Champions LeagueDortmund kennt eine Abkürzung zum Tor

Der BVB ist gereift und hat seinen eigenen Stil radikalisiert: Wenig Ballbesitz, schnelle Pässe. Deswegen ist er ein Mitfavorit. von 

Die drei Dortmunder Torschützen von Amsterdam: Mario Götze, Marco Reus und Robert Lewandowski (von rechts nach links)

Die drei Dortmunder Torschützen von Amsterdam: Mario Götze, Marco Reus und Robert Lewandowski (von rechts nach links)  |  © Friedemann Vogel/Bongarts/Getty Images

Es ist eine der spannendsten Fragen dieser Saison: Wie schlägt sich Borussia Dortmund international? In der Bundesliga dominierte der Deutsche Meister die vergangenen beiden Spielzeiten, doch in Europa schied er jeweils in der Vorrunde aus – und erntete ein paar Sticheleien aus München und die Häme einiger Fans.

Nach den starken Leistungen in der Bundesliga war es nur eine Frage der Zeit, bis das Team von Jürgen Klopp auch in der Champions League siegt. Dass es die schwierige Gruppe mit den Meistern aus Spanien , England und Holland aber schon am vorletzten Spieltag als Gruppensieger abschließt , übertrifft selbst die Hoffnungen der Optimisten.

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Dortmund hat nicht nur die nötigen Punkte geholt, sondern auch stilistisch geglänzt. Zwei Beispiele: Der Führungstreffer in Manchester , bei dem Marco Reus wie ein Pfeil in den Strafraum schoss, belegt, wie automatisiert der BVB das rasante Umschalten beherrscht. Der Konter zum 1:0 in Amsterdam , vorgetragen über mehrere Stationen und vollendet durch Reus, sah so leicht aus und war doch große Fußballkunst.

Grundlage des BVB bleibt aber seine Defensive: Die Mannschaft verteidigt als straff organisierte Einheit, läuft mehr als die Konkurrenz ( in Amsterdam über 127 Kilometer , ein Spitzenwert), kann mittlerweile auch großen europäischen Gegnern durch ihr Pressing zusetzen. Zum Beispiel verbaute Mario Götze dem Welt- und Europameister Xabi Alonso die Passwege.

Die Taktik passt Klopp radikal der Champions League an, die Statistik rückt Dortmund in die Nähe der Außenseiter Cluj und Glasgow , das macht sonst keiner der Gruppensieger. Die Elf besitzt deutlich weniger den Ball als in der Bundesliga (39 Prozent im Schnitt gegenüber 55 Prozent) und legt noch mehr Wert auf steileres, härteres, riskanteres Passen. Darunter leidet zwar die Genauigkeit, denn nur 63 Prozent der Pässe kommen an (zum Vergleich: Amsterdam 75, Bayern 78, Barcelona 87). Aber nicht die Torgefahr, denn die Borussen spielen schneller, der Weg zum gegnerischen Tor ist für sie kürzer als für andere. Als kennten sie eine Abkürzung.

Nun nennen Alex Ferguson und José Mourinho Dortmund als Mitfavoriten auf den Titel. Doch sollte das Expertenlob den Blick der Dortmunder Verantwortlichen nicht verklären. Noch ist nicht viel erreicht, und in der K.o.-Runde kann eine schlechte Halbzeit zum Ausscheiden gereichen. Denn was in der Vorrunde auch zu sehen war: Der Mannschaft fehlt ab und an die Stabilität, sie kann stark unter Druck geraten. Im Hinspiel gegen Ajax und in Manchester verhinderte der Tormann Roman Weidenfeller mehrfach den Rückstand. In der zweiten Halbzeit in Madrid griff nur noch der Gegner an.

Das sind natürlich Feinheiten, Zeit zur Reifung muss man diesem Team ohnehin geben. Beim 4:1 in Amsterdam standen sieben junge Deutsche in der Startelf. In Dortmund wächst etwas heran, auf das sich deutsche Fußballfans noch lange freuen können. Vorausgesetzt, man kann den Trainer und die Spieler halten.

