FußballDer brasilianische Fußballboom

Lange verkümmerte die brasilianische Liga. Mit dem Wirtschaftsaufschwung kommen die Stars aus Europa zurück. Viele gehen gar nicht erst. von Constantin Wissmann

Clarence Seedorf bei seiner Vorstellung bei Botafogo im Juli

Clarence Seedorf bei seiner Vorstellung bei Botafogo im Juli  |  © Ricardo Moraes/Reuters

Wenn Fußballprofis vor dem Anpfiff den Platz betreten, haben sie fast immer und überall auf der Welt ein Kind an der Hand. Nur in Rio de Janeiro, bei den Spielen von Botafogo, funktioniert dieses Ritual seit dem vergangenen Sommer nicht mehr. Hier müssen bei Heimspielen 21 Spieler allein auf das Spielfeld marschieren, weil alle 22 Kinder neben einem Mann herlaufen: Clarence Seedorf.

Seedorfs erste Saison bei Botafogo geht in diesen Wochen ihrem Ende entgegen, und es wirkt immer noch so, als könnten es die Brasilianer kaum fassen, dass er in ihrem Land kickt. Seedorf ist 36 Jahre alt und man kann nicht sagen, dass die europäischen Topclubs sich um den Niederländer gerissen hätten, als sein Vertrag beim AC Mailand vor einem halben Jahr auslief. Dennoch: Seedorf ist eines der globalen Gesichter des Sports, ist sogar der einzige Spieler, der mit drei verschiedenen Vereinen die Champions League gewinnen konnte. Aber vor allem ist er Europäer. Dass Brasilianer in Europa Fußball spielen, ist seit Jahrzehnten normal. Ein Europäer bei einem brasilianischen Verein aber ist eine Sensation.

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Seedorf sagte nicht viel, nachdem er bei seiner Vorstellung mit dem Hubschrauber ins Stadion geflogen wurde: "Jetzt bin ich hier. Lasst uns beginnen." Doch viele brasilianische Sportkommentatoren nahmen ihn beim Wort. Sie sehen in Seedorfs Transfer nach Rio de Janeiro den Beginn einer neuen Zeitrechnung für den Campeonato Brasileiro, die brasilianische Fußball-Liga. Wenn in diesen Tagen Fluminense, ein anderer Traditionsverein aus Rio de Janeiro, den Titel holen wird, werden viele von dem stärksten Brasileiro der Geschichte sprechen.

Wendepunkt der brasilianischen Liga

Eigentlich galt in Brasilien immer: Nationalmannschaft gleich große Kunst, Nationalliga gleich großer Mist. Die Liga hat auch keine wirkliche Tradition. Fußball entwickelte sich vielmehr in den Ligen der einzelnen Bundesstaaten, insgesamt 27. Eine gemeinsame Liga war 1971 eine Kopfgeburt des damaligen Militärregimes, um die Einigung des Landes voranzutreiben. Wie so vieles in Brasilien wurde die Liga aber bald das Opfer dieser eigenwilligen Mischung aus überbordender Bürokratie und grenzenlosem Chaos.

Viele einflussreiche Funktionäre wollten möglichst viele Vereine möglichst lange oben halten, was zu abenteuerlichen Auswüchsen führte. Bereits 1979 bestand die Liga aus 98 Vereinen. Bis 2001 wurde jedes Jahr das Format geändert. 1974 qualifizierten sich die Vereine für die Liga, die am meisten Eintrittskarten verkauften. 1985 waren die Regeln so verdreht, dass der FC Coritiba mit negativer Tordifferenz Meister werden konnte.

Kein Wunder, dass selbst die leidgeprüften Fans sich das irgendwann nicht mehr anschauen wollten. In der Saison 2000/2001 kamen im Schnitt nur 11.000 Zuschauer zu den Spielen des Campeonato Brasileiro. Und die Spieler nahmen das erste Flugzeug nach Europa, das sie kriegen konnten. Sponsoren ließen sich da nur schwer finden.

2003 wurde das europäische Ligasystem mit Hin- und Rückspielen eingeführt. Für brasilianische Fans zunächst ein Unding. Eine Meisterschaft ohne Finale – so etwas können sich nur emotionslose Europäer ausdenken. Doch das Jahr markiert den Wendepunkt der brasilianischen Liga. An der Spitze der Vereine wird seriöser gearbeitet. Es gibt mehr Geld.

Laut einer Studie der brasilianischen Beraterfirma BDO RCS ist das Einkommen der zwölf größten brasilianischen Clubs zwischen 2003 und 2010 um 199 Prozent gestiegen. Insgesamt generiert die Liga aus Fernsehgeldern, Ticketverkäufen und Merchandising mittlerweile 393 Millionen Euro und liegt damit weltweit auf dem 6. Rang, hinter den Ligen aus England, Deutschland, Spanien, Italien und Frankreich. Noch sind die Premier League und die Bundesliga mit knapp 3 beziehungsweise 1,6 Milliarden Euro weit entfernt. Doch Brasilien holt auf, auch weil der Markt in Europa, Deutschland einmal ausgenommen, stagniert. "Der brasilianische Markt beginnt gerade erst zu wachsen", sagt Amir Somoggi, einer der Autoren der Studie. Ihr wahres Potenzial würden die Clubs erst jetzt entdecken.

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