DDR-Flüchtling Aschenbach"Als Vater verachte ich mich für das, was ich getan habe"

Hans-Georg Aschenbach war in der DDR ein Skisprungstar. 1988 floh er in den Westen. Im Osten gilt er noch immer als Verräter, selbst seine Kinder verstehen ihn nicht. von Robert Ide

Der Skispringer Hans-Georg Aschenbach bei den Olympischen Spielen 1976 in Innsbruck

Der Skispringer Hans-Georg Aschenbach bei den Olympischen Spielen 1976 in Innsbruck  |  © upi/dpa

Frage: Herr Aschenbach, Sie waren der beste Skispringer Ihrer Zeit. Schon als Junge haben Sie einen Weltrekord aufgestellt.

Hans-Georg Aschenbach: Ja, das war 1968 bei der Jugendspartakiade. Ich verlor meine Ski beim Sprung, flog aber einfach weiter, 48 Meter. Die Landung war fast ein Telemark.

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Frage: Wie fühlt man sich, wenn man fliegt?

Aschenbach: Es ist ästhetisch, aber Arbeit. Es ist wie beim Schwimmen, wenn man sich vom Startblock abstößt; ins Freie hinein. Dann geht es schnell, wenige Sekunden – schwupps, gelandet. Die idealen Flüge gehen glatt und (schnippst mit den Finger) unten staunst du nur: So weit ging das?

Frage: Wären Sie ungedopt Doppelweltmeister 1974 und Olympiasieger 1976 geworden?

Hans-Georg Aschenbach
Hans-Georg Aschenbach

Hans-Georg Aschenbach war der beste Skispringer der DDR. Er wurde Weltmeister (1974), gewann die Vierschanzentournee (1974) und Olympiagold (1976). Als Sportarzt blieb er 1988 bei einer Teamreise nach Hinterzarten in der BRD und machte danach die Dopingpraktiken in der DDR öffentlich. Heute arbeitet er als Mediziner in Freiburg. Seine Lebensgeschichte erzählt er in seinem Buch "Euer Held. Euer Verräter".

Aschenbach: Mir stinkt, dass Sie gleich wieder mit dem Doping anfangen.

Frage: Damit müssen Sie leben – Sie haben selbst zugegeben, gedopt zu haben.

Aschenbach: Damit müssen wir alle leben. Es ist eben die Schattenseite des DDR-Sports. Selbst ich bin manchmal geneigt zu sagen: Es war gar nicht so schlimm. Im DDR-Sport gab es ein einheitliches Sichtungs- und Auswahlsystem, das heute fehlt, es gab viele Ehrenamtler mit Freude am Sport. All das wird verunglimpft, weil ein paar Idioten meinten, man müsse mit Pillen Erfolge erzwingen.

Frage: Sie meinen die Sportfunktionäre.

Aschenbach: Heute weiß ich, dass Doping Staatsdoktrin war. Minderjährige wurden mit Pillen gefüttert – ich nahm die mit 16, ohne zu wissen, was drin war. Mit 18 wurde mir das mitgeteilt, und wenn ich mich geweigert hätte, weiterzumachen, wäre ich weg gewesen. Ich habe mitgemacht, war beim Armeesportklub Oberhof , da gab es Sold. Ich habe dem System gedient, war Teil des Systems. Ich war das System.

Frage: Ihr Weg begann an einer Kinder- und Jugendsportschule.

Aschenbach: Eine Kinderkaserne. Es war nicht schön: jeden Tag trainieren, jeden Tag Leistung bringen. Wenn ich Zweiter wurde, war ich ein Nichts. Niemand hat mir beigebracht, dass Misserfolge nicht nur etwas Schlechtes sind. Es wurde erst besser, als ich mich für Mädchen interessierte.

Frage: Und als Sie Erfolg hatten?

Aschenbach: Ich war ein kleiner dicker Junge, fand mich nicht gut aussehend. Der Erfolg war die einzige Motivation. Plötzlich gewinnt man, kriegt eine Prämie – da schaltet man um. Den Lehrern macht man es gut, den Eltern, sich. Meine erste Prämie waren 1000 Mark, mein Vater legte was drauf, ich kaufte mir ein Motorrad. Wahnsinn! Ich habe nicht gemerkt, dass ich gekauft wurde; ich wurde programmiert.