Nicht erst seit gestern stehen Mario Götze und andere auf den Wunschzetteln reicher englischer Klubs. Jedem ist klar, dass man dort mehr Geld verdienen kann als in Dortmund. Nicht mehr klar ist, dass man dort auch mehr Erfolg hat.

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Leserkommentare
    • bengel2
    • 22. November 2012 13:06 Uhr

    Die Defensivarbeit wird gerne mal übersehen, wenn es um die Erfolgsformel des BVB geht. Dabei ist sie seit Klopps Antritt in Dortmund vor viereinhalb Jahren die Basis aller System- und Taktik-Überlegungen. Läuft es trotzdem mal nicht richtig rund, wie an den ersten Bundesliga-Spieltagen dieser Saison, so liegt es meist daran, dass man diese Basis zwischenzeitlich wieder ein wenig vernachlässigt hat. Klopp justiert dann neu, und auch die Spieler korrigieren sich bereitwillig selbst, da sie wissen, dass Klopp und Buvac keine Folklore-Schwätzer sind.

    Dass man in der CL inzwischen nach Balleroberung extrem vertikal spielt - noch extremer als in den letzten beiden Jahren - ist tatsächlich sehr auffällig. Vielleicht ist dieses auch eine "automatische" Anpassung an eine leicht veränderte Aufstellung in der Offensive (Reus für Kagawa), da ein Spielertyp wie Reus noch stärker als der Japaner, dessen Stärken in anderen Bereichen lagen, den direkten Weg zum Tor sucht.

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  1. Aber:

    "Nicht mehr klar ist, dass man dort auch mehr Erfolg hat."

    Und das sollte der BVB beweisen. Wenn der Verein es schafft sich international zu etablieren, könnte er einen Reus, einen Götze und auch einen Lewandowski vielleicht noch zwei oder drei Jahren halten. Die Gehälter würden natürlich steigen, aber mit den Einnahmen aus den internationalen Wettberwerben dürfte es bis zu einem gewissen Punkt machbar sein.

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    • Hainuo
    • 22. November 2012 14:14 Uhr

    Der Junge hat einen Vertrag bis 2016, wie auch die meisten anderen Leistungsträger. Der BVB hat bewiesen, dass er nicht bereit ist, Spieler vorzeitig gehen zu lassen.

    Außerdem ist der BVB gerade dabei, den Spielern etwas zu liefern, dass andere Vereine nicht bieten können. Die Spieler, die sich für den BVB entscheiden und entschieden haben, können in Dortmund unsterblich werden, als die Gruppe in Erinnerung bleiben, die den BVB nicht nur aus dem Elend gerettet hat, sondern auch wieder dauerhaft oben etabliert hat. Und die Löhne werden bei solcher Konstanz auch schon noch angepasst werden.

    und wer weiß schon, ob die spanischen oder italienischen Fußballvereine in ein-zwei Jahren überhaupt noch zahlungsfähig sind?!?

  2. Oh je...

    Im Erfolgsfall ist alles richtig, und im Misserfolgsfall alles falsch. So ähnlich könnte man die meisten Fußballanalysen abhaken Oliver Fritsch macht da auch kaum eine Ausnahme.

    Zitat: Der Führungstreffer in Manchester, bei dem Marco Reus wie ein Pfeil in den Strafraum schoss, belegt, wie automatisiert der BVB das rasante Umschalten beherrscht.

    Was soll man zu solch einer Analyse sagen? City spielte einen eklatanten Fehlpass. Der Weg zum Tor war frei. Das hat nichts, aber auch gar nichts mit Umschaltspiel zu tun.

    Dann der Konter bei Ajax: Das war gut gespielt. Ja, natürlich, aber das war keine große Fußballkunst. Das war bread-and-butter. Sowas sieht man in jedem Bezirksligaspiel 10 mal... Der Abschluss war glücklich durch die Beine des Torhüters. Auch Lewandowskis Tor war sehr schön, aber extrem schwierig, und geht so oft rein wie ein Fallrückzieher von Mexes.
    Dennoch spielt Dortmund guten Fußball, ohne Frage. Die Basis ist da. Die Abstimmung in der Defensive stimmt, das Mittelfeld funktioniert. Aber man trifft im Normalfall nicht mit jedem Torschuss.
    Dortmund spielte in der letzten Saison auch schon nicht schlecht. Sie hatten nur weniger Glück. So einfach ist das manchmal halt auch, da muss man nicht nach absonderlichen Ursachen forschen.

