Fett wie ein TurnschuhIch verstehe die Deutschen, auch wenn ich der Einzige bin
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"Wer das Gesetz bricht", erklärt mir eine Dame, "verdient den Tod."

Auf einer Berliner Demo gegen Nazis

Auf einer Berliner Demo gegen Nazis  |  © Tuvia Tenenbom

Adolf Hitler ist immer noch da. Auf gewisse Weise. Und er hat hier in Berlin immer noch Bewunderer, die viele andere am liebsten um die Ecke bringen würden. Was super ist, weil die Möchtegern-Killer eine richtige Demo planen, einen Marsch. Sport in Perfektion!

Ich bin begeistert! Ich renne der Menge hinterher.

Wir marschieren zwei Stunden lang durch die Berliner Straßen, unterwegs nach irgendwohin. Aber wen interessiert das schon? Sie jagen einen Nazi ins Nirgendwo und ich bete zu Allah, dass er sehr, sehr, sehr weit entfernt wohnt.

Zwei Stunden vergehen, ich verliere Gewicht, und dann ist es vorbei.

Wenn ich mich nur zu einer Demonstration pro Tag durchringen könnte, sähe es mit meinem Gewicht besser aus. Aber leider gibt es am nächsten Tag keine Demo – zumindest weiß ich von keiner.

Was soll ich also tun? Soll ich meine eigene Ein-Mann-Sport-Demo veranstalten?

Tuvia Tenenbom
Tuvia Tenenbom

ist Autor, Essayist und Dramatiker. Er ist Artistic Director des Jewish Theater in New York und Autor des Buches Allein unter Deutschen: Eine Entdeckungsreise. Für ZEIT ONLINE schreibt er seit Dezember 2011 die Fitnesskolumne "Fett wie ein Turnschuh".

Versuchen wir's, sage ich mir, ganz wie der Erfinder von Google.

Und für die nächste Woche oder zwei versuche ich es, aber es ist nicht einfach. Alle paar Minuten muss ich Dank der Launen der Berliner Ampelmännchen stehenbleiben und warten. Ich will bei Rot gehen, wie jeder normale Mensch in New York , aber hier funktioniert das nicht.

Wenn du in Berlin über rot gehst – außer natürlich in fortschrittlichen Stadtteilen wie Kreuzberg – werden die Autofahrer nicht langsamer, wenn sie dich sehen, wie in New York, sondern sie treten ordentlich aufs Gas, als wollten sie dich umfahren.

"Wer das Gesetz bricht", erklärt mir eine Dame, "verdient den Tod." Verstehen Sie mich nicht falsch: Die Dame ist reizend, klug und friedfertig. Sie hasst Krieg, jedweden Krieg und sie verachtet Armeen, jedwede Armee. Und deshalb trägt sie Che Guevara- und Sowjetstern-T-Shirts und an kalten Tagen Tarnklamotten. Niemand auf dieser Welt kann diese Widersprüche begreifen – außer mir, dem wahrhaftigsten Deutschen, den es gibt.

Aber ich weiß, dass ich aufgrund meiner Berliner Gewichtsprobleme das Land für eine Weile verlassen muss.

Ich nehme ein Taxi zum Flughafen.

"Ich bin froh, Deutscher zu sein, sehr froh", sagt mir der Taxifahrer.

Warum?

"Weil wir das beste Bier der Welt haben."

Welches Bier trinken Sie am Liebsten?

"Carlsberg."

Carlsberg kommt aus Deutschland?

"Nein. Aus Dänemark ."

Mir ist egal, was die ganze Welt sagt, aber ich finde das völlig plausibel. Ich fliege nach Österreich , um abzunehmen, aber ich komme bald wieder zurück. Das verspreche ich!

Aus dem amerikanischen Englisch von Thomas Pletzinger
 

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Leserkommentare
  1. Um Gottes Willen, das Essen ist noch besser und die demonstrieren viel weniger,
    jedenfalls öffentlich!
    Nur die Berge und die Einsamkeit könnte Sie dort retten.
    und sagen Sie niemandem, wie deutsch Sie sind .-)

  2. Was ist an den Beispielen so typisch deutsch, dass man es besonders verstehen müsste? Das sind doch beobachtete Widersprüche, die man überall - zumal in Westeuropa - finden kann. Die Stewardessen anderer Fluglinien sehen auch umwerfend aus und sie streiken mitunter ebenso gern, Nazis gehen auch in anderen Ländern auf die Straße und das Thema Beschneidung war vorher schon in anderen europäischen Staaten ein Thema.

