Wolfgang Bosbach : "Oder sollen sich die Fußballfans entkleiden?"

Wolfgang Bosbach bezweifelt, dass Fußballvereine Ganzkörperkontrollen bei Fans durchführen dürfen. Der CDU-Innenexperte möchte stattdessen moderne Videotechnik einführen.
Wolfgang Bosbach (links) im Gespräch mit Innenminister Friedrich © Hannibal Hanschke, DPA

ZEIT ONLINE: Herr Bosbach , spielen Sie Fußball?

Bosbach: Früher war ich selbst aktiv, allerdings waren meinen fußballerischen Talenten enge Grenzen gesetzt. Ich habe in den Sechzigern noch Hans Schäfer beim 1. FC Köln spielen gesehen, seitdem schlägt mein Herz für die Geißböcke. Ich bin ein echtes Kind der Bundesliga.

ZEIT ONLINE:Köln ? Dann haben Sie es heute nicht leicht.

Bosbach:Nick Hornby hat wohl Recht: Nicht der Fan sucht sich seinen Verein aus, sondern der Verein den Fan. Als FC-Anhänger weiß ich seit Jahrzehnten, was ein Wechselbad der Gefühle ist und schon oft habe ich mich nach dem Schlusspfiff gefragt: Wie oft willst Du Dir das noch antun? Und beim nächsten Spiel war ich dann wieder auf der Tribüne und hab' die Vereinshymne nach Leibeskräften mitgesungen.

Wolfgang Bosbach

1952 Wolfgang Bosbach kommt in Bergisch Gladbach zur Welt

1972 Eintritt in die CDU

1980 bis 1988 Abitur auf dem zweiten Bildungsweg, dann Jurastudium in Köln

1994 Einzug in den Bundestag als direkt gewählter Abgeordneter für den Rheinisch-Bergischen Kreis

2003 bis 2005 stellvertretender Vorsitzender der CDU Nordrhein-Westfalen

2000 bis 2009 stellvertretender Vorsitzender der CDU-Bundestagsfraktion

2005 Nach dem Wahlsieg der Union gilt Bosbach als kommender Innenminister oder Fraktionsvorsitzender, bekommt jedoch keinen der Posten angeboten

Seit 2009 Vorsitzender des Innenausschusses

ZEIT ONLINE: Fußballinteressierte führen wieder eine Gewaltdebatte. Wie ist Ihre Position?

Bosbach: Ich bin sowohl gegen eine Bagatellisierung der Probleme als auch gegen eine Dramatisierung. Richtig ist, dass wir vor allem in der vorigen Saison wieder eine besorgniserregende Entwicklung hatten, allerdings nicht nur im Profi-Bereich. Ähnliche Probleme gibt es auch bei den Amateuren. Richtig ist aber auch, dass nur ein wirklich kleiner Teil sogenannter Fans gewaltbereit oder gewaltgeneigt ist. Daher sollte man den Dialog mit den Fans offen und ehrlich führen.

ZEIT ONLINE: Statistiken belegen nicht eindeutig, dass Gewalt in der Bundesliga zugenommen hat.

Bosbach: Ja, zwar sind die Zahlen von Straftaten, Festnahmen nicht von Jahr zu Jahr sprunghaft gestiegen, aber in der Saison 2011/2012 hatten wir eine sehr negative Entwicklung, die wir mit Sorge betrachten. Sicher, Gewalt im Fußball gibt es nicht erst seit wenigen Jahren, aber die Belastung für die Polizei nimmt kontinuierlich zu. Die Öffentlichkeit reagiert sehr sensibel auf Gewalt im Fußball.

ZEIT ONLINE: Die Polizeieinsätze rund um den deutschen Profifußball kosten viel Steuergeld. Sollten die Vereine dafür zahlen?

Bosbach: Die Gewährleistung der Sicherheit außerhalb der Stadien ist eine öffentliche Aufgabe. Wie auch bei anderen Großveranstaltungen, bei denen die Polizei zur Gefahrenabwehr oder Strafverfolgung tätig werden muss. Bei der Einlasskontrolle und in den Stadien selber tragen die Vereine nicht nur die Verantwortung, sondern auch die dabei entstehenden Kosten. Die oft geforderte Kostenbeteiligung der Vereine ist rechtlich nur unter ganz, ganz engen Voraussetzungen möglich. Und wir wollen doch wohl kein Sondergebührenrecht für Polizeieinsätze nur bei Fußballspielen schaffen. Hier muss gelten: Gleiches Recht für alle!

ZEIT ONLINE: Wenn in einer Kneipe immer wieder Schlägereien gemeldet werden und die Polizei eingreifen muss, würde man dem Wirt irgendwann die Konzession entziehen.

Bosbach: Noch einmal: Die Vereine tragen ohnehin die Sicherheitskosten im Stadion und beim Stadioneingang, aber die Sicherheit im öffentlichen Raum ist Sache des Staates, nicht der Vereine. Dies gilt auch für die Kostenlast. Anders wäre die Lage, wenn die Vereine ihre Sicherheitspflichten nicht mehr wahrnehmen könnten und Polizeieinsätze notwendig würden. Dann würde sich auch die Kostenfrage stellen. Außerdem sollten wir bei dieser Debatte nicht den Eindruck erwecken, als würden Fußballspiele auf Kosten der Steuerzahler ausgetragen. Die Vereine sind große Wirtschaftsunternehmen und zahlen wesentlich mehr Steuern, als sie Kosten durch Polizeieinsätze verursachen. Dessen ungeachtet ist es wichtig, dass sich die Vereine stärker an den Kosten der Fan-Arbeit beteiligen. Genau das ist auch zwischen den Beteiligten verabredet worden.

