Noch vor der Pause haben die Hannoveraner Glück. Der Schiedsrichter entscheidet Handelfmeter. Direkt vor dem Familienblock läuft ein Roter an. 1:1 zur Pause. Dennoch Unzufriedenheit im Kinderblock. Romys Mutter sagt, im Fernsehen sehe der Fußball immer schneller aus, als er wirklich ist.

Familien-Bereiche gibt es inzwischen in jedem Bundesliga-Stadion. In Wolfsburg in der Wölfi-Kurve haben sie in die Arena gar einen kleinen Spielplatz gebaut . Der Frauenanteil der Stadionbesucher soll in den vergangenen Jahren stetig gewachsen sein, bei etwa 30 Prozent liegen. Wie viele Kinder jedes Wochenende unter den etwa durchschnittlich 45.000 Fans in einem Stadion sind, hat noch keiner gezählt. Laut meiner nicht repräsentativen Schätzung sind es in Hannover viele. Väter macht es stolz, was ihre Kinder anstellen – wenn es im Fußballstadion passiert noch mehr.

In der zweiten Halbzeit ist der Torwart der Roten ganz nah, 30 bis 40 Meter. Noch dichter dran stehen Luca, 7, und Torben, 8. Die beiden halten sich ganz vorne am Zaun fest, in den Händen ein aus acht A3-Zetteln zusammengeklebtes Plakat. Auf roten Hintergrund haben sie "Ron-Robert, Du bist mein Idol. Bitte gib mir Dein Trikot" geschrieben.

Sie rufen "Ro-o-n-Ro-o-be-ert-Zi-ie-ie-ler", "Ro-o-n-Ro-o-be-ert-Zi-ie-ie-ler", "Ro-o-n-Ro-o-be-ert-Zi-ie-ie-ler". Minutenlang. Ron-Robert guckt nicht, in der 55. Minute schießt ihm ein Weißer das 2:1 ins Tor.

Es läuft nicht gut für die Roten. Dann ist der heiße Kakao am Stadionimbiss alle. Enna trinkt Kamillentee mit Zucker und läuft die Stufen am Ende der Sitzreihen hoch und runter.

Die Kinder im Kinderblock akzeptieren die Niederlage. Ein Erwachsener nicht. Er zündet einen Böller und wirft ihn in den Fanblock der Weißen. Es rumst wie im Krieg. Enna zuckt zusammen. Es ist die einzige Sekunde an diesem Nachmittag, in der ich kein gutes Gefühl habe. Aber die Fans der Weißen nehmen keine Rache.

Von einer "riesengroßen Enttäuschung" spricht der Trainer der Roten, Mirko Slomka , nach dem Abpfiff. 2:1 geht gar nicht , so Romy. Christian Streich, der Trainer der Weißen, sagt, er sei "stolz auf seine Jungs".

Luca und Torben stehen noch lange am Spielfeldrand. Beide spielen selbst Fußball. Sie zeigen ihre zusammengeklebten acht A3-Zettel. Aber Ron-Robert sieht nichts. Keiner der Roten kommt zum Block S.

Auf dem Rückweg zur U-Bahn verkauft eine Frau alte Schals der Roten für zwei Euro. Dosenbier ist günstiger. Ein paar Männer singen "Scheeeiß-eegaal, Scheeeiß-eegaal, Scheeeiß-eegaal". Enna lässt den Kopf hängen. Wir gehen wieder an der Robert-Enke-Straße vorbei. Ich trage meine Tochter auf Huckepack. Sie legt ihr Gesicht auf meine Pudelmütze und umarmt mich. Dann sagt sie: "Papa, macht doch gar nichts, dass die Roten verloren haben."