Frage: Als Medaillengewinner waren Sie in der DDR ein Held – und ein Privilegierter.

Aschenbach: Es war das Privileg, immer zu funktionieren. Ich konnte nicht ich selbst sein. Wenn ich an einer Bockwurstbude stand, konnte ich nicht mal in der Nase popeln. Ich hatte Haltung zu bewahren und auf jeden zweiten Bierdeckel ein Autogramm zu schreiben. Ich war ein Idol. Irgendwann zerbrichst du an dieser Rolle.

Frage: Sie konnten reisen.

Aschenbach: Von wegen. Ich durfte das Land nur verlassen, wenn meine Familie als Pfand zu Hause blieb. Wir konnten nicht nach Jugoslawien in den Urlaub fahren, weil die Grenze dort zu durchlässig war. Mit 38 dachte ich: Jetzt kann ich mir die Kugel geben. Beruf ist fertig, Haus ist fertig, ich fahre einen Wartburg – das war’s, alles andere gibt’s nur im Westfernsehen.

Frage: Es gibt da ein Zitat von Ihnen: "Im Westfernsehen lief Miami Vice. Und ich dachte: Geil. Miami. Don Johnson. Und was mache ich hier?"

Aschenbach: Ja, so war’s. Da bin ich nach Ungarn gefahren und kam als Don Johnson zurück. Ich hatte mir die Haare blond gefärbt, Ohrlöcher stechen lassen. Zu Hause empfing mich mein militärischer Vorgesetzter: Wie siehst Du denn aus? Ich habe die Bilder aus Ungarn gesehen! Die Haare werden sofort umgefärbt! Da wusste ich: Die Stasi hat uns sogar im Urlaub verfolgt. Ich wollte ausbrechen.

Frage: Aber Sie haben sich wieder eingereiht.

Aschenbach: Jeder wusste ja, wie er das System wieder kriegt: Asche aufs Haupt; ja, Genossen; richtig, Genossen. Nach meiner Sportkarriere studierte ich und wurde Mediziner.

Frage: Wie reifte Ihr Entschluss zur Flucht?

Aschenbach: Als ich mein Haus umbaute, lernte ich einen Architekten kennen, ein Jugoslawe mit DDR-Pass. Der erzählte mir, was im normalen Leben abgeht, dass die Leute andere Sorgen haben als ein elitärer Sportler. Ich gewann Vertrauen, sprach mit ihm über Politik. Ich fragte mich: Was hält mich hier noch? Ich hatte Probleme in meiner Ehe, sollte als Sportmediziner beim Dopen mithelfen, wollte aber nicht. Er sagte: Ich haue ab – über Jugoslawien nach Österreich . Ich gab ihm meine Papiere mit. Damit er sie mir geben kann, wenn ich einmal im Westen ankomme.

Frage: 1988 kam die Gelegenheit: Sie betreuten die DDR-Skipringer in Hinterzarten.

Aschenbach: Mein Glück war, dass die Skimannschaft damals schlecht sprang und alle Betreuer ausgetauscht wurden. Ich rückte als Arzt nach und arbeitete mit jungen Springern wie Reinhard Heß und Jens Weißflog . In Hinterzarten schüttelte ich die Stasi-Bewacher ab. Und war frei.

Leserkommentare
  1. "Ich hatte gesagt: Alle DDR-Sportler waren Teil des Maßnahmenplans zum Einsatz unterstützender Mittel. Rüber kam aber: Alle sind gedopt."

    Weil die Aussagen gleichbedeutend sind, Sherlock...

    3 Leserempfehlungen
  2. ...hinterließ Menschen, die seine neue Freiheit bezahlen durften. Mit Vorladungen durch die Stasi. Mit erzwungenen Unterschriften, die dann noch weit nach der Wende zum Fallstrick wurden.

    Ich kann in keinem dieser Flüchtlinge einen Helden erkennen, sondern eher Feiglinge.

    Der sportliche Aspekt ist in diesem Fall für mich Nebensache.

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    So sehe ich das.

    Kein normaler Mensch verlässt mal eben seinen Partner und seine Kinder.

    Ich kann die Geschichte von Aschenbach nachvollziehen und ich beneide ihn nicht um die extremen Entscheidungen, die er treffen musste.
    Das die ein Leben lang nachwirken, ist wohl klar.

