Fett wie ein TurnschuhIch verstehe die Deutschen, auch wenn ich der Einzige bin

Unser Fitness-Kolumnist Tuvia Tenenbom kommt nach Deutschland, um abzunehmen – und landet auf einer Demonstration gegen Beschneidungen. Und einer gegen Nazis. von Tuvia Tenenbom

Ich bin überzeugt, dass Fliegen gut für uns ist. Und heute fliege ich mit Lufthansa nach Deutschland, der Fluglinie mit den umwerfendsten Stewardessen.

"Unterstützen Sie unseren Kampf gegen das Management", sagt eine von ihnen. Die Kabinencrews befänden sich immer wieder einmal im Streik, fügt sie hinzu, zudem seien sie im Recht.

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Warum streiken sie?

"Lufthansa verdient enorm viel Geld, aber sie geben es nicht an uns weiter."

Wie viel sollten sie Ihnen geben?

"Ich zeig’s Ihnen."

Sie geht weg und kommt kurz darauf mit zwei weiteren umwerfenden Stewardessen zurück. Sie geben mir ein Blatt Papier, auf dem ihre gerechte Sache aufgeschrieben steht, und wiederholen, dass ich sie unterstützen müsse. Ich frage mich, warum sie mir ein Papier vorlegen. Kennen Sie ihre Forderungen nicht auswendig?

Aber anstatt diese Frage zu stellen, kommt mir eine andere über die Lippen: Wie viel verdienen Sie?

Sie sehen mich an, als hätte ich ihnen eine höchst intime Frage in aller Öffentlichkeit gestellt.

Ich wähle einen anderen Ansatz: "Wie viel verdient eine erstklassige Stewardess?"

"Sag ich nicht!", sagt die eine, und die anderen beiden nicken.

Ich liebe Bordpersonal!

"Fett wie ein Turnschuh"

Hantelschwingen und Bodypumpkurse boomen: Allein in Deutschland gibt es knapp 6.000 Fitnessstudios. Im Jahr 2011 trainierten dort erstmals mehr als sieben Millionen Menschen – mehr als der größte deutsche Sportverband, der Deutsche Fußball-Bund (DFB) Mitglieder zählt. Fast jeder zehnte Deutsche packt demnach seine Sporttasche und schwitzt an schwerem Gerät oder in Gymnastikkursen.

Wieso ist der Fitnesssport so erfolgreich? Was fasziniert die Menschen daran? Und wieso?

Die Fitness-Kolumne

Für unsere Kolumne Fett wie ein Turnschuh schicken wir den (noch) etwas korpulenten New Yorker Autoren Tuvia Tenenbom in die Welt der Fitten und Starken. Er lernt die Fitnessjünger kennen und nimmt ab. Alle zwei Wochen berichtet er auf ZEIT ONLINE von seinen Erlebnissen.

Lassen Sie mich direkt und offen sein: Mit Deutschland verbindet mich eine Art Hassliebe. Einerseits bin ich sehr deutsch. In der Sekunde, in der ich in Deutschland lande und die Menschen ansehe, begreife ich, dass sie und ich eins sind. Ich verstehe ihre Logik, auch wenn ich der einzige auf der Welt bin. Um Ihnen ein Beispiel zu geben: Wenn ich bloß den Mund aufmache, sagt mir der durchschnittliche Deutsche sofort, ich solle "nicht generalisieren wie die Amerikaner". Dieser Satz ist absolut paradox, aber mir scheint er absolut sinnvoll.

Sie müssen wissen: In meinem tiefsten Inneren bin ich Deutscher.

Andererseits hasse ich Deutschland – aus einem guten Grund: Das Essen ist unglaublich lecker, und ich kann nicht aufhören zu essen. In weniger als zwei Tagen nehme ich mehr zu, als ich zu zählen wage.

Ich muss diesen Wahnsinn stoppen – aber wie?

