Frage: Herr Aschenbach, Sie waren der beste Skispringer Ihrer Zeit. Schon als Junge haben Sie einen Weltrekord aufgestellt.

Hans-Georg Aschenbach: Ja, das war 1968 bei der Jugendspartakiade. Ich verlor meine Ski beim Sprung, flog aber einfach weiter, 48 Meter. Die Landung war fast ein Telemark.

Frage: Wie fühlt man sich, wenn man fliegt?

Aschenbach: Es ist ästhetisch, aber Arbeit. Es ist wie beim Schwimmen, wenn man sich vom Startblock abstößt; ins Freie hinein. Dann geht es schnell, wenige Sekunden – schwupps, gelandet. Die idealen Flüge gehen glatt und (schnippst mit den Finger) unten staunst du nur: So weit ging das?

Frage: Wären Sie ungedopt Doppelweltmeister 1974 und Olympiasieger 1976 geworden?

Aschenbach: Mir stinkt, dass Sie gleich wieder mit dem Doping anfangen.

Frage: Damit müssen Sie leben – Sie haben selbst zugegeben, gedopt zu haben.

Aschenbach: Damit müssen wir alle leben. Es ist eben die Schattenseite des DDR-Sports. Selbst ich bin manchmal geneigt zu sagen: Es war gar nicht so schlimm. Im DDR-Sport gab es ein einheitliches Sichtungs- und Auswahlsystem, das heute fehlt, es gab viele Ehrenamtler mit Freude am Sport. All das wird verunglimpft, weil ein paar Idioten meinten, man müsse mit Pillen Erfolge erzwingen.

Frage: Sie meinen die Sportfunktionäre.

Aschenbach: Heute weiß ich, dass Doping Staatsdoktrin war. Minderjährige wurden mit Pillen gefüttert – ich nahm die mit 16, ohne zu wissen, was drin war. Mit 18 wurde mir das mitgeteilt, und wenn ich mich geweigert hätte, weiterzumachen, wäre ich weg gewesen. Ich habe mitgemacht, war beim Armeesportklub Oberhof , da gab es Sold. Ich habe dem System gedient, war Teil des Systems. Ich war das System.

Frage: Ihr Weg begann an einer Kinder- und Jugendsportschule.

Aschenbach: Eine Kinderkaserne. Es war nicht schön: jeden Tag trainieren, jeden Tag Leistung bringen. Wenn ich Zweiter wurde, war ich ein Nichts. Niemand hat mir beigebracht, dass Misserfolge nicht nur etwas Schlechtes sind. Es wurde erst besser, als ich mich für Mädchen interessierte.

Frage: Und als Sie Erfolg hatten?

Aschenbach: Ich war ein kleiner dicker Junge, fand mich nicht gut aussehend. Der Erfolg war die einzige Motivation. Plötzlich gewinnt man, kriegt eine Prämie – da schaltet man um. Den Lehrern macht man es gut, den Eltern, sich. Meine erste Prämie waren 1000 Mark, mein Vater legte was drauf, ich kaufte mir ein Motorrad. Wahnsinn! Ich habe nicht gemerkt, dass ich gekauft wurde; ich wurde programmiert.

Frage: Als Medaillengewinner waren Sie in der DDR ein Held – und ein Privilegierter.

Aschenbach: Es war das Privileg, immer zu funktionieren. Ich konnte nicht ich selbst sein. Wenn ich an einer Bockwurstbude stand, konnte ich nicht mal in der Nase popeln. Ich hatte Haltung zu bewahren und auf jeden zweiten Bierdeckel ein Autogramm zu schreiben. Ich war ein Idol. Irgendwann zerbrichst du an dieser Rolle.

Frage: Sie konnten reisen.

Aschenbach: Von wegen. Ich durfte das Land nur verlassen, wenn meine Familie als Pfand zu Hause blieb. Wir konnten nicht nach Jugoslawien in den Urlaub fahren, weil die Grenze dort zu durchlässig war. Mit 38 dachte ich: Jetzt kann ich mir die Kugel geben. Beruf ist fertig, Haus ist fertig, ich fahre einen Wartburg – das war’s, alles andere gibt’s nur im Westfernsehen.

Frage: Es gibt da ein Zitat von Ihnen: "Im Westfernsehen lief Miami Vice. Und ich dachte: Geil. Miami. Don Johnson. Und was mache ich hier?"

Aschenbach: Ja, so war’s. Da bin ich nach Ungarn gefahren und kam als Don Johnson zurück. Ich hatte mir die Haare blond gefärbt, Ohrlöcher stechen lassen. Zu Hause empfing mich mein militärischer Vorgesetzter: Wie siehst Du denn aus? Ich habe die Bilder aus Ungarn gesehen! Die Haare werden sofort umgefärbt! Da wusste ich: Die Stasi hat uns sogar im Urlaub verfolgt. Ich wollte ausbrechen.

Frage: Aber Sie haben sich wieder eingereiht.

Aschenbach: Jeder wusste ja, wie er das System wieder kriegt: Asche aufs Haupt; ja, Genossen; richtig, Genossen. Nach meiner Sportkarriere studierte ich und wurde Mediziner.

Frage: Wie reifte Ihr Entschluss zur Flucht?

Aschenbach: Als ich mein Haus umbaute, lernte ich einen Architekten kennen, ein Jugoslawe mit DDR-Pass. Der erzählte mir, was im normalen Leben abgeht, dass die Leute andere Sorgen haben als ein elitärer Sportler. Ich gewann Vertrauen, sprach mit ihm über Politik. Ich fragte mich: Was hält mich hier noch? Ich hatte Probleme in meiner Ehe, sollte als Sportmediziner beim Dopen mithelfen, wollte aber nicht. Er sagte: Ich haue ab – über Jugoslawien nach Österreich . Ich gab ihm meine Papiere mit. Damit er sie mir geben kann, wenn ich einmal im Westen ankomme.

Frage: 1988 kam die Gelegenheit: Sie betreuten die DDR-Skipringer in Hinterzarten.

Aschenbach: Mein Glück war, dass die Skimannschaft damals schlecht sprang und alle Betreuer ausgetauscht wurden. Ich rückte als Arzt nach und arbeitete mit jungen Springern wie Reinhard Heß und Jens Weißflog . In Hinterzarten schüttelte ich die Stasi-Bewacher ab. Und war frei.