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    Redaktion

    Zu Ihrem Beitrag wäre viel zu sagen. Ich möchte nur eins erwähnen: Ich habe im Vorjahr, als der BVB ausschied, nicht alles für falsch erklärt. Aber sowas lässt sich natürlich leicht unterstellen.

    http://www.zeit.de/sport/...

    Ach, doch noch eins: Ich sehe sehr viele Bezirksliga- und ähnliche Spiele. In diesem Punkt will ich mal vehement widersprechen.

    Und dann hätte ich noch eine Frage: Wenn im Fußball alles Glück und Zufall ist - worüber diskutieren wir dann hier? (das frage ich als Steuerungsskeptiker)

    "City spielte einen eklatanten Fehlpass. Der Weg zum Tor war frei. Das hat nichts, aber auch gar nichts mit Umschaltspiel zu tun."

    Aber warum spielte City einen solchen Fehlpass? Soll man das einfach nur für Zufall halten? Ich denke nicht. Denn sie wurden ja permanent unter Druck gehalten, Touré war ausgeschaltet, alle paar Minuten kam Dortmund zu gefährlichen Torschüssen. Die Jungs haben damit sozusagen das "Klima" geschaffen, in dem Fehler gut gedeihen. :-) Und sie hatten mit Reus den Mann, der sowas sofort bestraft, hellwach und eiskalt.

    "Dortmund spielte in der letzten Saison auch schon nicht schlecht. Sie hatten nur weniger Glück. So einfach ist das manchmal halt auch..."

    Klar sollte man Zufall, Glück nicht unterschätzen. Das ist gerade im Fußbal ein ganz wichtiger Faktor (anders als im Tennis z.B.). Aber wie geht mal mit diesem Faktor um? Versucht man, ihn möglichst klein zu halten durch Ballkontrolle, Kurzpässe, sicheren Spielaufbau? Wenn man so sehr auf Kontrolle bedacht ist, dann macht man sich sozusagen den Zufall, die Unordnung, das Gewusel zum Feind. Sie sind das, was man verhindern will. Aber das geht halt nicht im Fußball.
    Ein ganz anderer Ansatz wäre: Sich mit dem Zufall anfreunden, ihn sozusagen auf die eigene Seite ziehen, ihn ins eigene Spiel zu integrieren. Gerade Mannschaften, die auf sehr Kontrolle aus sind, geraten dadurch aus dem Konzept. Das haben, denke ich, die Spiele Bayern-BVB gezeigt; besonders das desaströse Pokalfinale.

    Ich kann 'Autopoietiker' nur zustimmen: der Faktor Glück bzw. Zufall wird in den meisten tiefschürfenden Analysen fast immer vergessen. So Spiele wie die Niederlage von Barcelona in Glasgow, oder der CL-Sieg von Chelsea sind einfach nur ungaublicher Dusel. Und so bitter es für den unterlegenen, aber besseren ist - genau diese unerwarteten Ausgänge machen den Reiz beim Fussball mit aus.

    Nichtsdestoweniger spielt Dortmund einen faszinierenden Fussball, der natürlich auch genau auf die vorhandenen Leute zugeschnitten ist; und so wie sie in den letzten beiden Jahren das nötige Glück in der BL hatten, in der CL dagegen gar nicht, scheint's in diesem Jahr anders herum zu sein.

    Aber: Kollege Zufall hätte gestern statt des 1:0 den Ball vom Schienbein des Torwarts abprallen lassen können, beim 2:0 genügt ein schiefer Schnürsenkel, dass der Ball an den Pfosten geht, und das 3:0 ist ein klarer Torwartfehler - der kann den Schuss fangen oder nach außen abklatschen, dann passiert gar nix. Alles Zentimeter-Sachen, die den Unterschied zwischen klarem Sieg und Unentschieden machen können - und eben oft genug NICHT rein gehen.