Wahrscheinlich sollte ich mich in einem Fitnessstudio anmelden, ehe ich fetter werde als das dickste Lufthansa-Flugzeug und wütende umwerfende Stewardessen auf meinem Bauch herumtanzen. Ein Schreckensszenario!

Aber wie finde ich ein Fitnessstudio? Ich muss googlen, was bedeutet, dass ich mir eine SIM-Karte für mein iPad besorgen muss. Das sollte einfach sein, vermute ich zumindest, nur um dann schnellstens herauszufinden, dass nichts einfach ist. Ich kaufe eine 30-Tage-Karte, die sofort abläuft. Ich bekomme stattdessen Textnachrichten von der Telekom , die mir ihre Liebe erklärt – aber kein Google und kein Sport.

Wahrscheinlich sollte ich bei ein, zwei Demonstrationen mitlaufen – eine beliebte Sportart bei Europäern. Gibt’s in nächster Zeit irgendeine Demonstration?

Ja – Glück gehabt! Juden und Muslime, erklärt man mir, machen gemeinsame Sache, damit Beschneidung in diesem Land legal bleibt.

Ganz ehrlich: Ich traue meinen Ohren kaum. Dass diese beiden Völker an einem Strang ziehen, ist ein Irrtum historischen Ausmaßes.

Ich renne sofort los, um zu sehen, ob diese Geschichte wahr ist. Und jetzt raten Sie mal – sie stimmt!

100 Juden, davon ein paar mit "Bist du Jude? Ja!"-T-Shirts, und zwei Muslime, eine mit Hidschab, demonstrieren gemeinsam. Perfekt. Ich demonstriere für den Frieden und verliere ein paar Pfunde. Wir laufen zusammen durch ganz Berlin , bis jedes Baby der Stadt beschnitten ist, und ich verliere meine "Buletten-Pfunde"!

Das ist natürlich eine grandiose Sache – allerdings bewegen sich diese Leute nicht. Kein Stück. Sie stehen herum und siehe da: Sie kredenzen extrem leckeren Kuchen. Ich stelle mich dazu und – wie könnte es anders sein – nehme weiter zu.

Um mal ein intimes Gefühl in die Öffentlichkeit zu bringen: Mich packt die Schwermut. Kann ich in diesem schönen Land nicht dünn und sexy sein? Gibt es keine Chance?

Wie so oft in Europa kommt mir die Geschichte zu Hilfe.

Leserkommentare
  1. Um Gottes Willen, das Essen ist noch besser und die demonstrieren viel weniger,
    jedenfalls öffentlich!
    Nur die Berge und die Einsamkeit könnte Sie dort retten.
    und sagen Sie niemandem, wie deutsch Sie sind .-)

    13 Leserempfehlungen
  2. Was ist an den Beispielen so typisch deutsch, dass man es besonders verstehen müsste? Das sind doch beobachtete Widersprüche, die man überall - zumal in Westeuropa - finden kann. Die Stewardessen anderer Fluglinien sehen auch umwerfend aus und sie streiken mitunter ebenso gern, Nazis gehen auch in anderen Ländern auf die Straße und das Thema Beschneidung war vorher schon in anderen europäischen Staaten ein Thema.

    Na gut, das mit der roten Ampel ist in D tatsächlich ausgeprägter als anderswo und nur hier scheint man die jeweils schwächeren Verkehrssünder besonders zu bedrängen.

    Liegt wohl daran, das Deutsche immer recht haben wollen. ;-)

    Eine Leserempfehlung
  3. der Artikel eigentlich sagen? *grübel*

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    • Atan
    • 15. Oktober 2012 18:16 Uhr

    es so, dass ich wegen dauerndem Lachens schon die Kalorien vom Mittagessen wieder verbraucht habe.
    Und das ist doch der Sinn eines Fitness-Journalisten?

    dass wir eigentlich doch ganz beneidenswert o.k. sind.
    Ösis natürlich noch oker.
    Und Südtiroler erst... (Aber DA hat er recht).

