FußballtrainerMit Peter Neururer im Porsche Panamera warten
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"Drei Spiele pro Wochenende sind Pflicht", sagt er

Das Handy klingelt, laut. Ist beim Golfen eigentlich verboten, sagt er. Aber geht halt nicht anders. Peter Neururer ist immer erreichbar. Er schaut auf das Display, nimmt ab: "Warste bei Arsenal?", fragt er, "wann begreifen die das endlich mit dem Joel Matip?" Er wartet die Antwort gar nicht erst ab. War ja ’ne rhetorische, Neururer-Spezialität. Gespräche führt er am liebsten mit sich. "Das ist ein guter Junge, aber der hat in jedem Spiel mindestens eine Brechbohne drin." Ja, ja. Klar. Bis bald. Tschüss! Kopfschütteln. Er legt sich den Ball zurecht: "Jetzt soll ich mich auch darum kümmern, wie Schalke spielt." Sagt er im Schwung, langes Holz. Der Ball liegt gut. Er läuft Richtung Grün. Wieder summt sein Telefon. SMS. "Jens Todt, was will der denn?" Er liest die Nachricht laut vor: "Liebe Kollegen und Freunde. Aha. Ach, nur eine neue Nummer." Leichte Enttäuschung. Handy wieder in die Hosentasche.

Zwei Abschläge später bekommt Neururer noch eine Nachricht, diesmal von Jörn Andersen. "Armer Kerl", sagt Neururer, als er den Absender sieht, "hat auch nichts zu tun." Und verabredet sich mit Andersen im Clubhaus.

Dabei ist es ja nicht so, als würde er, Peter Neururer, tatsächlich den ganzen Tag nur auf dem Golfplatz rumhängen. Er ist immer noch gefragt. Immer noch am Puls. Wie früher. Nur auf der anderen Seite. Arbeitslos, sagen die einen. "Nicht im Amt", sagt Neururer, Fernsehexperte, öffentliche Person, Medienvollprofi. Der Terminkalender einer ganz normalen Neururer-Woche: Montag war er in Aue, Zweite Liga, als Experte für Sport 1. Dienstag hat er vor 150 Gymnasiasten einen Vortrag für eine Anti-Raucher-Kampagne gehalten. Am Abend gab es ein Sponsorenessen, Spendensammeln für die Gofus, die golfenden Fußballer, die Projekte wie den Bolzplatz finanzieren. Mittwochvormittag musste er zu einem Dreh mit dem ZDF. Volle Kanne. Sieben Stunden mit Günter-Peter Ploog. Golfen, Harley fahren, Neururer privat. Abends ist er nach Essen gefahren. Wieder Sport 1, Fantalk.

Und heute, welcher Tag ist eigentlich?, fragt er noch: Auftritt in den Stadtwerken Bochum, eine Hommage an Werner Altegoer, den ehemaligen Präsidenten des VfL Bochum. Sie werden den Programmpunkt "Peter Neururer spricht über Werner Altegoer" jedoch kürzen, weil Neururer um 22 Uhr wieder zu Hause sein muss. Telefontermin, Liveschalte in eine Fußballsendung.

Freitag fährt er dann nach Mainz, Bundesliga. Als Zuschauer. "Drei Spiele pro Wochenende sind Pflicht", sagt er, "um im Thema zu bleiben." Falls die nächste SMS eben nicht von Jens Todt ist, der nächste Anruf nicht von Olaf Thon. Am Samstag, zwischendurch, kommentiert er das Spiel Schalke gegen Bremen in einer Schrebergartenkolonie in Essen-Altenessen. Live. In einer Halle mit 200 Schalke-Fans. Macht er ja gerne: Peter Neururer, Mann des Volkes. Und Sonntag dann: Bundesliga, klar. Und sonst? Weiß er gerade nicht aus dem Kopf: "Aber irgendeinen Termin habe ich bestimmt."

Am 9. Juni 2012 erlitt Peter Neururer einen Herzinfarkt. Beim Golfen. An Loch 17 ist er damals, Schlag aus dem Bunker, zusammengebrochen. Einfach so. An den Infarkt, "nennen wir es Ereignis, scheißegal", kann er sich nicht erinnern, vier Tage fehlen ihm. Eine Ursache für das Ereignis, sagt Neururer, sei neben den Zigaretten, damals eine Schachtel am Tag, die Zeit ohne Trainerjob, die er mit so vielem anderen zu füllen versucht. Mit den Terminen, den Fernsehauftritten, Reisen, Essen.