    Und schon müsste man hier wohl - wie gestern der FC Bayern - lesen, schwach gespielt zu haben. Denn so tiefgründig Herr Fritsch und die meisten seiner Kollegen auch gerne erscheinen wollen - am Ende ist die Analyse doch zu 90% vom Ergebnis beeinflusst.

  3. Redaktion

    Zu Ihrem Beitrag wäre viel zu sagen. Ich möchte nur eins erwähnen: Ich habe im Vorjahr, als der BVB ausschied, nicht alles für falsch erklärt. Aber sowas lässt sich natürlich leicht unterstellen.

    http://www.zeit.de/sport/...

    Ach, doch noch eins: Ich sehe sehr viele Bezirksliga- und ähnliche Spiele. In diesem Punkt will ich mal vehement widersprechen.

    Und dann hätte ich noch eine Frage: Wenn im Fußball alles Glück und Zufall ist - worüber diskutieren wir dann hier? (das frage ich als Steuerungsskeptiker)

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "etwas mehr Göück.."
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    Bei dem Tor von Reus gestern muss ich mich doch etwas korrigieren. Ich hatte nicht die gesamte Spielsituation vor Augen sondern nur den finalen Pass von Götze auf Reus. Der gesamte Angriff jedoch stützt ihre These aufs Vortrefflichste, und das sieht man in unteren Klassen doch eher selten. Von daher, mein Fehler!

    Zu ihrer Frage: Zufall ist im Fußball ein wichtiger Faktor, aber halt nicht der einzige Faktor. Wenn man Fußball mit einem Brettspiel vergleichen mag, dann ist Fußball kein Schach sondern Backgammon. Beim Backgammon kann man immer die richtigen Züge machen, und verliert dennoch, das kann auch )in abgemilderter Form) beim Fußball passieren. Es geht also bei einer fundierten Analyse auch darum, den stochastischen Einfluss rauszurechnen, und da bleibt noch eine ganze Menge an Taktik und Strategie, aber auch Psychologie übrig. So ist sicher eine der wichtigsten mentalen Erfolgsstratgien, dass man sich von (zufälligen) Misserfolgsumständen nicht beeinflussen lässt, sondern an den Dingen festhält die man beeinflussen kann, und von denen man überzeugt ist.
    Darin sehe ich übrigens einen wesentlichen Erfolgsfaktor des Systems Klopp.

  4. "Vorausgesetzt, man kann den Trainer und die Spieler halten."

    Nun ja, wenn es nur ums Geld ginge wären mindestens Reus, Hummels, Götze und Lewandowski schon lange weg bzw. wären nicht zum BVB gegangen. Außer Großkreutz dürfte schon so ziemlich jeder Akteur das eine oder andere Angebot erhalten haben.

    Ansonsten sehe ich im BVB keinen Titelfavoriten. Klar, die Mannschaft hat einen großen Entwicklungssprung gemacht, aber bis zum Finale ist es noch ein langer und beschwerlicher Weg. Und selbst wenn man es erreicht, das Finale zu gewinnen ist noch schwerer als der Weg dorthin.

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    Redaktion

    Wird Großkreutz nicht vom FC Liverpool umworben? Oder ist das eine Ente?

    Nur um das klar zu stellen: Ich würde es als großen Erfolg werten, wenn der BVB das Halbfinale erreicht (gilt freilich auch für Schalke und Bayern).

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  6. Redaktion

    Wird Großkreutz nicht vom FC Liverpool umworben? Oder ist das eine Ente?

    Nur um das klar zu stellen: Ich würde es als großen Erfolg werten, wenn der BVB das Halbfinale erreicht (gilt freilich auch für Schalke und Bayern).

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    war nur mit einem Augenzwinkern, weil dieser doch sozusagen ein BVB-Ultra ist ;-)

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Dortmund | Jürgen Klopp | Alex Ferguson | Bundesliga | Roman Weidenfeller | Champions League
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