    Na gut, das mit der roten Ampel ist in D tatsächlich ausgeprägter als anderswo und nur hier scheint man die jeweils schwächeren Verkehrssünder besonders zu bedrängen.

    Liegt wohl daran, das Deutsche immer recht haben wollen. ;-)

  3. der Artikel eigentlich sagen? *grübel*

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Atan
    • 15. Oktober 2012 18:16 Uhr

    es so, dass ich wegen dauerndem Lachens schon die Kalorien vom Mittagessen wieder verbraucht habe.
    Und das ist doch der Sinn eines Fitness-Journalisten?

    dass wir eigentlich doch ganz beneidenswert o.k. sind.
    Ösis natürlich noch oker.
    Und Südtiroler erst... (Aber DA hat er recht).

    • Joyce
    • 15. Oktober 2012 23:45 Uhr

    Leanders schrieb: "Was will uns der Artikel eigentlich sagen? *grübel*"

    Ich würde sagen: Es will einfach auf intelligente Weise unterhalten - und das hat funktioniert, so wie meistens bei Tenenboms Kolumnen, auf die ich mich zusammen mit Martenstein bei Zeit Online immer am meisten freue.

  4. Nach Österreich zum Abnehmen? Das ist eine gute Idee. Hier einige kalorienarme Spezialitäten, mit denen sich Österreicher zu verschlanken pflegen: Sachertorte, Topfenstrudel, Zwiebelgulasch, Tafelspitz, Kirschknödel, Wiener Schnitzel, Mozartkugeln, Palatschinken, Backhendl, Schweinebraten, Semmelknödel, Mohnstrudel etc. Ein Besuch auf dem Wiener Naschmarkt empfiehlt sich schon aus Diätgründen. Guten Appetit, Herr Tenenbom!

    Auch Adolf Hitler ist dort auf eine gewisse Weise immer noch da. Sogar öfter als in Deutschland. Sie werden also nichts vermissen müssen, Herr Tenenbom.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    In einem Punkt muss ich Sie aber korrigieren: Tafelspitz ist doch nach dem langen Kochen viel zu kalorien-äh-reich! Dann lieber in Öl ausgebackene Leber mit Röstkartoffeln!

    Es gibt weitere ausgezeichnete Diät-Mahlzeiten, z.B. Marillenknödel, Topfenknödel, Topfenpalatschinke, Geselchtes, Tiroler Gröstl, Blunzen, Faschierte Laibchen, Linsen mit Knödel, Fleischknödel, Mohr im Hemd, Esterhazy-Torte, Maroni-Obers. Als Abnehm-Getränk unbedingt den Einspänner im Wiener Deml, als Vorsuppe keine Fritatten, sondern Leberknödelsuppe. Für Zwischendurch empfiehlt sich eine kleine Jause mit Brot und Erdäpfelkas oder am Würstelstand eine reduzierte Mahlzeit mit Eitriger im Hot-Dog oder Kasleberkassemmel.

    Dafür werden allerdings tatsächlich fitnessreife Demos gehalten, z.B. kann man seinen Bizeps sehr gut auf den Demos der Fahnenschwenkertruppe von der FPÖ trainieren. Wenn die mal nicht marschieren, gibt es noch das Bärenzentrum Österreichs und das FPK... Und der "Rechts"-Walzer beim Burschenschafterball gehört quasi zum Standard eines echten Fitness-Studios.

    Ich geh jetzt erst mal essen.

  5. danke für ein paar minuten lachen

    • Atan
    • 15. Oktober 2012 18:16 Uhr

    es so, dass ich wegen dauerndem Lachens schon die Kalorien vom Mittagessen wieder verbraucht habe.
    Und das ist doch der Sinn eines Fitness-Journalisten?

    Antwort auf "Was will uns "
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    wird die Zahl der Teilnehmer/innen an Demos jeglicher Couleur stark zunehmen, wenn sich erstmal herumgesprochen hat, dass dies eine effektive Methode ist, um abzunehmen.

    Und das wird man dann den "Tenenbom"-Effekt nennen. ;-P

  6. wird die Zahl der Teilnehmer/innen an Demos jeglicher Couleur stark zunehmen, wenn sich erstmal herumgesprochen hat, dass dies eine effektive Methode ist, um abzunehmen.

    Und das wird man dann den "Tenenbom"-Effekt nennen. ;-P

  7. Herr Tenenbom - und ich als Deutsche verstehe meine Landsleute sehr oft nicht, z.B. die von Ihnen beschriebene Frau in Tarnklamotten.
    Vielleicht muß man aus dem Ausland kommen, um die Deutschen besser zu verstehen - seufz.

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