    Eine Frage an Hans-Georg Aschenbach: Sind Sie mal nach Miami gereist?

    • xpeten
    • 08. November 2012 12:54 Uhr

    Sie müssen entweder zu denen gehören, die vom Folter- und Bespitzelungssystem der DDR-Diktatur profitiert haben,

    oder zu denen, die selbst den Mut für eine Flucht nicht aufgebracht haben,

    sonst würden Sie hier nicht Menschen, die für ihre Freiheit das Leben auf´s Spiel gesetzt haben, in dieser Form beleidigen.

    • WolfHai
    • 08. November 2012 10:57 Uhr

    Wer sich einer solchen totalen Kontrolle des eigenen Lebens und der eigenen Seele sowie der damit zusammenhängenden Erniedrigungen, Demütigungen und Entmenschlichungen entzieht und abhaut: der hat mein Verständnis.

    Da das Regime der DDR mit Sippenhaft gearbeitet hat, kommt es natürlich zu ethischen Dilemmata. Als Außenstehender maße ich mir nicht an, hier ein Urteil zu fällen. Ich bin jedenfalls froh, dass es vorbei ist.

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    • NoG
    • 08. November 2012 12:24 Uhr

    passt das zu aschenbach?
    wer das ddr-system kennt, wuerde dies verneinen.
    im prinzip ist er ein normaler wirtschaftsfluechtling der dort hin ist wo ihm eine berufliche perspektive oder ueberhaupt moeglichkeiten offen standen - hat mein vollstes verstaendnis, aber fuer heroische geschichten taugt er nunmal nicht.

    http://de.wikipedia.org/w...

    Jene, die hier Verständnis äußern oder ganz diplomatisch vorgeben, sich kein Urteil anmaßen wollen über die Flucht des Herrn Aschenbachs scheinen ihr Bild über die DDR auch weitestgehend aus den Medien übernommen zu haben und diesen Staat auf das geschehene Unrecht zu reduzieren. Die DDR war nicht das Dritte Reich trotz aller Schikanen. Statt dieses System zu ändern, haben wir es uns alle leicht gemacht und sind abgehauen. Wo jetzt hier die Glanzleistung des Herrn Aschenbachs liegen soll, sehe ich nicht.

  3. So sehe ich das.

    Kein normaler Mensch verlässt mal eben seinen Partner und seine Kinder.

    Ich kann die Geschichte von Aschenbach nachvollziehen und ich beneide ihn nicht um die extremen Entscheidungen, die er treffen musste.
    Das die ein Leben lang nachwirken, ist wohl klar.

    Eine Frage an Hans-Georg Aschenbach: Sind Sie mal nach Miami gereist?

    11 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Jeder Flüchtling..."
  4. Dass Aschenbach vor allem in Suhl beschimpft wurde, kann ich nachvollziehen. Nicht umsonst erzielt die Linke dort bei dem hohen Anteil an Altgenossen hervorragende Wahlergebnisse. Ich kann Aschenbach verstehen und hätte wahrscheinlich auch so gehandelt. Bei der Kritik an seinem Verhalten habe ich immer den Eindruck, hier sollte die DDR schön geredet werden.

    5 Leserempfehlungen
  5. Jeder DDR Flüchtling weiß was passiert wenn er "rüber macht".
    Diese Entscheidung war Egoistisch, nur wie es ihm ging war wichtig. Die Stasi war nicht zimperlich, vorallem bei einem "Verhör" wurden Methoden gebraucht die heute in Denn Haag verhandelt werden würden.
    In der JVA Bautzen wurde bis zur Wende gefoltert.
    Selbst Kinder wurden als "staatsfeindliche Elemente" behandelt, und in sog. "Jugendwerkhöfen" seelisch gebrochen.
    Das Frauengefängnis Hoheneck war einzig und allein für Frauen von Flüchtlingen, dort spürten sie die ganze Härte der Stasi.

    Natürlich stand das nicht in den Zeitungen, aber das wusste man, und Herr Aschenbach wusste es auch.

