Kinder im Fußballstadion: Böller, Kakao, Dosenbier
Mit einer Vierjährigen ins Stadion, wo sich Ultras herumtreiben und Böller krachend explodieren? Steffen Dobbert hat es beim Spiel Hannover-Freiburg versucht.
© Steffen Dobbert

Spannung im Kinderblock von Hannover 96
Ennas Mutter hatte gesagt: "Vier Jahre alte Mädchen werden da zerdrückt!" Ein Stadionbesuch im November sei kein Zuckerschlecken. Aber Enna wollte. Ich auch. Also sind wir losgefahren.
U-Bahn, ICE, U-Bahn, Arena. Hannover 96 gegen den SC Freiburg, das klingt nicht nach Spitzenfußball. Wollten wir auch nicht. Enna kam in Hamburg auf die Welt, hat Verwandtschaft nahe Rostock und ist in Berlin aufgewachsen. Da erlebt man viel, aber keine Champions League.
Ein normales Bundesligaspiel sollte es sein. Ein kleiner Test: Geht es überhaupt – mit einem Menschen, der nur nach gesungenem LaLeLu einschläft? In einem dieser Stadien, in denen sich Ultras herumtreiben? Viele von denen spielen mit Feuer – wenn man glaubt, was viele Innenminister sagen und einige Medien schreiben.
Ennas Lieblingsfarbe ist rot. Ich mochte Freiburgs Konzept schon in den Neunzigern und Christian Streichs Weitsicht. Wir sind uns uneinig. Enna malt Blumen und Zauberponys. Funkstille im ICE.

Erst vor dem Stadion auf der Robert-Enke-Straße staunen wir zusammen. Acht grün-schwarz-weiß gestreifte Häkel-Mützen wackeln in ein Meter fünfzig an uns vorbei. Acht Jungs zwischen fünf und sieben. Alle acht mit Hannover-Schal. Alle Fans der Roten. Sie feiern Geburtstag. Und wir rennen natürlich hinterher. Block S, Familien-Block, wo ein Vater-Sohn/Mutter-Tochter-Ticket 29 Euro kostet und wo keiner raucht.
Enna setzt sich neben Romy, die schon fünf ist und mit ihrer noch älteren Schwester da ist. Romy ist auch für die Roten, weil ihre Eltern für die sind, und weil Romy aus Hannover kommt. Ich sage, schaut aufs Spielfeld, die Weißen kombinieren besser. Zwei Reihen über uns gibt es erste Tumulte. Der Papa holt Bier, und die Mama kann nicht schlüssig erklären, auf welches Tor die Roten denn jetzt spielen.
Als ich das erste Mal ein Fußballstadion betrat, war ich mindestens doppelt so alt wie Enna. Einen Familienblock gab es in Rostock nicht. Aber ich erinnere mich an viele Männer, die besoffen wankten und Bananen und böse Worte aufs Feld schmissen.
In den Bundesligastadien kommt es mir heute viel friedlicher und toleranter vor. Die Affengeräusche sind verschwunden. Ich sehe nur noch wenige wanken. Aber die Innenminister wollen die Sicherheitskontrollen für alle Fußballfans extrem erhöhen. Laut einer aktuellen Statistik hat die Polizei in der vergangenen Saison 8.143 Strafverfahren gegen gewalttätige Fans eingeleitet. Das soll Rekord und viel mehr als in den zwölf Jahren davor sein.
Dann die 12. Spielminute. Die Weißen spielen die Roten im Strafraum schwindelig. Freiburg schießt das 1:0. Völlig verdient. Die Roten liegen zurück, sage ich zu Enna und Romy. Enna schaut weg.
Nach einer Weile fragt sie, wieso dieser Fußballplatz AWD-Arena heißt. Ich hab ihr neulich erklärt, wo Kiew liegt, aber Finanzdienstleister, dieser, ich versuch's gar nicht erst.






Nicht im Grünwalder Stadion, nicht im Olympiastadion, nicht in der Allianzarena, nicht in Unterhaching, nicht im Gottlieb-Daimler-Stadion, nicht im Dreisamstadion, nicht im Nürnberger Frankenstadion, nicht im Rudolf-Harbig-Stadion und auch nicht in der Glücksgasarena zu Dresden.
Stehe ich alleine da? Die Fans von Borussia Dortmund haben die Seite "ich-fuehl-mich-sicher.de" gelaunched. Darauf schreiben Sie:
"Wohl kein Volks- oder Straßenfest, kein Musikkonzert, kein Festival und keine andere Großveranstaltung in diesem Lande dürfte so sicher sein. Rund 17,6 Millionen Menschen haben in der Saison 2010/2011 die Spiele der ersten und zweiten Bundesliga besucht. Nach Statistiken der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) der Polizei wurden dabei 846 Personen verletzt, wobei die Statistik weder Verletzungsursache noch die Schwere explizit ausweist."
Sie schreiben aber auch, dass Gewalt sicherlich existiere, aber sich vorwiegend außerhalb der Stadien abspiele. Aber "das Münchner Oktoberfest kam im vergangenen Jahr bei rund sieben Millionen Besuchern auf immerhin 10.322 Verletzte."
Ich habe mal auf verschiedenen Internetseiten Leute befragt, ob sie denn Gewalt im Stadion schon erlebt hätten. Mir konnte eine einzige Person die Frage mit "Ja" beantworten.
Mir drängt sich der Eindruck auf, dass es im Stadion und beim Fussball allgemein sehr hemdsärmelig zu geht, aber dass dies aus irgendeinem Grund bedrohlich wahrgenommen wird. Woran das liegt, weiß ich nicht.
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