NationalmannschaftSchweinsteigers Kampf gegen den Verfall

Bastian Schweinsteiger soll nach der schwachen EM wieder Fixpunkt der DFB-Elf werden. Dabei spürt er den Druck der Jüngeren. Und die Belastungen der vergangenen Jahre. von Stefan Hermanns

Der Nationalspieler Bastian Schweinsteiger nach dem EM-Halbfinale gegen Italien

Der Nationalspieler Bastian Schweinsteiger nach dem EM-Halbfinale gegen Italien  |  © Marcus Brandt/picture alliance/dpa

Der Deutsche Fußball-Bund hat am Dienstag eine verdiente Führungskraft verabschiedet, einen Mann, der laut Oliver Bierhoff "vieles vorangetrieben" hat. Matthias Sammer , bis zum Sommer Sportdirektor, hatte sich noch einmal in die Verbandszentrale begeben, um vom DFB-Präsidium den Dank für getane Arbeit entgegenzunehmen.

Hundert Meter Luftlinie entfernt, im Keller der Frankfurter Arena, meldete sich kurz darauf eine andere Führungskraft des deutschen Fußballs wieder zurück, ein Mann, der auf dem Spielfeld auch schon so manches vorangetrieben hat – und es derzeit wieder tut. Bastian Schweinsteiger saß auf dem Podium. Am Freitag im WM-Qualifikationsspiel in Irland wird er zum ersten Mal nach dem verlorenen EM-Halbfinale wieder für die Nationalmannschaft spielen und das Team in Vertretung des gesperrten Philipp Lahm als Kapitän aufs Feld führen.

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Es ist, wenn man Schweinsteigers jüngste Auftritte richtig deutet, eine angemessene Rolle für den 28 Jahre alten Mittelfeldspieler. "Bastian ist ein ganz wichtiger Spieler", sagte der Nationalmannschaftsmanager Bierhoff. "Mit seiner Präsenz, Erfahrung, Qualität – und jetzt auch mit dem großen Selbstvertrauen bei Bayern München ."

Schweinsteiger-Kritik

Für Wirbel sorgten vor Kurzem Schweinsteigers Äußerungen in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung". Dort hatte er den guten Geist bei den Bayern gelobt – in klarer Abgrenzung zur Nationalmannschaft. "Das spürst du ja zum Beispiel, wenn ein Tor fällt: Springt da die komplette Bank auf? Bei uns springt sie auf, das ist vielleicht ein kleiner Unterschied zur Nationalmannschaft bei der EM. Da sind nicht immer alle gesprungen", sagte er. Es gab zudem Berichte über ein gestörtes Binnenklima, über einen Bayern-Block und einen Dortmund-Block unter den Nationalspielern.

Bierhoff-Replik

Bierhoff wies Schweinsteigers Äußerungen auf einer DFB-Pressekonferenz am Dienstag nun zurück. "Es gab in dieser Sache unterschiedliche Wahrnehmungen: Bastian auf dem Platz, der Trainer auf der Bank und ich auf der Tribüne", sagte er. "Jetzt ist ein bisschen Reibung da, das sehe ich positiv", erklärte Manager Bierhoff dazu und begründete: "Wir haben einen starken Bayern-Block, einen starken BVB-Block, zwei starke Spieler aus Madrid, zwei aus London und Miroslav Klose. Das ist eine andere Konstellation. Es gab kaum einen breiteren Kader, in dem so viele Spieler für sich in Anspruch nehmen, dass sie spielen wollen."

Und wieder Schweinsteiger

Abrücken von seiner Meinung wollte Schweinsteiger dann aber doch nicht. "Ich habe meine Meinung, dazu stehe ich auch", betonte Schweinsteiger, ohne das näher erläutern zu wollen.

Vor ein paar Monaten, bei der Europameisterschaft, sah das noch ganz anders aus. Aber da hat man im Grunde auch nur den halben Schweinsteiger gesehen: ohne Präsenz, vor allem aber ohne Selbstvertrauen nach dem verstörenden Erlebnis des verlorenen Champions-League-Finales . Der vermeintliche Anführer schleppte sich, geplagt an Leib und Seele, durchs Turnier.