    • Joyce
    • 15. Oktober 2012 23:45 Uhr

    Leanders schrieb: "Was will uns der Artikel eigentlich sagen? *grübel*"

    Ich würde sagen: Es will einfach auf intelligente Weise unterhalten - und das hat funktioniert, so wie meistens bei Tenenboms Kolumnen, auf die ich mich zusammen mit Martenstein bei Zeit Online immer am meisten freue.

  4. Nach Österreich zum Abnehmen? Das ist eine gute Idee. Hier einige kalorienarme Spezialitäten, mit denen sich Österreicher zu verschlanken pflegen: Sachertorte, Topfenstrudel, Zwiebelgulasch, Tafelspitz, Kirschknödel, Wiener Schnitzel, Mozartkugeln, Palatschinken, Backhendl, Schweinebraten, Semmelknödel, Mohnstrudel etc. Ein Besuch auf dem Wiener Naschmarkt empfiehlt sich schon aus Diätgründen. Guten Appetit, Herr Tenenbom!

    Auch Adolf Hitler ist dort auf eine gewisse Weise immer noch da. Sogar öfter als in Deutschland. Sie werden also nichts vermissen müssen, Herr Tenenbom.

    16 Leserempfehlungen
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    In einem Punkt muss ich Sie aber korrigieren: Tafelspitz ist doch nach dem langen Kochen viel zu kalorien-äh-reich! Dann lieber in Öl ausgebackene Leber mit Röstkartoffeln!

    Es gibt weitere ausgezeichnete Diät-Mahlzeiten, z.B. Marillenknödel, Topfenknödel, Topfenpalatschinke, Geselchtes, Tiroler Gröstl, Blunzen, Faschierte Laibchen, Linsen mit Knödel, Fleischknödel, Mohr im Hemd, Esterhazy-Torte, Maroni-Obers. Als Abnehm-Getränk unbedingt den Einspänner im Wiener Deml, als Vorsuppe keine Fritatten, sondern Leberknödelsuppe. Für Zwischendurch empfiehlt sich eine kleine Jause mit Brot und Erdäpfelkas oder am Würstelstand eine reduzierte Mahlzeit mit Eitriger im Hot-Dog oder Kasleberkassemmel.

    Dafür werden allerdings tatsächlich fitnessreife Demos gehalten, z.B. kann man seinen Bizeps sehr gut auf den Demos der Fahnenschwenkertruppe von der FPÖ trainieren. Wenn die mal nicht marschieren, gibt es noch das Bärenzentrum Österreichs und das FPK... Und der "Rechts"-Walzer beim Burschenschafterball gehört quasi zum Standard eines echten Fitness-Studios.

    Ich geh jetzt erst mal essen.

  5. danke für ein paar minuten lachen

    3 Leserempfehlungen
    • Atan
    • 15. Oktober 2012 18:16 Uhr

    es so, dass ich wegen dauerndem Lachens schon die Kalorien vom Mittagessen wieder verbraucht habe.
    Und das ist doch der Sinn eines Fitness-Journalisten?

    11 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Was will uns "
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    wird die Zahl der Teilnehmer/innen an Demos jeglicher Couleur stark zunehmen, wenn sich erstmal herumgesprochen hat, dass dies eine effektive Methode ist, um abzunehmen.

    Und das wird man dann den "Tenenbom"-Effekt nennen. ;-P

  6. wird die Zahl der Teilnehmer/innen an Demos jeglicher Couleur stark zunehmen, wenn sich erstmal herumgesprochen hat, dass dies eine effektive Methode ist, um abzunehmen.

    Und das wird man dann den "Tenenbom"-Effekt nennen. ;-P

    4 Leserempfehlungen
  7. Herr Tenenbom - und ich als Deutsche verstehe meine Landsleute sehr oft nicht, z.B. die von Ihnen beschriebene Frau in Tarnklamotten.
    Vielleicht muß man aus dem Ausland kommen, um die Deutschen besser zu verstehen - seufz.

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