

Der Vorwurf ist leider nicht unberechtigt:

Hier für Sie ein Auszug aus einer brasilianischen Studie zu dem Thema:

"A research published today, 22, indicates that 63.7% of the Brazilians consider that the race interferes in the quality of life of the citizens. For the majority of the 15 thousand interviewed, the difference between the white people’s life and the nonwhite’s one is evident in the work (71%), in questions related to the justice and the police (68,3%) and the social relations (65%).

The result of the research, elaborate in 2008, is not exactly a surprise in a country where, although being barely half of the Brazilian population, the black people hen no more than 8% of the 513 chosen representatives in the last year. Another research, that came out in the last month of May, shows that the salary of a white man in Brazil is, on average, 46% over the one of a black man, what also can be explained by the difference of education."

@F1reFoX

Es geht nicht um Terrorzellen, sondern um Alltagsrassismus. Auf den ersten Blick leben alle friedlich beisammen, aber: Die Einkommensunterschiede zwischen Weißen und Dunkelhäutigen sind immens, in den Telenovelas sind Dunkelhäutige unterrepräsentiert, wenn dann kommen sie in den einschlägigen Rollen als Hausangestellte oder Verbrecher vor usw.

Grüße aus der Redaktion
Christian Spiller