ZEIT ONLINE: Befürworten Sie höhere Sicherheitsstandards, etwa Ganzkörperkontrollen? 

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Kommentare

14 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Ich fand

das Interview überraschend differenziert. Allein schon die Unterscheidung zw. Ultras und Hools. Was die Pyrotechnik betrifft, bin ich anderer Meinung und habe dabei immer das Bild von Kaiserslautern in ihrer letzten Meistersaison vor den Augen. Man könnte dafür eine Genehmigung ausstellen und nur in bestimmten Bereichen zulassen.
Was die Nacktkontrolle in München betrifft, so ist das nicht ganz korrekt. Niemand musste sich nackig machen, sondern die Jacke ausziehen (in der Regel trägt man etwas darunter) und die Tasche kontrollieren lassen. Dabei wurden im Übrigen auch Waffen gefunden (Messer, Schlagstöcke).
Bosbach hat recht. Ein sehr kleiner Teil von Menschen begehen regelmäßig Gewalttaten. Das kann man weder leugnen noch überbewerten.
Was ich wirklich großartig in der Argumentation fand:"Außerdem sollten wir bei dieser Debatte nicht den Eindruck erwecken, als würden Fußballspiele auf Kosten der Steuerzahler ausgetragen. Die Vereine sind große Wirtschaftsunternehmen und zahlen wesentlich mehr Steuern, als sie Kosten durch Polizeieinsätze verursachen." Damit wird ein Argument von vielen Fußballkritikern komplett entkräftet. Ich hätte es wirklich von Bosbach nicht erwartet.

Natürlich zahlen wir alle Steuern,

Sie haben doch den Abschnitt gelesen, was Bosbach sagt. Viele Kritiker regen sich auf: Wir Steuerzahler müssen hier für Polizeieinsätze zahlen und dabei hassen wir diesen Sport.

Mit dem Argument, dass die Einnahmen dieser modernen Wirtschaftsunternehmen hoch sind und entsrpechende staatliche Abgaben erfolgen (eben die Steuern), welche um einiges höher sind, als die staatlichen Ausgaben für Polizeieinsätze wird eben dieses Kritikerargument entkräftet. Die staatlichen Einnahmen durch den Fußball sind deutlich höher als die Ausgaben und somit profitiert sogar der fußballhaßende Steuerzahler von dem Sport, dem er soviel Abneigung entgegenbringt. Hoffe es ist nun plausibel.

@5 das ist kein Argument

es ist zuerst einmal egal ob die Vereine 10 mal so viele Steuern zahlen, wie die Polizei-Einsätze kosten oder nichtmal 10 % davon...
zuallererst beschränken sich die Polizei-Einsätze in mehr als 90 % der Fälle auf den Bereich außerhalb des Stadions - ergo öffentlicher Raum

erst wenn dieses Verhältnis sich ändert, kann man über andere Punkte sprechen & ggf über Kosten hinweg sehen z.b. aufgrund des Steueraufkommens oder eine event. einseitige Belastung finanzschwacher Vereine...

ansonsten hab ich langsam die Hysterie satt - ob das nun Fussball ist oder bei anderen Themen... mir ist schon klar, dass man Informationen viel schneller als früher transportieren kann & entsprechend auch viel mehr Informationen als früher, das ist auch nichts Schlechtes sofern daraus nicht gleich eine völlig neue Dimension / Weltuntergang fabriziert wird

Steuern

Natürlich ist es selbstverständlich, dass Fußballvereine Steuern zahlen. Ebenso wie die allermeisten Stadionbesucher auch. Und eben genau daraus leitet sich auch ein Anspruch auf Sicherheit vor dem Stadion ab, der durch die Polizei gewährleistet wird, so wie bei Demonstrationen und anderen Großveranstaltungen wie dem Oktoberfest. Oder wollen Sie dort das Geld für die Einsätze separat von den Wirten und Gästen holen, obwohl diese auch schon Steuern zahlen?
Denn wenn man Ihre Argumentation weiter denkt, dann sollten doch auch bitte nur Menschen mit Kindern für Tagesstätten zahlen. Oder Studenten für Universitäten, etc. Denn finanziert werden diese von der Allgemeinheit, ob man sie nutzt oder nicht. Das ist der grundlegende Solidargedanke unserer Gesellschaft.
Es ist wichtig, dass auch mal von einem Politiker betont wird, dass Fußballvereine deutlich mehr Steuern zahlen, als sie Kosten verursachen. Das kann nicht jeder Steuerzahler von sich behaupten. Und angesichts immer neuer Zuschauerrekorde in den Stadien und hoher Einschaltquoten interessiert es offensichtlich auch einen sehr großen Teil der Gesellschaft.
Alles andere ist Populismus.