Er steht nun dort, Loch 17, Blick über den Bunker, und sagt: "Nach Marbella zu Wonti, dann mit meiner Frau auf Mallorca, essen gehen, Harley fahren. Das hört sich bombastisch an. Aber nach zwei Wochen macht mich das wahnsinnig." Er wird dann unruhig, die Zeit tropft, das Warten zerrt an seinen Nerven. Er nennt es: "Freizeitstress". Und als er das sagt, klingt es wie eine Krankheit.

Im Clubhaus setzt sich Neururer an den Stammtisch der Gofus, wird von den Kellnerinnen begrüßt, dann vom Koch. Hoher Besuch. Kurz darauf kommt auch Jörn Andersen, der Norweger. Blaue Trainingsjacke, Tiefenbräune. Neururer und er sprechen, logisch, über Golf. Dann über Fußball. Die Trainerwechsel der jüngsten Zeit. Werden dann aber unterbrochen. An den Tisch tritt jetzt: Erwin Kremers, Schalke-Idol, größte Erfolge: DFB-Pokal-Sieger 1970, Bronzener Bravo Otto 1973.

Kremers schaut zu Andersen, fragt: "Warum bist du eigentlich so braun?"
Neururer: "Der ist doch die ganze Zeit auf Mallorca."
Andersen, Mallorca-Lächeln: schweigt.
Kremers: "Was machst du denn so?"
Andersen: "Ich warte, ich muss Geduld haben."
Neururer: "Wir warten doch alle."
Kremers: "Geht doch mal wieder arbeiten."
Neururer: "Erwin, du bist gut. Besorg uns doch mal einen Job."

Sein Handy klingelt. Olaf Thon. Sie müssen los.

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Leserkommentare
    • scoty
    • 20. November 2012 10:50 Uhr

    besonders die Gespräche am Anfang und zur Ende.

  1. Mit großer Freude habe ich diesen Artikel gelesen; Peter Neururer ist ein wirkliches Original, welches hier äußerst sympathisch daherkommt - als Nicht-Fußballfan gönne ich ihm sehr, bald wieder regulär in Lohn und Brot zu stehen.

  2. Wer nie länger als zwei Jahre bei einem Verein beschäftigt ist und das über 13 Mannschaften hinweg, der kann kein guter Trainer sein. Am Kneipentisch als Fußballexperte macht Peter eine gute Figur, aber als Trainer taugt er höchstens für die zweite Liga. Erstaunlich, wie viele sogenannte Fans und Experten (Selbstverständlich auch alle Fanboys) von Neururer überzeugt sind, nur weil er ihnen nach der Nase reden kann. Erfolg sieht anders aus.

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    • lxththf
    • 20. November 2012 15:00 Uhr

    die Topmannschaften, die Neururer hatte? Konnte er mal so wie Magath shoppen? So wie Heynckes mit einer zweiten Bank arbeiten, die immernoch unter den Top drei landen würde? Kein Verein, wirklich keiner bei dem er war hatte das Potenzial wirklich längerfristigen Erfolg zu haben.

  3. halt deutlich bessere Trainer, die mehr praktisch arbeiten und weniger reden. Wenn er wollte, hätte er sicherlich schon längst eine unterklassige Mannschaft trainieren können, aber wenn man wirtschaftlich azusgesorgt hat, lebt man halt in den Tag hinein mit Golf spielen und in Talkshows quasseln.

  4. Der Artikel bekommt den Unterhaltungs Wert *****

    • lxththf
    • 20. November 2012 15:00 Uhr

    die Topmannschaften, die Neururer hatte? Konnte er mal so wie Magath shoppen? So wie Heynckes mit einer zweiten Bank arbeiten, die immernoch unter den Top drei landen würde? Kein Verein, wirklich keiner bei dem er war hatte das Potenzial wirklich längerfristigen Erfolg zu haben.

    • DuBru
    • 20. November 2012 15:42 Uhr

    Bei dem Standort der Schrebergartenkolonie hat sich vermutlich ein kleiner Fehler eingeschlichen. Wahrscheinlich ist hier der Essener Stadtteil "Altenessen" (also Essen-Altenessen), anstatt "Alt-Essen", gemeint.

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    Redaktion

    Hallo DuBru,

    vielen Dank für Ihren Hinweis. Die angesprochene Textstelle wurde korrigiert.

    Mit freundlichen Grüßen

    David Schmidt

  5. Redaktion

    Hallo DuBru,

    vielen Dank für Ihren Hinweis. Die angesprochene Textstelle wurde korrigiert.

    Mit freundlichen Grüßen

    David Schmidt

    Antwort auf "Verbesserungsvorschlag"

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