Wie sehr sein Körper leiden musste, hat Schweinsteiger erst jetzt preisgegeben. Selbst im Urlaub habe er einfach nur gehofft, "dass du ohne Schmerzen die Treppen runterkommst". Trotzdem würde er alles wieder so machen: "Wenn der Trainer und die Mannschaft wollen, dass ich spiele, werde ich auch spielen."

Oliver Bierhoff hat dem Münchner gerade wegen dieser Haltung "ein großes Herz, eine große Leidenschaft" attestiert. Für Bundestrainer Joachim Löw ist und bleibt Schweinsteiger "ein wichtiger Impuls- und Taktgeber". Dass er eine Mannschaft führen und ihrem Spiel Struktur geben kann, zeigt er jetzt wieder bei den Bayern. "Wenn ich körperlich völlig gesund bin, dann bin ich gut", sagt Schweinsteiger.

Die Europameisterschaft wird er trotzdem nicht mehr los. Er spielt fortan nicht nur für sich und für die Nationalmannschaft; im Grunde spielt er, um die Ehre einer ganzen Generation zu verteidigen. Es sind jene einstmals jungen Wilden – Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm, Lukas Podolski und Per Mertesacker –, die unmittelbar vor und nach der EM 2004 zur Nationalmannschaft gestoßen sind und die jetzt alle um die hundert Länderspiele bestritten haben.

Leserkommentare
    • Supi
    • 10. Oktober 2012 11:50 Uhr
    1. Hmmmpf

    Schwache EM? Holland hatte ne schwache EM. Wir hatten ab dem Halbfinale eine unglückliche EM - zum größten Teil selbst verschuldet und das ohne Not.

    Außerdem sind auch die Bundesligatrainer gefragt: Schweinsteiger und Lahm spielen IMMER über 90 Minuten. Alle 2,3 Spiele ne Pause würde viel helfen.

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    Eben das könnte man schwach nennen.

  1. Da hat Herr Schweinsteiger in Absprache mit Verein und Nationalmannschaftsleitung in absolut korrekter Einschätzung seiner psychischen und physischen Situation eine Länderspielpause eingelegt, sich in beiden Bereichen augenscheinlich bestens erholt, spielt folglich bei Bayern so gut wie seit mindestens einem Jahr nicht mehr und hier wird (wieder mal) eine Art Abgesang auf ihn und seine Generation von Fußballern angestimmt. Was stimmt an diesem Bild nicht?
    Ich würde einiges darum geben, mal einen uneingeschränkt optimistischen Artikel über Profifußball im allgemeinen und die nationalmannschaft im Besonderen zu lesen, aber wer als (deutscher) Journalist auf sich hält, muss ja qua Berufsbild schon fast pathologisch nach dem sprichwörtlichen haar in der Suppe suchen. Und wenn es keins gibt, wirft man halt selbst eins hinein. Es langweilt mich zu Tränen.

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    welchem leider kein Happyend vergönnt war, warum auch immer. Seit dem spielt unsere NM einmal himmelhochjauchzend und ein anderes mal zu Tode betrübt. Wir haben ohne Zweifel sehr gute Leute zur Verfügung. Das wir so wechselhaft spielen hat mehrere Gründe in meinen Augen. Da sind die Spielpläne der Freundschaftsspiele, die manchmal abenteuerlich sind von der Terminwahl. Da gehört eine vernünftige Absprache zwischen den Vereinen - DFB - Bundestrainer. Es nützt uns gar nichts, wenn die Jungs verheizt werden. Siehe Özil, Schweinsteiger, Pudolski. Die waren zur EM 2012 schon vorher fertig. Da ist mehr Fingerspitzengefühl aller Beteiligter gefragt und vor allem "Absprache" der Trainingseinheiten. Bitte, was noch zu sagen wäre aus meiner Sicht, was hätten die Journalisten denn in letzter Zeit gutes schreiben können? Bei der WM in SA, ja, da waren tolle Spiele dabei, die nicht entsprechend gewürdigt wurden. Jogi Löw hat noch eine Chance, das ist die WM in Brasilien. Hier sollte nun endlich Butter bei'de Fische kommen!!!