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    Diese Entscheidung war Egoistisch, nur wie es ihm ging war wichtig. Die Stasi war nicht zimperlich, vorallem bei einem "Verhör" wurden Methoden gebraucht die heute in Denn Haag verhandelt werden würden.
    In der JVA Bautzen wurde bis zur Wende gefoltert.

    Für jeden Aussenstehenden, der nicht selbst in ähnlicher Situation war und nachvollziehen kann, wann eine Entscheidung so reduziert zu fällen ist, dass sie nur eine egoistische sein kann, ist Ihre Draufsicht die gleiche. Und aus Dieser haben Sie natürlich recht.
    Doch hat sich Herr Aschenbach m.M.n. offensichtlich im Nachhinein tiefgreifend damit auseinander gesetzt, um es selbst zu verstehen und dafür gerade zu stehen. Seine klare Aussage deutet darauf hin:
    Darauf zu antworten, ist ganz schwierig. Als Vater verachte ich mich für das, was ich getan habe. Als Partner nicht.
    Einer so kurzen, direkten Antwort liegt gewiss eine tiefe Analyse zu Grunde.

    Denke, seine Haltung ist nicht nur zu tollerieren, sondern achtungsvoll zu respektieren.

    Interessant finde ich auch, dass offensichtlich jeder Mensch, unabhängig von gesellschaftlicher Position und Status, im Leben auf tiefgreifend bis zwiespältige Entscheidungssituationen stößt.
    Auf diesem Hintergrund ist es umso trauriger, dass es Menschen dennoch schwer fällt, gegenseitiges Verständnis aufzubringen.

    Zeugt doch irgendwie davon, "datt wi allns sonn lüttn anner Marmel hebt".

    • WolfHai
    • 08. November 2012 14:58 Uhr

    "Wo bleibt die Verantwortung [Absatz] Jeder DDR Flüchtling weiß was passiert wenn er 'rüber macht'.
    Diese Entscheidung war Egoistisch, nur wie es ihm ging war wichtig. Die Stasi war nicht zimperlich, vorallem bei einem 'Verhör' wurden Methoden gebraucht die heute in Denn Haag verhandelt werden würden."

    Ich bin nicht so sicher, ob man es den Flüchtlingen zur Last legen sollte, wenn sich das unmenschliche DDR-System nach der Flucht zu unmenschlichen Verbrechen entschied. Vielleicht wäre es besser, auf die DDR wütend zu sein als auf einen Flüchtling.

    Diese Diskussion zeigt mir aber auch die Verlogenheit in Westdeutschland in dieser Zeit: die Verlogenheit der Presse, der politischen Mitte und Linken sowie der evangelischen Kirche.

    Ich war damals Jugendlicher in der evangelischen Kirche. Dort diskutierten wir, ob Sozialismus nicht doch auch christlich sein könnte, und derartige Fragen, und wir wurden angehalten, für die arme DDR Wohlwollen aufzubringen. Folter in der DDR wurde nicht ein einziges Mal erwähnt (im Gegensatz zu den ausgiebig diskutierten Verbrechen des Dritten Reiches). Das war wohl politisch nicht opportun. Nachträglich habe ich für dieses Verhalten der Kirche sowie anderer offizieller Stellen nur die vollste Verachtung. Springer und seine in diesen Kreisen gehassten Publikationen, haben in diesem Punkt - leider - Recht gehabt.

    • NoG
    • 08. November 2012 12:24 Uhr

    passt das zu aschenbach?
    wer das ddr-system kennt, wuerde dies verneinen.
    im prinzip ist er ein normaler wirtschaftsfluechtling der dort hin ist wo ihm eine berufliche perspektive oder ueberhaupt moeglichkeiten offen standen - hat mein vollstes verstaendnis, aber fuer heroische geschichten taugt er nunmal nicht.

    http://de.wikipedia.org/w...

    2 Leserempfehlungen
    • Riesaer
    • 08. November 2012 12:52 Uhr

    Reinhard Heß ist 2007 verstorben. Folglich kann er sich gar nicht mehr äußern. Was ist denn das für ein Fauxpas?

    Und junger Springer neben Weißflog war er natürlich auch nicht. Ich vermute mal, gemeint ist Jochen Danneberg oder Trainer Joachim Winterlich. Da Weißflog in der DDR ziemlicher Alleinunterhalter war, fällt mir kein passender Spitzenspringer jener Zeit mehr ein.

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