Es ist eine der spannendsten Fragen dieser Saison: Wie schlägt sich Borussia Dortmund international? In der Bundesliga dominierte der Deutsche Meister die vergangenen beiden Spielzeiten, doch in Europa schied er jeweils in der Vorrunde aus – und erntete ein paar Sticheleien aus München und die Häme einiger Fans.

Nach den starken Leistungen in der Bundesliga war es nur eine Frage der Zeit, bis das Team von Jürgen Klopp auch in der Champions League siegt. Dass es die schwierige Gruppe mit den Meistern aus Spanien , England und Holland aber schon am vorletzten Spieltag als Gruppensieger abschließt , übertrifft selbst die Hoffnungen der Optimisten.

Dortmund hat nicht nur die nötigen Punkte geholt, sondern auch stilistisch geglänzt. Zwei Beispiele: Der Führungstreffer in Manchester , bei dem Marco Reus wie ein Pfeil in den Strafraum schoss, belegt, wie automatisiert der BVB das rasante Umschalten beherrscht. Der Konter zum 1:0 in Amsterdam , vorgetragen über mehrere Stationen und vollendet durch Reus, sah so leicht aus und war doch große Fußballkunst.

Grundlage des BVB bleibt aber seine Defensive: Die Mannschaft verteidigt als straff organisierte Einheit, läuft mehr als die Konkurrenz ( in Amsterdam über 127 Kilometer , ein Spitzenwert), kann mittlerweile auch großen europäischen Gegnern durch ihr Pressing zusetzen. Zum Beispiel verbaute Mario Götze dem Welt- und Europameister Xabi Alonso die Passwege.

Die Taktik passt Klopp radikal der Champions League an, die Statistik rückt Dortmund in die Nähe der Außenseiter Cluj und Glasgow , das macht sonst keiner der Gruppensieger. Die Elf besitzt deutlich weniger den Ball als in der Bundesliga (39 Prozent im Schnitt gegenüber 55 Prozent) und legt noch mehr Wert auf steileres, härteres, riskanteres Passen. Darunter leidet zwar die Genauigkeit, denn nur 63 Prozent der Pässe kommen an (zum Vergleich: Amsterdam 75, Bayern 78, Barcelona 87). Aber nicht die Torgefahr, denn die Borussen spielen schneller, der Weg zum gegnerischen Tor ist für sie kürzer als für andere. Als kennten sie eine Abkürzung.

Nun nennen Alex Ferguson und José Mourinho Dortmund als Mitfavoriten auf den Titel. Doch sollte das Expertenlob den Blick der Dortmunder Verantwortlichen nicht verklären. Noch ist nicht viel erreicht, und in der K.o.-Runde kann eine schlechte Halbzeit zum Ausscheiden gereichen. Denn was in der Vorrunde auch zu sehen war: Der Mannschaft fehlt ab und an die Stabilität, sie kann stark unter Druck geraten. Im Hinspiel gegen Ajax und in Manchester verhinderte der Tormann Roman Weidenfeller mehrfach den Rückstand. In der zweiten Halbzeit in Madrid griff nur noch der Gegner an.

Das sind natürlich Feinheiten, Zeit zur Reifung muss man diesem Team ohnehin geben. Beim 4:1 in Amsterdam standen sieben junge Deutsche in der Startelf. In Dortmund wächst etwas heran, auf das sich deutsche Fußballfans noch lange freuen können. Vorausgesetzt, man kann den Trainer und die Spieler halten.

Nicht erst seit gestern stehen Mario Götze und andere auf den Wunschzetteln reicher englischer Klubs. Jedem ist klar, dass man dort mehr Geld verdienen kann als in Dortmund. Nicht mehr klar ist, dass man dort auch mehr Erfolg hat.