    • weholi
    • 10. Oktober 2012 12:05 Uhr

    Da überkommt mich doch direkt ein starkes Gefühl des Mitleids mit all den armen, geschundenen Profis... Äh, ne, doch nicht.

  2. welchem leider kein Happyend vergönnt war, warum auch immer. Seit dem spielt unsere NM einmal himmelhochjauchzend und ein anderes mal zu Tode betrübt. Wir haben ohne Zweifel sehr gute Leute zur Verfügung. Das wir so wechselhaft spielen hat mehrere Gründe in meinen Augen. Da sind die Spielpläne der Freundschaftsspiele, die manchmal abenteuerlich sind von der Terminwahl. Da gehört eine vernünftige Absprache zwischen den Vereinen - DFB - Bundestrainer. Es nützt uns gar nichts, wenn die Jungs verheizt werden. Siehe Özil, Schweinsteiger, Pudolski. Die waren zur EM 2012 schon vorher fertig. Da ist mehr Fingerspitzengefühl aller Beteiligter gefragt und vor allem "Absprache" der Trainingseinheiten. Bitte, was noch zu sagen wäre aus meiner Sicht, was hätten die Journalisten denn in letzter Zeit gutes schreiben können? Bei der WM in SA, ja, da waren tolle Spiele dabei, die nicht entsprechend gewürdigt wurden. Jogi Löw hat noch eine Chance, das ist die WM in Brasilien. Hier sollte nun endlich Butter bei'de Fische kommen!!!

  3. ...welche schwache EM bitte? Deutschland hat großartig gespielt. Gegen die Italiener ist der deutschen Mannschaft leider immer noch kein Kraut gewachsen.

  4. Eben das könnte man schwach nennen.

    Antwort auf "Hmmmpf"
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    • Supi
    • 10. Oktober 2012 14:07 Uhr

    Könnte man, muss man aber nicht. Schwach wäre, wenn es eben aufgrund begrenzter Möglichkeiten nicht besser geht.
    Unglücklich ist, wenn man formschwache Spieler aufstellt und im Halbfinale hirnrissige Experimente macht, weil man denkt man wäre dem Herrgott sein Trainer.

    • Supi
    • 10. Oktober 2012 14:07 Uhr

    Könnte man, muss man aber nicht. Schwach wäre, wenn es eben aufgrund begrenzter Möglichkeiten nicht besser geht.
    Unglücklich ist, wenn man formschwache Spieler aufstellt und im Halbfinale hirnrissige Experimente macht, weil man denkt man wäre dem Herrgott sein Trainer.

  5. die der Autor zu dem Ein- und Austritts der Profis nennt, sind ja wohl kaum repräsentativ. An einem guten, gesetzten Stammtorwart vorbei zu kommen, ist halt sehr schwierig. In der Vergangenheit war es immer so, dass ein langjähriger Torwart auch langjährig beerbt wurde. Lehmann/Kahn war dem Kaprizen eines Herrn K. geschuldet und Adler ist nach meiner Erinnerung nach einer Verletzung nicht wieder in den Tritt gekommen. Selbst wenn es anders war, macht der eine Fall noch keine Trendwende.

    Bei den Feldspielern ist das nicht anders: nur weil Hinkel früh aufhört, heisst das nicht, das Nationalspieler generell mit Ende 20 am Ende sind. Kennt hier jemand einen Hr. Klose?
    Es ist doch wohl eher so, dass die besseren medizinischen Möglichkeinten eine Verlängerung der Karrieren ermöglichen.

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    .

    • Dakra
    • 10. Oktober 2012 16:31 Uhr

    Er ist erst spät in den Profifußball eingestiegen. Vermutlich ist das der Grund, warum er noch dabei ist. Ich finde den Artikel sehr gut. Er macht auf ein Marktversagen aufmerksam. Die Spieler müssen aufgrund kurzfristiger Ziele zuviel geben. Man kann sich die Frage stellen, wie man die Spieler in Zukunft besser schützen kann. Ich denke, der Spielplan wäre ein guter Anknüpfungspunkt, da er leicht beobachtbar und verifizierbar ist. Es darf nicht zu viele Spiele innerhalb eines Zeitraumes geben.

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